INHALTSVERZEICHNIS
SEITE
1. EINLEITUNG. 5
1.1 UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND. 7
1.2 AUFBAU DER ARBEIT. 8
1.3 QUELLE-N UND LITERATURLAGE. 9
2. DIE NATION IN DER FORSCHUNG. 12
2.1 DIE POLITISCHE PHILOSOPHIE DER NATION -
DEUTUNGSMODELLE VOM SPÄTEN 18. JAHRHUNDERT BIS ZUR
GEGENWART. 14
2.1.1 JOHANN GOTTFRIED HERDER 15
2.1.2 ERNEST RENANS KONSTRUKTIVISTISCHER NATIONSANSATZ 17
2.1.3 MAX WEBER UND PETER ALTER. 18
2.1.4 KARL W. DEUTSCH, HELMUTH PLESSNER UND HEINRICH
A. WINKLER. 19
2.1.5 DIE JÜNGERE FORSCHUNG - BENEDICT ANDERSON,
ERNEST GELLNER UND ERIC J. HOBSBAWM. 19
2.1.6 KULTUR- BZW. STAATSNATION. 20
2.2 DIE HISTORISCHE EINORDNUNG DER NATION. 23
2.2.1 DIE VERZERRUNG DES GESCHICHTSBILDES. 23
2.2.2 NATIONALE HERKUNFTSMYTHEN. 25
2.2.2.1 DIE GERMANEN DES PUBLIUS CORNELIUS TACITUS 26
2.2.2.2 DER ARMINIUS BZW. HERMANN-MYTHOS. 27
2
2.3 HISTORISCHER KONTEXT. 29
2.3.1 DIE BEFREIUNGSKRIEGE ALS INITIALZÜNDUNG DER
DEUTSCHEN NATIONALBEWEGUNG? 32
3. JOHANN GOTTLIEB FICHTE UND ERNST MORITZ ARNDT -
MULTIPLIKATOREN DES DEUTSCHEN NATIONALBEWUSSTSEINS. 35
4. JOHANN GOTTLIEB FICHTES „REDEN AN DIE DEUTSCHE
NATION “ 36
4.1 VOM ANONYMEN AUTOR ZUM PATRIOTEN. 36
4.2 DAS ENDE DES HEILIGEN RÖMISCHEN REICHES - ODER DAS
„ZEITALTER DER VOLLENDETEN SÜNDHAFTIGKEIT“ 36
4.3 DER AUFBAU DER „REDEN“ 38
4.4 DIE BEGRIFFE „NATION“ UND „VOLK“ 40
4.5 DIE DEUTSCHEN ALS EXKLUSIVES „URVOLK“ 45
4.5.1 DEUTSCH ALS „URSPRACHE“ 47
4.5.2 DER FREIHEITSWILLE DER DEUTSCHEN. 50
4.6 FICHTES KONZEPT EINER DEUTSCHEN NATIONALERZIEHUNG. 52
4.7 ZWISCHENFAZIT. 57
5. ERNST MORITZ ARNDTS „GEIST DER ZEIT“ 59
5.1 ZWISCHEN SCHWEDISCH-POMMERN UND FRANKFURTER
NATIONALVERSAMMLUNG. 59
5.2 DER VERFALL ALTER TUGENDEN UND WERTE. 61
5.3 ARNDTS VORSTELLUNGEN EINER NATION. 65
5.4 DIE DEUTSCHEN IN DER GESCHICHTE. 68
3
5.5 ABGRENZUNG GEGEN ALLES FRANZÖSISCHE. 71
5.5.1 HASS, ABSCHEU UND VATERLANDSLIEBE. 73
5.5.2 DIE VERSCHIEDENHEIT DER SPRACHEN. 74
5.6 ARNDTS PÄDAGOGISCHE GEDANKEN. 75
5.7 ZWISCHENFAZIT. 77
6. JOHANN GOTTLIEB FICHTE UND ERNST MORITZ ARNDT
- EIN KURZER VERGLEICH. 80
7. WIRKUNGSGESCHICHTE. 82
8. ZUSAMMENFASSENDE DARSTELLUNG. 86
9. ABKÜRZUNGS-, QUELLE-N UND LITERATURVERZEICHNIS. 92
9.1 ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS. 92
9.2 QUELLENVERZEICHNIS. 94
9.3 LITERATURVERZEICHNIS. 96
4
1. EINLEITUNG
„Deutschland? aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden, Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf“ fragten sich 1796 Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller in einer bekannten Sentenz ihrer „Xenien“. Die beiden klassischen Schriftsteller kamen dabei über diese Fragmente nicht hinaus und endeten mit der resignierenden Feststellung: „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus“ 1 . Und auch Ernst Moritz Arndt, einer der beiden Protagonisten dieser Arbeit, beklagte nach dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches im zweiten Teil seines „Geist der Zeit“ das Fehlen einer deutschen Identität mit den Worten: „Ich wollte zu meinem Volke ein Wort reden [...]; aber wie spreche ich zu dir, deutsches Volk? Was bist du, und wo bist du? Ich such und finde dich nicht.“ 2
Die eingangs verwendeten Zitate machen die Schwierigkeit der Zeitgenossen bei der Bestimmung der deutschen Identität im Zeitalter zwischen Französischer Revolution 1789 und Wiener Kongress 1815 deutlich. Wie wohl nie zuvor war die Suche nach einer deutschen Identität so ungewiss wie zu jenem Zeitalter. Als 1806, nach der Niederlegung der römischdeutschen Kaiserkrone das Alte Reich aufhörte zu existieren, fehlte es an jeglichem einigendem Band, um das heterogene Gebilde zusammenzuhalten. Wie Hagen Schulze in seinem Buch „Gibt es überhaupt eine deutsche Geschichte?“ zu Recht konstatiert, drängt sich dem Betrachter der Eindruck auf, dass es nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches den Deutschen offenbar zeitlich gesehen an Kontinuität, räumlich betrachtet an einer Mitte und an festen Grenzen fehlte. 3
Gerade Grenzen, gleich welcher Natur, spielten bei den europäischen Nations- und Staatswerdungsprozessen der Neuzeit eine immer größere Rolle. Schon die Redewendung „um etwas eine Grenze zu ziehen“, impliziert, es zu definieren, zu verstehen und zu rekonstruieren. Gleichzeitig bedeutet es, sich von etwas anderem abzugrenzen, sich einzugrenzen. Die Grenzen der frühneuzeitlichen Nationen waren anfangs allerdings alles andere als kulturell homogen. Im Gegenteil: Während Frankreich mit seiner „langue d´oc“ und „langue d´oeil“ eine wenig homogene Sprache besaß, sprachen die Deutschen lange vor ihrer nationalstaatlichen Einigung eine annähernd einheitliche Sprache, deren Grenzen sich
1 FRIEDRICH SCHILLER: Sämtliche Werke, auf Grund der Originaldrucke hrsg. v. Gerhard Fricke und Herbert G.
Göpfert, Bd. 1, 7., durchgesehene Aufl., München 1984, S. 267. Die „Xenien“ als gemeinsames Werk Johann
Wolfgang von Goethes und Friedrich Schillers sind erstmals im Xenien-Manuskript von 1796 herausgegeben
worden.
2 ERNST MORITZ ARNDT: Geist der Zeit, Zweiter Teil, mit einer Einl. hrsg. v. Heinrich Meisner, Leipzig 1908, S.
26. Siehe auch Anm. 11.
3 Vgl. HAGEN SCHULZE: Gibt es überhaupt eine Deutsche Geschichte?, Berlin 1989, S. 19.
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nicht nach den Grenzen der fürstlichen Territorien richtete 4 . Im Unterschied zum absolutistischen und zentralistischen Frankreich, beruhte das Heilige Römische Reich Deutscher Nation 5 auf universaler Herrschaft. Das Reich „war weder das eine noch das andere“ 6 , es verkümmerte zunehmend zu „einem machtlosen, fast metaphysischen Gebilde ohne eigene staatliche Gewalt.“ 7 Fehlte es den Deutschen nach dem Niedergang des Alten Reiches und infolge der französischen Hegemonial- und Okkupationspolitik an festen und klaren Grenzen, so war es ihnen demzufolge unmöglich, sich selbst zu definieren, geschweige denn erst zu verstehen.
Es bedurfte erst der Erschütterungen durch die bürgerlichen Revolutionen in Amerika und Frankreich und des dadurch ausgelösten Modernisierungsschubs durch die Revolutionskriege, die napoleonische Besatzung, durch den Untergang des Reiches und den Zusammenbruch Preußens nach den Schlachten von Jena und Auerstedt, um den Bewohnern der vielzähligen deutschen „Staaten“ 8 ein Gefühl ihrer deutschen Identität, ihrer nationalen Zusammen- und Zugehörigkeit zu geben. Die gemeinsame Grundlage der Deutschen war das
4 In Deutschland waren die Grenzen in der frühen Neuzeit weder historisch noch geographisch klar definierbar,
und daher schwer fassbar. Zur Verbreitung des Begriffs für den deutschsprachigen Raum in der ersten Hälfte des
16. Jahrhunderts vgl. H.-W. NICKLIS: Von der „Grenitze“ zur Grenze. Die Grenzidee des lateinischen
Mittelalters (6. - 15. Jahrhundert), in: BlldtLG 128 (1992), S. 25 ff. Die Grenzen des Heiligen Römischen
Reiches beruhten nicht - wie die der neuzeitlichen Territorialstaaten - auf trigonometrischer Vermessung,
sondern waren vielmehr Fragen des Rechts und der Rechtsauslegung. Durch eine Überlagerung
unterschiedlichster Rechtsräume kam es immer wieder zu Überschneidungen von Grenzräumen, so dass sich die
Grenzen „unscharf konturiert aus dem Rechtsgeltungsbereich des lehnrechtlich definierten Personenverbandes
»Reich«, [...]“ ergaben. Darüber hinaus unterlag der geographische Raum des Alten Reichs ständigen
Grenzverschiebungen. Zu den wohl größten territorialen Veränderungen der Reichsgrenzen kam es mit dem
Ausscheiden der Schweizer Eidgenossenschaft und der Republik der Vereinigten Niederlande aus dem
Reichsverband im Westfälischen Frieden 1648. Vgl. dazu HELMUT NEUHAUS: Das Reich in der Frühen Neuzeit
(= Enzyklopädie deutscher Geschichte, Bd. 42), München 1997, S. 3 f. Vgl. zur abgrenzenden und -wehrenden
Funktion der Grenzen für den frühen deutschen Nationsbildungsprozess HANS-DIETRICH SCHULTZ:
Deutschlands ,natürliche‘ Grenzen. ,Mittellage‘ und ,Mitteleuropa‘ in der Diskussion der Geographen seit dem
Beginn des 19. Jahrhunderts, in: GG 15 (1989), S. 248 - 281.
5 Die zusammenhängende Titulatur „Heiliges Römisches Reich Teutscher Nation“ wurde erstmals offiziell in der
Präambel des Kölner Reichstagsabschieds von 1512 verwandt. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
war aber weder ein heiliges, noch ein deutsches Reich. Es war auch kein Reich im späteren nationalstaatlichen
Sinne. Vielmehr war es „ein übernationaler Personenverband mit starker europäischer Einbindung“. Vgl. dazu
NEUHAUS: Das Reich in der Frühen Neuzeit, S. 5. Mit dem Zusatz „Teutscher Nation“ bekam der Begriff
„Nation“ einen neuen Inhalt. Hatte nationes zuvor an Universitäten, auf Konsilien und bei der Organisation von
Kaufmannsgilden als Mittel der Gruppeneinteilung gedient, so wuchs er folglich zu einem Mittel der politischen
Welteinteilung.
6 HEINRICH AUGUST WINKLER: Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806 - 1933 (=
Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 385), Bonn 2002, S. 45.
7 SCHULZE: Gibt es überhaupt eine Deutsche Geschichte?, S. 20.
8 Den Begriff des „Staates“ setzt der Verfasser bewusst in Anführungszeichen, war der frühneuzeitliche „Staat“
kein Staat im nationalstaatlichen Sinne. Das Heilige Römische Reich als übernationaler Personenverband nahm
an der epochalen Wirkung vom Ständestaat zum dynastischen Fürstenstaat nicht teil. Das Alte Reich grenzte sich
in seiner Eigenart und Andersartigkeit von den frühneuzeitlichen Territorialstaaten ab und verpasste dadurch im
Wesentlichen den Anschluss an die anderen (west-)europäischen Staaten. Kennzeichen des modernen Staates ist
für Max Weber diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebietes das Monopol
legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich in Anspruch nahm und formal einer Verwaltungs- und/oder
Rechtsordnung unterworfen ist. Vgl. dazu MAX WEBER: Gesammelte politische Schriften, hrsg. v. Johannes
Winckelmann. Mit e. Geleitw. von Theodor Heuss, 3., erneut verm. Aufl., Tübingen 1971, S. 506.
6
Fehlen eines gemeinsamen, souveränen deutschen Nationalstaats. Folglich bildete die Selbstdefinition durch Feindmarkierung eine Konstante deutscher Identität, der sich auch Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt immer wieder in ihren Schriften bedienten. Frankophobie und Nationalismus - prägend für den weiteren Verlauf der deutschen Geschichte - gingen in den antinapoleonischen Kriegen eine enge Verbindung ein. Die Feindschaft gegen den französischen „Erbfeind“ verdeutlichte das, was die Deutschen nicht waren - aber was waren und was sind sie?
1.1 UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND
Gerade das Thema der nationalen Identität und der nationalen Zugehörigkeit hat wie kaum eine andere Epoche das 19. Jahrhundert geprägt. Und auch nach dem Zerfall des ehemaligen Sowjetimperiums und im Rahmen der Renaissance nationaler Bewegungen, insbesondere in Mittel- und (Süd-)Osteuropa, hat das Thema wieder an Aktualität und politischer Brisanz gewonnen. Deutlich zeigt sich dies wohl in der Zerfallsgeschichte des ehemaligen Jugoslawiens und der jüngsten Unabhängigkeitsbestrebung des Kosovo. 9 Wie kaum eine andere Erscheinung haben Nationalismus und dessen Begleiterscheinungen in den vergangenen Jahren und Jahrhunderten die Geschichte, nicht nur die Deutschlands, geprägt. Bis sich die Nation als oberste Legitimationsinstanz politischen Handelns durchsetzen konnte, bedurfte es einer langen historischen Entwicklung, die zwar ihren Anfang im ausgehenden Mittelalter nahm, konkrete Formen aber erst zu einem späteren Zeitpunkt ausgebildet waren. Hierzulande wurden sich die Deutschen erst zu Beginn der nationalen Einheitsbewegung Anfang des 19. Jahrhunderts bewusst, was sie waren: Deutsche. Zwar standen bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts wesentliche Strukturmerkmale einer Nation den Kreisen der adlig-bürgerlichen Elite zur Verfügung, das deutsch-nationale Prinzip begann sich aber erst in den kriegerischen Auseinandersetzungen gegen Frankreich und ihren Feldherrn Napoleon in breiten Bevölkerungskreisen zu formieren und durchzusetzen. Daran wesentlich beteiligt waren jene Intellektuelle, die sich mit Fragen nach einer „deutschen Identität“ auseinandersetzten und ihren Forderungen nach nationaler Eigenständigkeit politischen Ausdruck verliehen. Diesem Kreis gehörten auch Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt an.
Um den Begriff der Nation schärfer zu konturieren, untersucht der Verfasser mit vorliegender Arbeit die Bedeutung des Begriffs in einer Epoche, in der die Nation eine starke
9 Am 17. Februar 2008 proklamierte der Ministerpräsident des Kosovo, Hashim Thaci, die Unabhängigkeit der
ehemals südserbischen Provinz.
7
Bedeutung hatte - das Zeitalter des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs im frühen 19. Jahrhundert. Um das Thema einzugrenzen, erfolgt eine Konzentration auf Deutschland und hier auf zwei bedeutende Protagonisten des frühen deutschen Nationalismus: Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt. Beide glaubten einen Zerfall der nationalen Einheit Deutschlands beobachten zu können, dem, davon waren sie überzeugt, nur durch eine neue Form der Erziehung entgegengewirkt werden könne. Dazu entwarfen beide in den hier verwendeten Schriften die Vorstellung einer (deutschen) Nation, anhand derer der Diskurs über „nationale Identität“ rekonstruiert und hinsichtlich seiner Elemente, Anstöße und Zielsetzungen untersucht werden soll.
Dabei orientiert sich die Arbeit an folgenden Fragen: Welche Bedeutung maßen Johann Gottlieb Fichte und Ernst Moritz Arndt dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches und der französischen Besatzung bei? Konkretisierte sich ihr nationales Bewusstsein erst infolge des Umbruchs und durch das Auftreten eines äußeren Feindes? Was sind die zentralen Thesen in Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ und Arndts „Geist der Zeit“? Welchen Zweck verfolgen sie mit ihren Schriften? Inwieweit sind diese ideologisch geprägt? Waren Fichte und Arndt Kinder ihrer Zeit?
1.2 AUFBAU DER ARBEIT
Nach einer auszugsweise knappen Betrachtung des verwendeten Quellen- und Literaturmaterials (Kap. 1.3) soll anhand der Entwicklung des Nationsbegriffs ein methodologischer Aufriss einzelner Deutungsmodelle bis zum gegenwärtigen Forschungsstand nachgezeichnet werden (Kap. 2.1). Ein daran anschließendes Kapitel ist der historischen Einordnung der Nation gewidmet, indem der Frage der historischmythologischen Herkunft und der Interpretation ihres historischen Wirkens nachgegangen werden soll (Kap. 2.2). Bei der Auseinandersetzung mit den Begriffen „Nation“ und „Nationalismus“ müssen die Verzerrungen des Geschichtsbildes berücksichtigt werden, die die nationalistisch geprägte Geschichtswissenschaft von Beginn des 19. Jahrhunderts an zu verantworten hat: Mythen, die das deutsche Volk als das älteste und tapferste erachteten, gilt es anhand nationaler Herkunftsmythen zu belegen und zu analysieren (Kap. 2.2.2). Darauf aufbauend soll dann anhand Fichtes „Reden an die deutsche Nation“ verdeutlicht werden, dass er im Zuge der französischen Besatzungspolitik einem Niedergang der deutschen Nation mit einem emphatischen Appell an die Bevölkerung entgegenzuwirken versuchte, um die in seinen Augen dem Untergang geweihte Nation zu neuem Leben zu erwecken und den
8
Deutschen zu neuem Nationalbewusstsein, zu seiner Idee der Nation, zu verhelfen (Kap. 4). Vergleichsweise ähnlich wird im Anschluss daran zu belegen sein, dass auch Ernst Moritz Arndt in seinem „Geist der Zeit“ die Folgen der Koalitionskriege und Friedensschlüsse, die französische Fremdherrschaft und die Flucht einzelner deutscher Partikularstaaten unter das Dach des Rheinbunds, kritisch einschätzte (Kap. 5).
Anhand der Rückbesinnung in die ruhmreiche deutsche Geschichte wollten sowohl Fichte als auch Arndt eine grundlegende Erneuerung des Deutschtums bewirken. Ein kurzes Kapitel rundet den Vergleich der beiden ab (Kap. 6). Doch gerade durch deren Überhöhung der Deutschen sind Arndts und Fichtes Schriften kritisch zu betrachten und nicht bloß unter dem Gesichtspunkt zu sehen, dass beide Kinder ihrer Zeit waren. Ihrer Wirkungsgeschichte widmet sich der Autor in einem weiteren Kapitel (Kap. 7). Die konzeptionelle Grundausrichtung der beiden Nationsvorstellungen soll in einem vorletzten Kapitel verglichen werden, bevor dann abschließend in einem resümierenden Kapitel ein Fazit gezogen werden soll (Kap. 8).
1.3 QUELLEN- UND LITERATURLAGE
Die Idee der Nation wird hier nicht anhand sämtlicher Schriften Johann Gottlieb Fichtes und Ernst Moritz Arndts rekonstruiert. Vielmehr konzentriert sich der Verfasser auf Schriften der beiden, die in dem unmittelbaren Auflösungs- und Zerfallsprozess des Heiligen Römischen Reiches entstanden sind. Zugegebenermaßen erheben diese ausgewählten Quellen damit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit der zu diesem Thema verfassten Schriften. Sie sind auszugsweise und als exemplarische Quellen in den historischen Kontext des frühen 19. Jahrhunderts einzuordnen und auch als solche zu verstehen. Nach Ansicht des Verfassers schildern in Bezug auf die frühe nationale Erhebungsphase und den aufkommenden Nationalismus in Deutschland keine anderen Schriften Fichtes und Arndts die politische Situation im Alten Reich so deutlich, wie die hier hauptsächlich verwendeten beiden Quellen:
- Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation 10
- Ernst Moritz Arndt: Geist der Zeit 11 .
10 JOHANN GOTTLIEB FICHTE: Reden an die deutsche Nation (= Fichtes Werke, hrsg. v. Immanuel Hermann
Fichte, fotomech. Nachdruck, Bd. 7), Berlin 1971. Erstmals sind die „Reden“ 1808 in Berlin publiziert worden.
11 Verwendung findet hier die Edition ERNST MORITZ ARNDT: Geist der Zeit, mit einer Einl. hrsg. v. Heinrich
Meisner, Leipzig 1908. Der „Geist der Zeit“, der in insgesamt vier Teilen zwischen 1806 (1. Teil), 1808 (2.
Teil), 1813 (3. Teil) und 1817 (4. Teil) publiziert wurde, wird im weiteren Verlauf wie folgt zitiert: Kurztitel,
Geist der Zeit I-IV sowie die Seitenzahl.
Der vierte Teil des „Geist der Zeit“ liegt mit seinem Publikationsjahr hinter der eigentlich zu behandelnden Zeit
dieser Untersuchung und findet daher nur vereinzelt Verwendung.
9
In den ausgewählten Schriften geht es um die Rekonstruktion des nationalen „Geist der Zeit“, einer Bezeichnung, die Ernst Moritz Arndt viermal zum Titel eines Buches gemacht hat. Im Zusammenhang der Rekonstruktion des politischen Selbstbewusstseins der Deutschen im allgemeinen und der Darstellung des beginnenden deutschen Nationalbewusstseins im besonderen handelt es sich bei diesen zwei Quellen um Schriften, die für den Verfasser besonders durch ihren Zusammenhang zwischen Philosophie und frühem Nationalbewusstsein hervorstechen. Wichtig ist vom Inhalt her deren scharfsinnige Analyse der Zeit des politischen Umbruchs, sowie die vollzogene enge Verbindung zwischen Idealismus und Nationalbewusstsein. Darüber hinaus hat sich der Verfasser aber auch vereinzelt auf einige andere Quellen Fichtes 12 und Arndts gestützt, scheinen ihm diese für das allgemeine Verständnis der damaligen Zeit und insbesondere ihrer Philosophie von entscheidender Bedeutung zu sein.
Mit Hinblick auf das Verständnis sowohl dieser Arbeit als auch der Quellen ist zu betonen, dass es sich bei den ausgewählten Schriften Fichtes und Arndts nicht um systematische oder gar wissenschaftliche Untersuchungen handelt, sondern vielmehr um politisch-rhetorische Schriften, die auf Beeinflussung und Manipulation des Publikums abzielten, die „deutsche Identität“ und ein Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugen wollten. Sowohl ihrer politischen Rhetorik im allgemeinen als auch ihrem nationalem Denken im besonderen ging es beiden Autoren nicht um Wahrheit, sondern vielmehr darum, ihre Hörerschaft von der für sie in Anspruch genommenen Faktizität zu überzeugen und gegen die Fremdherrschaft der Franzosen zu emotionalisieren. Für das Verständnis von Kommunikation und politischer Rhetorik folgt der Verfasser der „Rhetorik“ des Aristoteles 13 . Gemeinsam ist den dieser Arbeit zugrundeliegenden Quellen Johann Gottlieb Fichtes und Ernst Moritz Arndts die Herkunft aus dem Raum, der sich als Deutschland bezeichnen lässt, und die Entstehungszeit im frühen 19. Jahrhundert. Ihr sozialer Entstehungsort ist ein aufklärerisch geprägtes Gelehrten- und Intellektuellenmilieu.
12 Alle verwendeten Quellenangaben beziehen sich auf: Johann Gottlieb Fichtes sämmtliche Werke, hrsg. von
Immanuel Hermann Fichte, 8 Bände, Berlin 1845-1846 (SW I-VIII) und auf: Johann Gottlieb Fichtes
nachgelassene Werke, hrsg. von Immanuel Hermann Fichte, 3 Bände, Bonn 1834-1835 (NW IX-XI). Zusammen
sind diese beiden Orig.-Ausg. erschienen in: Fichtes Werke, hrsg. v. Immanuel Hermann Fichte, fotomech.
Nachdruck, 11 Bde., Berlin 1971 (im Folgenden zitiert: Kurztitel, SW I-VIII bzw. NW IX-XI sowie die
Seitenzahl).
Soweit nicht anders hervorgehoben, wird die Orthographie und Interpunktion aus den Quellen übernommen.
Hervorhebungen in den Zitaten werden durch den Zusatz „Hervorhebung im Original“ oder „Hervorhebung
durch den Verfasser“ in den Fußnoten kenntlich gemacht. Anmerkungen oder Auslassungen in eckigen
Klammern stammen immer vom Verfasser dieser Arbeit.
13 ARISTOTELES: Rhetorik. Übersetzt, mit einer Bibliographie, Erläuterungen und einem Nachwort von Franz G.
Sievke, München 1980.
10
Zur Verdeutlichung der bereits in der Antike und im Humanismus betonten Stellung des Stammes der Germanen sei hier auf folgende gesichteten Quellen verwiesen:
- Publius Cornelius Tacitus: Germania 14
- Ulrich von Hutten: Arminius 15 .
Der Forschungsstand des zu behandelnden Themas muss, obwohl besonders die Nation als Identitätsmodell bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert „entdeckt“ und erforscht wurde, als nicht ausreichend beschrieben werden. Nach einer kritischen Durchsicht der zahlreichen Veröffentlichungen zum Problemfeld „Nation“ und „Nationalismus“ sind nur wenige Arbeiten übriggeblieben, die für eine Auseinandersetzung mit den Schriften Arndts und Fichtes brauchbar erscheinen. Insbesondere ältere Publikationen sind stark von ideologischen Dogmen der jeweiligen Autoren geprägt 16 und erweisen sich daher als weniger hilfreich.
Stefan Reiß´s Dissertation „Fichtes ›Reden an die deutsche Nation‹ oder: Vom Ich zum Wir“ 17 kann als gelungene Darstellung - zumindest was Fichte und seine „Reden“ betrifft - bezeichnet werden, da sie besonders durch methodische Reflexion, Problembewusstsein und Quellenkenntnis herausragt. Die Veröffentlichungen von Dieter Langewiesche 18 und Hagen Schulze 19 zum Untersuchungsgegenstand „Nation“ und „Nationalismus“ überzeugen durch eine objektive und auf Fakten basierende Auseinandersetzung mit dem Thema. Seine Überlegungen stehen dabei im Gegensatz zur älteren Forschung, umschrieb diese das Fehlen an nationaler Einheit oftmals mit der Metapher des Schlafes. 20
14 PUBLIUS CORNELIUS TACITUS: Agricola. Germania. Dialogus de Oratoribus. Die historischen Versuche, übers.
und erl. von Karl Büchner, 3. Aufl., bearb. von Reinhard Häussler, Wiesbaden 2000.
15 ULRICH VON HUTTEN: Arminius (1520), in: Arminius und die Varusschlacht. Geschichte - Mythos - Literatur,
hrsg. v. Rainer Wiegels und Winfried Woesler, zweisprachiger Wiederabdruck und Neuübersetzung durch Hans-
Gert Roloff, Paderborn u.a. 1995.
16 Vgl. exemplarisch die Werke von OTTO HUTH: Vorkämpfer deutscher Freiheit und Größe, in: Wochenblatt der
Landesbauernschaft Kurmark, Berlin 1939, S. 1710 - 1711; EUGEN MAYSER: Führer und Volkstum, Ernst
Moritz Arndt, in: Heimat und Reich 1936, S. 282 - 86.
17 Vgl. STEFAN REIß: Fichtes ›Reden an die deutsche Nation‹ oder: Vom Ich zum Wir (= Politische Ideen, hrsg.
v. Herfried Münkler, Bd. 19), Berlin 2006.
18 Vgl. hierzu DIETER LANGEWIESCHE: Was heißt ,Erfindung der Nation‘?, in: Historische Zeitschrift 277 (2003),
S. 593 - 617; DERS.: Die Idee als Handlungsorientierung. Kommentar, in: Ideen als gesellschaftliche
Gestaltungskraft im Europa der Neuzeit. Beiträge für eine erneuerte Geistesgeschichte, hrsg. v. Lutz Raphael
und Heinz-Elmar Tenorth (= Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit, Bd. 20), München
2006, S. 359 - 368.
19 So auszugsweise HAGEN SCHULZE: Gibt es überhaupt eine Deutsche Geschichte?, Berlin 1989; DERS.: Staat
und Nation in der europäischen Geschichte, 2. Aufl., München 2004.
20 Und auch in der jüngeren Literatur wird vom „nationalen Erwachen“ gesprochen. Vgl. dazu MIROSLAV
HROCH: Das Erwachen kleiner Nationen als Problem der komparativen Forschung, in: Nationalismus, hrsg. v.
Heinrich August Winkler (= Neue wissenschaftliche Bibliothek, Bd. 100), Königstein 1978, S. 158. Weil die
„deutsche Nation“ erst im 19. Jahrhundert geformt wurde und nicht auf eine geistesgeschichtliche
11
In Bezug auf Ernst Moritz Arndt fehlt es aber gerade in der jüngeren Forschung an einschlägiger und objektiver (Sekundär-) Literatur, was das Abfassen dieser Arbeit zum Teil erschwerte und sich der Verfasser dadurch gezwungen sah, gelegentlich auf ältere Werke zurückzugreifen.
2. DIE NATION IN DER FORSCHUNG
Erste weitläufige Vorstellungen von einer Nation als eine sprachliche und politische Gemeinschaft entwickelten sich im Mittelalter 21 . Der lateinischen Grundbedeutung des Wortes entsprechend bezeichnete Nation zunächst eine Gemeinschaft von Menschen gleicher Herkunft. Das lateinische Wort natio (von nasci, geboren werden) betonte die Geburt und Abstammung als ethnisches bzw. geographisches Merkmal einer Person oder auch einer Sache. Als Kriterien für diese abstammungsgemäße Zugehörigkeit zu einer natio galten vor allem eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Sitten und Gebräuche. 22 Im Mittelalter schrieben sich die Studenten in so genannten nationes an den Universitäten ein, wobei die Universitätsnationen nicht den eigentlichen Herkunftsländern im engeren Sinne entsprachen, sondern vielmehr die ungefähren Himmelsrichtungen ihrer Herkunft bezeichneten. 23 Von ersten Ansätzen eines „deutschen Nationalbewusstseins“ kann überhaupt erst seit dem 11. Jahrhundert die Rede sein, auch wenn das Reichsbewusstsein als maßgeblich politische Kategorie Jahrhunderte lang weiterhin dominant blieb. In dem seit dem 16. Jahrhundert offiziell als „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ bezeichneten „Staatsgebilde“, das keinesfalls alle deutschsprachigen Gebiete umfasste, sondern als ein
Aufklärungstradition aufbauen konnte, sei, so betont Helmuth Plessner; Deutschland im Vergleich zu England
oder Frankreich einen „Sonderweg“ gegangen und daher eine „verspätete Nation“. Vgl. dazu HELMUTH
PLESSNER: Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes, 5., unveränd. Aufl.,
Stuttgart u.a. 1969.
21 Bereits Christoph Cellarius (1634 - 1707) prägte in seiner „Historia tripartia“ die Epochenbezeichnung
„Mittelalter“ für die Zeit zwischen Antike und damaliger Gegenwart. Traditionell umfasste das Mittelalter die
Epoche zwischen 500 und 1500 n. Chr., wobei die genauen Anfangs- und Enddaten in der Forschung umstritten
und letztlich nicht zu bestimmen sind. Da der Begriff des Mittelalters hier nur beiläufig Verwendung findet,
reicht die Einteilung in eine Epoche zwischen Antike und Neuzeit. Vgl. HERMANN HEIMPEL: Über die Epochen
der mittelalterlichen Geschichte, in: ders.: Der Mensch in seiner Gegenwart. Acht historische Essais, 2., erw.
Aufl., Göttingen 1957, S. 42 - 66.
22 Vgl. FRIEDRICH KLUGE: s.v.: „Nation“, in: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, hrsg. v.
Friedrich Kluge unter Mithilfe von Max Bürgisser und Bernd Gregor, 22., völlig neu bearb. Aufl., Berlin - New
York 1989, S. 500; HERFRIED MÜNKLER: Nation als poltische Idee im frühneuzeitlichen Europa, in: Nation und
Literatur im Europa der Frühen Neuzeit, Akten des I. Internationalen Osnabrücker Kongresses zur
Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit, hrsg. v. Klaus Garber, Bd. 1, Tübingen 1989, S. 59.
23 So wurden beispielsweise an der Pariser Universität die nationes gallicorum, normannorum, picardorum und
anglicorum unterschieden. Italiener, Spanier und Griechen wurden in der „gallischen“, Deutsche hingegen in der
„englischen“ natio zusammengefasst. Die mittelalterliche natio war also keine Nation im Sinne des
Nationalstaats des 19. und 20. Jahrhunderts. Siehe auch Anm. 5.
12
interkultureller und multinationaler Personenverband agierte, diente die Bezeichnung mehr als Unterscheidungsbegriff denn als Identität stiftende Formel für Bevölkerungsgruppen, die sich durch bestimmte Merkmale, wie Ethnie und Sprache, von anderen Bevölkerungsgruppen unterschieden.
Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein hielt sich die Definition der Nation als Abstammungsgemeinschaft. Natio konnte dabei ebenso eine Sippe bezeichnen, wie eine Landschaft oder ein Volk. Erst die Aufklärung und die bürgerlichen Revolutionen in Amerika und Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts gaben dem sich im Zuge der Reformation und der Entstehung frühkapitalistischer Wirtschaftsformen sich weiter herausbildenden deutschen Nationsbewusstsein einen größeren Auftrieb. 24 Zunehmend wurde jetzt das Bekenntnis zur eigenen Nation, die nationale Einheit als ein Ganzes, gefordert. Allmählich legte die Idee der Nation als Einheit von Volk und Staat den Grundstein für eine Sakralisierung des Nationalen. Dies geschah aber nicht allein durch religiöse Sinnbezüge des Nationalismus. Vielmehr trat der Nationalismus in gewisse Funktionen der Religion ein, er forderte Opfer und konnte dem individuellen Leben Sinn verleihen. Doch erst mit der Weiterführung bereits vorhandener In-und Exklusionsmechanismen während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts setzten Entwicklungen ein, die es rechtfertigen, von einer, wie Ute Planert es nennt, „nationalen Sattelzeit“ zu sprechen und hier eine der Entstehungsphasen des modernen deutschen Nationalismus zu sehen. 25 Zwar beeinflusste die Französische Revolution, die in Deutschland aufmerksam verfolgt wurde, vor allem das Denken der bildungsbürgerlichen Eliten, zu denen auch Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte zählten. Doch vertraten nur wenige in der Frühphase der nationalen Bestrebungen die Auffassung, dass die deutsche Nation auch einen (einheitlichen) deutschen Nationalstaat benötige. 26 Die im Zuge des monarchischen Absolutismus allmählich forcierte „Staatsbildung“ innerhalb der deutschen Partikularstaaten wurde seitens der Bevölkerung bzw. der geistigen Eliten (noch) nicht mit Bezug auf eine gesamtnationale Einheitsvorstellung betrachtet. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts lässt sich daher von einem ausgeprägten deutschen Nationalbewusstsein innerhalb gesamtstaatlicher Gruppen und einer deutschen Nation als staatlich-politische Identitätsbezeichnung - wenn
24 Vgl. JÜRGEN KOCKA: Das lange 19. Jahrhundert: Arbeit, Nation und bürgerliche Gesellschaft (= Gebhard.
Handbuch der Deutschen Geschichte, Bd. 13), Stuttgart 2001, S. 84 f.
25 Vgl. UTE PLANERT: Wann beginnt der »moderne« deutsche Nationalismus? Plädoyer für eine nationale
Sattelzeit, in: Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen, 1760 - 1960, hrsg. v. Jörg
Echternkamp / Sven Oliver Müller (= Beiträge zur Militärgeschichte, hrsg. vom MGFA, Bd. 56), München
2002, S. 43.
26 JAMES J. SHEEHAN: Der Ausklang des alten Reiches. Deutschland seit dem Ende des Siebenjährigen Krieges
bis zur gescheiterten Revolution 1763 bis 1850. Ins Deutsche übertragen von Karl Heinz Siber (= Propyläen
Geschichte Deutschlands, Bd. 6), Frankfurt am Main - Berlin 1994, S. 343.
13
überhaupt - nur in geringem Maße sprechen, zumal eine staatliche Einigung erst mit der Reichsgründung 1871 erfolgte. 27
Die Nationsbildung (nation-building) 28 der Deutschen vollzog sich dabei in einer ständigen Wechselwirkung mit ähnlichen Vorgängen im benachbarten Europa. Aus diesem Grund darf die Geschichte der Deutschen nicht als einheitlicher, linearer Prozess verstanden werden, vielmehr verliefen mehrere Entwicklungslinien sowohl zeitlich als auch räumlich parallel. Hagen Schulze konstatiert zu Recht, dass diese Entwicklung keineswegs konstant war: „wie alle politischen und kulturellen Gemeinschaftsformen ist auch die Nation eine Erscheinung der europäischen Zivilisation, ist also historisch entstanden, hat Veränderungen und Entwicklungen durchlaufen [...].“ 29
2.1 DIE POLITISCHE PHILOSOPHIE DER NATION - DEUTUNGSMODELLE VOM SPÄTEN 18. JAHRHUNDERT BIS ZUR GEGENWART
So selbstverständlich der Begriff „Nation“ in den unterschiedlichsten Zusammenhängen im allgemeinen Sprachgebrauch verwendet wird, so sehr ist die theoretische Deutung des Begriffs ein gewagtes Unterfangen, hat sich der Nationsbegriff in der langjährigen Forschungsdebatte als vieldeutig und vielschichtig erwiesen. 30 So wurden beispielsweise die Begriffe „Volk“ und „Nation“ bis Ende des 19. Jahrhunderts oftmals synonym gebraucht. Dementsprechend gibt es bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine allgemein verbindliche Definition davon, was eine Nation eigentlich ist, noch herrscht Einigkeit darüber, ab wann von der Existenz einer (deutschen) Nation gesprochen werden kann, zumal sich zu jeder begrifflichen Bestimmung auch immer wieder Ausnahmen finden lassen. In Folgenden soll daher nicht die Entwicklung des Nationsbegriffs in all seinen Facetten nachgezeichnet werden - eine solche Absicht würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen - vielmehr kann nur eine knappe und daher gezwungenermaßen verallgemeinernde Zusammenfassung der langjährigen Forschungsdebatte wiedergegeben werden.
27 Vgl. KOCKA: Das lange 19. Jahrhundert, S. 84.
28 Der Begriff nation-building findet insbesondere in der jüngeren, meist englischsprachigen Forschung
Verwendung. Systematisch ist das Theorem nation-building aber auf unterschiedliche Weise verwend- und
interpretierbar. Im Deutschen wird synonym sowohl von Nationenbildung als auch von Nationsbildung
gesprochen. Da die „deutsche Nation“ Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist und um eine irreführende,
pluralistische Verwendung des Begriffs Nationenbildung zu vermeiden, gebraucht der Verfasser im Folgenden
den Begriff Nationsbildung.
29 Vgl. SCHULZE: Staat und Nation, S. 112.
30 Zur begriffsgeschichtlichen Entwicklung in Europa vgl. ERIC J. HOBSBAWM: Nationen und Nationalismus.
Mythos und Realität seit 1780, aus dem Engl. von Udo Rennert, Frankfurt am Main 1991, S. 25 - 58.
14
2.1.1 JOHANN GOTTFRIED HERDER
Konstituierte sich die Nation nach dem Ideal der Französischen Revolution durch den bewussten Willensakt der Gemeinschaft der Bürger, war insbesondere bei Johann Gottfried Herder 31 das eigentlich entscheidende Merkmal bei einer Ausdifferenzierung der Menschen zur Nation die (Volks-)Sprache: Herder schrieb in seiner Schrift „Zur Beförderung der Humanität“: „Wer in derselben Sprache erzogen ward, wer sein Herz in sie schütten, seine Seele in ihr ausdrücken lernte, der gehört zum Volk dieser Sprache. [...] Mittelst der Sprache wird eine Nation erzogen und gebildet; mittelst der Sprache wird sie Ordnung- und Ehrliebend, folgsam, gesittet, umgänglich, berühmt, fleißig und mächtig.“ Und weiter: „Wer die Sprache seiner Nation verachtet, entehrt ihr edelstes Publikum [...]“ 32 , ein Punkt, den, soviel sei hier schon mal vorweg genommen, auch Fichte und Arndt in ihren Schriften des Öfteren zum Ausdruck gebracht haben.
Bei Herder konstituierte sich die Gemeinschaft also durch ihre Sprache. Erst dadurch erhielt sie ihre Identitäts- und Legitimationsgrundlage. Er legte ihr organisch, natürlich Gewachsenes zugrunde. Jeder Angehörige eines Volkes gehörte naturgegeben zu seiner Nation. Diesen Gedanken der natürlichen und überzeitlichen Einheit hatte Herder bereits in seinem „Journal meiner Reise im Jahre 1769“ 33 und in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ 34 formuliert. Anhand der slawischen Völker, die zu jenem Zeitpunkt auch Teil der Habsburgermonarchie und damit keine politisch selbstständigen Nationen waren, entwickelte der gebürtige Ostpreuße den Gedanken, dass die Existenz einer Nation unabhängig von einem staatlichen Rahmen sein musste. 35 Als das gemeinschaftsverbürgende Band galten ihm gemeinsame Kultur und in noch verstärktem Maße eine gemeinsame
31 Johann Gottfried Herder wurde am 25. August 1744 in Mohrungen/Ostpreußen geboren. Der Geschichts- und
Kulturphilosoph starb am 18. Dezember 1803 in Weimar.
32 JOHANN GOTTFRIED HERDER: Briefe zur Beförderung der Humanität, hrsg. v. Hans Dietrich Irmscher (=
Johann Gottfried Herder Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Martin Bollacher u.a., Bd. 7), Frankfurt am Main 1991,
S. 304 f.
33 Das „Journal meiner Reise im Jahre 1769“, das Herder während einer Schiffsreise von Riga nach Nantes
niederschrieb, wurde in vollständiger Form erst 1846 von seinem Sohn Emil Gottfried Herder veröffentlicht. Das
„sonderbare Ding“, wie Herder selbst seinen Text in einem Brief an seinen Verleger Johann Friedrich Hartknoch
beschrieben hatte, war eigentlich nicht zur Veröffentlichung gedacht. Vgl. JOHANN GOTTFRIED HERDER: Journal
meiner Reise im Jahre 1769, hrsg. und mit einer Einl. vers. v. Johannes Nohl, Weimar 1949.
34 Herders Schrift „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ erschien in vier Bänden zwischen
1784 (1. Bd.), 1785 (2. Bd.), 1787 (3. Bd.) und 1791 (4. Bd.). Vgl. JOHANN GOTTFRIED HERDER: Ideen zur
Philosophie der Geschichte der Menschheit, hrsg. v. Heinz Stolpe, Bd. 2, Berlin - Weimar 1965.
35 Vgl. HERDER: Journal, S. 248 ff. Herder wünschte sich, dass die „slawischen Völker“, befreit von ihren
„Sklavenketten“, in den Genuss einer „freieren Bildung“ kommen und dadurch den „Garten der Menschlichkeit“
erreichen würden.
15
Sprache. 36 Aus seiner Sicht war die Nation „etwas vorgegebenes, gar eine ,von Gott’ geschaffene Einheit, unbehindert von Staats- und Landesgrenzen, in die der einzelne hineingeboren wird“ 37 . Herder definierte die Nation aus dem einfachen Volk heraus, wobei ihm das Volkstümliche als eigentlicher Ausdruck einer deutschen Seele galt. Die Seele, für Herder das gemeinsame Band im Unterbewusstsein, verband die einzelnen Mitglieder des Volkes über alle Generationen hinaus und über alle Grenzen hinweg miteinander. Er erklärte die Völker zu den natürlichen Sozialindividuen. Dabei war für ihn der Geist eines Volkes göttlichen Ursprungs und manifestierte sich in dessen Volkssprache. 38 Gleichzeitig betonte der Philosoph des Sturm und Drangs in seiner 1773 erschienenen Ausgabe der „Volkslieder“ 39 die notwendige Abgrenzung einer „deutschen Nation“ gegenüber benachbarten Nationen, vor allem der Französischen, und darüber hinaus eine erweiterte Abgrenzung durch innere Harmonisierung. Nach seiner Auffassung verhinderte „Fragmentierung und Spezialisierung, Ausdifferenzierung und Entfremdung“ die „innere Ausbildung einer deutschen Nation“ 40 .
In seinem „Journal“ konstruierten die Begriffe „Nation“ und „Volk“ die Idee von natürlichen, geschichtlich und geographisch fundierten Einheiten, auftretend als kollektiver Akteur. 41 Einer der zentralen Aspekte der Nation und des Volkes war für ihn der „Nationalgeist“, der für ihn Ausdruck nicht nur in Sprache, sondern auch in Kultur und Mythologie fand. 42 In der Gedankenwelt des „Journals“ wird nicht die Nation aus der Gemeinschaft der Kultur geschaffen, sondern erst die Kultur bringt das Kollektivwesen „Volk“ im Sinne der Nation hervor, die sich dann in einer gemeinsamen Sprache und Mythologie ausdrücken kann. 43 Dabei ist Herders kulturelle Nation für ihn per se nicht unpolitisch, strebte diese letztendlich zur Staatsnation, um ihren Platz in der Geschichte zu finden. Auf dem Weg dorthin lag die Aufgabe des Staates darin, die Nation und das Volk
36 Vgl. HERDER: Ideen zur Philosophie, S. 233 ff.
37 ERHARD BUS: Großdeutsches im Kleindeutschen Reich, Darmstadt 1986, S. 7.
38 Vgl. JOHANN GOTTFRIED HERDER: Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit, hrsg. v.
Hans Dietrich Irmscher, Stuttgart 1990.
39 Vgl. JOHANN GOTTFRIED HERDER: Volkslieder, Übertragungen, Dichtungen, hrsg. v. Ulrich Gaier (= Johann
Gottfried Herder Werke in zehn Bänden, hrsg. v. Martin Bollacher u.a., Bd. 3), Frankfurt am Main 1990.
40 HANS-MARTIN BLITZ: Aus Liebe zum Vaterland. Die deutsche Nation im 18. Jahrhundert, Hamburg 2000, S.
355.
41 Vgl. JOST SCHNEIDER: Den Deutschen die Krone? Herder über den kulturellen Wettstreit der Nationen, in:
Regine Otto: Nationen und Kulturen. Zum 250. Geburtstag Johann Gottfried Herders, Würzburg 1996, S. 217
ff.; WILHELM SCHMIDT-BIGGEMANN: Elemente von Herders Nationalkonzept, in: Regine Otto: Nationen und
Kulturen, S. 29 f.
42 Vgl. BIRGIT NÜBEL: Zum Verhältnis von ,Kultur‘ und ,Nation‘ bei Rousseau und Herder, in: Regine Otto:
Nationen und Kulturen, S. 97 - 109.
43 Vgl. WILFRIED MALSCH: Nationen und kulturelle Vielfalt in Herders Geschichtsphilosophie, in: Regine Otto:
Nationen und Kulturen, S. 121.
16
miteinander zu verbinden, diese, wie Herder es nannte, zur „Vollkommenheit“ 44 zu führen. Auch wenn er sein Bedürfnis nach politischer Partizipation des Volkes in Frankreich verwirklicht sah, forderte er als „Abwehrstellung gegen die Bedrohungen vom (französischen) Westen wie (russischen) Osten“ 45 ein Bündnis zwischen Österreich und Preußen, welches „das veste Land aller Deutschen Völker [...] vor Unterdrückung fremder Nationen und Sprachen mitbeschützen helfe“ 46 . Wie Heinrich August Winkler in seinem Buch „Nationalismus“ festhält, avancierte Herder mit seinen sprachtheoretischen Überlegungen zum „Schöpfer des kulturellen Konzepts der Nation“ 47 .
Vorweg bleibt schon einmal festzuhalten, dass Herders Gedanken große Wirkungsmacht auf die konzeptionelle Deutung der Nation und des Volkes bei Ernst Moritz Arndt und Johann Gottlieb Fichte entwickelten.
2.1.2 ERNEST RENANS KONSTRUKTIVISTISCHER NATIONSANSATZ
Die Kardinalfrage „Was ist eine Nation?“ stellte 1882 in der Hochphase des europäischen Nationalismus Ernest Renan. Der französische Religionswissenschaftler Renan, einer der Wegbereiter des konstruktivistischen Nationsbegriffs, wie er auch in dieser Arbeit Verwendung finden soll, beantwortete die Frage mit der Rückschau auf die Geschichte und deren Annahme in der Gegenwart. Beide Male geschah dies seinem Verständnis nach subjektiv: als Sicht und als Wille, und beide Male war die Einheit bereits vorgegeben. Seine entworfene Definition bedeutete eine konzeptionelle Neuorientierung des Nationsbegriffs. „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip.“ 48 Um die „große Solidargemeinschaft, [die] getragen von dem Gefühl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist“ 49 , zu begründen, war zweierlei wichtig: zum einen die Vergangenheit, „der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen“, zum anderen die Gegenwart, „der Wunsch, zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten“ 50 . Entscheidendes
44 HERDER: Journal, S. 102.
45 Vgl. SAMSON B. KNOLL: Herders Nationalismus - Debatte ohne Ende, in: Regine Otto: Nationen und
Kulturen, S. 245.
46 JOHANN GOTTFRIED HERDER: Preußische Krone, (= Herders Sämmtliche Werke, hrsg. v. Bernhard Suphan,
Bd. 23), S. 462 f., zit. n. Knoll: Herders Nationalismus, S. 245.
47 Vgl. HEINRICH AUGUST WINKLER: Der Nationalismus und seine Funktion, in: ders.: Nationalismus, 2., erw.
Aufl., Königstein/Taunus. 1985, S. 8.
48 ERNEST RENAN: Was ist eine Nation? Aus dem Französischen von Henning Ritter, in: Michael Jeismann und
Henning Ritter: Grenzfälle. Über neuen und alten Nationalismus, Leipzig 1993, S. 290 - 310, hier S. 308.
49 EBD., S. 309.
50 Beide Zitate bei EBD., S. 308.
17
Merkmal der Nation war der Wille seiner Bürger bzw. des Staatsvolkes, sich zu einer Nation zu bekennen, und der Wunsch, ein gemeinsames, nationales Leben zu gestalten. Die theoretische Implikation der Nation von Renan wies Herders Gedanken einer Existenz von Nationen sui generis zurück. Vielmehr gab der „Wille“, sich freiwillig für eine gemeinsame Vergangenheit und Zukunft zu entscheiden, den Ausschlag für die Konstitution einer Nation. Für Renan war „das Dasein einer Nation [...] ein täglicher Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen einen andauernde Behauptung des Lebens ist“ 51 und hatte daher keine außeralltägliche Substanz, sondern bedurfte der Zustimmung und der permanenten Wiederholung derselben durch seine Mitglieder.
2.1.3 MAX WEBER UND PETER ALTER
Auch Max Weber argumentierte gegen die Existenz einer Nation sui generis. Er schrieb in seinem Buch „Wirtschaft und Gesellschaft“, „daß gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei“, ohne dass die Nationszugehörigen nach „empirisch gemeinsamen Qualitäten [...] definiert werden“ könnten. „Wenn gleichwohl die Idee der ,Nation’ gern die Vorstellung der Abstammungsgemeinschaft und einer Wesensähnlichkeit (unbestimmten Inhalts) einschließt“, war sie dennoch nicht mit Begriffen wie „Staatsvolk“, „Sprachgemeinschaft“ und „politischer Schicksalsgemeinschaft“ 52 gleichzusetzen. Weber hielt fest, dass eine „Gruppe von Menschen, welchen kraft ihrer Eigenart bestimmte, als ,Kulturgüter’ geltende Leistungen in spezifischer Art zugänglich sind [...] die Führung usurpieren: die ,Intellektuellen’ also [...], die in spezifischem Maße dazu prädestiniert sind, die ,nationale’ Idee zu propagieren.“ 53 Demnach waren es Intellektuelle, die entscheidenden Anteil an der Gestaltung und Verbreitung von Nationen hatten.
Ähnlich wie Weber betonte auch Peter Alter die unterschiedliche Entwicklung des Nationalgefühls und definierte die Nation als eine „soziale Gruppe [...], die sich aufgrund vielfältiger historisch gewachsener Beziehungen sprachlicher, kultureller, religiöser oder politischer Art ihrer Zusammengehörigkeit und besonderer Interessen bewußt geworden ist.“ 54 Alter folgte mit seinen Überlegungen dem konstruktivistischen Ansatz und betonte, wie
51 RENAN: Was ist eine Nation?, S. 309.
52 Beide Zitate bei MAX WEBER: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, besorgt
von Johannes Winckelmann, 5., revidierte Aufl., Tübingen 1980, S. 528.
53 EBD., S. 530.
54 PETER ALTER: Nationalismus, Frankfurt am Main 1985, S. 22.
18
auch schon Renan und Weber vor ihm, den Charakter der Nation als ein intersubjektiv geteiltes Konstrukt.
2.1.4 KARL W. DEUTSCH, HELMUTH PLESSNER UND HEINRICH A. WINKLER
Und auch Karl W. Deutsch wandte sich in seiner Schrift „Nationalism and Social Communication“ von dem Vorhandensein einer Nation sui generis ab und leitete in der Nationsforschung einen Paradigmenwechsel ein. Darin richtete er sein Interesse auf die Herausbildung von Nationen durch soziale Veränderung, Modernisierung und Industrialisierung. 55 Helmuth Plessner sah in der Glaubensspaltung infolge der Reformation einen entscheidenden Fortschritt hin zum Nationalstaat 56 , einer Überlegung, der auch Heinrich August Winkler folgt und festhält, dass die „Reformation [...] die deutsche Nation nicht nur gespalten, sondern in gewisser Weise neu konstituiert“ 57 hat. Aus dieser Perspektive beginnt die von der älteren Forschung stark betonte Zäsur durch die Französische Revolution von 1789 als Ausgangsbasis eines nationalen Denkens zu schwinden. 58
2.1.5 DIE JÜNGERE FORSCHUNG - BENEDICT ANDERSON, ERNEST GELLNER UND ERIC J. HOBSBAWM
Gegenwärtig folgt die Nationsforschung diesen theoretischen Modellen und erachtet die Nation nicht als ein natürliches, gottgewolltes Gebilde, sondern vielmehr als ein ideologisches Produkt umfassender Entwicklungen der europäischen Neuzeit. Benedict Anderson formuliert
55 Vgl. KARL W. DEUTSCH: Nationalism and Social Communication. An inquiry into the foundations of
nationality, 2. ed., Cambridge/Massachusetts - London 1966. Besonders interessant ist hier das Kapitel
„Peoples, Nations, and Communication“, in dem Deutsch einen für die Nationswerdung grundlegenden
kommunikationssoziologischen Ansatz herausgearbeitet hat. Vgl. dazu die S. 86 - 106.
56 Mit der Spaltung der Kirche und dem seither von beiden Konfessionen erhobenen Anspruch auf die
Verkündung der Wahrheit, ließ an die „Stelle der überweltlichen Autorität des göttlichen Heilsplans“ die
„Autorität der wirklichen Geschichte“ treten. Vgl. PLESSNER: Die verspätete Nation, S. 88.
57 Vgl. WINKLER: Der lange Weg, S. 17 ff.
58 Das die Französische Revolution als Epochenereignis die Nationsbildung in Europa maßgeblich beeinflusste
ist unstrittig. Doch konzentriert sich die jüngere Forschung zunehmend auch auf frühmoderne Nationsideen, wie
beispielsweise die der Humanisten im 15. und 16. Jahrhundert, denen der „Nationsbegriff vor allem zur
Fremdbeschreibung und kategorialen Zuordnung von Personengruppen“ diente. Vgl. hierzu SIEGFRIED
WEICHLEIN: Nationalbewegungen und Nationalismus in Europa, hrsg. v. Kai Brodersen u.a. (= Geschichte
Kompakt), Darmstadt 2006, S. 53.
Zwar wurde infolge des französischen Umbruchs die von den Ständen politisch repräsentierte Nation durch eine
Volksnation, also eine die Gesamtheit des Volkes umfassende Nation, abgelöst, dennoch blieb diese eine -ethnisch gesehen - wenig homogene Gruppe. Sie konnte sich weder auf gemeinsame Traditionen, noch auf eine
gemeinsame Sprache berufen. Ihre Gemeinsamkeit bedurfte also vielmehr etwas „Künstlichem“.
19
in seinem gleichnamigen Buch dieses Konstrukt treffend als „Imagined communities“ 59 . Darin stellt er heraus, dass die Nation gerade keine vorgegebene, natürliche Einheit wie die Familie, sondern ein sich wandelnder geschichtlicher Akteur ist. Seine Beschreibung von Nationen als „gedachtes Kollektiv“, als in der Vorstellung existierende Gemeinschaften, deren wesentliche Eigenschaft ihre Begrenztheit bezüglich der Mitglieder sowie die politische Souveränität sind und Eric Hobsbawms „Invention of Tradition“ 60 sind gewissermaßen zu Schlagworten der zeitgenössischen Nationsforschung geworden. „Der Zentralbegriff der invention of tradition bedeutete für Hobsbawm sowohl das Erfinden neuer Traditionen als auch das Entdecken und Wiederbeleben alter Traditionen.“ 61 Beide etablieren mit ihren theoretischen Ansätzen die Nation als ein „vorgestelltes“ Ordnungsmodell. Für Anderson und Hobsbawm dient sie als Ort der Selbstdefinition in einem vorgestellten Kollektiv. Die Nation als eine gedachte Ordnung, die eine Gemeinschaft als Einheit bestimmt, ist also „ein vergleichsweise junges Ordnungsmodell, das am Ende des 18. Jahrhunderts in der Weise entstand, wie es im 19. und 20. Jahrhundert verwandt wurde.“ 62 Konstitutiv für die Nation ist der jüngeren Forschung zufolge die Gemeinsamkeit der Kultur und der politischen Geschichte, „aber auch der politische Wille zu einer handlungsfähigen Einheit mit eigener Repräsentation“ 63 . Hagen Schulze hebt zu Recht hervor, dass Nationen in aller Regel mehr erträumte und meist durch Intellektuelle konstruierte Gemeinschaften als wirklich fassbare Einheiten sind. 64
2.1.6 KULTUR- BZW. STAATSNATION
Bei der Suche nach objektiven Attributen einer sich als Nation verstehenden Gruppe unterscheidet die Nationsforschung zwei Ansätze mit unterschiedlichen Entwicklungspfaden: Für Friedrich Meinecke diente sowohl kulturelle als auch sprachliche Eigenart und
59 BENEDICT ANDERSON: Imagined communities. Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, rev. and
extended ed., 2nd ed., London u.a. 1991 (dt.: DERS.: Die Erfindung der Nation: Zur Karriere eines folgenreichen
Konzepts, aus dem Engl. von Benedikt Burkard und Christoph Münz, erw. Neuausg., Frankfurt am Main - New
York 1996). Der Titel der deutschen Übersetzung ist aber ungenau, sind die Nationen gerade nicht erfundene,
sondern vielmehr vorgestellte Einheiten. Vgl. dazu ANDERSON: Die Erfindung der Nation, S. 15. f.;
LANGEWIESCHE: Was heißt ,Erfindung der Nation‘?, S. 593 - 617. Hierin stellt Langewiesche ganz im Sinne
Ernest Renans heraus, dass die Nation ein kollektives Konstrukt, „verankert in einem historischen
Zwangsgehäuse“, aber eben keine „Erfindung“ ist, die sich Menschen ausdenken.
60 So lautet der Originaltitel des Werkes von ERIC HOBSBAWM / TERENCE RANGER: The Invention of Tradition,
14. print., Cambridge 2006.
61 WEICHLEIN: Nationalbewegungen und Nationalismus, S. 24. Hervorhebung im Original.
62 EBD., S. 1.
63 MANFRED SPIEKER: Vom katholischen Reich zum protestantischen Nationalstaat. Nation und Konfession -
eine katholische Perspektive, in: F.A.Z., Die Gegenwart (Politik) vom 7.3.1994, S. 11.
64 Vgl. SCHULZE: Staat und Nation, S. 110.
20
Unterschiedlichkeit in einem ersten Modell als Begründung nationaler Identität. Besondere Bedeutung maß er dabei den ethnischen Merkmalen - einer gemeinsamen Sprache, Tradition, Herkunft, Geschichte und besonders der Kultur - bei, weswegen er diesen Typus als „Kulturnation“ bezeichnete. Der unpolitischen Kulturnation stand in einem zweiten Modell die politische „Staatsnation“ gegenüber. In dieser Vorstellung wurde die Gemeinsamkeit des Territoriums eines Nationalstaates höher gewertet und alle darin lebenden Menschen als Staatsbürger der Nation verstanden. 65 Die deutsche Kulturnation des späten 18. Jahrhunderts stand der französischen Staatsnation gegenüber, die deutsche Kultur der französischen Demokratie und Zivilisation.
Aufgrund der Schwierigkeit bei der Abgrenzung der beiden Modelle favorisiert Eric Hobsbawm eine subjektive Definition, in der er unter Nation „jede ausreichend große Gemeinschaft von Menschen“, „deren Mitglieder sich als Angehörige einer »Nation« betrachten“ 66 , versteht. Auch für Ernest Gellner ist die Nation ein historisches Phänomen und keine universelle Notwendigkeit. Die Verbindung von kapitalistischer Produktionsweise und Buchdruck, sowie die Formierung nationaler Schriftsprachen, einhergehend mit dem Verfall der „heiligen Sprache“ Latein 67 , bildeten wichtige Voraussetzungen für den Transport nationaler Vorstellungen. 68 Für Gellner steht fest, dass weder Nationen noch Staaten zu allen Zeiten und unter allen Umständen existieren. Sie sind vielmehr als kollektiv gedachtes Konstrukt verankert in einen historischen Rahmen und durchlaufen somit den Prozess der historischen Entwicklung und Veränderung. Gellner weißt darauf hin, dass Nationen „Artefakte menschlicher Überzeugung, Loyalitäten und Solidaritätsbeziehungen“ 69 wären: „Der Mensch macht die Nation.“ 70 Wie schon Max Weber so stellt auch Hagen Schulze prägnant fest, dass die Nationalkulturen „meist Sache weniger «Erwecker», von Intellektuellen [waren] - Dichter, Philosophen, Historiker und Philologen - die die Nationen Europas aus der Taufe hoben [...]“ 71 .
65 Vgl. beispielhaft für den Begriff „Staatsnation“ FRIEDRICH MEINECKE: Weltbürgertum und Nationalstaat.
Studien zur Genesis des deutschen Nationalstaates, 5., durchgesehene Aufl., München - Berlin 1919, S. 2 - 4.
66 HOBSBAWM: Nationen und Nationalismus, S. 19.
67 ANDERSON: Die Erfindung der Nation, S. 27. Anderson stellt hierin heraus, dass mit dem Untergang der
lateinischen Sprache sich ein Prozess in Gang setzte, in dem die religiösen Gemeinschaften allmählich
pluralisiert und territorialisiert wurden.
68 So weißt beispielsweise Ernest Gellner auf die durch den Buchdruck ermöglichte, wachsende Bedeutung der
Landessprachen als einen Auslöser für den sozialen Wandel hin, der letztendlich die Entstehung von Nationen
begünstigte. Vgl. ERNEST GELLNER: Nationalismus und Moderne, aus dem Engl. von Meino Büning, Berlin
1991, S. 19 - 22; Vgl. dazu auch WEICHLEIN: Nationalbewegungen und Nationalismus, S. 56.
69 GELLNER: Nationalismus und Moderne, S. 16.
70 EBD., S. 16. Hervorhebung im Original.
71 SCHULZE: Staat und Nation, S. 176.
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