Gliederung
I. Kausalzusammenhang Wille 01
II. Herrenmoral und Sklavenmoral 02-03
III. Zur nietzscheschen Anthropologie 04-05
IV. Der Soll-Zustand des Übermenschen 06-07
V. Nietzsche heute 08-09
VI. „Schöne neue Welt“: Vorwegnahme der Zukunft? 09-11
VII. Resumé 11-12
Als einer der ersten Wegbereiter der Existenzphilosophie postulierte Nietzsche in seinem Hauptwerk den „Willen zur Macht“ als den Versuch „einer Umwertung der Werte“. Zuvorderst erachte ich die Analyse der Nietzscheschen Begriffswelt, insbesondere den Terminus des Willens, polar zur Schopenhauerschen Begriffsdetermination, nämlich dass ein apriorisches Verständnis vom Willen als gesetzt gelte, für unabdingbar. In seinem Werk „Jenseits von Gut und Böse“ 1 konstatiert Nietzsche das Wollen definitorisch aus einer Dreiheit von Gefühlen, Affekten und Gedanken; Wille sei folglich kein intelligibles Vorbewusstes, sondern ein komplexes System, das sich ursächlich in psychologischer Introspektive als Drei-Stufen-Gerüst entsprechend generiere:
Der Willensakt gründe sich erstens in einem Gefühl des Zustandes, der zum einen hin oder vom anderen wegführe, ferner in einer Kommandozentrale des Denkens uns zuletzt als ein Affekt des Kommandos, der dem Wollenden die eigene Willensfreiheit suggeriere. Tatsächlich aber sei Wollen Befehl und Gehorsam zugleich, i.e. aktivisch sei Wollen der Wille zum Gehorsam und passivisch die Unterwerfung des Wollenden unter den Willen.
Nun könnte man meinen, dass sich jene fröhliche Dialektik auch in allen weiteren Kapiteln der Nietzscheschen Frühlingswiese im „Willen zur Macht“ fruchtbar fortsetzt; und siehe da: Obige Herrschaftsstrukturen, eingebettet in der Aufsichtsbehörde „Leben“, bilden für sich selbst den Bezugsrahmen zur Moral, i.S. einer „Willens-Welt“ von Moral und Immoral, was sich als ein überaus trefflicher Übergang zum nächsten Kapitel versteht.
Im „Willen zur Macht“ deklariert Nietzsche in seiner Funktionsbesetzung des schwachen und starken Typus Mensch den unmoralischen Existenzmodus als denjenigen, der - kraft seines Quantums an Lebenswillen - obsiegen werde. Moralität sei aufgrund christlicher Indoktrination allezeit Negation des Willens, Projektion wertkonservativ-kirchlicher Dogmata gewesenniederkreatürliche Phänotypen seien fernerhin bloße Kopie glaubenskohärenter Herrschaftsverhältnisse, und, darwinistisch formuliert, eine Spezies unterster Rangordnung, die evolutionstheoretisch sukzessive vom Erdboden zu tilgen seien 2 . Altbackene Moralkonventionen lehnt er konklusiv ab, Moral rekurriere auf Natur als Ur-Instinkt. Teleologisch seien Nietzsches Unterschichtenmenschen als Unterbau für Valenz und Emporkommen der höheren Entitäten bedingt tragbar; 3 zudem postuliert Nietzsche selbst auch die Erhaltung der Schwachen zwecks Verrichtung niederer Tätigkeiten - ferner sei der Instinkt der Solidarität dem Instinkt der Furcht und Servilität entgegenzusetzen 4 . Die von Nietzsche propagierte Verabschiedung vom Ethos ist fernerhin Hinwendung zur dionysischen Konzeption: Das rauschhafte, unmittelbare, lebensbejahende Lustprinzip als die einzige der drei tragenden Säulen der griechischen Tragödie - was letztlich zur Entthronung des Bewusstseins führt; die Begrenztheit der Vernunft sei nachrangig gegenüber der Leibeinheit und dem Selbsterhaltungstrieb als kardinalen Trieb eines organischen Wesens. „Leben ist Wille zur Macht.“ 5
Kausal erkläre sich der Fortbestand der Sklavenmoral des primitiven Menschen in seinen natürlichen Anlagen bzw. in einer prädisponierten Furcht vor dem Bösen. Laut Nietzsche sei das Böse per se eben nicht Untugend, sondern ein Zufälliges, Ungewisses, Plötzliches, das zu kalkulieren, dem zu prävenieren sei.
2 F. Nietzsche: Der Wille zur Macht, S. 267, Aphorismus 382
3 F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, S. 152, Aphorismus 258
4 F. Nietzsche: Der Wille zur Macht, S. 615, Aphorismus 895
5 F. Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse, S. 17, Aphorismus 13
Die Vorstellung vom Bösen der „missratenen Menschen“ sei ferner psychopathologisches Angstsyndrom, das einen unbewussten Abwehrmechanismus herbeiführe:
Bewältigungsstrategien desselben ergeben sich aus einer Verkehrung des Bösen als geglaubte Vernunft, aus einem mutmaßlich wohlwollenden Sinngefüge, oder aber als Rechtfertigungsgrund verdienter Strafe 6 . Pointiert bedeute dies eine moralisch-religiöse Verblödungssituation, die eine automatisierte Unterwerfung unter das Böse impliziere. Das höchstmögliche Ideal der zukünftigen Kulturen bestehe eben im Ressentiment solcher moralischen Rechtfertigung, terminologisch weithin als „Pessimismus der Stärke“ deklariert: Der Mensch „genieße das Übel pur und finde das sinnlose Übel als das interessanteste“; „habe er früher einen Gott nötig gehabt, so entzücke ihn jetzt eine Weltunordnung ohne Gott, eine Welt des Zufalls, in der das Furchtbare, das Zweideutige, das Verführerische zum Wesen gehöre“ 7 .
„Da das Gute eine dem Weltenplan entgegengesetzte Seinsweise darstellt […] führt Tugend nur zur stumpfesten, eintönigsten Untätigkeit, Laster hingegen zu allem, was der Mensch an Köstlichem auf Erden erhoffen kann. Dass die höchsten Wonnen des Glücks, die der Mensch auf Erden finden kann, unwiderruflich im Verbrechen liegen - dies in Frage zu stellen, wäre wahrhaftig dasselbe, wie wenn man bezweifelte, das Gestirn des Tages sei die erste Triebkraft der Vegetation. […] Wie dieses erhabene Gestirn die Erneuerin des Alls ist, so ist das Verbrechen der Mittelpunkt der moralischen Glut, die uns entflammt.“ Marquis de Sade 8
6 F. Nietzsche: Der Wille zur Macht, S. 666 ff.
7 F. Nietzsche: Der Wille zur Macht, S. 676
8 Quelle: Mario Praz - Liebe, Tod und Teufel/ Die schwarze Romantik, S. 105
Arbeit zitieren:
Christina Peters, 2006, Friedrich Nietzsche - Wille zur Macht: Eine Analyse, München, GRIN Verlag GmbH
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