Forschungsprojekt : Die generationsübergreifende Bildungsbiographie 2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 3
2 Untersuchungsinstrumente Methodologie 4
3 Sample Auswertungsform 6
4 Theoretische Vorklärung 8
5 Ergebnisse 10
6 Zusammenfassung 12
7 Reflexion des Projekts 14
8 Empfehlungen für weitere Forschungsvorhaben 16
9 Literaturverzeichnis 18
Transkript
Forschungsprojekt: Die generationsübergreifende Bildungsbiographie 3
1 Einleitung
Lernen findet bei Kindern durch Nachahmung, Modelllernen und schlichtweg durch Erziehung statt. Es stellt sich daher die Frage, ob dies auch auf die Bildungseinstellung/das Weiterbildungsverhalten zutrifft.
Innerhalb der persönlichen Entwicklung und während des gesellschaftlichen Miteinanders ist man immer wieder neuen Einflüssen (z.B. Schule, Berufsschule, Weiterbildungskurse) ausgesetzt. Möglicherweise legen aber dennoch die Eltern mit der Weitergabe ihrer eigenen Bildungsbiographien den Grundstein für ihre Kinder. Diese orientieren sich eventuell an ihren Lebensläufen oder impliziten Wertvorstellungen, sodass im Resümee sehr ähnliche, wenn nicht sogar identische Lernbiographien entstehen.
„Wenngleich Bourdieu dem primär erworbenen Habitus eine schicksalprägende Bedeutung zuschreibt, so setzt er sich dennoch intensiv mit der sekundären Sozialisation in der Schule, aber auch der tertiären Sozialisation in der Hochschule auseinander.“ (Herzberg 2004, S. 48)
Die bisherigen Studien betrachten diesen grundlegenden Baustein der späteren Teilnahme oder Abstinenz an Bildungsveranstaltungen oftmals unter sehr spezifischen Fragestellungen. Meist werden die Auswirkungen solcher sozialen Einflüsse auch über eine kürzere Zeitspanne betrachtet. Der Zusammenhang zwischen Kindheit und Weiterbildung wird kaum in den Fokus gerückt.
Daher ist es Ziel dieses Forschungsprojektes herauszufinden, welchen Einfluss die Eltern auf die zukünftige Weiterbildungsaktivität ihrer Kinder haben. Der erhoffte Erkenntniszuwachs könnte im Idealfall zum Abbau vorhandener Weiterbildungsbarrieren beitragen. Ebenso ist eine gezieltere Aufklärung der Eltern denkbar, damit diese z.B. ihre Wertorientierung oder Bildungseinstellung gegebenenfalls überdenken können.
Es gilt zu untersuchen, inwiefern sich die Bildungsbiographie der Eltern auf ihre Kinder überträgt. Welche Einflüsse sie zum Besuch eines Fortbildungskurses anspornen oder warum nach dem Abitur die akademische Laufbahn folgt. Die Thematik umfasst folglich auch den Aspekt des ‚Lebenslangen Lernens’. Diese Betrachtung könnte durchaus interessant sein im Hinblick darauf, wie zukünftig eine verbesserte Umsetzung zu gestalten wäre. Es lassen sich auch möglicherweise Rückschlüsse darauf ziehen, was den Einzelnen dazu bewegt sich stetig zu bilden bzw. was ihn daran hindert.
Forschungsprojekt: Die generationsübergreifende Bildungsbiographie 4
Dieses Werk arbeitet dabei mit den Hypothesen, dass ...
a) ... der individuelle Lernhabitus letztlich nicht nur durch die Eltern weitergegeben wird. Er entwickelt sich individuell. Grund dafür sind u.a. die Konfrontationen mit ‚neuen’ Lebenswelten, z.B. Freundeskreis aber auch schulische Institutionen als eines von vielen Sozialgefügen.
b) ... die elterliche Lerneinstellung zunächst als einzig wahrgenommene Haltung übernommen wird. Allerdings findet im späteren Entwicklungsprozess eine Revidierung oder Abänderung statt.
2 Untersuchungsinstrument & Methodologie
Das Untersuchungsinstrument dieses Forschungsprojektes ist ein durch Leitfragen gestütztes Paarinterview. Dieses wurde ausgewählt, da es sich besonders für die Erforschung von Generationsverhältnissen anbietet (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008, S. 124). Weiterhin ist ein Vergleich zweier verschiedener Lernlebensläufe angestrebt, um einen facettenreichen Überblick der elterlichen Einwirkungen zu bekommen. Das Vorgehen ist dabei als exemplarisch anzusehen. Die geringe Teilnehmeranzahl lässt natürlich keinen hinreichenden Übertrag auf ein allgemeines Generationsverhältnis zu. Jedoch rechnet die Forscherin mit detaillierten Schilderungen, oder anders formuliert, einer in sich komplexen Datenmenge, welche großes Interpretationspotential in sich trägt. Es finden daher zwei fallspezifische Analysen der vorliegenden Lernbiographien statt. Die Thematik Bildungsbiographie, quasi der Lebenslauf des Lernens, lässt sich nur schwer anhand einiger gezielter Fragen umfassend darstellen. Die Bedingungen unter den ein Individuum seinen Lernhabitus herausbildet, können mannigfaltig sein. Die Au-torin entschied sich daher gegen den Einsatz einer Fragebogenkonstellation. Statt dessen tritt an diese Stelle die qualitative Forschungsmethodik in Form eines Interviews. Mithilfe dessen sollte es den Probanden ermöglicht werden, frei zu erzählen. Hierbei kamen die Vorteile des Paarinterviews deutlich zum Tragen. Durch die gegenseitige Beeinflussung der Teilnehmer konnten verschiedene Details zu Tage treten, welche der/die Einzelne möglicherweise nicht erwähnt hätte. Es zeigte sich, dass es für den großen Zeitraum, welchen es zu untersuchen galt 1 , sich die Probanden gegenseitig in ihren Erinnerungen ergänzten. Dieser Fakt sollte zur Steigerung der Validität beitragen.
1 Hier umfasst dieser eine Lebensspanne von ca. 60 Jahren, bedingt durch das Alter der Interviewteilneh- mer.
Forschungsprojekt: Die generationsübergreifende Bildungsbiographie 5
„Im Unterschied zu Einzelinterviews, in denen Personen über ihr Leben in einer Familie oder mit dem Partner sprechen, kommunizieren diese Personen im Paar- oder Familieninterview gleichzeitig als Paar oder als Familie. Indem damit die Ebene der Performanz sehr deutlich zu tage(!) tritt, bekommt man mit dem Familien- oder Paarinterview in gewisser Hinsicht validere Daten als in einem Einzelinterview.“ (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008, S. 122)
Anfangs sollte der Aspekt der gegenseitigen Beeinflussung dafür genutzt werden, dass die Teilnehmer in ihren Gedankengängen jeweils von der Idee bzw. dem Kommentar des Anderen weitergeführt werden. Dass dieses vorab geplante Interview folglich eher einer Diskussionsrunde gleicht, hätte die Autorin durchaus begrüßt. Es stellte sich jedoch heraus, dass jeder Teilnehmer starken Bezug auf seinen eigenen Werdegang nahm und nur stellenweise auf Erzählungen des jeweils anderen eingegangen wurde. Diese Untersuchungsform ist möglicherweise ein aufschlussreiches Analyseinstrument für weitere Forschungsvorhaben.
Der Erkenntnisgewinn ist durch die Orientierung an den Leitfragen abgesichert. So ermöglicht es sich, trotz der längeren Erzählphasen der Probanden, die Überprüfung der Hypothesen durchzuführen. Weiterhin ist dadurch die Realisierung eines strukturierten Vorgehens gewährleistet.
Innerhalb dieser Erhebung hat der, ansonsten durchaus erwünschte, Gesprächsfluss (vgl. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008, S. 131) der Teilnehmer einen negativen Aspekt an sich. Dieser erschwert gezielte Detailfragen an der passende Stelle und verringert möglicherweise die Tiefe bzw. Genauigkeit der Aussagen. Da die Hypothesen sich jedoch auf die wahrgenommen Einflüsse der Eltern im Allgemeinen 2 beziehen, ergibt sich dennoch ein schlüssiges und aufschlussreiches Gesamtbild.
Bezogen auf die Gütekriterien eines wissenschaftlich fundierten qualitativen Forschungsprojektes lässt sich weiterhin Folgendes festhalten: Die Validität des Untersuchungsinstrument ist dadurch gegeben, dass im Vorfeld Hypothesen gebildet wurden. Diese sollte im Feld überprüft werden. Zur Aufstellung dieser Überlegungen ist die entsprechende Fachliteratur zu Rate gezogen worden (siehe Literaturverzeichnis). Ebenso ist das Paarinterview als wissenschaftlich fundiertes Untersuchungsinstrument innerhalb der qualitativen Sozialforschung anerkannt und die Ge-sprächsgrundlage wurde daran strukturiert.
2 So ist beispielsweise auf eine milieuspezifische Verortung der Beeinflussung verzichtet worden, da dies auch den Rahmen des Projektes überzogen hätte.
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Trotzdem handelt es sich hierbei nicht um ein streng standardisiertes Vorgehen, da allein der offene Charakter des erzählenden Interviews eine gewisse Flexibilität voraussetzt.
Die Reliabilität dürfte teilweise vorhanden sein. Bei einer erneuten Erhebung kann es passieren, dass gewisse Details nicht erwähnt werden, z.B. aufgrund Vergessens oder andere Aspekte treten zu Tage. Bei der Autorin besteht auch nach der Erhebung die Ungewissheit, inwieweit alle vorhandenen Erfahrungen der Probanden erwähnt wurden. Generell sind jedoch gewisse ‚Homologien’ (Mannheim zit. n. Przyborski/Wohlrab-Sahr 2008, S. 40) erkennbar 3 , was eine gewisse Grundstruktur erkennen lässt. Es ist somit davon auszugehen, dass ein Wiederholungsinterview nur kleine Abweichungen in der Erzählung aufweisen würde.
Die Objektivität ist durch die Orientierung an den Leitfragen gewahrt. Fraglich bleibt, ob die notwendige Sympathie zwischen Probanden und Forscher zu gewissen Hemmung bzw. zu einer besonderen Offenheit führte. Dieser Faktor beeinflusst die Ergebnisse maßgeblich mit. Durch das Notieren der Fragen und Handlungsanweisungen ist diese Erhebung auch von anderen durchführbar und sollte zu fast identischen Erkenntnissen führen.
3 Sample & Auswertungsform
Die Zielgruppe des Interviews befindet sich bereits im fortgeschrittenen Alter, da hier eine umfangreiche Darstellung des bisherigen Lebenslaufes und damit auch des Bildungsweges erwartet wurde.
Die Vermittlung des Samples erfolgte durch einen Mitarbeiter der Volkshochschule Chemnitz. Dadurch wurde der Zugang zu einer Zielgruppe ermöglicht, welcher der Begriff ‚Weiterbildung’ präsent ist. Es handelt sich dabei um ein Ehepaar in den sechziger Jahren aus dem Chemnitzer Umland. Der Fakt, dass die Probanden sowohl Akteure, als auch Teilnehmer sind, erscheint der Autorin dabei besonders interessant im Hinblick auf die von ihnen wahrgenommene Einstellung.
Es ist davon auszugehen, dass diese Zielgruppe bereits eine besondere Sensibilisierung für die Thematik aufweist. Die Autorin erhoffte sich dadurch eine detaillierte Schilderung der möglichen Einflüsse.
3 So betont Frau ‚Y’ mehrere Male, welch hohe Wertschätzung ihre Mutter der Bildung zumaß und dass sich diese Einstellung auf sie, ihre Tochter, übertrug.
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Die Transkription, welche als Auswertungsgrundlage dient, lehnt sich an die Kriterien der Themenanalyse an. Der Dialekt wird daher nicht übernommen, da das Forschungsinteresse rein auf Erkenntnisgewinn abzielt. Die Syntax der Alltagssprache hingegen wird beibehalten, da sich Wiederholung in der Erzählung somit besser identifizieren lassen und keine Verständnisschwierigkeiten verursachen. Einzig Stellen, welche bedeutsam, aber für einen Drittleser unverständlich wären, werden angeglichen. Diese Passagen sind gekennzeichnet.
Das Material wird anschließend anhand der Themenanalyse aufbereitet. Die Kernaussagen und damit die Überprüfung der Hypothesen stehen im Focus (vgl. Froschauer/Lueger 2003, S. 158), wobei Randinformationen aus dem Gespräch durchaus mit in die Analyse einfließen. Auf eine Textreduktion kann weitestgehend verzichtet werden, da die Probanden sehr exakt auf die Leitfragen antworteten. Es stellte sich ebenfalls im Interview heraus, dass die kommunikative Kompetenz beider Teilnehmer, wie erwartet, dem allgemeinen Verständnis der Thematik dient. Es existiert sozusagen ein Vorwissen. Dieser Fakt beeinflusst die anschließende Interpretation des Materials in dem Sinne, dass die einzelnen Antworten auf mögliche Missverständnisse der Interviewfragen zu hinterfragen sind. Dies könnte folglich zu Unverständnis und Irritation führen (vgl. Froschauer/Lueger 2003, S. 93) und die Ergebnisse verfälschen bzw. die Überprüfung der Hypothesen erschweren. Im Verlauf des Gespräches sowie in der späteren Materialsichtung tritt dies jedoch nicht auf. Die Antworten beider Teilnehmer werden vergleichend herangezogen, um somit die Darstellung zweier unterschiedlicher Lernbiographien zu ermöglichen. Vorteilhaft ist, dass hierbei eine große und komplexe, das heißt durch gegenseitige Beeinflussung ausgelöste Reaktionen, Datenmenge verarbeitet werden kann. Weiterhin ist die Gefahr, dass Zusammenhänge durch den Interpretationsvorgang falsch dargestellt werden, sehr gering (vgl. Froschauer/Lueger 2003, S. 159). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass einige Schwierigkeiten bei der Wahl der Vorgehensweise auftraten. So gestaltet sich die Aufgabe eine Abfrage der Hypothesen durchzuführen und andererseits den Interviewten genug Zeit und Raum zur Verfügung zustellen, um ihre ganz persönliche Lern- und Weiterbildungsgeschichte zu erzählen. Beides wäre durch die Kombination eines narrativen Interview mit einer Expertenbefragung möglich gewesen.
Die Autorin entschied sich daher während des Interviews, den Gesprächanteil der Pro-banden relativ hoch zu halten und nur Leitfragen bzw. gezielte Nachfragen einzusetzen. Die Auswahl des Samples, ein Dozentenehepaar, ermöglicht eine fachbezogene Befra-
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gung, da auf beiden Seiten gewisse Vorkenntnisse zur Thematik ‚Lebenslanges Lernen’ bestehen.
4 Theoretische Vorklärung
„Es wird darüber hinaus davon ausgegangen, dass familiäre Werte, Normen und Wissensbestände über die Generationenschwelle tradiert werden [...] und auf diesem Weg a.u. als Hintergrundstrukturen von ‚langer Dauer’ wirken. Dementsprechend gilt es in der jeweiligen intergenerationalen Fallkonfiguration zu klären, welcher Einfluss dominierend auf die Lern- und Bildungsbiographie der nachfolgenden Generation einwirkt.“ (Herzberg 2004, S. 41)
Die vorliegenden Studien zum Thema Einfluss der Eltern auf das Weiterbildungsverhalten ihrer Kindern sind sehr rar gesät bzw. nicht vorhanden.
Der Begriff ‚Generation’, wie er auch im Arbeitstitel dieses Werkes vorhanden ist, wird hier in seiner pädagogischen Bedeutung verwendet. So beschreibt dieser, dass Lernprozesse verschiedener Altersgruppen miteinander verbunden sind (vgl. Franz et. al. 2009, S. 28).
Häufig werden die Einflüsse generationsübergreifender Biographien unter spezifischen Gesichtspunkten wie Geschlechterdifferenzierung (vgl. Nissen/Keddi/Pfeil 2003) oder Milieuzugehörigkeit (vgl. Herzberg 2004) betrachtet. Weiterhin wird der Fokus oftmals auf die berufliche Erstausbildung gelegt und die elterlichen Einflüsse dahingehend untersucht. Eine allgemeine Betrachtung sowie die Auswirkungen auf spätere Teilnahme/Nichtteilnahme an Weiterbildungsangeboten fehlt.
Die grundlegenden Einflüsse eines Kindes und damit auch seiner biographischen Grundorientierung sind durch die Eltern gegeben. Auf deren Basis von, z.B. Wertorientierung, kann sich im späteren Verlauf des Lebens eine eigenständige Biographie herausbilden (vgl. Herzberg 2004, S. 51). Unter diesem Aspekt wird der Begriff des Lernhabitus verwendet: „Er ist Produkt inkorporierter sozialer Strukturen, zugleich aber auch das Erzeugungsprinzip biographischer Lern- und Bildungsprozesse.“ (Herzberg 2004, S. 49f.) Das bedeutet, man kann sich den Einfluss der Eltern auf die späteren Weiterbildungsak- tivitäten der Kinder wie folgt vorstellen:
Arbeit zitieren:
Kristina Eichler, 2009, Die generationsübergreifende Bildungsbiographie, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
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