Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis IV
1 Einleitung 1
1.1 Das Bild von der Migrantin 1
1.2 Gang der Untersuchung 4
2 Forschung und Wissenschaft 6
2.1 Theorien und Fragestellungen der Migrationssoziologie 6
2.1.1 Klassische Migrationsforschung 6
2.1.2 Neuere Migrationsforschung 8
2.1.3 Rückblick und Ausblick 10
2.2 Von der Frauenforschung zur Genderforschung 11
2.2.1 Migrantinnenforschung im Kontext der Migrations-, Frauen- und
Genderforschung 13
3 Migration und Gender 18
3.1 Migration der Frauen im sozialen Wandel 18
3.1.1 Geschlecht als zentrales Strukturprinzip 19
3.1.2 Feminisierung der Migration 21
3.2 Ursachen und Formen weiblicher Migration 23
3.2.1 Fluchtmigration 25
3.2.2 Arbeits- und Heiratsmigration 25
3.2.3 Frauenhandel 26
3.2.4 Bedeutung von Netzwerken für Migrantinnen 27
4 Migration als Emanzipation? 29
4.1 Zwischen Irritation und Selbstverständlichkeit 29
4.1.1 Benachteiligung von Migrantinnen im Aufnahmeland Deutschland 32
4.1.2 Engagement in Politik, Kultur und Medien 36
I
5 Zur Rolle von Migrantinnenselbstorganisationen für den
Emanzipationsprozess 39
5.1 Frauenbewegungen in Deutschland vom 19. bis 21. Jahrhundert. 39
5.2 Formen und Ziele von Migrantinnenselbstorganisationen in Deutschland 42
5.3 Potentiale von Migrantinnenselbstorganisationen 45
5.4 Darstellung von Konzeption, Struktur, Zielsetzung der befragten
Organisationen 47
5.4.1 agisra e.V. (arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und
rassistische Ausbeutung) 47
5.4.2 FraInFra (Frankfurter Initiative progressiver Frauen) 51
6 Forschungsmethode 53
6.1 Leitfadengestützte Experteninterviews 53
6.2 Begründung der Wahl 54
6.3 Forschungsdesign 55
6.4 Vor- und Nachinterviewphase und allgemeine Bemerkungen zum
Interviewverlauf 58
7 Deutungsmusteranalyse 60
7.1 Vorgehensweise 60
7.1.1 Das Bild von der Migrantin in Deutschland 61
7.1.2 Emanzipative Faktoren der Migration 65
7.1.3 Die Rolle von Migrantinnenselbstorganisationen für den
Emanzipationsprozess 68
7.1.4 Migrantinnen als Pionierinnen einer dritten Frauenbewegung? 72
7.2 Zusammenfassende Darstellung der Untersuchungsergebnisse 74
8 Schlussbetrachtung. 79
8.1 Zusammenfassung der Ausführungen 79
8.2 Fazit 80
8.3 Ausblick 82
II
Anhang ............................................................................................................. VII Interviewleitfaden ............................................................................................. VIII
Transkription .................................................................................................... XVII
agisra e.V. .................................................................................................... XVII
FraInFra ..................................................................................................... XXVIII
Literaturverzeichnis .......................................................................................... XL Internetquellen ................................................................................................ XLIII
III
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Klassische Migrationsforschung
Abbildung 2: Neue Ansätze zur Erforschung internationaler Migration
Abbildung 3: Wanderungsgründe und -formen von Frauen
Abbildung 4: Wanderungsmotive
Abbildung 5: These der Dreifachdiskriminierung von Migrantinnen
Abbildung 6: Typologie der Gruppen, Vereine und Projekte der Selbstorganisation
von Migrantinnen
Abbildung 7:Themen nach Anzahl
IV
1 Einleitung
1.1 Das Bild von der Migrantin
Migrationsbewegungen 1 -aus und nach Deutschland- sind keineswegs neue Erscheinungen, vielmehr sind sie historisch betrachtet gesellschaftlicher Normalzustand. 2 Durch die voranschreitende Globalisierung kann jedoch von einer neuen Dimension internationaler Migrationsbewegungen gesprochen werden. 3 In der heutigen globalisierten Welt, unter anderem geprägt durch moderne, zeitlich und räumlich unbegrenzt verfügbare Massenkommunikationsmedien, Verbreitung und Verbilligung immer schnellerer Massentransport- und Kommunikationstechnologien, wird die Auflösung traditioneller ländlicher Sozialmilieus immer deutlicher. Diese Entwicklungen haben seit Ende des 19. Jahrhunderts entscheidenden Einfluss auf Migrationsbewegungen gewonnen. 4
Trotz der technischen Fortschritte und erleichterter Bedingungen sich interkontinental zu bewegen, ist die Situation der Zugewanderten in vielen Aufnahmeländern durch Diskriminierung 5 , Exklusion und prekäre Lebens- und Wohnverhältnisse bestimmt. Hinzu kommen stereotype Vorstellungen und Vorurteile gegenüber Migranten, die in der öffentlichen Diskussion nach wie vor stabil sind und den Umgang mit Migranten bestimmen. 6
Für die Bundesrepublik Deutschland und das hohe Aufkommen an Gastarbeitern gilt dies in besonderem Maß. Basierend auf der Vorstellung, dass die Arbeitsmigranten
1 ZUM BEGRIFF MIGRATION FINDEN SICH IN DER LITERATUR EINE REIHE VERSCHIEDEN AKZENTUIERTER DEFINITIONEN. IN DIESER ARBEIT IST MIT MIGRATION DIE WANDERUNG, BEWEGUNG VON INDIVIDUEN, GRUPPEN ODER GESELLSCHAFTEN IM GEOGRAPHISCHEN ODER SOZIALEN RAUM GEMEINT, DIE MIT EINEM STÄNDIGEN ODER VORÜBERGEHENDEN WECHSEL DES WOHNSITZES VERBUNDEN IST. MIGRATION KANN, AUF DIE GESAMTE LEBENSZEIT BEZOGEN, ALS EINE VERÄNDERUNG UNTER VIELEN, WIE BEISPIELSWEISE DAS ERWACHSEN WERDEN, VERSTANDEN WERDEN. VGL. HAN (2003: 208F.).
2 VGL. LUTZ (2004: 477); WESTPHAL (2004: 1).
3 VGL. LÜSEBRINK (2008: 2); RODRIGUEZ (1999: 18).
4 VGL. PRIES (1997: 18).
5 MIT DISKRIMINIERUNG WIRD EINE UNGLEICHBEHANDLUNG, DIE DEN GLEICHHEITSGRUNDSATZ VERLETZT, BEZEICHNET. NACH DIESEM DARF NIEMAND AUFGRUND SEINER ZUGEHÖRIGKEIT ZU EINER SOZIALEN GRUPPE ODER SOZIALEN KATEGO- RIEBEVORZUGT BEZIEHUNGSWEISE BENACHTEILIGT WERDEN. MAN SPRICHT VON DISKRIMINIERUNG, WENN EINE UN- GLEICHBEHANDLUNGVON MENSCHEN AUF DER BASIS IHRER NATÜRLICHEN UND SOZIALEN UNTERSCHIEDE VORLIEGT. VGL. FUCHS-HEINRITZ ET AL (1994: 436).
6 VGL. OSWALD (2007: 131). Einleitung 1
zeitlich begrenzte und mobile Arbeitseinheiten darstellen, die angeworben, eingesetzt und zurückgeschickt werden konnten, wurde Migrations- und Integrationspolitik in den 1960er Jahren spärlich betrieben und richtete sich zunächst auf die Defizite auf Seiten der Migranten, vor allem im sprachlichen Bereich. 7 Auch als sich im Rahmen des Familiennachzugs der Großteil der Gastarbeiter auf einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland einrichtete, reagierten Politik und Bildungssystem zeitlich verzögert. 8 Ungeachtet der Wanderungsbewegungen und der sich daraus ergebenden Anforderungen im Hinblick auf die gesellschaftliche Integration „[…] galt das Dogma, Deutschland sei kein Einwanderungsland und solle es auch nicht werden, fort.“ 9
Insbesondere Migrantinnen sehen sich in der bundesrepublikanischen Gesellschaft zahlreichen, bewussten wie unbewussten Diskriminierungen und Benachteiligungen ausgesetzt. NAUCK bezeichnet die Migrantin als dreifach Diskriminierte, zum Ersten als Arbeiterin, zum Zweiten als Ausländerin und Minoritätsangehörige und zum Dritten als Frau. 10 Migrantinnen gelten oftmals als Begleiterin des wandernden Ehemannes und werden so als Opfer oder abhängig wandernde Person wahrgenommen. In den Medien wird dieses Bild immer wieder produziert und reproduziert, so dass Migrantinnen per se eine fehlende Handlungsfähigkeit unterstellt wird. TREIBEL stellt fest, dass „(…) in der Wahrnehmung von Migrantinnen, insbesondere Türkinnen, Sensationslust und die Erregung über Spektakuläres, wie etwa die so genannten Ehrenmorde, den Blick für unauffälligere Biografien und Integrationsprozesse verstellten.“ 11 Die enorme Heterogenität der Gruppe der Migrantinnen bleibt in der Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet. Das Interesse an den Lebenssituationen der Migrantinnen hat sich in der soziologischen Forschung erst seit den 1980er Jahren, ausgelöst durch die Frauenforschung, etabliert. 12
Die Arbeiten von HAN, TREIBEL und SCHWENKEN befassen sich explizit mit der Quantität und Qualität weiblicher Wanderungsbewegungen. HAN analysiert neben sozio-
7 VGL.CASTLES (1987: 71).
8 VGL. AUERNHEIMER (2003: 43); CASTLES (1987: 71).
9 BUTTERWEGGE/HENTGES (2009: 1); VGL. CASTLES ( 1987: 13).
10 VGL. HUTH-HILDEBRANDT (2001: 115); NAUCK (1993: 364).
11 TREIBEL (2008: 141).
12 VGL. TREIBEL (2008: 145F).
strukturellen Faktoren in den Herkunftsländern empirische Daten zu internationalen weiblichen Wanderungsbewegungen und spricht von einer Feminisierung der Migration. TREIBEL beschreibt spezifisch weibliche Wanderungsentscheidungen sowie -folgen und entwickelt die These eines Zusammenhangs zwischen Migration und Emanzipation 13 . SCHWENKEN betrachtet die Selbstorganisation von Migrantinnen in der Bundesrepublik Deutschland und beschäftigt sich mit der Frage, ob Migrantinnen als Pionierinnen einer dritten Frauenbewegung 14 gesehen werden können. Hin-tergrund sind die in den letzten Jahren vermehrt entstandenen Gruppen und Initiativen der Selbstorganisation von Migrantinnen, die sich zum einen auf die Beratung von Migrantinnen sowie zum anderen auf deren Interessenvertretung in Öffentlichkeit und Medien spezialisiert haben. Diese so genannten Migrantinnenselbstorganisationen (MSO) existieren in unterschiedlicher Struktur, Ausrichtung und Größe. 15 Trotz dieser Arbeiten besteht zum jetzigen Zeitpunkt eine Forschungslücke im Hinblick auf die Frage, ob von einem Zusammenhang zwischen Migration und Emanzipation gesprochen werden kann und welche Rolle Migrantinnenselbstorganisationen in diesem Prozess einnehmen können. In dieser Arbeit wird von der Annahme ausgegangen, dass es eine wachsende Zahl von Migrantinnen gibt, die sich trotz der ihnen entgegengebrachten Vorurteile und erfahrener Benachteiligungen aktiv für einen Wandel der gesellschaftlichen Strukturen einsetzen. Diese Gruppe muss insofern als konstruiert betrachtet werden, als dass bisher kein repräsentatives Material vorliegt, welches diese Vermutung bestätigt.
Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit besteht in der Überprüfung der These von einem Zusammenhang zwischen Migration und Emanzipation anhand der vorhandenen Literatur und der geführten Experteninterviews. Kann davon ausgegangen
13 DER BEGRIFF DER EMANZIPATION WIRD IN SEINER URSPRÜNGLICHEN BEDEUTUNG ZUNÄCHST ALS ENTLASSEN WERDEN AUS NATÜRLICHEN ZWANGSVERHÄLTNISSEN VERSTANDEN. SO BETRACHTET STELLT DIE EMANZIPATION DEN NATÜRLICHEN VORGANG DES ENTLASSEN WERDENS DER KINDER AUS DER ELTERLICHEN GEWALT DAR. DIE BEDEUTUNG DER SELBSTBE- FREIUNGVON GRUPPEN, KLASSEN ODER GESELLSCHAFTEN AUS UNERWÜNSCHTEN ZWANGSVERHÄLTNISSEN KAM ERST ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS MIT DER FRANZÖSISCHEN REVOLUTION AUF. EMANZIPATION WIRD HIER SOWOHL ALS LOSLÖSUNG AUS PATRIARCHALISCHEN FAMILIENSTRUKTUREN ALS AUCH ALS ERLANGUNG BÜRGERLICHER MITBESTIM- MUNGSRECHTEVERSTANDEN. VGL. FUCHS-HEINRITZ ET AL. (1994: 164); TREIBEL (2003: 94).
14 UNTER FRAUENBEWEGUNGEN VERSTEHT MAN KOLLEKTIVE, MOBILISIERENDE AKTEURINNEN, DIE SICH FÜR EINEN GRUNDLEGENDEN WANDEL DER GESCHLECHTERVERHÄLTNISSE UND GEGEN DAMIT VERBUNDENE GESELLSCHAFTLICHE UNGLEICHHEIT UND ABWERTUNG EINSETZEN. SIE ÜBEN KRITIK AN HERRSCHENDEN GESELLSCHAFTLICHEN LEITBILDERN, NORMEN UND DISKURSEN UND ENTWICKELN ALTERNATIVEN. VGL. LENZ (2004: 666).
15 VGL. SCHWENKEN (2000: 136 ).
werden, dass sich die Emanzipation der Migrantinnen ausschließlich aus dem neuen Lebenskontext ergibt oder lassen sich Faktoren benennen, die Einfluss auf diese Entwicklung nehmen? Vor diesem Hintergrund wird angenommen, dass die Arbeit von Migrantinnenselbstorganisationen konkrete Maßnahmen bietet, um den Emanzipationsprozess von Migrantinnen in Deutschland zu fordern und zu fördern. Wie kann die Rolle von Migrantinnenselbstorganisationen für den Emanzipationsprozess beurteilt werden und wie schätzen die Befragten selbst ihre Möglichkeiten ein? Darüber hinaus war von Interesse, ob sich in Deutschland die Chance auf eine dritte Frauenbewegung unter maßgeblicher Beteiligung von Migrantinnen ergeben kann. Entspricht diese Möglichkeit der Realität und welche Schritte sind nach Meinung der Befragten noch notwendig, um dieser Annahme gerecht zu werden?
1.2 Gang der Untersuchung
Zur Bearbeitung der vorliegenden Fragestellungen wird in Kapitel 2 zunächst ein Überblick über Forschungsstand, Fragestellungen und Theorien der Migrationssoziologie und -forschung gegeben. Der Fokus liegt auf der Darstellung der Migran-tinnenforschung, die in die Migrations-, Frauen- und Genderforschung eingeordnet wird. In Kapitel 3 werden quantitative und qualitative Besonderheiten weiblicher Wanderungsbewegungen anhand der Arbeiten von HAN und TREIBEL dargestellt. Die Bedeutung des Geschlechts für die Migrationsentscheidungen und -folgen wird ebenso veranschaulicht wie die besondere Rolle von Netzwerken für Migrantinnen. Im darauffolgenden Kapitel wird explizit der Frage nachgegangen, ob und inwieweit Migration als eine Form von Emanzipation bezeichnet werden kann. Es geht dabei um einen Zusammenhang zwischen sozialen und strukturellen Benachteiligungen von Migrantinnen im Aufnahmeland Deutschland und Migrantinnen, die sich für einen Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse engagieren. Dazu werden die Arbeiten von TREIBEL, NAUCK und HUTH-HILDEBRANDT herangezogen. Kapitel 5 beinhaltet zunächst eine zusammenfassende Darstellung der Geschichte der deutschen Frauenbewegung. In Bezug darauf werden die Formen und Potentiale der Selbstorganisation von Migrantinnen in Deutschland näher betrachtet und die Frage beleuchtet, ob Migrantinnen und ihre Selbstorganisationen als eine neue, dritte Frauenbewe-
gung in Deutschland gedeutet werden können. Anhaltspunkte dafür liefern SCHWEN- KEN undHADEED. Die im empirischen Teil befragten Organisationen, agisra e.V. (arbeitsgemeinschaft gegen internationale sexuelle und rassistische Ausbeutung) und FraInFra (Frankfurter Initiative progressiver Frauen) werden anschließend im Hinblick auf Konzeption, Struktur und Zielsetzung beschrieben. In Kapitel 6 findet die gewählte Forschungsmethode eine kurze Einordnung in die Methoden der qualitativen Sozialforschung. Die Wahl der Methode sowie die Auswahl der einzelnen Fragenabschnitte innerhalb des Interviewleitfadens wird begründet. Kapitel 7 beinhaltet die Auswertung der geführten Interviews anhand einer Deutungsmusteranalyse mit selbst gewählten Kriterien. Die Arbeit schließt in Kapitel 8 mit einer Schlussbetrachtung, in der der bisherige Forschungstand mit den eigenen Auswertungsergebnissen verknüpft wird und ein Ausblick auf zukünftige Forschungsmöglichkeiten gegeben werden soll.
2 Forschung und Wissenschaft
In diesem Kapitel wird Migration als Gegenstand der Soziologie in deren Forschungsdiskurs eingeordnet. Unterschieden wird dabei zwischen Klassischen und Neueren Ansätzen. Die Anfänge der Frauenforschung, deren anfängliche Fokussierung auf deutsche Frauen und die sukzessive Aufnahme von Migrantinnen werden näher beschrieben. Ansätze, Kritiken und Ansprüche der neueren Genderforschung werden dargestellt.
2.1 Theorien und Fragestellungen der Migrationssoziologie
Kaum ein anderes gesellschaftliches Phänomen ist so alt wie die Migration von Menschen. Sesshaftigkeit kann nach PRIES lediglich als eine kurze Episode in der Menschheitsgeschichte bezeichnet werden. 16 Das Schaffen territorialer Grenzen hat zum einen zu einem erhöhten Sicherheitsgefühl der in ihnen Lebenden beigetragen, zum anderen aber kulturelle, religiöse und ethnische Zugehörigkeiten fest als Selbst- und Fremdzuschreibungen im Denken der Menschen verankert. Die Soziologie als moderne Sozialwissenschaft entstand seit der zweiten Hälfte des 19. Jahr-hunderts vor dem gedanklichen Hintergrund von relativer nationalstaatlicher Homogenität.
Die voranschreitende Globalisierung, durch die auch Wanderungsbewegungen eine neue Quantität und Qualität erreicht haben, macht es jedoch unumgänglich den Perspektivenhorizont der Migrationssoziologie zu erweitern. 17 Migration als einmaliger, dauerhafter Ortswechsel ist Gegenstand Klassischer Mig-rationstheorien, die im Folgenden näher erläutert werden.
2.1.1 Klassische Migrationsforschung
Klassische Theorien internationaler Migration betrachten Wanderungsprozesse vorwiegend als ein- oder zweimalige Ortsveränderungen und richten sich haupt-
16 VGL.PRIES (2001:5).
17 VGL. PRIES (2001:8). Forschung und Wissenschaft 6
sächlich auf die Erforschung der Begleitumstände und Integrationsmechanismen in den Ankunftsregionen. Dies liegt vor allem daran, dass von den Ankunftsländern durch in Auftrag gegebene sozialwissenschaftliche Studien Aufschluss über wichtige gesellschaftliche Probleme und ihre möglichen Lösungen erwartet wurde. 18 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Klassische Migrationsforschung zentral mit der Untersuchung der Voraussetzungen, Formen und Folgen von internationaler Migration als einer einmaligen und unidirektionalen Ortsveränderung von einer Nationalgesellschaft in eine andere beschäftigt hat.
„In der Klassischen Migrationsforschung lag der Fokus auf der Frage, warum wel- cheBevölkerungsgruppen in welcher Form grenzüberschreitend wandern; welche sozialen, kulturellen, ökonomischen und politischen Wirkungen dies auf die Herkunfts- und Ankunftsgesellschaften hat; und wie sich die Migranten in die An- kunftsgesellschaftenintegrieren“. 19
Dabei wurden sowohl die Herkunfts- als auch die Ankunftsregionen beziehungsweise -gesellschaften als jeweils ineinander verschachtelte Container von Flächen- und Sozialraum verstanden. Dementsprechend lag in dieser Perspektive der Fokus auf den so genannten Push- und Pull-Faktoren 20 als den Kräften, die den Wechsel von einem Container in einen anderen bedingen und regulieren. 21 Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über verschiedene Ansätze innerhalb der Klassischen Migrationsforschung und beschreibt die zwischen Herkunfts- und Ankunftsregion bestehende Beziehung. Deutlich wird, dass es vorrangig um soziale und kulturelle Auswirkungen auf die Ankunftsgesellschaft geht.
18 VGL. PRIES (2001: 12).
19 PRIES (2001: 12).
20 ALS PUSH-FAKTOREN WERDEN DIE UNGÜNSTIGEN BEDINGUNGEN EINER REGION BEZEICHNET, DIE DIE MENSCHEN ZU EINER AUSWANDERUNG BEWEGEN. UNTER PULL-FAKTOREN SIND DIE VIEL VERSPRECHENDEN BEDINGUNGEN EINER REGI- ONZUSAMMENGEFASST, DIE DIE MENSCHEN ZU EINER EINWANDERUNG BEWEGEN. VGL. LUTZ (2004: 478).
21 VGL. PRIES (2001: 30F).
22 Abbildung 1: Klassische Migrationsforschung
2.1.2 Neuere Migrationsforschung
Die Klassischen Ansätze der Migrationsforschung, die Wanderungen als uni- oder bidirektionale Ortswechsel erfassten, haben seit den 1980er Jahren enorme Erweiterungen und Verschiebungen der Fragestellungen hin zu den Neueren Ansätzen erlebt. In diesen jüngeren Betrachtungsweisen wird Migration nicht mehr nur als einmaliger unidirektionaler Ortswechsel, sondern auch als dauerhafter Zustand und damit als eine neue soziale Lebenswirklichkeit für eine wachsende Anzahl von Menschen begriffen. Im Gegensatz zur Klassischen Migrationsforschung liegt der Fokus nicht mehr auf der Erfassung der Gründe für Migrationsentscheidungen und der Erforschung von Folgewirkungen für Herkunfts- oder Ankunftsregion. Es geht viel-
22 VGL.PRIES (2001: 31).
mehr um Fragen nach der Aufrechterhaltung von Migrationsströmungen, deren neuer und eigener Qualität und um die Erfassung neuer transnationaler sozialer Wirklichkeiten, die im Zusammenhang neuer internationaler Migrationsprozesse entstehen. Während Klassische Migrationsforschung auf die Mikroebene oder Makroebene 23 und auf die Herkunftsregion oder die Ankunftsregion fokussiert war, konzentrieren sich neue Migrationsstudien auf Zwischenlagen, auf eine Meso-Analyseebene und auf Bewegungen und Sozialräume zwischen beziehungsweise oberhalb der Herkunfts- und Ankunftsregion. 24
Abbildung 2 stellt die verschiedenen Ansätze innerhalb der Neueren Migrationsforschung dar und unterstreicht die Bedeutung, die Transnationalität im Migrationsdiskurs gewonnen hat.
Abbildung 2: Neue Ansätze zur Erforschung internationaler Migration 25
23 MIT MIKROEBENE SIND IN DIESEM ZUSAMMENHANG INDIVIDUELLE AKTEURE ODER HAUSHALTE GEMEINT, MIT MAK- ROEBENEMASSENSTATISTISCHE DATENANALYSEN. VGL. PRIES (2001: 32).
24 VGL. PRIES (2001: 32F.).
25 VGL. PRIES (2001: 33).
2.1.3 Rückblick und Ausblick
Nachfolgend wird aufgezeigt, welche Auffassungen die Migrationssoziologie in Deutschland in der Vergangenheit vertreten hat und wie sich diese einer globalisierten Welt anpassen sollten beziehungsweise werden.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist eine Intensivierung der migrationssoziologischen Theoriediskussion gerade in Deutschland notwendig. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur und ihrer Kriegswirtschaft wurden die vielfältigen Ursachen, Formen und Konsequenzen freiwilliger und unfreiwilliger Wanderungsbewegungen während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik Deutschland kaum systematisch und breiter sozialwissenschaftlich diskutiert. In den 1970er Jahren wurde Migrationssoziologie vor allem als Gastarbeiterforschung betrieben. In diese Phase fallen die noch heute in Überblickswerken benannten Arbeiten von HOFFMANN-NOWOTNY (1970) und ESSER (1980). Ihr Hauptinteresse galt in dieser Zeit den Stufen und Problemen der sozialen Integration der Gastarbeiter in die deutsche Gesellschaft. Integration wurde dabei weitgehend als Assimilation der Gastarbeiter verstanden.
Während der 1980er Jahre flachte die wissenschaftliche Produktion und Diskussion der Migrationssoziologie in Deutschland stark ab. Erst durch die veränderten Bedingungen der deutschen Wiedervereinigung, massiver Asyl- und Fluchtmigration nach Deutschland, teilweise starker Fremdenfeindlichkeit, des europäischen Einigungsprozesses und wirtschaftlicher, kultureller und sozialer Globalisierung in den 1990er Jahren lässt sich unlängst eine Revitalisierung der Migrationssoziologie in Theorie und Empirie ausmachen. Davon zeugen neu aufgelegte beziehungsweise neue Einführungswerke wie die von TREIBEL (1999) und HAN (2000), Überblicksstudien oder auch die beachtliche wissenschaftliche Produktion von Forschungszentren. 26 Die jüngere Migrationsforschung in Deutschland weist unterschiedliche Strömungen auf. So befassen sich beispielsweise einige Autoren mit systematischen Vergleichen
26 VGL. PRIES (2001: 54F.); BOOS-NÜNNING/KARAKSOGLU (2005: 47FF.).
der Einwanderungs- und Einbürgerungsproblematik bei Mexikanern in den USA und bei Türken in Deutschland. 27 Ebenso wie diese konzentrieren sich die Arbeiten von THRÄNHARDT (1997) sowie MOROKVASIC/RUDOLPH (1994) auf die neue Migrationssituation der 1990er Jahre, allerdings in einer europäischen Vergleichsperspektive. Das Thema Migration und Ethnizität wurde in verschiedenen Studien theoretisch und empirisch behandelt. 28 Schließlich wurden auch verstärkt die geschlechtsspezifischen Voraussetzungen, Formen und Folgen internationaler Migration thematisiert. 29
Das Feld der Migrationsforschung ist zum Beginn des 21. Jahrhunderts so bewegt, dass eindeutige Orientierungen bezüglich des theoretischen und empirischen Erkenntnis- und Diskussionsstandes schwierig sind. 30 Neue Phänomene wie die Transmigration lassen sich nur angemessen erforschen, wenn dafür auch neue theoretische Konzepte entwickelt werden. Viele der oben skizzierten neuen Ansätze der internationalen Migrationsforschung geben wichtige Impulse in diese Richtung. Nimmt die Migrationssoziologie diese Herausforderung an, so kann sie aus einer eher randständigen Position ins Zentrum soziologischer Gegenwartsdiagnose rücken. 31
2.2 Von der Frauenforschung zur Genderforschung
Im folgenden Abschnitt werden die Entwicklung und der aktuelle Stand der Frauen-forschung in Deutschland kurz dargestellt, sowie deren Umbenennung in Gender-forschung erläutert, um anschließend die Verknüpfungen zur Migrantinnenforschung sichtbar zu machen.
Ausgangspunkt für die Etablierung einer Frauenforschung war das Aufkommen der Neuen Frauenbewegung. Erst durch diese, die als soziale, politische und kulturelle Bewegung neue Impulse hinsichtlich der gesellschaftlichen Position der Frauen und des bestehenden Geschlechterverhältnisses lieferte, wurden herrschende Standards
27 SIEHE DAZU FAIST (1995); BADE (1994); BÖS (1997).
28 SIEHE DAZU BADE (1996); HECKMANN (1992); HETTLAGE ET AL. (1997).
29 SIEHE DAZU MIERA (1996); SCHÖTTES/TREIBEL (1997); KRAMER (1997).
30 VGL. PRIES (2001: 56).
31 VGL. PRIES (2001: 60).
hinterfragt und zur Sprache gebracht. Auch in der Wissenschaft wurde im Zuge dessen die bis dahin deutliche männliche Dominanz aufgelöst und eine Verschiebung hin zu einem Interesse an Frauenfragen sichtbar. 32 Als zentrales Ziel der Frauenforschung kann zum einen die Beseitigung des Androzentrismus der Wissenschaft und zum anderen der Abbau der frauendiskriminierenden Herrschaftsformen genannt werden. Diese beiden Ziele, Frauensicht und Frauenteilhabe, sollten das bestehende Wissenschaftssystem grundlegend in Frage stellen. Hauptanliegen der Frauen-forschung war das Sichtbarmachen der Frau, sowohl als Forschungssubjekt als auch als Forschungsobjekt. 33
Zu Beginn gaben die Kritiken und Themen der Frauenbewegung der Frauenforschung ihre Fragestellungen vor, so dass es um die Unterscheidung zwischen Lohn-und Hausarbeit, um Liebe und Sexualität und um das Konzept wie die Praxis politischer und persönlicher Autonomie ging. 34 Gerade dieses enge Verhältnis zwischen Frauenbewegung und Frauenforschung birgt Komplikationen, der Vorwurf der Subjektivität und Voreingenommenheit zugunsten der Belange der Frauen steht im Raum. „Die eigene Involviertheit, früher sagten wir Betroffenheit und Parteilichkeit, erwies sich in diesem Fall ganz offensichtlich als Hemmschwelle“. 35 Inzwischen hat ein breites Spektrum feministischer Forschungen das Innovationspotenzial, die Validität und Produktivität feministischer Perspektiven durch vielfältige Ergebnisse in beinahe allen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen unter Beweis gestellt.
Mittlerweile ist an die Stelle der Geschlechterdifferenz als ausschlaggebender, die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmenden Perspektive, die Differenz auch unter den Frauen getreten. Vielfältige soziale Unterschiede wie Klasse, Alter, Milieu oder Ethnie schließen eine gemeinsame Bezugnahme auf die Kategorie Frau aus. 36 Desweiteren kann die Bezeichnung Frauenforschung aufgrund der verengten Perspekti-
32 VGL.GERHARD (2001: 21).
33 VGL. FAULSTICH-WIELAND (2006: 100).
34 DIE UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN LOHN- UND HAUSARBEIT GALT ALS DREHPUNKT GESELLSCHAFTLICHER POSITIONIE- RUNGUND GESCHLECHTSSPEZIFISCHER BENACHTEILIGUNG VON FRAUEN. UNTER LIEBE UND SEXUALITÄT WURDEN DIE ERFAHRUNGSDIMENSIONEN PRIVATER GEWALT UND STAATLICHEN GEBÄRZWANGS UNTERSUCHT UND KRITISIERT. VGL. GERHARD (2001: 22).
35 GERHARD (2001: 22).
36 VGL. GERHARD (2001: 31).
ve nicht weiterhin bestehen, mittlerweile liegt der Fokus nicht mehr auf der Sichtbarmachung der Frau, sondern auf der Bedeutung von Geschlecht oder auch Gender. Es geht um das Wissen über Geschlecht, das heißt über die Entwicklung von Geschlechtsidentität und die Rolle der Sozialisationsinstanzen dabei. 37 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Frauenforschung als solche ein relativ junger Forschungszweig ist und sich zunächst von den Überzeugungen und Ansichten der Frauenbewegung lösen musste, um im wissenschaftlichen Diskurs ernst genommen zu werden. Deutlich wird, dass die Gruppe der Frauen keineswegs homogen und eine eindeutige Differenzierung illusorisch ist. Ebenfalls nicht möglich ist eine Fokussierung auf die Benachteiligung der Frau. Der Blick muss insgesamt auf das wechselseitige Verhältnis zwischen Männern und Frauen gerichtet werden. Im Folgenden werden die Verknüpfungen der Migrantinnenforschung zur Frauen-, Gender- und zur Migrationsforschung näher erläutert.
2.2.1 Migrantinnenforschung im Kontext der Migrations-, Frauen- und Genderforschung
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, sieht sich die Migrantin in der Wahrnehmung der deutschen Öffentlichkeit und Gesellschaft zahlreichen Vorurteilen gegenüber. In diesem Abschnitt soll zum einen das Aufkommen des Forschungsinteresses gegenüber Migrantinnen sowohl in der Migrations- als auch in der Frauen- und Gender-forschung seit den 1960er Jahren nachgezeichnet werden. Zum anderen wird eine differenzierte Einordnung der Migrantin in diese Forschungsdiskurse unternommen, die dazu beitragen soll, Migrantinnen als heterogene Gruppe innerhalb der deutschen Mehrheitsgesellschaft wahrzunehmen.
Das Bild von der unterdrückten, passiven Migrantin, die ihrem Ehemann aufgrund finanzieller und emotionaler Abhängigkeit nach Deutschland gefolgt ist, ist in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor vorherrschend. 38 TREIBEL beschreibt dieses Phänomen wie folgt:
37 VGL. FAULSTICH-WIELAND (2006: 12).
38 VGL. TREIBEL (2008: 143).
„Für den alltäglich-öffentlichen Umgang mit Migrantinnen scheint es lediglich zwei Umgangsweisen zu geben: Entweder werden sie gar nicht bemerkt oder sie werden als Fremde markiert und mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet“. 39
In der Migrationsforschung zeigt sich ein ähnliches Bild: Die damalige Gastarbeiter-forschung erkannte Frauen nicht als eigenständig wandernde Personen an, sondern als Anhängsel der italienischen oder türkischen Gastarbeiter, die im Rahmen der Gastarbeiteranwerbung nach Deutschland kamen. 40 1955 schloss die Bundesrepublik Deutschland den ersten Anwerbevertrag mit Italien, es folgten bis Ende der 1960er Jahre Verträge mit Spanien, Griechenland, der Türkei, Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Der Frauenanteil lag bei etwa 20 % 41 , in den Studien der Anfangszeit spielte der Geschlechteraspekt jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Nach dem Anwerbestopp 1973 und dem damit zusammenhängenden Familiennachzug verlagerte sich die Aufmerksamkeit von der ausländischen Arbeitsbevölkerung auf die ausländische Wohnbevölkerung. Damit waren jedoch eher die Kinder der Gastarbeiter und deren Schwierigkeiten im deutschen Bildungssystem als die Frauen gemeint. Eine Aufmerksamkeit für nachgereiste Frauen und auch für unabhängig gewanderte Gastarbeiterinnen war in Öffentlichkeit und Wissenschaft nicht vorhanden. Dies lag zum einen an der Erwartung einer kurzen Aufenthaltsdauer der GastarbeiterInnen, zum anderen aber auch an einer generellen Vernachlässigung von Mädchen und Frauen in der Wissenschaft. 42
Ende der 1970er Jahre löste das Buch „Verkaufte Bräute. Türkische Frauen zwischen Kreuzberg und Anatolien“ 43 öffentliches Interesse aus, das auch die Wissenschaft dazu veranlasste sich intensiver mit diesem Thema auseinanderzusetzen. 44 So wurde parallel zu der in Deutschland aufkommenden Frauenforschung die Ausländerin „entdeckt“. Für sie galten Motive, Interessen und Problemlagen als charakteristisch, die sie als deutlich anders als „die“ damalige deutsche Frau markierten.
39 TREIBEL (2008: 141).
40 VGL. BOOS-NÜNNING/KARALSOGLU (2005: 13); LUTZ (2004: 467).
41 VGL. TREIBEL (2008:146).
42 VGL. RODRIGUEZ (1999: 23); TREIBEL (2008: 146)
43 SIEHE DAZU BAUMGARTNER-KARABAK/LANDESBERGER (1978).
44 VGL. RODRIGUEZ (1999: 26).
Als Mitglied der Großkategorie Frau konnte sie sich der Solidarität sicher sein, interessant aber wurde sie durch ihre Differenz. 45
Es ging den in der Frauenbewegung engagierten deutschen Frauen um das Sichtbarmachen der Lebensbedingungen ausländischer Frauen, an denen ihre spezifische Benachteiligung als Frauen und als Ausländerinnen besonders deutlich sichtbar wurde. Dabei wurden die Frauen in den Publikationen meist als hilflose, sprachlose Opfer dargestellt. Die Migration wurde als ein Unglück und eine von den Frauen selbst so nicht gewollte Situation beschrieben, auf die sie nicht vorbereitet waren. 46 HUTH-HILDEBRANDT bemerkt, dass der Zeitpunkt, zu dem das Forschungsinteresse an Migrantinnen in der Bundesrepublik aufkam, geprägt war durch die Diskussion um Kulturdifferenzen und Kulturkonflikte. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass der Blick auf die Migrantin durch die Fixierung auf die Kulturdifferenz und die Kulturkonflikthypothese 47 nachhaltig beeinflusst wurde. 48 Seit Ende der 1980er Jahre wurde der Begriff Ausländerin zunehmend durch die Kategorie Ethnizität ersetzt, da diese auf die Volkszugehörigkeit verweist, nicht auf die Staatsangehörigkeit. Zeitgleich wurden in der Frauenforschung und Frauenbewegung grundlegende Debatten über die Beschaffenheit der Großgruppe Frau geführt. Hintergrund war die Kritik schwarzer Frauen aus der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an den Wortführerinnen des Feminismus, die hauptsächlich weiße Mittelschichtsangehörige und somit auf ihre eigenen Probleme fixiert waren. In Deutschland machte KNAPP in „Die vergessene Differenz“ 49 darauf aufmerksam, „[…] [dass] Frauen in unterschiedlichem Maße von Benachteiligung und Diskriminierung betroffen [sind]. Eine Subsumierung unter eine Großkategorie Frau mag politisch sinnvoll sein, wissenschaftlich ist sie fragwürdig“. 50 Etwa zehn Jahre später waren diese Überlegungen in der Frauenforschung, die sich zur Geschlechterforschung entwickelt hatte, Allgemeingut. 1998 kritisierte GÜMEN
45 VGL. TREIBEL (2008: 147F.).
46 VGL. HUTH-HILDEBRANDT (1992: 11); LUTZ (2004: 476); RODRIGUEZ (1999: 27).
47 DIE KULTURKONFLIKTHYPOTHESE BENENNT ALS URSÄCHLICH FÜR SCHWIERIGKEITEN IM UMGANG MIT ZUWANDERUNG UND INTEGRATION VERMEINTLICH UNÜBERWINDBARE KULTURELLE DIFFERENZEN ZWISCHEN EINHEIMISCHEN UND ZUGE- WANDERTEN. VGL.HUTH-HILDEBRANDT (2001: 68).
48 VGL. HUTH-HILDEBRANDT (2001: 69).
49 VGL. TREIBEL (2008: 145).
50 ZIT. NACH TREIBEL (2008: 146).
die Frauen- und Geschlechterforschung für ihr marginalisierendes Verhalten, Migrantinnen als Sonderfälle der allgemeinen Großkategorie „Frau“ zu behandeln. Ihrer Meinung nach sollte der Umgang mit Fremden von einer kritisch-feministischen Gesellschaftstheorie als gesamtgesellschaftliches Problem neu konzipiert werden. 51 Seit Ende der 1990er Jahre wurde der Opferdiskurs, wonach Migrantinnen primär als Benachteiligte und Unterprivilegierte wahrgenommen wurden, zumindest in der Forschung weitgehend abgelegt. Der Fokus liegt nun mehr auf einer systematischen Erfassung der Perspektiven, Handlungsmotive und -interessen der Migrantinnen. 52 Die Forschung hat seit geraumer Zeit einen Perspektivenwechsel vollzogen: „Das ausländische Mädchen“ oder „Die Migrantin“ gibt es aus Sicht der Forschung längst nicht mehr. Werden die Elemente der Trias Geschlecht/Ethnizität/Klasse zueinander ins Verhältnis gesetzt, bleibt von der vermeintlichen Substanz der Ausländerin oder Migrantin nichts mehr übrig. 53 Die Vielfalt weiblicher Lebensbedingungen und Lebenswelten ist heute Konsens der Migrantinnenforschung. Bezogen auf die Migrantinnen hat die Forschung über so unterschiedliche Gruppen wie die so genannten Bildungsinländerinnen und die Angehörigen der zweiten und dritten Generation der GastarbeiterInnen gerade erst begonnen. Übereinstimmung besteht auch darüber, dass es unter den Migrantinnen keineswegs nur prekäre, sondern auch privilegierte Lebenslagen gibt. Der Migrationshintergrund wäre dann also nur noch eine Variable unter vielen. 54
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Migrantinnenforschung mittlerweile eine beträchtliche Spannbreite aufweist und interessante Verknüpfungen sowohl zur Geschlechter-, als auch zur Migrationsforschung bestehen. Zentrale Aufgabe besteht zukünftig darin, sachliche und differenzierte Analysen vorzulegen, um damit
51 VGL. RODRIGUEZ (1999: 28); TREIBEL (2008: 148F.).
52 VGL. TREIBEL (2008: 149).
53 EIN 15-JÄHRIGES FRAUENHANDELSOPFER AUS RUMÄNIEN UND EINE MANAGERIN AUS ANKARA HABEN, ABGESEHEN VON IHREM TEMPORÄREN AUFENTHALT IN DEUTSCHLAND, NICHTS MITEINANDER GEMEINSAM. VGL. TREIBEL (2008: 151).
54 VGL. TREIBEL (2008: 153).
bestehenden Stereotypen 55 und Kategorisierungen in der öffentlichen Wahrnehmung entgegenzuwirken. Es geht also darum die wissenschaftliche Praxis und die öffentliche Wahrnehmung stärker aufeinander zu beziehen. 56 Als Aufgabe kritischer Sozialforschung kann darüber hinaus die Herausarbeitung sozialer und gesellschaftlicher Schwierigkeiten und Hindernisse genannt werde, um damit Ansatzpunkte zur Veränderung ungleicher Ausgangslagen zu schaffen. Die Anerkennung von Migrantinnen als Subjekte bedeutet für den Bereich der Sozialforschung, Methoden und theoretische Ansätze zu wählen, die sowohl die Vielgestaltigkeit ihrer Person und ihre subjektiven Handlungsgründe zum Tragen bringen und gleichzeitig gesellschaftliche Verhältnisse mit einbeziehen. 57
55 DER BEGRIFF STEREOTYP BEZEICHNET SCHEMATISIERTE, LÄNGERFRISTIG UNVERÄNDERTE UND TROTZ NEUER ODER SO-GAR GEGENTEILIGER ERFAHRUNGEN STARRE, VERFESTIGTE VORSTELLUNGEN ÜBER SPEZIFISCHE WESENS- UND VERHAL- TENSMERKMALEANDERER MENSCHEN ODER MENSCHENGRUPPEN. ZUR FESTIGUNG, UNTERSTREICHUNG UND PRÄZISIE- RUNGDES PERSÖNLICHEN ODER SOZIALEN EIGENWERTES ENTWICKELT DAS STEREOTYP SCHARFE GEGENSÄTZLICHKEITEN MEIST ZU SOZIAL SCHWÄCHEREN RANDGRUPPEN ODER MINORITÄTEN DER GESELLSCHAFT. VGL. HILLMANN (2007: 861).
56 VGL. TREIBEL (2008: 163F.).
57 VGL. RIEGEL (2004: 361F.).
3 Migration und Gender
Wie in Kapitel 2 behandelt, ist auf wissenschaftlicher Ebene mittlerweile ein tief greifender Perspektivenwechsel erfolgt, so dass heute eine Reihe grundlegender Studien zu Gender-Aspekten vorliegt. 58 Alle Rahmenbedingungen von Migrationseien es ökonomische, politische, soziale oder rechtliche- bewirken grundlegende geschlechtsspezifische Differenzen und damit für Männer und Frauen unterschiedliche Erfahrungen und Konsequenzen. 59
In diesem Kapitel werden die Arbeiten von HAN und TREIBEL dargestellt, um anhand dieser zu verdeutlichen, dass der Genderaspekt bei Migrationsentscheidungen undfolgen nicht zu vernachlässigen ist. Zunächst wird die von HAN vertretene These einer Feminisierung der Migration, begründet durch verschiedene Faktoren innerhalb eines allgemeinen sozialen Wandels, dargestellt. Anschließend werden die von TREI- BEL untersuchtengeschlechtsspezifischen Wanderungsursachen und -motive von Frauen betrachtet. Der Fokus liegt hier auf besonderen, ausschließlich für Frauen geltenden Normen und Erwartungen im Herkunfts- und im Aufnahmeland.
3.1 Migration der Frauen im sozialen Wandel
Nach HAN gibt es drei zentrale Gründe für die langjährige Unterschätzung der weiblichen Migration und das Aufkommen des Forschungsinteresses in den 1980er Jahren. Zum einen hat sich die Migrationssoziologie in ihren Anfängen vorwiegend mit den Motiven und soziokulturellen Folgen der männlichen Wanderungsbewegungen beschäftigt. Erst als zu Beginn der 1980er Jahre Publikationen vorlagen, die einen Anteil der Frauen an der internationalen Migration von circa 55% bestätigten, rückte die Migration der Frauen in den Mittelpunkt des fachlichen und öffentlichen Interesses. Zum Zweiten wurde das generelle Interesse an Frauenfragen, veranlasst durch die feministischen Frauenbewegungen, die sich mit der geschlechtlichen Ungleichheit auseinandersetzten, größer. In Folge dessen wurden auch in der Migrati-onsforschung zunehmend die Belange von Frauen thematisiert. Drittens wurde die
58 SIEHE DAZU APITZSCH (2003); BOOS-NÜNNING/KARAKASOGLU (2005); SCHÖTTES/TREIBEL (1997).
59 VGL. OSWALD (2007: 38FF.). Migration und Gender 18
Arbeitskraft der Frau einerseits durch die steigende Nachfrage nach Frauenarbeitskräften und andererseits durch die zunehmende Erwerbsbeteiligung der Frauen seit Mitte der 1970er Jahre, als kostengünstig und flexibel für Produktion und Dienstleistung einsetzbar, entdeckt. 60
3.1.1 Geschlecht als zentrales Strukturprinzip
Migration ist ein komplexes Phänomen, welches monokausal nicht zu erfassen ist. Dies gilt ebenso für die Migration von Frauen. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier der Tatsache, dass sich die sozialen Lebenslagen und Erfahrungen von Frauen in der Migration grundsätzlich von denen der Männer unterscheiden. 61
„Die seit der Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts vorliegenden For- schungsergebnisselegen die These nahe, dass die besonderen sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Migrantinnen (z.B. familiale Selektion zur Migration, Beschäftigung, berufliche Segregation, Lohndiskriminierung und physische, psychische und sexuelle Ausbeutung) maßgeblich durch die kulturelle und gesellschaftliche Konstruktion des weiblichen Geschlechts determiniert werden“. 62
Deutlich wird, dass die Migration von Frauen, auch wenn sie von zahlreichen Push-und Pull -Faktoren bestimmt wird, von keinem anderen Faktor so grundlegend und tiefgreifend reguliert wird wie vom Faktor des Geschlechts. 63 Das Wort Geschlecht bezeichnet in der deutschen Sprache die Zugehörigkeit der Menschen zur Gruppe der Frauen oder Männer. Die alltags- und fachsprachliche Entwicklung in Deutschland zeigt jedoch den Trend, dass der Begriff Geschlecht durch die englischen Begriffe sex und gender ersetzt wird. Der Begriff sex bezieht sich auf die biologischen beziehungsweise anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau, während der Begriff gender auf die kulturell erzeugten und konstruierten Unterschiede zwischen den Kategorien der Männlichkeit und Weiblichkeit Bezug nimmt, die jeweils auf den kulturspezifischen Wertungen der beiden Geschlechter basieren. In diesem Sinne bedeutet gender eine kulturelle Konstruktion,
60 VGL. HAN (2003: 2F.); LUTZ (2004: 477).
61 VGL. HAN (2003: 11).
62 ZIT. NACH HAN (2003: 12).
63 VGL. HAN (2003: 12).
in der deutschen Übersetzung „das soziale Geschlecht“ beziehungsweise die „Geschlechtsidentität“. 64
HAN geht es darum, die Auswirkungen auf das weibliche Migrationsverhalten, resultierend aus der bestehenden Konstellation des Geschlechtsverhältnisses, zu thematisieren. Mit dem Geschlechtsverhältnis sind dabei die historisch-kulturell gewachsenen und praktizierten sowie die in der Gegenwart vorkommenden sozialen Regelungen der Beziehungen zwischen Mann und Frau gemeint. 65 Es handelt sich um prozesshaft entstandene Konstruktionen der Geschlechtsbilder. Sie kommen in den allgemeinen geschlechtlichen Rollenbildern und -erwartungen, in der ungleichen Behandlung der Geschlechter in den unterschiedlichen sozialen Kontexten, in der geschlechtlichen Arbeitsteilung in Familie und Gesellschaft und in der Unterdrückung und Ausbeutung der Frauen durch Männer zum Ausdruck. Nach HAN ist diese Art der patriarchalischen Regelungsform „[…] heute noch in allen Kulturen und Ländern präsent, obwohl sie nur eine der vielen möglichen Regelungsformen der Ge- schlechtsbeziehungdarstellt“. 66 Demnach wurden die Geschlechtsverhältnisse nicht durch das Patriarchat bestimmt, das Patriarchat stellt lediglich eine kulturelle Rege-lungsform der Geschlechtsbeziehung dar.
Die Migration von Frauen unterliegt jedoch in entscheidendem Maße diesen kulturellen Geschlechtsrollenvorstellungen, sie sind prägend für die familiale Selektion der Frauen zur Migration. In den patriarchalisch strukturierten Gesellschaften der Länder der Dritten Welt beginnt dieser Selektionsprozess bereits im Kindesalter, deutlich sichtbar bei der elterlichen Bevorzugung der Söhne beziehungsweise Benachteiligung der Töchter. Gründe für diese ungleiche Behandlung der Kinder liegen in der patrilinearen und patrilokalen Gesellschaftsstruktur. 67 Die Söhne bleiben bei den Eltern und sind als Gegenleistung für das Erben des elterlichen Vermögens für deren Versorgung verantwortlich. Die Töchter hingegen verlassen mit der Heirat
64 VGL. HAN (2003: 13F.).
65 VGL. HAN (2003: 15F.).
66 HAN (2003: 16).
67 MIT PATRILINEAR IST DIE ÜBERTRAGUNG DES ERBRECHTS AUF DIE MÄNNLICHEN NACHKOMMEN GEMEINT, PATRILOKAL BEZEICHNET DIE TATSACHE, DASS BEI DER WOHNORTSWAHL DER WOHNSITZ DES MANNES ENTSCHEIDEND IST. VGL. HAN (2003: 22).
ihre Herkunftsfamilie, um in die Familie des Mannes einzuziehen. 68 „Unter diesem Aspekt ist es für die Eltern folgerichtig, dass sie in die Erziehung der Söhne mehr investieren als in die der Töchter“. 69
Ähnlich gestaltet sich die soziale und wirtschaftliche Situation der Migrantinnen in den Aufnahmeländern. Sie werden zum großen Teil im informellen Dienstleistungs-sektor eingesetzt und verrichten dort überwiegend Arbeiten, für die keine besonderen Qualifikationen erforderlich sind. Damit einher gehen schlechte Entlohnung und weitgehend rechtliche Schutzlosigkeit, woraus häufig Ausbeutung, Diskriminierung und Missbrauch der Migrantinnen resultieren. 70 Somit lässt sich feststellen, „[…] dass die soziokulturellen Diskriminierungen und Ausbeutungen der Migrantinnen bereits in ihrer Herkunftsfamilie beginnen und sich im Aufnahmekontext auf einer anderen Ebene verstärkt fortsetzen“. 71 Das Geschlecht hat demzufolge einen entscheidenden Einfluss auf die Situation in Herkunftsfamilie und Herkunftsland, auf die Wanderungsentscheidung und auf die Lebenssituation im Aufnahmeland.
3.1.2 Feminisierung der Migration
Nach HAN beschreibt der Begriff Feminisierung der Migration eine globale Entwicklung, in der der Anteil der Frauen, die sowohl abhängig als unabhängig die Migration antreten, insgesamt so kontinuierlich steigt, dass er sich dem Anteil der Männer allmählich angleicht beziehungsweise diesen sogar übersteigt. 72 Laut den Vereinten Nationen betrug der durchschnittliche Frauenanteil an den Migranten in den Industrieländern im Jahr 1995 50,1%, während er in den Entwicklungsländern 45,4% ausmachte. 73
„Die Feminisierung der Migration stellt insofern eine neue Entwicklung dar, als bisher angenommen wurde, dass die Migration weitgehend von Männern dominiert wird. Sie ist zudem für die Migrationssoziologie von Relevanz, da sie einen grundlegenden Strukturwandel von Familie, Wirtschaft und Politik aufzeigt. Die
68 VGL. HAN (2003: 22).
69 ZIT. NACH HAN (2003: 22).
70 VGL. HAN (2003: 24F.).
71 ZIT. NACH HAN (2003: 25).
72 VGL. HAN (2003: 61).
73 VGL. HAN (2003: 62).
Arbeit zitieren:
Gesine Qualitz, 2010, Migration als Emanzipation, München, GRIN Verlag GmbH
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