INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung
2 Die Fürbitte für die Juden im Missale Romanum von 1570 3
2.1 Vorbemerkungen zu wichtigen Stellen des Textes 4
2.1.1 perfidus 4
2.1.2 Aufforderung zum Unterlassen des Kniefalls 4
2.1.3 Entwicklung innerhalb der Karfreitagsliturgie 5
2.1.4 Missale Romanum Papst Pius V. 6
2.1.5 Deutsches Volksmessbuch 6
2.2 Analyse der Fürbitte 6
2.2.1 Gebetsteinladung 7
2.2.2 Aufforderung zur Unterlassung der Kniebeuge 7
2.2.3 Das eigentliche Gebet 8
2.3 Reformen im 19. Jahrhundert 8
2.3.1 Erste Stellungnahme der Ritenkongregation 1948 8
2.3.2 Erste Reform im Jahr 1955 9
2.3.3 Zweite Reform im Jahre 1959 11
3 Tiefgreifende Erneuerung der Fürbitte während bzw. nach dem II. Vatikanischen
Konzil 13
3.1 Änderung durch Dekret der Ritenkongregation vom 07.03.1965 13
3.2 Die neue Fürbitte „Für die Juden“ im Missale Romanum von 1970 15
4 Die Neufassung der Fürbitte durch Papst Benedikt XVI. für den „usus antiquor“ vom
06.02.2008 17
4.1 Vorbemerkungen zur erleichterten Verwendung des Messbuches von 1962
durch das Motu proprio „Summorum pontificum“ vom 07.07.2007 17
4.2 Theologische Kontroversen um ein neues (oder altes?) Gebet 18
4.2.1 Der Gebetstext von 2008 und dessen Betrachtung 18
4.3 Kontroverse Auseinandersetzungen 19
4.3.1 Jüdische Sichtweisen 19
4.3.2 Sichtweise der römisch-katholischen Kirche 20
5 Zusammenfassung und Ausblick 23
6 Literaturverzeichnis 24
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1. Einleitung
Als Papst Benedikt XVI. am 07.07.2007 mit dem Motu proprio „Summorum pontificum“ den Gebrauch des Messbuches von 1962, das heißt die Feier der so genannten „Tridentinischen Messe“ wesentlich erleichterte, war die breite Öffentlichkeit zumindest verwundert, wenn nicht sogar etwas erschrocken. Von Anfang an gab es Hinweise darauf, dass mit der Möglichkeit auch das Triduum sacrum, also die Osterfeierlichkeiten im „außerordentlichen Ritus“ zu zelebrieren es innerhalb der Karfreitagsliturgie nun zwei nebeneinander stehende Karfreitagsfürbitten „Für die Juden“ gebe und die Variante von 1962 in deutlichem Widerspruch zu der Oration von 1970 stünde. Das dieser Umstand nicht so belassen werden konnte, war für alle Seiten klar, weshalb der Vatikan auch sehr bald die Klärung dieses Problems ankündigte. Umso überraschender war dann aber die Nachricht, dass Papst Benedikt XVI. für den „usus antiquor“ eine neue Fürbitte verfasst und angeordnet habe. Diese Fürbitte jedoch erinnerte sehr stark an die alte Fürbitte von 1962, was zu starken Protesten innerhalb des Juden- wie des Christentums führte und bis heute in der Theologie und im jüdischchristlichen Dialog Grundlage teils emotionaler Auseinandersetzungen und Disputationen ist. Die vorliegende wissenschaftliche Seminarbarbeit möchte vor diesem Hintergrund einen Blick auf die liturgiegeschichtliche Entwicklung dieses seit seiner Existenz „explosiven“ Gebetes nehmen. Die Fürbittetexte seit 1570, seine Änderungen, Revisionen, Neuformulierungen usw. mit einbegriffen, werden dokumentiert und eingehend untersucht. Bezüglich der theologischen Hintergründe wie auch der geschichtlichen
Akzentverschiebungen wird die Darstellung versuchen zu zeigen, inwiefern diese Oration eine Entwicklung durchlaufen hat und soll einen ersten Versuch eines Ausblickes auf die neue „außerordentliche“ Fürbitte 2008 wagen, ob es sich hier um einen theologisch Schritt hinter das II. Vatikanische Konzil handelt oder es sich hier nur um eine viel zu emotional geführte Debatte handelt.
2. Die Fürbitte für die Juden im Missale Romanum von 1570
1 Missale Romanum. Ex decreto Ss. Concilii Tridentini restitutum S. Pii V Pont. Max. jussu editum, editio
vigesima juxta typicam vaticanam, Regenburg 1937, 174f.
2 Das Messbuch der heiligen Kirche lateinisch und deutsch mit liturgischen Erklärungen für die Laien bearbeitet
von Anselm Schott, Freiburg im Breisgau 1913, 281f.
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2.1 Vorbemerkungen zu wichtigen Stellen des Textes
2.1.1 „perfidus“
Das lateinische Wort „perfidus“ als Adjektiv zum Substantiv „perfidia“ kann gemäß seinem Gebrauch in altkirchlichen Schriften, insbesondere bei den Kirchenvätern (bsp.-weise Cyprian von Karthago) als Gegensatz zum Wort „fidei“, zu deutsch Glauben verstanden werden, wird also in häufiger Weise mit „Unglauben“, „ungläubig“ übersetzt, im Sinne des lateinischen Wortes „incredulitas“. Allerdings ist hierbei zu erwähnen, dass in der Väterliteratur dieser Ausdruck wesentlich häufiger auf vom christlichen Glauben abgefallene Getaufte bezogen wurde, als auf das Judentum. Die Abwendung Gottes vom alten Bund mit Israel wurde damit wohl eher nicht zum Ausdruck gebracht.
2.1.2 Aufforderung zum Unterlassen des Kniefalls
Die Unterlassung der Aufforderung an die Betenden, sich während des Gebetes hinzuknien finden wir bereits seit dem 9. Jahrhundert in einigen liturgischen Büchern, so zum Beispiel in den Messbüchern aus der Karolingerzeit.
Im Laufe des Mittelalters setze sich die Praxis den weggelassenen Kniefalls immer mehr durch, so dass schließlich spätestens mit der für die Gesamtkirche eingeführten dreiteiligen
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Feier vom Leiden und Sterben des Herrn der Kniefall bei der Fürbitte „pro perfidis Iudaeis“ weggelassen wurde.
2.1.3 Entwicklung innerhalb der Karfreitagsliturgie
Ab dem Mittelalter setzte sich für die Gesamtkirche die dreiteilige „Feier vom Leiden und Sterben unseres Herrn“ durch, bestehend aus Wortgottesdienst, Kreuzverehrung und Kommunionfeier. Die großen Fürbitten schlossen den ersten Teil ab, welcher mit Lesungen aus dem Alten Testament und der feierlich in Rollen vorgetragenen Passion nach Johannes gefüllt war. Die Johannespassion spielte neben der Fürbitte für die Juden eine weitere Rolle im Spiel der antijudaistischen Symphonie des Karfreitags. Das Evangelium, da ist der Passionsbericht keine Ausnahme, im Gegenteil, spart nicht mit teils scharfer Polemik gegen „die Juden“. Dennoch ist es auch bezüglich der johanneischen Schriften notwendig, die Hintergründe zu kennen, um eine angemessene Beurteilung vornehmen zu können. Die exegetische Wissenschaft ist sich heute weitgehend einig, dass die Judenpolemik des vierten Evangeliums wohl durch den Ausschluss der Gemeinde aus der Synagoge bedingt ist, welche sich spätestens im Jahr 70 n. Chr. endgültig manifestiert hatte. Bereits zuvor hatte es Auseinandersetzungen zwischen der Synagoge und den Juden, die an Jesus Christus glaubten gegeben. Die antijüdische Redeweise ist wohl damit zu erklären, dass der Evangelist selbst dieser Gruppe angehört hat und sich in Folge der Ereignisse nicht mehr als dem Judentum zugehörig gefühlt hat. 3 Dem Johannesevangelium darf also durchaus auch ein gewisser Verarbeitungscharakter eines wohl betroffenen Ausgestoßenen zugerechnet werden, der damit entweder eine Art Revanche oder Trauerbewältigung durchführen wollte. Dennoch muss bei aller Deutlich- und Eindringlichkeit der judenpolemischen Stellen auch betont werden, dass im Johannesevangelium nicht verschwiegen wird, dass Jesus Jude war und auch als solcher gelebt hat, sich den jüdischen Brauchtums- und Festvorstellungen unterzogen hat, sich an die Tora hielt und von seinen Zeitgenossen auch als Jude verstanden worden ist. Und nicht zuletzt ist zu betonen, dass Jesus als „König der Juden“ verurteilt und hingerichtet worden ist. Mildern bzw. ändern diese Aspekte zwar nichts an der scharfen, polemischen Wortwahl des Evangeliums, so sind sie aber zu einem umfassenderen und treffenderen Verständnis bzw. Beurteilung des Evangeliums und damit auch der Stellung und der Folgerungen innerhalb der Karfreitagsliturgie von wichtigem Interesse.
Was den Text der Fürbitte für das jüdische Volk anbelangt, so ist in der Verwendung während der Feier die wirkungsgeschichtliche Entwicklung des Wortes „perfidis“ interessant und
3 Rudolf Pesch, Antisemitismus in der Bibel? Das Johannesevangelium auf dem Prüfstand. Augsburg, 2005, 23.
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wichtig, wandelt sich doch in diesem Zusammenhang in seiner Verständnis- und Wirkungsweise in beträchtlichem Maße. Die lateinische Vokabel „perfidus“ wurde nun immer mehr auf die Bedeutungen von perfide zurückgeführt: „arglistig, bösartig, gemein, heimtückisch, hinterhältig, hinterlistig, niederträchtig, ruchlos, schändlich, schmählich, teuflisch, verschlagen, verdorben“ usw. Diese Umdeutung des Wortsinns fand auch einen sehr verbreiteten Einzug in die Übersetzungen, so auch in die deutsche Fassung.
2.2.1 Missale Romanum Papst Pius V.
Papst Pius V. autorisierte 1570 das neue Missale Romanum, welches erstmals für die gesamte lateinische Kirche verpflichtend galt und die liturgischen Bestimmungen des Konzils von Trient aufgegriffen hatte. Die Fürbitte für die Juden wurde nun unter den 10 großen Fürbitten an die achte Stelle zwischen die Fürbitten für die Schismatiker/Häretiker und die für die Heiden gesetzt. Diese Fassung sollte bis 1955 unverändert und allgemein gültig bleiben.
2.2.2. Deutsches Volksmessbuch
Erst Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubte der Vatikan sg. “zweisprachige Volksmessbücher”, um dem Gläubigen auch das Mitbeten in der jeweiligen Landessprache zu ermöglichen. Anselm Schott brachte im Jahre 1884 die deutsche Übersetzung der kirchenamtlichen Fassung des Messbuches heraus und führte damit auch die bis 1955 verbindliche deutsche Übersetzung der Karfreitagsfürbitte heraus. Die Übersetzung im Hinblick auf die Vokabel “perfidis” lautet wie folgt: “Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“
Die Aufforderung zur Unterlassung der Kniebeuge lautet: „Hier unterlässt der Diakon die Aufforderung zur Kniebeuge, um nicht das Andenken an die Schmach zu erneuern, mit welcher die Juden durch Kniebeugen um diese Stunde den Heiland verhöhnten.“
2.2 Analysen der Fürbitte
Nach den vorangestellten Erläuterungen zu Hintergründen und Entstehung der Fürbitte ist nun eine genauere Betrachtung des Textes angebracht, welche in eine theologische Interpretation münden soll. Grundlegend sei hier die deutsche Übersetzung der Fürbitte gemäß dem Schott-Messbuch.
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2.2.1. Gebetseinladung
„Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus.“ Die Gebetseinladung birgt bereits die konkrete Intention der Fürbitte in sich. Die Erkenntnis Jesu Christi als den Heiland und Retter aller Menschen, letztlich der ganzen Welt, ist grundinnigster Gegenstand des Gebetes. Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu war im Glauben der Christgläubigen endgültig verankert, dass der Jude mit dem Namen Jesus, der aus Nazareth in Galiläa kam, der erwartete Messias ist. Es ist nun für diese sich stetig vergrößernde Gruppierung nicht mehr die Frage, ob und wann der Erlöser kommen würde, sondern viel mehr, wann er wiederkommen würde. Mit der Errichtung der Kirche, vor allem mit der damit verbunden Institutionalisierung dieser, wurde dieses Denken konkreter. Gleichzeitig jedoch wuchs auch die Gewissheit, dass das Judentum an ihren Vorstellungen festhielt, nicht Jesus sei der Messias, sondern ein anderer werde kommen. Die Kirche hingegen, die ihren Ursprung und ihre Legitimation in Jesus, und damit in Gott sah verstärkte ihre Position, nur durch die Gemeinschaft mit ihr als Instrument des Heils könne jenes Heil von und in Gott erlangt werden. Gepaart mit den Erfahrungen des Ausschlusses aus der Synagoge, welche im Johannesevangelium stark zum Tragen kommen, ergab das eine explosive Mischung. Die Fronten wurden härter und eine scheinbar unüberwindliche Polarität entstand. Dies hängt auch eng mit der zweiten Ebene zusammen, welche in der Gebetseinladung zum Tragen kommt. Die Rede von den „treulosen Juden“ spielt ganz ohne Zweifel auf die Bundestheologie an. Aus Sicht des Christentums haben die Juden den mit Gott geschlossen Bund gebrochen, da sie Christus als den Messias, den Sohn Gottes nicht anerkennen und hierdurch im Glauben untreu, gewissermaßen unbeständig geworden sind.
2.2.2. Aufforderung zur Unterlassung der Kniebeuge
„Hier unterlässt der Diakon die Aufforderung zur Kniebeuge, um nicht das Andenken an die Schmach zu erneuern, mit welcher die Juden durch Kniebeugen um diese Stunde den Heiland verhöhnten.“
Die Aufforderung des Diakons (bzw. des Priesters) eine Kniebeuge zu machen zum eigentlichen Gebet entfällt bei der achten großen Fürbitte. Dieses Faktum unterstreicht noch einmal die Besonderheit der Fürbitte und auch deren Intention. Andererseits kommen hier auch theologische, mehr noch exegetische Deutungsmuster von zwei Schriftstellen zum Tragen, die mit der Passionsgeschichte zu tun haben.
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Arbeit zitieren:
Matthias Demmich, 2009, "Pro perfidis Iudaeis", München, GRIN Verlag GmbH
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Einbetten
DOI
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