Eine Abhandlung über (neu-)rechtes Denken und die Relativierung von
Die Gedankenwelt der deutschen Rechten ist vor allen Dingen von einem ganz bestimmten, grundlegenden und traditionellen Hauptmotiv durchzogen: Deutschland muss in ihren Augen endlich wieder zur Großmacht im internationalen Gefüge avancieren. Diesem elementaren Ziel der (neu-)rechten und (neo-)konservativen Strategen steht jedoch ein gewisses Hindernis im Wege. Dieses Hindernis trägt einen Namen. Der Name lautet: Auschwitz.
Auschwitz ist nicht nur der deutsche Name des polnischen Ortes Owicim. Auschwitz ist auch nicht nur der Name des Konzentrations- und Vernichtungslagers (KZ), das dort von den Nationalsozialisten seit dem 14. Juni 1940, dem Tag, an dem die ersten Häftlinge eingeliefert worden sind, betrieben wurde. Dieses KZ war das Größte seiner Art innerhalb eines ganzen Lager- Systems und es wurde von seinem Kommandanten Rudolf Höß als die „größte Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten“ 1 bezeichnet. In dieser „Anlage“ wurde bis zum 27. Januar 1945, dem Samstag, an dem das Lager von sowjetischen Soldaten befreit wurde, fast ein Drittel aller KZ-Opfer auf brutale, widerwärtige und hinterhältige Art und Weise ermordet. Das bedeutet, in einer Zahl ausgedrückt: Über 1 200 000 Menschen fanden in Auschwitz den Tod. 2 Seitdem wird der Name Auschwitz auch als Synonym für den systematischen, massenhaften und bis ins kleinste organisierten Massenmord an Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen sowie politisch oder religiös Verfolgten verwendet.
Auschwitz steht überdies heute als Symbol für das entsetzliche Ergebnis deutscher Politik: Die weltgeschichtliche Katastrophe, die im Universum der Konzentrations- und Vernichtungslager kulminierte, den verbrecherischen, rassistisch begründeten und ab 1941 in typisch deutscher Pedanterie industriell betriebenen Massen- und Völkermord. Ein Symbol beziehungsweise ein symbolischer Name
1 Vgl. Martin Broszat (Hrsg.): Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höß, Stuttgart 1958, hier S. 120.
2 Vgl. Till Bastian: Auschwitz und die „Auschwitz- Lüge“. Massenmord und Geschichtsfälschung, Originalausgabe, 2. Auflage, München 1994.
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wird deshalb benötigt, weil der „Zivilisationsbruch“ 3 , der in der bisherigen Menschheitsgeschichte faktisch singulär ist, einfach sprachlos macht: Die Realität von Auschwitz ist unaussprechlich. So hat sich allein schon der Name zu einem ständigen Menetekel entwickelt: Er zwingt die Menschen, in erster Linie die „Täternation“ der Deutschen, geradezu zur Selbstreflexion. Auschwitz zwingt „uns Deutsche“ zum Nachdenken über den „Täter in uns“. 4 Ebenso sollte er uns zum Nachdenken über die Ursachen der Untaten zwingen, sowie über den Weg, der dorthin geführt hat und insbesondere, wie sich Theodor W. Adornos berühmt gewordener Imperativ erreichen lässt, „dass Auschwitz nicht noch einmal sei“ 5 , ja wie sich etwas auch nur ansatzweise Vergleichbares in der Zukunft vermeiden bzw. verhindern lässt. Auschwitz hat uns - auch denen, die nicht mehr direkt in die Gräueltaten verstrickt waren - eine Verantwortung auferlegt: Wir tragen die Verantwortung dafür, dass es nicht noch einmal passiert, dass es nicht zu einem zweiten Auschwitz kommt - nie wieder!
Macht man sich nun auf die Suche nach dem besagten deutschen Weg, der nach Auschwitz geführt hat, so stößt man sehr schnell auf den Nationalismus. Die hiesige Variante war ein abgrundtiefer, antidemokratischer und völkischer Nationalismus, der im damaligen Deutschland besonders verwurzelt war und besonders übertrieben „zelebriert“ wurde. Er strebte die Erreichung nationaler Einheit und Größe als Selbstzweck an und verankerte die Nation als obersten Wert in der Gesellschaft. Im deutschen Faschismus in die folgenschwere politische Praxis umgesetzt wurde er, gemeinsam mit seinen „Brüdern“ Militarismus und Imperialismus, zur treibenden Kraft auf dem Weg in die gewaltigste, von Menschen verursachte und zu verantwortende Katastrophe: Er trägt zentrale Verantwortung für den Ausbruch der zwei Weltkriege, von denen allein der zweite wahrscheinlich weit über 55 Millionen Opfer forderte, und dem damit verbundenen, nicht bezifferbarem Leid, das er in die ganze Welt getragen hat. Mit diesem Unheil ging eine zunehmende Barbarisierung der Politik und der Menschen einher, die im „Sozialdarwinismus“ und vor allem im exzessiven Antisemitismus der damaligen Zeit mehr als deutlich wurde und die ihren traurigen Höhepunkt wiederum erst in Auschwitz gefunden hat. Dieser Kausalnexus wurde nach 1945, spätestens jedoch nach 1968, von der Forschung, aber vor allem auch von der überwiegenden Mehrheit der Menschen in der Bundesrepublik erkannt, verinnerlicht und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben. Infolgedessen lässt sich ein solchermaßen unhinterfragter sowie maßlos übersteigerter Begriff der Nation, wie er in der Zeit zwischen 1871 und 1945 wohl an der Tagesordnung gestanden hat, in der heutigen Bundesrepublik nicht mehr problemlos etablieren. Deshalb steht Auschwitz einer Aufwärmung des alten Nationalismus auch gegenwärtig noch im Wege.
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Vgl. Dan Diner (Hrsg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt / M. 1988.
4 Bastian: Auschwitz, S. 88.
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Aber die augenscheinlich völlig unbelehrbare und reaktionäre deutsche Rechte strebt trotz und gerade wegen einer dermaßen blutbefleckten Vergangenheit gegenwärtig erneut an, einen, lediglich geringfügig modernisierten, (Deutsch-) Nationalismus und imperialistischen Großmachtchauvinismus zu rekonstruieren. Die Vorraussetzungen dafür wurden wohl seit 1982/83 6 , spätestens aber seit 1986 geschaffen. In diesem Jahr erschien nämlich ein Aufsatz Ernst Noltes zur „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ 7 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der in der Folge den sogenannten „Historikerstreit“ 8 auslöste. Damals wurde der bis dahin vorherrschende Grundkonsens der historischpolitikwissenschaftlichen Forschung, der darin bestand, dass die Entwicklung des Nationalsozialismus (NS) in Deutschland primär aus Kontinuitäten der oben bereits genannten „Phänomene“ seit dem 19. Jahrhundert zu erklären sei (also vor allem aus Nationalismus, anti- demokratischem Denken, Militarismus, Imperialismus, „Sozialdarwinismus“ und Antisemitismus) 9 , aufgekündigt. „Erreicht“ hat Nolte diesen zweifelhaften „Verdienst“, indem er in seinem Aufsatz den Nationalsozialismus primär als Reaktion auf den Bolschewismus, den nationalsozialistischen „Rassenmord“ 10 primär als Antwort auf den vorausgegangenen „Klassenmord“ 11 darstellte - später faselte er sogar noch etwas deutlicher von dem „historischen Recht“ 12 des Nationalsozialismus. An dieser Stelle begann die öffentlichkeitswirksame Relativierung der unsäglichen NS- Verbrechen. 13 Über die ideologische Bedeutung dieses Streites war man sich indessen schon damals durchaus bewusst, hatte doch der Erlangener Historiker Michael Stürmer, der ehemals Berater von Alt- Bundeskanzler Helmut Kohl gewesen war, die Bedeutung der geschichtlichen Debatte für die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland (BRD) folgendermaßen auf den Punkt gebracht: Es sei klar, dass in einem Land, in dem jahrzehntelang historische Verdrängung praktiziert worden sei, in einem seiner Meinung nach folglich "geschichtslosen Land" 14 , derjenige "die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung füllt, die Begriffe prägt und die Vergangenheit
5 Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt 1969, S. 88.
6 Vgl. Hans- Ulrich Wehler: Renaissance der Geopolitik?, in: ders., Preußen ist wieder chic, Frankfurt 1983, S. 60 - S. 66; ders., Entsorgung der deutschen Vergangenheit, München 1988, S. 31 - S. 34.
7 Ernst Nolte: Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte, in: FAZ vom 6. Juni 1986, nachgedruckt in: Historikerstreit. Die Dokumente der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987.
8 Vgl. Historikerstreit.
9 Vgl. Michael Schneider, „Volkspädagogik“ von rechts. Ernst Nolte, die Bemühungen um die „Historisierung“ des Nationalsozialismus und die „selbstbewusste Nation“, Bonn 1995, hier S. 8.
10 Historikerstreit, hier S. 45.
11 Ebd.
12 Ernst Nolte: Streitpunkte. Heutige und künftige Kontroversen um den Nationalsozialismus, 2. Auflage, Berlin 1994, hier S. 19.
13 Vgl. hierzu beispielsweise Hans- Ulrich Wehler: Entsorgung der Vergangenheit? Ein polemischer Essay zum „Historikerstreit“, München 1988.
14 Michael Stürmer: Geschichte in geschichtslosem Land, in: FAZ vom 25. April 1986, nachgedruckt in: Historikerstreit, S. 36 - S. 38, hier S. 36.
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deutet." 15 Es wurde also die Absicht verfolgt, mittels der Historie, deren tatsächlicher Gehalt bei einer solchen Sichtweise zwangsläufig der funktionalen Bedeutung weichen muss, die kulturelle und politische Hegemonie zu erlangen, um ein „gesundes“ Nationalbewusstsein zurückzugewinnen.
Demzufolge muss natürlich in erster Linie der unansehnliche Teil der deutschen Vergangenheit, das Haupthindernis auf dem Weg zur „selbstbewussten Nation“ 16 , im großen Stil entsorgt werden, damit die Bundesrepublik Deutschland endlich wieder zur Großmacht Deutschland arrivieren kann; denn soll Geschichte das Bild der Nation als Identitäts- und Orientierungsrahmen prägen, dann muss dieses Bild ein einheitliches und geschlossenes sein. Auf die vermeintlich einfachste Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen - den plumpen, neofaschistischen, sogenannten „harten“ zeitgeschichtlichen Revisionismus 17 , das heißt also eine vollkommene, radikale Leugnung der nationalsozialistischen Judenvernichtung (die auch mit dem hebräischen Wort „Shoah“ oder als „Holocaust“ bezeichnet wird)soll jedoch in dieser Arbeit gar nicht erst näher eingegangen werden. Seinen Kernpunkt bildet die „Auschwitzlüge“ eines Thies Christophersen, Fred Leuchter, Paul Rassinier, Robert Faurisson, Wilhelm Stäglich, David Irving, Arthur Butz, Germar Rudolf und anderen und begann bereits kurz nach Kriegsende, allerdings aus nachvollziehbaren Gründen zunächst vornehmlich im Ausland, etwa in Frankreich, den Vereinigten Staaten oder Kanada. In solchen geschichtsrevisionistischen Kreisen wird unter anderem ebenso bezweifelt, dass Deutschland allein für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verantwortlich gewesen sei (die sogenannte „Kriegsschuldlüge“, vertreten etwa von dem Amerikaner David Hoggan und dem Deutschen Alfred Schickel). Solcherlei Autoren werden indes aufgrund der von der seriösen Geschichtswissenschaft bereits erschöpfend dokumentierten Faktenlage von selbiger mit Recht überhaupt nicht ernst genommen. Vor allem aber hat der Deutsche Bundestag am 21. September 1994 ein Gesetz verabschiedet, mit dem unter anderem das öffentliche Leugnen von Verbrechen des Nationalsozialismus, insbesondere die Leugnung der Judenvernichtung, unter Strafe gestellt wurde.
16 Der erstmals 1994 vom Jünger-Biograph und ehemaligen Chefkorrespondenten der ‚Welt am Sonntag’ in Berlin, Heimo Schwilk, sowie dem Ressortleiter „Kultur“ desselben Blattes, Ulrich Schacht, herausgegebene Sammelband mit diesem Titel kann wohl ohne Übertreibung als Manifest der „Neuen Rechten“ in Deutschland bezeichnet werden und wird deshalb in dieser Arbeit besondere Beachtung finden;
Heimo Schwilk, Ulrich Schacht (Hrsg.): Die selbstbewusste Nation. „Anschwellender Bocksgesang“ und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte, 3. erweiterte Auflage, Berlin - Frankfurt / M. 1995, S. 364 - S. 380, hier S. 372. Vgl. auch die Erwiderungen bei Hans-Ulrich Wehler: Angst vor der Macht? Die Machtlust der Neuen Rechten, Bonn 1995.
17 Der Begriff des „Geschichtsrevisionismus“ ist in keinem politologischen oder historischen Nachschlagewerk zu finden. Eigentlich gibt es nicht einen, sondern viele Geschichtsrevisionismen, denn jedes neue Geschichtsbild, ja jede neue Forschungsrichtung revidiert die vorangegangene. Im engeren Sinne versteht man unter Geschichtsrevisionismus jedoch das Bemühen, das von der ernst zu nehmenden Forschung gezeichnete und selbstverständlich negative Bild des Dritten Reiches zu revidieren und durch ein positives zu ersetzen. In diesem Sinne wird der Begriff im Folgenden auch vom Verfasser verwendet.
Arbeit zitieren:
Stefan Kühnen, 2003, Historischer Sondermüll. Eine Abhandlung über (neu)rechtes Denken und die Relativierung von Auschwitz, München, GRIN Verlag GmbH
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