Hans-Jürgen Bieneck, Karl Kuhn
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
Anforderungen an die Arbeitsforschung für eine neue Qualität der Arbeit
Deutschland und Europa durchlaufen eine Periode tiefgreifender Veränderungen. Die tiefgreifenden Veränderungen betreffen alle wichtigen Politikfelder. Eine besondere Rolle kommt dabei den qualitativen Veränderungen von Arbeit und damit auch der Frage zu wie Arbeitsforschung sich diesen Veränderungen stellt.
Die zentrale Frage für eine innovative und zukunftsfähige Arbeitsforschung muss daher lauten: “Wie kann sich Arbeitsforschung angesichts der tiefgreifenden Transformationsprozesse von Arbeit so zukunftsfähig formieren, dass sie die Zukunft der Arbeit innovativ mitgestalten kann?” Was kann die Arbeitswissenschaft als arbeitsgestaltende Wissenschaft mit ihren soziotechnischen Gestaltungsmöglichkeiten für die Zielgestaltungsvision einer neuen Qualität der Arbeit beitragen?
Gehen wir vom Selbstverständnis der Arbeitswissenschaft aus, wäre die Antwort theoretisch leicht zu geben: “Arbeitswissenschaft ist die – jeweils systematische – Analyse, Ordnung und Gestaltung der technischen, organisatorischen und sozialen Bedingungen von Arbeitsprozessen mit dem Ziel, dass die arbeitenden Menschen in produktiven und effizienten Arbeitsprozessen
♦ Schädigungslose, ausführbare, erträgliche und beeinträchtigungsfreie Arbeitsbedingungen vorfinden,
♦ Standards sozialer Angemessenheit und Arbeitsinhalt, Arbeitsaufgabe, Arbeitsumgebung sowie Entlohnung und Kooperation erfüllt sehen,
♦ Handlungsspielräume entfalten, Fähigkeiten erwerben und in Kooperation mit anderen ihre Persönlichkeit erhalten und entwickeln können.” (Luczak & Volpert 1987)
In diesem Sinne ist die Arbeitswissenschaft, wie Zülch es ausgedrückt hat, die Referenzwissenschaft des Arbeitsund Gesundheitsschutzes, die die arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse für eine menschengerechte Gestaltung von Arbeit zur Verfügung stellt.
Wenn es so einfach wäre! Das BMBF Projekt zur Bilanzierung der Arbeitsschutzforschung hat festgestellt, dass gerade der Transfer der gewonnen Erkenntnisse in die betriebliche Praxis auf Dauer ein Problem ist.
Zitat: “Eine Systematik oder Stringenz der Umsetzung von Projektergebnissen war nicht erkennbar. Sowohl vom Forschungsförderer als auch von den Forschenden wurde offensichtlich nur bis Projektende gedacht und entsprechend auch nur bis Projektende eine Finanzierung beantragt und ermöglicht.” (Luczak et al. 2001)
Hier drängen sich weitere ketzerische Fragen auf:
♦ Wie kann es der Arbeitsforschung gelingen, ihre Erkenntnisse umfassend und in großer Zahl in die Betriebe umzusetzen?
♦ Ist diese Umsetzung nur Aufgabe arbeitswissenschaftlicher Experten?
♦ Wie kann der Zuwachs an Gestaltung, der Gestaltungs-Gewinn für die Betriebe messbar und ökonomisch bewertbar gemacht werden?
♦ Wie sind Gestaltungsprozesse nachhaltig in Managementsysteme zu integrieren?
Ich möchte diese Fragen zu Beginn stellen, weil deren Beantwortung zentral für die Initiative für eine neue Qualität der Arbeit sind, nämlich die flächendeckende Umsetzung von Qualität in die Betriebe. Diese und ähnliche Fragen wurden auf zahlreichen arbeitwissenschaftlichen Kongressen ebenfalls schon – mehr oder weniger folgenlos für die Disziplin der Arbeitswissenschaft – diskutiert. Der Unterschied liegt jedoch im Stellenwert: Die Qualität der Arbeit ist eine gesellschaftspolitische Herausforderung, die durch die Arbeitwissenschaft auch gesellschaftspolitisch beantwortet werden muß. Damit werden Anforderungen an die Arbeitsforschung formuliert, von deren Lösung auch die zukünftige Bedeutung und der Stellenwert des Faches Arbeitsforschung in Zukunft abhängen wird.
[...]
Arbeit zitieren:
Hans-Jürgen Bieneck, Karl Kuhn, 2004, Anforderungen an die Arbeitsforschung für eine neue Qualität der Arbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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