Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und Heinrichs
von Veldeke Eneasroman
Alexander Schmitt
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Fakultät Geistes- und Kulturwissenschaften
Institut für Germanistik
- Lehrstuhl für Deutsche Philologie des Mittelalters
Proseminar: ′Mediävistik II: Heinrich von Veldeke: Eneasroman′ (WS 2009/10)
Hausarbeit
Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und dem
Eneas-
roman Heinrichs von Veldeke
vorgelegt von: Alexander Schmitt
Katholische Theologie und Germanistik für das Lehramt an
Gymnasien
3. Semester
Datum: 03.Mai 2010
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung 4
B. Hauptteil 5
1. Christliche und Vorchristliche Höllen-, Jenseits- und Unterweltvorstellungen
5
1.1. Jenseits und Unterwelt im Alten Testament - (der Sche′ol 5
1.1.1. Gericht, Tod und Auferweckung 6
1.1.2. Unterwelt und Totenreich 7
1.2. Jenseits und Hölle im Neuen Testament 8
1.2.1. Hölle in den Schriften des Neuen Testamentes 8
1.2.2. ′Descensus Christi 10
1.2.3. Die Sibyllen in der christlichen Apokalyptik 11
1.3. Jenseits und Unterwelt bei Vergil – .d.. und Orcus 12
1.3.1. Geographische Lage und Eingang 12
1.3.2. Fährmann, Gericht und Metempsychose 13
1.4. Jenseits und Hölle im Mittelalter 14
1.4.1. Vertröstung und Rache 14
1.4.2. Rückgriff auf frühchristliche Schriften 15
1.4.3. Hölle als katechetisches Werkzeug 16
1.5. Unterwelt- und Höllenfahrten in religiös-mythischer Literatur 17
2. Der Stoff der Unterweltfahrt in Aeneis und Eneasroman 17
2.1. Der Stoff der Unterweltfahrt 17
2.1.1. Aeneas/Eneas und Sibylle/Sibille 18
2.1.2. Die Unterweltfahrt 18
2.2. Topographie der Unterwelt 20
2.3. Personal der Unterwelt 21
2.4. Prinzip der Metempsychose 22
2.5. Einordnung in den Gesamtkontext des Stoffes 23
3. Rezeption der Unterweltfahrt im Eneasroman 24
3.1. Sibylle und die Vorbereitungen zur Unterweltfahrt 25
3.1.1. Eneas′ Angst vor der Fahrt 25
3.1.2. Herkunft der Sibylle/Sibille – Cumae oder Iconium 27
3.1.3. Sibille selbst 29
3.1.4. Ausrüstung zur Höllenfahrt 31
3.1.4.1. Der Mistelzweig – das ris 31
3.1.4.2. Kraut und Salbe 32
3.1.4.3. Eneas′ Schwert 32
3.2. In Unterwelt/Hölle und Elysium/Himmel 33
3.2.1. Monster am Eingang der Höhle zur Unterwelt und Charon 33
3.2.2. Unterweltflüsse und -götter 35
3.2.3. Dido und ihr Selbstmord 36
3.2.4. Höfisierung der Hölle 38
3.2.5. Die Prophezeiung des Anchises und die Seelenwanderung 38
3.2.6. Der Anachronismus des vorchristlichen Himmels 40
C. Schluss 41
D. Anmerkung zu fremdsprachigen Textstellen 41
E. Bibliographie 42
1. Primärliteratur 42
2. Sekundärliteratur 42
3. Bilder 43
F. Anhang 44
A. Einleitung
Unterweltfahrten beschäftigten Christen schon seit Beginn der Urkirche: Der ′descensus
ad inferos′ – die Höllenfahrt Christi, im Verlauf derer er nach seinem Tode am
Kreuze (sche′ol) mit in den Himmel nahm, die vor der Erlösung durch seinen Tod
nicht die Möglichkeit einer Sündenvergebung hatten – faszinierte die Christen
bereits sehr bald. Das Evangelium Nicodemi beinhaltet eine solche
Unterweltfahrt. Es stammt zwar erst aus dem 4./5. Jahrhundert1, ist also nicht
authentisch für die eigentlich Zeit der vier Evangelien, trotzdem zeigt es doch
sehr deutlich, welch großes soteriologische und eschatologische Interesse die
frühen Christen an diesem Stoff hatten.
Aber nicht nur in spätantiker Zeit galt dieses Thema als aktuell. Auch Heinrich
von Veldeke nutzte den Stoff der Unterweltfahrt, dieses Mal jedoch aus
heidnischer Quelle – Vergils Aeneis. Doch wie kommt ein christlicher
Autor dazu, ein derart wichtiges – zumindest in damaliger Zeit – Thema aus einer
heidnischen Vorlage dazu zu gebrauchen? Warum stört es ihn scheinbar (!) nicht,
dass griechisch-römische Götter und heidnische Motive nun in einem christlichen
Werk auftauchen? Im Folgenden sollen nun zuerst verschiedene Unterwelt- und
Höllendarstellungen vom Alten Testament, auf dem die christliche Vorstellung
gedanklich aufbaut, über die Antike und das Neue Testament bis zu
mittelalterlichen Vorstellungen aufgezeigt und verglichen und anschließend auf
den Inhalt des Aeneis-Stoffes eingegangen werden. An dritter Stelle steht
ein konkreter Textvergleich zwischen der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis
und Veldekes Eneasroman. Im Verlaufe dieses Vergleiches sollen oben
genannte Fragen betrachtet und eine Lösung für eben jenes Problem der Rezeption
heidnischer Stoffe gefunden werden.
B. Hauptteil
1. Christliche und Vorchristliche Höllen-, Jenseits- und
Unterweltvorstellungen
Obwohl Veledeks Eneasroman aus dem 12. Jahrhundert n. Chr. stammt, greift
er doch immer wieder auf ältere und aktuelle Höllen- und Jenseitsvorstellungen
zurück. Um aufzuzeigen, aus welchen christlichen und vorchristlichen Traditionen
Veldeke schöpft und schöpfen kann, sollen einige hier exemplarisch aufgezeigt
werden, wobei natürlich stets daran zu erinnern sei, dass nicht auf alle
Vorstellungen zur Genüge eingegangen werden kann und auch nur die wichtigsten
vorgestellt werden können. Trotzdem erschließt sich dadurch der Zusammenhang, in
den auch Veldekes Eneide gestellt werden muss, da christliche Tradition
nie neu erfunden, aber wohl weiterentwickelt wird.2
1.1. Jenseits und Unterwelt im Alten Testament – (der sche′ol)
Eine Betrachtung der Jenseitsvorstellungen des Alten oder Ersten
Testamentes ist deshalb unerlässlich, da das Neue oder Zweite Testament ohne die
gedanklichen Grundlagen jenes Ersten Testamentes nicht zu denken wäre. Beide
bilden in ihrem religionsgeschichtlichen Kontext „eine unlösbare Einheit“3.4
Während später sehr stark die mittelalterlichen Vorstellungen die Hölle als Ort
der Strafe und Qualen darstellen, kennen die frühen Schriften des Alten
Testamentes und damit auch die frühe Tradition der Juden einen „Strafort im
Jenseits“5 nicht. Erst im 3. Jahrhundert v. Chr. kommt eine derartige
Vorstellung in Ansätzen auf.6
War der Scheol bei den halbnomadischen Hebräern noch eine "Hölle für alle"7
gewesen, so wandelt sich diese Vorstellung mit zunehmendem Kontakt zu fremden
Völkern und Kulturen: Das Land Kanaan, das Gebiet der späteren Königreiche
Israel und Juda blieb stets ein ′Durchzugsland′ in der südlichen Levante.
Handel, aber auch Krieg und Vernichtung drohten jederzeit durch die Ägypter im
Südwesten, die Assyrer, später die Babylonier, Perser und Griechen im Nordosten
und Osten. Obwohl sich das jüdische Volk lange Zeit gegen fremde Symbolysteme
und Jenseitsvorstellungen wehren konnte, gelang es ihm schließlich nicht – auch
in die jüdische Tradition flossen verschiedene Vorstellungen anderer
altorientalischer Völker ein.8
Eine ganz konkrete Jenseitsvorstellung – auch mit mystischen Elementen – kommt
in späterer Zeit in den apokalyptischen und deuterokanonischen Spätschriften
(z.B. Buch Daniel – zumindest Teile davon) auf.9
1.1.1. Gericht, Tod und Auferweckung
Eines der zentralen Motive des jüdischen Glaubens ist die Verheißung. Gott
verheißt dem Gottesvolk der Juden in seinem Bund mit Abraham Heil, das gelobte
Land und eine große Schar an Nachkommen. Dieser Bund wird im Buch Deuteronomium
literarisch festgehalten (fiktive Abschiedsrede des Moses, während der er sein
Volk auf die Treue zu Gott hinweist). Sollte das Volk den Bund brechen, drohten
ihm „Unheil und Gericht“10. Gerade die „Gerichtsdrohungen der Propheten“11
verdeutlichen das kommende Urteil Gottes nochmals. Diese implizieren stets eine
„eindringliche Mahnung zur Umkehr“12, durch die man dem Zorn Gottes auch
entgehen kann. Gott zürnt seinem Volk allerdings nicht allein zu dem Zwecke, es
für seine Fehler zu bestrafen, sondern es wieder auf den richtigen Weg des
Bundes mit Gott zu führen. Retrospektive wird der Untergang des Nord- und
Südreiches durch Assyrer und Babylonier als Strafe Gottes für falsches Kult-,
Sozial-und Bündnisverhalten interpretiert. Erst, als man sich im ′Babylonischen
Exil′ wieder Jahwe zuwendet und letztendlich den Schritt zum Monotheismus geht,
erlöst Gott sein Volk aus der Gefangenschaft durch die Perser (König Kyros).
Dominierend hierbei ist wieder das biblische Motiv des göttlichen Erbarmens, das
später für das Neue Testament in der Person Jesu radikalisiert wird. Jede
prophetische Gerichtsrede muss „moralisch-pädagogisch“13, zur Umkehr aufrufend
gesehen werden.14
Auch Tod und Sterben stehen in diesem ′Tun-Ergehen-Zusammenhang′, d.h. in dem
Denken, dass jedem Menschen das vergolten wird, was er in Relation zur Treue zu
Gott auch verdient hat. Dabei besteht in fast allen altorientalischen
Vorstellung ein Konsens darüber, „was im Tod mit dem einzelnen Menschen
geschähe“15. Besonders gegenüber anderen Völkern ist im biblischen Denken
jedoch, dass Jahwe totale Macht über das Reich des Todes besitzt: „Totenreich [Scheol]
und Unterwelt [Abaddon] liegen offen vor dem Herrn, wie viel mehr die Herzen der
Menschen.“16 Daraus ergibt sich schließlich auch „die Hoffnung für das
Menschenschicksal über den Tod hinaus“17. Errettung aus dem Tode dachte man sich
aber zuerst nur für einzelne, besonders fromme Menschen (z.B. Henoch und Elija),
die „in die Lichtherrlichkeit Jahwes“18 entrückt (!) werden.
1.1.2. Unterwelt und Totenreich
In den Psalmen wird zum ersten Male eine Bestrafung von ′Sündern′ erwähnt: „Im
nächsten Geschlecht soll sein Name erlöschen […] dass [der Herr] sein Gedächtnis
von der Erde vertilge.“19 Eine solche Unterwelt, in die die Toten nach ihrem
Tode gelangen, wurde in altorientalischer Zeit oft „örtlich-geographisch“20
gedacht. Daraus folgt auch unmittelbar, dass man durch eine µet.ßas.. (descensus
bzw. Hinabsteigen) dorthin gelangen kann. Die Gottesferne der Toten kommt
dadurch zum Ausdruck, dass diese Gott nicht mehr loben. In jenem Totenreich
können die Gestorbenen also ein „schattenhaftes Fortleben“21 führen.22 Die
immanente Bedrohung in diesem Totenreich wird oft „mit einem lauernden Löwen […]
Wurm und Feuer“23verglichen.
[...]
1 vgl. Fromm: Unterwelt des Eneas, 72
2 vgl. Fromm: Unterwelt des Eneas, 72-89
3 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 56
4 vgl. ebenda
5 Minois: Hölle, 47
6 vgl. ebenda
7 Minois: Die Hölle, 15
8 vgl. Minois: Die Hölle, 73
9 vgl. Minois: Hölle, 47
10 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 56
11 ebenda
12 ebenda
13 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 57
14 vgl. Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 56f.
15 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 5716 Spr 15,11 EÜ
17 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 58
18 ebenda
19 Ps 109,13.15 EÜ
20 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 59
21 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 61
22 vgl. Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 59-62
23 Vorgrimler: Geschichte der Hölle, 63f.
Arbeit zitieren:
Alexander Schmitt, 2010, Vergleich der Unterweltfahrt in Vergils Aeneis und dem Eneasroman Heinrichs von Veldeke, München, GRIN Verlag GmbH
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