Inhaltsverzeichnis
1. Entstehung und Werden Alteuropas:
2. Wandel und Kontinuität Alteuropas:
14 Vom vierzehnten bis zur Mitte des siebzehnten Jahrhunderts
3. Die Fortdauer der Alten Ordnung:
25 Abschließende Betrachtung
Einleitung
Diese Seminararbeit, die den Titel Das alteuropäische Zeitalter trägt, setzt den Fokus der Untersuchung auf die Konzeption der Alteuropaepoche und ihrer Charakterisierung in den wichtigsten Arbeiten Dietrich Gerhards. Im Zuge dieser Betrachtung soll untersucht werden, welche Bedeutung Gerhard diesem Epochenabschnitt in seinem Hauptwerk „Old Europe. A study of continuity“ 1 zuwies. Der inhaltliche Aufbau orientiert sich maßgeblich an diesem Werk und versucht in drei Abschnitten die Grenzen Alteuropas herauszuarbeiten. Aufgrund des bemessenen Umfangs einer Seminararbeit sind ausschließlich die signifikantesten Elemente dieser Epoche ausgewählt worden, die sowohl hier als auch im Primärtext als Schlagwörter hervorgehoben wurden.
Wie bereits angedeutet wurde, war „Old Europe. A study of continuity“ das Vermächtnis Dietrich Gerhards, das, wenn auch vom Umfang ausgehend eher einem Essay entsprechend, doch die zentralen Gedanken und Argumentationsstränge treffend und sachlich präzisierte. „Es summiert, reinterpretiert und komplettiert die vielen, teils tiefschürfenden, teils weit ausholenden Studien, die G. im Laufe eines langen Wissenschaftlerlebens aus der räumlichen Distanz zu Europa geschrieben hat.“ 2 Die traditionelle Auffassung von der europäischen Geschichte, so Gerhard, wurde durch nationale Richtungen des 19. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst, ebenso wie die Annahme, dass die moderne Welt zwangsläufig eine notwendige Entwicklung war, deren Anfänge viele Jahrhunderte früher erkennbar gewesen wären. Dieser Standpunkt betont das Vorhandensein eines immerwährenden Machtkampfes, oder eines Klassenkampfes, der in die Geschichte des alten Europas hineininterpretiert wurde. Mit seinem Werk wolle er bewusst zeigen, dass diese Interpretation und Deutung nicht zwangsläufig richtig sein muss. In der Konsequenz verzichtete Gerhard auf die Weiterführung der Begriffe „Mittelalter“ und „frühe Neuzeit“, ebenso die Überbetonung früher Anzeichen
1 Gerhard, Dietrich, Old Europe, A study of continuity 1000-1800, London u.a. 1981, übersetzt von Tilla Stumpf: Das Abendland 800-1800. Ursprung und Gegenbild unserer Zeit, Würzburg u.a. 1985. Der Grund für den irreführenden Titel in der deutschen Übersetzung ist der damaligen Hochkonjunktur des Begriffs „Abendland“ geschuldet. Siehe auch hierzu den Aufsatz: Schulin, Ernst, Universalgeschichte und abendländische Entwürfe, in: Jürgen Osterhammel (Hg.), Weltgeschichte (= Basistexte Geschichte 4), Stuttgart 2008, S. 49-67. 2 Blickle, Peter, Dietrich Gerhard: Old Europe, A Study of Continuity 1000-1800, in: Historische Zeitschrift 237 (1983), S. 107.
einer anbrechenden Moderne oder nationaler Bezüge. 3 Das Werk gliedert sich in vier Hauptteile. Gerhard beginnt im 8. Jahrhundert mit dem Zeitalter der Klöster und dem Beginn des frühen Feudalismus, den er auf das 10. Jahrhundert fixiert. So werden unter anderem folgende Elemente herausgegriffen: Landwirtschaft und Siedlung, Königtum und Kirche. Darauf folgend setzt er die Entstehung Alteuropas in die Zeit zwischen dem 11. und dem 13. Jahrhundert, welche sich durch Landfrieden und Klosterreform, Reformpapsttum, künstlerische und geistige Entwicklung, Städte, Stände, Land, Rittertum, Königtum und die Entstehung von Nationen auszeichnen. Der Untersuchungsgegenstand liegt hier insbesondere auf den Merkmalen und Grundbedingungen der Ständischen Ordnungen und der regionalen Bindungen, da sich beide Erscheinungen durchgängig als Grundzüge des alten Europas auszeichneten. Das 14. und das 17. Jahrhundert betrachtet Gerhard als eine Periode des Wandels und der Kontinuität Alteuropas, hier wurden insbesondere folgende Merkmale herausgegriffen: Wirkung und Einfluss von Erfindungen und Wirtschaft auf die Gesellschaft, Spannungen im 14. und 15. Jahrhundert, Renaissance, dynastische Staaten, Reformation und Religionskriege. Das letzte Kapitel widmet sich der Emanzipation und Fortdauer der Alten Ordnung, die in die Mitte des 17. und das Ende des 18. Jahrhundert fällt, wobei hier die Revolution der Naturwissenschaften, die entstehende Aufklärung sowie Wirtschaft und Staat betrachtet werden.
Die Konzeption eines alteuropäischen Zeitalters präzisierte Gerhard erstmals in dem berühmten Aufsatz „Regionalismus und ständisches Wesen als Grundthema europäischer Geschichte“ 4 in einer Friedrich Meinecke gewidmeten Festschrift. Mit diesem Aufsatz sprach Gerhard das große Thema an, das nicht zuletzt durch ihn in der Bundesrepublik zentrale Bedeutung für die Erforschung der Geschichte der Frühen Neuzeit erhalten hatte. Angeregt durch die verfassungs- und sozialgeschichtlichen Studien Otto Hintzes, die Institutionen- und strukturgeschichtliche Betrachtungsweise Alexis de Tocquevilles, parallel und in Beziehung mit den Arbeiten Otto Brunners und Fernand Braudels, in Verbindung auch mit den Aktivitäten der Commission internationale pour l'histoire des assembles d'etats, untersuchte Gerhard in zahlreichen Einzelstudien die frühmoderne Staatsbildung in mehreren europäischen Ländern unter dem Aspekt der Beständigkeit älterer ständisch-regionaler Institutionen und sozialer Verhältnisse. Dabei gelangte er Schritt für Schritt zu einem
3 Vgl. Blickle, Peter, Einführung: Gerhard, Dietrich, Old Europe, A study of continuity 1000-1800, London u.a.
1981, übersetzt von Tilla Stumpf: Das Abendland 800-1800. Ursprung und Gegenbild unserer Zeit, Würzburg
u.a. 1985, S. 6.
4 Gerhard, Dietrich, Regionalismus und ständisches Wesen als Grundthema europäischer Geschichte, in:
Historische Zeitschrift 174 (1952), S. 307-337.
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differenzierten Bild Alteuropas, auf deren einheitliche Grundstruktur hinter allen Veränderungen er eindringlich hinwies. Gerhard betrachtete dabei die Zeit vom 11. Jahrhundert bis zum Ende des 18. Jahrhunderts als Einheit. Diese Konzeption wurde nochmals in weiteren Aufsätzen mit der Thematik des Ständewesens, Amtsträgern zwischen Königsgewalt und Ständen und zur Position der Städte in der europäischen Ordnung weiter ausgeführt. Generell zeichnen sich seine Arbeiten durch den historischen Vergleich aus, der sowohl die Vereinigten Staaten als auch Russland mit einbezog, jedoch die Auseinandersetzung mit Kulturkreisen außerhalb des Abendlandes ausklammerte. 5
Doch wurde das Alteuropakonzept bereits 1954, lange vor der Veröffentlichung von „Old Europe. A study of continuity“ skizziert, als Gerhard in einem Vortrag auf der Jahresversammlung der American Historical Association kritisch zur bisherigen Periodisierung der europäischen Geschichte Stellung bezog, indem er diese als überkommen, ideologisch und inhaltsleer bezeichnete und sich für eine neue, eine andere Einteilung aussprach. Absicht und Grundthema des 1962 in deutscher Sprache publizierten Aufsatzes 6 ist das Verständnis für eine andere Form der Periodisierung der europäischen Geschichte.
Der Historiker ist sich bewusst, dass jede Periodisierung eine künstliche Angelegenheit ist. Hat er doch erlebt, dass sogar Umwälzungen und völlige Zerstörung keinen grundsätzlichen Bruch mit der Vergangenheit bedeuten. […] Überdies hat die historische Forschung immer klarer erwiesen, dass keine Epoche sich ausschließlich durch einen Grundzug charakterisieren lässt. Alte Überlieferungen bestehen fort, und zugleich bilden sich aus vielen verschiedenen Zuflüssen neue Strömungen. 7
Die bekannten Epocheneingrenzungen, so Gerhard, wie das Zeitalter des Barock, der Aufklärung, des Absolutismus und der nationalen Bewegungen seien in ihrer begrifflichen Bestimmung fragwürdig, doch versuchten sie eine Epoche aufgrund einer bestimmten Erscheinung zu begreifen. Auch wenn diese Begrifflichkeiten weiterhin ungenau blieben, betrachten sie die Epochen abstrakter als es die groben Einteilungen von Mittelalter und Neuzeit vermögen, denn diese heben keinerlei Hauptzüge oder besondere Charakteristika hervor, die eine Einteilung und Scheidung rechtfertigen würde. 8 Gerhard verwirft in diesem Aufsatz die
5 Vgl. Ritter, Gerhard A., Die emigrierten Meinecke-Schüler in den Vereinigten Staaten. Leben und Geschichtsschreibung im Spannungsfeld zwischen Deutschland und der neuen Heimat: Hajo Holborn, Felix Gilbert, Dietrich Gerhard und Hans Rosenfeld, in: Historische Zeitschrift 284 (2007), S. 83f.
6 Gerhard, Dietrich, Zum Problem der Periodisierung der europäischen Geschichte, in: Dietrich Gerhard (Hg.), Alte und Neue Welt in vergleichender Geschichtsbetrachtung (= Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 10), Göttingen 1962, S. 40-56. 7 Gerhard, Zum Problem der Periodisierung der europäischen Geschichte, S. 40. 8 Vgl. ebd., S. 41.
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bisherigen Epocheneingrenzungen, bietet aber gleichzeitig einen Gegenentwurf, eine These zur Periodisierung der europäischen Geschichte. Das gegenwärtige Europa beginnt demnach mit drei Strömungen, der Aufklärung, der französischen Revolution und der industriellen Revolution. Diese drei Perioden zeichnen sich durch eine Reihe von gemeinsamen Elementen aus, so zum einen durch Kräfte, die auf politische Zentralisation hindrängen, ob auf nationaler oder supranationaler Grundlage, ob demokratisch, oder totalitär. Zum anderen werden diese Kräfte angetrieben durch den Drang nach sozialer Gleichheit und wirtschaftlichem Fortschritt. Hinter diesen Tendenzen steht das Drängen des Geistes nach neuen Lösungen der sozialen Aufgaben und der Beherrschung seiner Umwelt. 9 Diese Epochengrenze wird durch Gerhard für das 18. Jahrhundert festgelegt, die lange Zeitspanne davor die beim 11. Jahrhundert ansetzt, ist als eine Einheit zu betrachten, welche den Namen Alteuropa trägt.
Obschon dies „Alteuropa“ gewiß nicht statisch gewesen ist, so haben in ihm doch den später erfolgreichen Kräften der Veränderung, der Zentralisation, des Strebens nach sozialer Gleichheit andere Kräfte siegreich entgegengewirkt. Damals überwiegen Überlieferung, landschaftliche Verwurzelung, ständische Gliederung. Diese Mächte geben Institutionen wie Sitte das Gepräge und werden ihrerseits durch diese gestärkt. Das elfte und zwölfte Jahrhundert sollte man als die Geburtsstunde von Alteuropa betrachten. 10
Doch bevor die Alteuropakonzeption näher untersucht wird, sollen zunächst über das Leben des Historikers Dietrich Gerhard ein paar Worte angemerkt werden, wenngleich darauf hingewiesen sei, dass die folgenden Seiten dem Leben dieses außergewöhnlichen Menschen nicht gerecht werden können, ein Anspruch, der auch gar nicht erhoben wird. Vielmehr sollen sie als kurze Skizzierung seines Lebenslaufes betrachtet werden, da das Lebenswerk und die Person in einer eigenständigen Biographie gewürdigt werden sollten.
Dietrich Gerhard, geboren am 7. November 1896 in Berlin, gestorben am 31. Juli 1985 in Konstanz, entstammte dem Berliner Großbürgertum. Der Vater war ein angesehener Anwalt und Notar, die Mutter eine aus Köln stammende bekannte, wenn auch eigenwillige und zu ihrer Zeit sehr erfolgreiche Schriftstellerin, die zwar selbst protestantischen Glaubens war, jedoch über jüdische Wurzeln verfügte. 11 Nach seinem Abitur, das Gerhard 1914 am Berliner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium ablegte, meldete er sich freiwillig, bedingt durch eine
9 Vgl. Gerhard, Zum Problem der Periodisierung der europäischen Geschichte, S. 44.
10 Ebd., S. 44.
11 Vgl. Vierhaus, Rudolf, Nekrolog Dietrich Gerhard: 7.11.1896-31.7.1985, in: Historische Zeitschrift 242 (1986), S. 758.
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anfängliche naiv-patriotische Kriegsbegeisterung 12 zum Militär und nahm am Krieg in Russland und Frankreich teil. Nach Kriegsende wurde er als Leutnant der Reserve entlassen. Ein Jahr später begann er in Berlin das Studium der Geschichte und der Nationalökonomie. In Berlin promoviert er 1923, nach einem in Heidelberg verbrachten Jahr, bei Friedrich Meinecke. Zu Meinecke bestand eine enge persönliche Verbundenheit. Gerhards Promotionsarbeit Die Grundlagen der historisch-politischen Gedankenwelt Barthold Georg Niebuhrs lag dem folgend auf der Linie der sogenannten Meineckeschen Ideengeschichte, wenngleich Gerhard, als einer der ältesten Meineckeschüler immer wieder betonte, dass es eine Meineckeschule in diese Sinne nicht gegeben hätte und er für seine Person genau wie die anderen aus Meineckes Kreis, eigene Wege gegangen wären und neue Ansätze entwickelt hätten. 13 Aufgrund der Inflation war der Druckzwang für die Publikation von Doktorarbeiten zeitweilig aufgehoben worden, so dass die Arbeit nicht veröffentlicht, dafür aber eine vierseitige Zusammenfassung der Ergebnisse im Jahrbuch der Dissertationen 14 1922/1923 erschien. Im Rahmen seiner Niebuhr-Publikation hielt sich Gerhard 1924 für Studien in Dänemark auf und erweiterte, ermutigt durch Meinecke, seine historischen Interessengebiete. Dies erfolgte sowohl durch die Auseinandersetzung mit Problemen der Wirtschafts- und Sozialgeschichte, als auch durch die Beschäftigung mit Grundproblemen der europäischen Geschichte und der Geschichte außerdeutscher Nationen. 15 Die hochangesehene Rockefeller-Foundation verlieh ihm 1927 ein zweijähriges Stipendium in England, welches er nutzte, um Studien für seine Habilitationsschrift 16 zu treiben. Seine Habilitationsschrift wurde von der internationalen Fachwelt mit Anerkennung aufgenommen, insbesondere da es zu dieser Zeit für deutsche Historiker unüblich war, Themen außerhalb des deutschen Blickwinkels zu behandeln. 17 Im Zuge seiner Forschungen erkannte Gerhard die immense Bedeutung der ökonomischen Interessen und des Überseehandels für die britische Politik. Nachdem er 1931 in Berlin habilitiert worden war, lehrte er dort als Privatdozent ab 1932 Politik- und Wirtschaftsgeschichte, englische Geschichte des 16. und 17. Jahrhunderts und des Britischen Empires.
12 Vgl. Ritter, Die emigrierten Meinecke-Schüler in den Vereinigten Staaten, S. 80.
13 Vgl. Vierhaus, Nekrolog Dietrich Gerhard, S. 761ff. 14 Jahrbuch der Dissertationen der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, Dekanatsjahr 1922/23. Berlin 1925, 195-199.
15 Vgl. Ritter, Die emigrierten Meinecke-Schüler in den Vereinigten Staaten, S. 81.
16 Gerhard, Dietrich, England und der Aufstieg Russlands. Zur Frage des Zusammenhangs der europäischen Staaten und ihres Ausgreifens in die außereuropäische Welt in Politik und Wirtschaft des 18. Jahrhunderts, München/Berlin 1933.
17 Vgl. Vierhaus, Nekrolog Dietrich Gerhard, S. 758.
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Günter Krüger, 2010, Das alteuropäische Zeitalter, Munich, GRIN Publishing GmbH
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