Meinen Eltern und Großeltern
Inhalt
1. Einleitung 1
1.1 Begriffsklärung 3
1.2 Forschungsstand 8
2. Demographische Wandlungsprozesse - Verlängerung der gemeinsamen Lebenszeit 12
3. Bedeutung und Funktionen der Großeltern 18
3.1 Bedeutung 18
3.2 Funktionen 26
4. Die Gestaltung der Großeltern-Enkel-Beziehungen 32
4.1 Art und Häufigkeit der Kontakte 37
4.2 Wohnentfernung 39
4.3 Einfluss von Alter und Geschlecht 40
5. Die Enge der Großeltern-Enkel-Beziehungen 47
5.1 Beurteilung durch die heranwachsende Generation 54
5.2 Beurteilung durch die alte Generation 58
6. Zusammenfassung und Ausblick 62
Literatur 66
I
Übersichten, Grafiken und Tabellen
Übersichten
1 - Familiale und gesellschaftliche Generationen 4
2 - Studien zu Großeltern-Enkel-Beziehungen 9
Grafik
1 - Mütter nach Geburtsjahrgang und Kinderzahl, Deutschland 2006 16
Tabellen
1 - Entwicklung der gemeinsamen Lebensspanne mit Großeltern 1900-2000, Schweiz 14
2 - Großelternstile nach Geschlecht 42
3 - Vergleich der Studienergebnisse Harwood (2001) und Cherlin Furstenberg (1985) 50
4 - Wahrnehmung der Großeltern-Enkelkind-Beziehung 51
5 - Großelterliche Wahrnehmung ihrer Beziehung zum Lieblingsenkel 60
II
1. Einleitung
Eine grauhaarige alte Dame, mit einem Kleinkind im Schaukelstuhl sitzend Märchen vorlesend oder mit ihm in der Küche stehend und Kekse backend. Ein Geschichten erzählender, im Ohrensessel Pfeife rauchender und vom Leben gezeichneter Mann, um ihn herum sitzend Fünf- und Sechsjährige mit großen Augen - solche und ähnliche Assoziationen werden uns für gewöhnlich ins Gedächtnis gerufen, wenn die Rede von Großeltern und ihren Enkelkindern ist. Doch Großeltern müssen nicht zwangsläufig alt und gebrechlich sein. Heute werden die jüngsten bereits mit Anfang Dreißig Großeltern, durchschnittlich wird diese Rolle im Alter zwischen 49 und 53 Jahren übernommen (vgl. Hagestad 1985: 36, Mills 1999: 220, Herlyn et al. 1998: 73). In der Regel sind es demnach aktive, mitten im Berufsleben stehende Menschen mittleren Alters, mit eigenen Interessen und Hobbys, für die die Großelternschaft zu einem wichtigen familialen Thema wird. Großmütter und Großväter übernehmen gegenwärtig mehr als nur die Rolle der Spielkameraden. Sie stellen ebenso wichtige Bezugspersonen dar, die als Soziali-sationsfaktor nicht zu vernachlässigen sind. Als Ersatzeltern, Erziehungsberechtigte oder Betreuer für die Kinder Alleinerziehender sind sie zugleich eine große familiale und finanzielle Stütze. Da die traditionelle Großelternrolle einem grundlegenden Wandel unterworfen ist, ergibt sich ein sehr differenziertes Bild heutiger Großeltern und ihrer Beziehungen zu den Enkelkindern.
Das althergebrachte Bild der Großfamilie, in der mehrere Generationen unter einem Dach lebten, ist irreführend. Aufgrund der niedrigen Lebenserwartung, der Geburt eines Kindes als Todesursache Nummer eins für Frauen und der hohen Kindersterblichkeit war es bis zum Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert kaum möglich, dass Kinder ihre Großeltern erfuhren. Der Stereotyp der ‚historischen Großfamilie„ wurde noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein, u.a. auch von Sozial- und Geschichtswissenschaften, unreflektiert und gutgläubig übernommen (vgl. Chvojka 2003: 21f). Noch zu Beginn der siebziger Jahre sah man die „vorindustrielle Groß- und Mehrgeneratio- nenfamilie“als einen „mehrschichtigen Generationenverband, dem außer den Mitglie- dernder Kernfamilie auch die Großeltern oder auch sonstige Verwandte wie unverhei-
1
ratete Tanten und Onkel und auch das Hauspersonal angehörten“ (Vaskovics zit. n. Chvojka 2003: 22). Nach neueren Erkenntnissen gab es dreigenerative Haushalte in der mittel- und westeuropäischen vorindustriellen Gesellschaft aber nur sehr selten und es war stattdessen die Kernfamilie, die in dieser Zeit eine weitaus bedeutendere Rolle spielte, als bisher angenommen (vgl. Chvojka 2003: 23). Aktuell besteht indes immer noch ein enormer Rückstand bezüglich der Analyse haushaltsübergreifender familialer Kontakte und Beziehungen. Im Detail betrifft dies auch die intergenerationale Bindung zwischen Großeltern und Enkelkindern.
Die vorliegende Arbeit versucht die gegenwärtigen Generationenbeziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern anhand der derzeitigen nationalen und internationalen Forschungslage umfassend darzustellen. Die interessierende Frage lautet: Wie werden Großeltern-Enkel-Beziehungen gestaltet und welche Bedeutung besitzen sie zum einen für die junge und zum anderen für die alte Generation? Hierzu werden zunächst die verwendeten Begriffe näher spezifiziert und anschließend ein Überblick über den bisherigen Forschungsstand gegeben. Im zweiten Kapitel sollen die Rahmenbedingungen durch den demographischen Wandel und seine familienstrukturellen Auswirkungen näher betrachtet werden, da in Folge der demographischen Veränderungen die heutige Mehrgenerationenfamilie überhaupt erst zur gesellschaftlichen Norm werden konnte. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle der Großeltern, ihrer Bedeutung und ihren Funktionen innerhalb der Familie. Darauf gründend wird im vierten Kapitel mit Hilfe von verschiedenen Typologien der Großelternschaft, die inhaltliche Gestaltung der Großeltern-Enkel-Beziehungen näher erläutert. Dazu werden Kontakthäufigkeit, Wohnentfernung, sowie der Einfluss von Alter, Geschlecht und Abstammungslinie auf die intergenerationalen Beziehungen untersucht. Die Beziehungsenge bzw. die Qualität der Bindung zwischen Großeltern und Enkelkindern ist Gegenstand des fünften Kapitels. Außerdem beleuchtet es unter Berücksichtigung der intergenerational-stake-Hypothese (Giarrusso et al. 1995) die unterschiedliche Wahrnehmung der Beziehung aus Sicht der jungen und auch aus Sicht der alten Generation. Die Arbeit schließt mit einem Resümee und einem Ausblick auf zukünftig interessante Forschungsfragen zur Thematik.
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1.1 Begriffsklärung
Eine der wohl allgemeingültigsten Überlegungen zum Begriff Familie kennzeichnet diese als gegenüber anderen abgrenzbare soziale Einheit. Die familiensoziologischen Ansätze zur Definition von Familie beschränkten sich in der Vergangenheit meist auf die bürgerliche Kernfamilie, als eine auf Dauer angelegte und legitimierte Beziehung zwischen Frau und Mann, mit einer gemeinsamen Haushaltsführung und dem Vorhandensein von mindestens einem Kind (vgl. Schäfers & Kopp 2006: 69). Doch diese Betonung auf Interaktionsstrukturen innerhalb der Zwei-Generationen-Familie macht es schwierig die Position älterer Menschen, namentlich die Großelterngeneration, in der Familie zu lokalisieren und zu definieren. Aufgrund der Verflechtungen im Verwandtschaftssystem kann die Kernfamilie nicht als isolierte soziale Einheit angesehen werden, sondern muss innerhalb eines großen Beziehungsgefüges, in dem sie verankert ist, wahrgenommen und analysiert werden (vgl. Stosberg 1995: 63f). Auch um die veränderten Familienkonstellationen in modernen Gesellschaften hinreichend zu beschreiben, eignet sich die Definition der bürgerlich-urbanen Klein- oder Kernfamilie nur bedingt und lässt sie antiquiert wirken (vgl. Schäfers & Kopp 2006: 72). Mit der Zunahme alleinerziehender Elternteile, nichtehelicher Lebensgemeinschaften, Scheidungen und Wiederverheiratungen, sowie der Möglichkeit für homosexuelle Paare auch Eltern zu werden, entstehen neue familiale Lebensformen mit komplexer werdenden Kindschaftsverhältnissen, bei denen die soziale nicht mit der biologischen Elternschaft übereinstimmen muss. Jedoch behauptet sich die Kernfamilie als allgemeines Idealbild im Laufe dieser Pluralisierung familialer Lebensformen. Im Hinblick auf die in dieser Arbeit betrachteten lebenslang bestehenden Familienbeziehungen wird allerdings der zweckmäßigere Begriff der multilokalen Mehrgenerationenfamilie verwendet. Da er auch die Beziehung der Eltern zu ihren erwachsenen Kindern, die nicht mehr im gemeinsamen Haushalt leben, und die familialen Beziehungen über mehrere Generationen hinweg, mit einschließt (vgl. Schäfers & Kopp 2006: 72). Dieser Ansatz beinhaltet die naturgegebene Dauerhaftigkeit der Generationenbeziehungen über viele Lebensphasen. Zugleich kann er mit der gestiegenen Lebenserwartung und der Tendenz hin zu getrennten Haushalten in Folge zunehmender Selbstständigkeit im höheren Alter im Zusammenhang gesehen werden (vgl. Hoff 2006: 260). Die Betonung der Multilokalität ent-
3
spricht damit den individualisierten Wünschen und Bedürfnissen nach „innerer Nähe durch äußerer Distanz“ der jungen und alten Generationen (vgl. Perrig-Chiello et al. 2008: 86). Aufgrund dieser Zusammenhänge soll im Folgenden der erweiterte Famili- enbegriffvon Backes Verwendung finden: „Familie ist kein statisches Gebilde, sondern eine Lebensform von Generationen und Geschlechtern, deren Gestalt sich im Lebenslauf immer wieder verändert. Sowohl das Zusammenleben und das getrennte Leben von Eltern mit kleinen Kindern, heranwachsenden und erwachsenen Kindern als auch von Erwachsenen mit ihren älteren und hochbetagten Eltern sowie Enkelkindern mit ihren Großeltern wird darunter gefasst“ (1996: 30).
Hamann definiert die Großelternrolle als die Gesamtheit, der mit der Elternschaft (als sozialer Position) verbundenen Anforderungen und Erwartungen. Dabei gilt es zu beachten, dass es keine allgemein verbindliche Rollendefinition mit klar umrissenen Erwartungen oder normativ vorgegebenen Rechten und Pflichten gibt. Zudem wandelt sich die Rolle auch über die Zeit und muss auf veränderte Familienkontexte reagieren (vgl. 2000: 118). „Zur Großelternrolle gehören unterschiedliche Einstellungs- und Ver-haltensformen, die in besonderer Weise in der Beziehung zu Enkeln zum Ausdruck kommen“ (ebd.). Dieses Verhalten zeichnet sich durch fürsorgliches Engagement der ältesten Generation aus: Durch Verantwortungsübernahme, durch Verzicht von Macht im Umgang mit den Enkeln, durch von Geduld, Wärme und Liebe geprägtes Handeln und durch die Bereitschaft da zu sein und Rat zu geben, wenn man gebraucht wird (vgl. ebd.).
Übersicht 1 - Familiale und gesellschaftliche Generationen
Quelle: Szydlik 2000: 27.
4
Der Begriff Generation muss bei der Betrachtung von Großeltern-Enkel-Beziehungen auf mikro- und makrosozialer Ebene erläutert werden (siehe Übersicht 1, S. 4). Zum einen kommen Großeltern, unter dem genealogischen Blickwinkel der verwandtschaftlichen Abstammungsfolge betrachtet, in Familien mit mindestens drei Generationen vor, in denen sie demnach zumindest zwei Generationen unter sich haben. Als naturgegebene Folge von Geburt und Tod ändern sich die familialen Generationenstrukturen im Laufe der Zeit. Das bedeutet, mit der Geburt eines Kindes in einer Familie entsteht eine neue Generation, die die eigenen Nachkommen zu Eltern und gleichzeitig das bisherige Elternpaar zu Großeltern macht. Die Anzahl der parallel lebenden Generationen hängt dabei von den jeweiligen Geburtenabständen ab. Haben z.B. alle Frauen in einer Familie relativ jung Kinder bekommen, können verbunden mit der aktuell hohen Lebenserwartung, gleichzeitig bis zu fünf Generationen existieren (vgl. Hagestad 1985: 31). Zum anderen sollen aber auch Menschen mit einer ähnlichen sozial-zeitlichen Positionierung
in einer Gesellschaft, also auf der makrosozialen Ebene, als Generation 1 zusammengefasst werden. Ihnen wird eine spezifische Identität zugeschrieben, da sie sich „in ihrem Denken, Fühlen, Wollen und Tun an sozialen Perspektiven orientieren, für die der Ge- burtsjahrgang,das Alter (…) oder die Interpretation historischer Ereignisse von Belang sind“ (Lüscher & Liegle 2003: 59f). Für die Darstellung der Großeltern-Enkel-Beziehungen ist es notwendig sich im Folgenden auf beide Generationenkonzepte zu beziehen: „One reflecting the pulse of family life (…) and the other showing the „footprints‟ of history“ (Hagestad 1985: 31). Da familiale und gesellschaftliche Generationen zwar als unterschiedliche Konzepte auf verschiedenen Ebenen liegen, dürfen sie jedoch nicht völlig isoliert voneinander betrachtet werden. Sie stehen im Bezug zuein-ander, was wiederum nicht bedeutet, dass z.B. gesellschaftliche Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern bestimmter Kohorten zwingend in die Familie hineingetragen
werden müssen. 2 Großeltern und ihre Enkelkinder erleben naturgemäß unterschiedliche
1 Einen grundlegenden und vielzitierten Beitrag zum Konzept des zeitgeschichtlich-gesellschaftlichen
Generationenbegriffes leistete Karl Mannheim 1928 in seinem Essay „Das Problem der Generationen“ (In: Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie, 7(2), 157-185 und (3), 309-330.).
2 Ein gutes Beispiel für den Zusammenhang zwischen familialen Beziehungen und politisch-kulturellen Generationen stellt die 68er-Generation dar. Der typische 68er-Zeitgeist, den sie selbst einerseits mit geformt haben, ihm andererseits unterworfen waren, hat entscheidend ihre Ansichten und Verhaltens-
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historische Ereignisse, die sie in ihrer Entwicklung und Beziehung zueinander beeinflussen können (vgl. Szydlik 2000: 27f).
Intergenerationale Beziehungen bezeichnen „wechselseitige, rückbezügliche Prozesse der Orientierung, der Beeinflussung, des Austauschs und des Lernens zwischen den Angehörigen von zwei oder mehr Generationen“. Dabei erhalten Generationenbeziehungen ihre Form und Dynamik über die Erfahrung subjektiver Gemeinsamkeiten und Gegensätzlichkeiten, sowie durch Erfüllen institutionell vorgegebener Aufgaben (Lüscher & Liegle 2003: 60). Grundlegend für diese Annahme muss von ordnenden Prinzipien für die Dynamik menschlichen Zusammenlebens ausgegangen werden. Eine derar- tige‚soziale Logik„ lässt sich nach Lüscher und Pillemer in der Gestaltung sozialer Be- ziehungenund jeglicher anderer Art von Sozialitäten wiederfinden (vgl. 1996: 5ff). Unter Beziehungslogik fassen sie „die Prinzipien, gemäß derer in Sozietäten Sinngebungen und Bedeutungen für soziale Beziehungen konstituiert werden (können)“ zusammen (ebd.: 9). Dies impliziert wie Familienmitglieder miteinander handeln, wie sie über diese Verhaltensweisen denken und welche Reaktionen sie diesbezüglich entwickeln. Die Grundsätze, nach denen die Transfers von Wissen, Eigentum und Besitz zwischen den Generationen gestaltet werden, sind hier ebenfalls eingeschlossen. Insgesamt ist die Beziehungslogik als hierarchisches System zu betrachten, „in dem - ausgehend von allgemeinsten Prinzipien - zusehends spezifische Regeln formuliert werden“ (ebd.). Zu diesen allgemeinsten Prinzipien gehören Solidarität und Ambivalenzen, 3 die sich z.B. durch Unterstützungsleistungen und Spannungen im familialen Beziehungsgefüge naturgemäß ergeben.
Solidarität als Ausdruck für Verbundenheit und Hilfsbereitschaft, die den Zusammenhalt in sozialen Gruppen kennzeichnen, wird im Zusammenhang mit familialen Bezie- weisengeprägt. Insbesondere durch die Auseinandersetzung über das „kollektive Vergessen nach 1945“ und das Verhältnis zur nationalsozialistischen Vergangenheit kam es zur „Revolte gegen die Elterngeneration“, was viele Vater-Sohn-Beziehungen stark im negativen Sinne beeinflusste (Kom-fort-Hein 1999: 201; Lüscher & Liegle 2003: 29). Oft erfolgt die Konfrontation mit der eigenen Rolle und persönlichen Schuld im Nationalsozialismus aber auch erst durch die Enkel, da die 68er-Generation es vermied die Vergangenheit der Eltern offen anzusprechen (vgl. Szydlik 2000: 29).
3 Ambivalenz ist ein Kunstwort, geschaffen 1910 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler. Er sah in
der Ambivalenz ein Konstrukt, das „der nämlichen Idee zwei gegenteilige Gefühlsbetonungen gibt und den gleichen Gedanken zugleich positiv und negativ denken lässt“ (Bleuler zit. n. Lüscher & Liegle 2003: 287).
6
hungen aus dem Alltagsverständnis heraus als bekannt angenommen und selten näher erläutert (vgl. Szydlik 2000: 35). Dabei stellt Solidarität einen zentralen gesellschaftlichen Grundwert dar, ohne den gesellschaftliche Ordnung nicht denkbar wäre (vgl. Perrig-Chiello et al. 2008: 38). Bengtson und Kollegen erarbeiteten ein Konzept, das Solidarität mit Hilfe von sechs Dimensionen genauer charakterisiert. Zum Begriff selbst äußerten sie sich aber nur sehr allgemein: “For the sake of clarity, we employ „solidarity‟ (…) as a meta-construct subsuming characteristics of intergenerational bonds in families” (Roberts et al. 1991: 12). Die sechs Kategorien von Solidarität sind zum Teil ineinander verschränkt und können sich gegenseitig beeinflussen. Typisiert werden sie in normative, affectual, associational, functional, consensual und structural solidarity (vgl. ebd.: 30ff). Wobei unter normativer Solidarität die Stärke der Verpflichtungen gegenüber familialen Rollen und intergenerationalen Leistungen zu verstehen ist. Affektive Solidarität kennzeichnet Gefühlshaltungen gegenüber Familienmitgliedern und das Ausmaß der emotionalen Nähe der Beziehung. Assoziative Solidarität zeigt die Art und Häufigkeit der Kontakte und gemeinsamen Aktivitäten, während die funktionale Solidarität das Ausmaß intergenerationaler Transfers bezogen auf Geld, Zeit und Raum angibt. Gemeinsamkeiten bezüglich der Werte, Einstellungen und Überzeugungen definiert die konsensuale Solidarität. Schließlich gibt die strukturelle Solidarität Auskunft über Möglichkeiten zur Pflege intergenerationaler Beziehungen aufgrund von Größe und Art der Familie, sowie der geographischen Nähe von Familienmitgliedern (vgl. Roberts et al. 1991: 18; Perrig-Chiello et al. 2008: 39; Szydlik 2000: 36ff). Die genannten Dimensionen müssen allerdings differenziert betrachtet werden. Während strukturelle, normative und konsensuale Solidarität vordergründig nur auf das Potential für Solidarität anspielen, beziehen sich funktionale, affektive und assoziative Solidarität direkt auf die familialen Solidarbeziehungen. Sie stellen die drei Hauptdimensionen familialer Generationensolidarität dar (vgl. Szydlik 2000: 36, 174). Ambivalenzen verdeutlichen die Gleichzeitigkeit von Harmonie und Konfliktpotential innerhalb familialer Generationenbeziehungen, denn diese „beinhalten Widersprüche und sie haben diese Widersprüche auszuhalten“ (Szydlik 2000: 40). Lüscher und Liegle stellen zur Erklärung dieser Zusammenhänge das Konzept der Generationenambivalenz auf. Danach lassen sich Ambivalenzen immer dann erkennen, „wenn gleichzeitige Gegensätze des Fühlens, Denkens, Wollens, Handelns und der Beziehungsgestaltung, die
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für die Konstitution individueller und kollektiver Identitäten relevant sind, zeitweise oder dauernd als unlösbar interpretiert werden“ (2003: 288). Auch innerhalb des Großeltern-Enkel-Verhältnisses ist der Umgang mit Ambivalenzen zur Gestaltung der Beziehung erforderlich. Genau wie mit ihren Eltern, erleben Kinder während der gemeinsamen Lebenszeit auch mit ihren Großeltern Interessensgegensätze und Konflikte. Insbesondere wenn ihnen bewusst wird, dass sie ebenfalls erwachsen werden, sich ihre eigenen Ziele und Interessen aber von denen der beiden älteren Generationen unterscheiden (vgl. Lüscher 2001: 22). Anthropologisch kann dies bestätigt werden, denn „um eine persönliche Identität zu gewinnen, muss der Heranwachsende sowohl seine Gleichheit mit den Eltern als auch seine Unterschiedlichkeit erfahren“ (ebd.). Dabei sind Solidarität und Ambivalenz nicht als Gegensätzlichkeiten in Generationenbeziehungen zu betrachten. Begrifflich ist Ambivalenz dem Gemeinschaftssinn überge-ordnet. 4 Solidarität kann jedoch eine erfolgreiche Strategie im Umgang mit Ambivalenz darstellen. Die Akzeptanz und „das Aushalten des inneren Widerspruchs von Nähe und Distanz, von Abhängigkeit und Eigenständigkeit, (...), von Harmonie und Konflikt, von Verantwortung und Unabhängigkeit, von Loyalität und Opposition [als] unauflösbarer Bestandteil von Generationenbeziehungen“ wirkt entlastend auf die Beziehung und bedingt beständige, „womöglich lebenslange Solidarität“ füreinander (Szydlik 2000: 41).
1.2 Forschungsstand
Obwohl Großeltern zur direkten sozialen Umwelt eines Kindes gehören, besaß die Großeltern-Enkel-Thematik lange Zeit in der Familiensoziologie keinen großen Stellenwert. Erst seit jüngerer Zeit existieren Arbeiten, die sich explizit mit den familienstrukturellen Entwicklungen hinsichtlich dieser (Mehr-)Generationenverhältnisse befassen (u.a. Neugarten & Weinstein 1964, Robertson 1977, Kivnick 1982, Johnson 1983, Cherlin & Furstenberg 1985, Bengtson & Robertson 1985, King & Elder 1997). Die
4 Dazu leisten Lüscher und Pillemer einen grundlegenden Beitrag in ihrem Essay „Die Ambivalenz familialer Generationenbeziehungen“. Mittels Solidarität als Form der Interpretation und des Um- gangs mitAmbivalenzen wird „der Weg frei, um die Vielfalt der Gestaltung von Generationenbezie- hungen,die in gegenwärtigen Gesellschaften zusehends öffentliches und wissenschaftliches Interesse
beanspruchen, unvoreingenommen zu untersuchen“ (1996: 6f).
8
Studienergebnisse belegen einen grundsätzlichen Wandel, den die Großeltern-Enkel-Beziehung in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Dieser basiert auf demographischen
Veränderungen 5 (gesunkene Geburtenrate, gestiegene Lebenserwartung) und gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, wie z.B. neuen Familienformen oder einer aktiveren Lebensführung in der zweiten Lebenshälfte. Mit der verlängerten Lebenszeit von nahezu sicheren achtzig Jahren konnte für die Mehrheit der Bevölkerung Großelternschaft als eigenständiger Lebensabschnitt überhaupt erst im letzten Jahrhundert zur Norm werden und dass seit dem Zweiten Weltkrieg so viele Generationen parallel miteinander leben, ist historisch einmalig. Darum lassen sich auch entsprechende Beiträge der Gene-rationenforschung erst relativ spät, vermehrt seit den achtziger Jahren, finden (vgl. Lauterbach 2002: 542).
In Anbetracht dessen, dass im weiteren Verlauf der Arbeit auf die grundlegenden Studien und ihre Ergebnisse ausführlich eingegangen wird, soll im Folgenden eine Übersicht ausreichen um die wichtigsten Studien, ihre Inhalte und ihr Forschungsdesign in zeitlicher Ordnung darzustellen:
Übersicht 2 - Studien zu Großeltern-Enkel-Beziehungen
5 Ausführlich dargestellt in Kapitel 2, S. 12ff.
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Arbeit zitieren:
Katja Nixdorf, 2010, Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern, München, GRIN Verlag GmbH
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