1 Einleitung
Leiter der
Schauspielertruppe: Wer sind diese Herrschaften?
Vater
Leiter der
Schauspielertruppe: Und wo ist das Drehbuch? Vater : Es ist in uns, mein Herr. Das Drama ist in uns und wir kön
( aus: ”Sechs Personen suchen einen Autor”, L. Pirandello 1965 zit. nach J. KRIZ 1994, S. 220)
Psychodrama wurde zu Beginn der zwanziger Jahre von dem Wiener Psychiater Jakob Levy Moreno als eine Methode entwickelt, in der Konflikte und seelische Störungen durch improvisiertes Spiel bearbeitet werden können. Morenos Werk verbindet dabei religiöse, künstlerische und wissenschaftliche Aspekte im triadischen System Soziometrie, Gruppenpsychotherapie und Psychodrama. Die theaterähnliche Atmosphäre des Psychodrama ermöglicht es dem Einzelnen, seine Probleme mit weniger emotionaler Spannung zu sehen als in der realen Situation. Im anschließenden Gruppengespräch kommen gruppenanalytische und gruppendynamische Verfahrensweisen zum Einsatz. Der Spielleiter ist der Regisseur, der dem Darsteller beisteht und ihm ein möglichst intensives Spiel ermöglicht. Diese Rolle wird vom Therapeuten übernommen, der durch Warm-Up Übungen Aktivitäten und Prozesse initiiert, möglichst jede Anregung des Darstellers aufgreift, auf eine Intensivierung der Probleme hinarbeitet und nach dem Spiel mit dem Darsteller, den Mitspielern und den anderen Mitgliedern der Gruppe das Geschehen bespricht und analysierend aufarbeitet. Die Bühne oder Spielfläche ist vom übrigen Raum der Gruppe deutlich abgegrenzt; das Bühnenbild wird mit Hilfe der Vorstellungskraft geschaffen und um möglichst wenige reale Requisiten ergänzt. Diese Bühne ist für das Psychodrama der Raum, in dem der Darsteller Szenen aus Vergangenheit und Zukunft, Träume, Phantasien, Wünsche und Ängste entfalten kann. Das Psychodrama wird in seinem Ablauf in drei Phasen untergliedert: 1. die Initialphase (”Warm-Up”-, Problemfindungs-Phase), 2. die Handlungsphase (Aktions-, Spiel-, Problembearbeitungs-Phase) und 3. die Abschlußphase (”Sum-Up”-, Gesprächs-, Integrations-, Nachbereitungs-Phase). Eine zunehmende Verbreitung
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dieses Ansatzes findet sich auch im Bereich von Selbsterfahrungsgruppen, deren Mitglieder eher an Persönlichkeitsentfaltung als an einer Therapie im engeren Sinne interessiert sind.
2 Jakob Levy und Zerka Moreno: biographische Daten
2.1 Jakob Levy Moreno
"Ich glaubte nicht, daß ein großer Heiler oder Therapeut aussehen und handeln würde wie von Jauregg oder Freud. Ich stellte mir einen Heiler als spontanen, kreativen Protagonisten inmitten einer Gruppe vor. Mein Konzept des Arztes als Heiler und die von Freud und von Jauregg vorgebrachten Konzepte klafften weit auseinander. Für mich waren Personen wie Jesus, Buddha, Sokrates und Gandhi die wirklichen Doktoren und Heiler. Freud hätte sie wahrscheinlich als Patienten klassifiziert." (J. L. MORENO 1995, S. 66)
1889 wurde Jakob Levy Moreno (ursprünglich: Iacov Moreno Levi) in Bukarest (Rumänien) geboren. Er war das älteste von sechs Kindern jüdischer Eltern.
1894 zog die Familie nach Wien, später nach Deutschland. 1902 ging Moreno im Alter von dreizehn Jahren alleine nach Wien zurück, wo er in einer befreundeten Familie als Hauslehrer arbeitete und gleichzeitig seine Ausbildung am humanistischen Gymnasium fortsetzte. Anschließend stu-dierte er Medizin und ließ sich bei Dr. Otto Pötzl in Wien zum Psychiater ausbilden.
Bereits während dieser Zeit hatte Moreno großes Interesse an Theater, Literatur und anderen künstlerischen Strömungen seiner Zeit. Hier zeichneten sich auch schon erste Ansätze des Psychodramas ab: 1911 versammelte er Kindergruppen in Wiener Parks und spielte mit ihnen Theater aus dem Stegreif, wobei sein Interesse dem spontanen, kreativen und unverbildeten Spiel galt. Diese Arbeit setzte er später mit befreundeten Schauspielern fort. Es schlossen sich Gruppenexperimente und psychologische Gruppenforschung mit Flüchtlingen und Prostituierten an.
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1915 - 1917arbeitete Moreno unter anderem als medizinischer Betreuer eines Flüchtlingslagers in Wien-Mitterndorf und als Werks- und Gemeindearzt in Vöslau bei Wien. 1917 promovierte er in Medizin.
1918 gab er in Verbindung mit seiner prätherapeutischen Arbeit die expressionistische Zeitschrift "Der Neue Daimon" heraus (ab 1920 umbenannt in "Die Gefährten"), in der unter anderen Martin Buber 1 und Ernst Bloch (deutscher Philosoph) veröffentlichten.
Außerdem gründete er das "Stegreiftheater" in der Maysedergasse in Wien. Dort wurden jeden Abend Stücke improvisiert, zum Beispiel nach Ereignissen aus der Tageszeitung. Moreno entwarf selbst die Architektur des Theaters, in dem nicht mehr zwischen Schauspielern und Publikum unterschieden werden sollte.
1924 veröffentlichte Moreno anonym sein erstes Buch über das "Stegreiftheater".
1925 wanderte er in die USA aus, um dort seine Erfindung elektromagnetischer Tonspeicherung zu kommerzialisieren. Sein Vorhaben mißlang, wegen des Aufkommens von Konkurrenzprodukten.
Er befaßte sich statt dessen auf Grundlage soziometrischer Studien mit der Gruppenpsychotherapie und arbeitete ab
1932 in New York in Gefängnissen, Erziehungsanstalten und psychiatrischen Einrichtungen, in denen er seine psychodramatischen und soziometrischen Konzepte erproben und weiterentwickeln konnte.
Parallel zu seiner psychiatrischen Arbeit betätigte Moreno sich auch hier als Verleger, Autor, Gründer und Herausgeber zweier Zeitschriften: "Sociometry" und "Sociatry". Beide existieren noch heute, letztere unter dem Namen "Group Therapy and Psychodrama".
1936 gründete Moreno das Beacon Hill Sanatorium, eine psychiatrische Privatklinik für schwere geistige Störungen, wo er sich im gleichen Jahr das erste therapeutische Theater einrichten ließ.
1 Martin Buber war eine Zeit lang Mitherausgeber des "Daimon". Sein berühmtestes Buch "Ich und Du" (1923) setzt das Konzept der Begegnung in den Mittelpunkt der Erforschung zwischenmenschlicher Beziehungen. Neun Jahre zuvor war Morenos Buch "Einladung zu einer Begegnung" erschienen, aus dem Buber nach Meinung Morenos eindeutig seine Idee erhalten hatte, die er in seinem Buch dann ausarbeitete. (vgl. J. L. MORENO 1995, S. 78)
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ab
1940 wurden auch in anderen Psychiatrien der USA Psychodramabühnen eingerichtet.
1941 ,am 21. August, lernte Moreno seine spätere Frau Zerka kennen. 1942 gründete er die erste "Gesellschaft für Gruppenpsychotherapie und Psychodrama".
Morenos Vita ist also gekennzeichnet von großer Kreativität, während sie gleichzeitig die Aspekte der Medizin, Psychologie, Soziologie, Philosophie und Anthropologie miteinander verbindet.
Grundlegende Konzepte der Arbeit Morenos wurden von vielen anderen Therapieansätzen übernommen. Zentrale Begriffe der humanistischen Psychologie wurden schon früh von Moreno thematisiert, wie zum Beispiel die Konzepte der "Begegnung", der "Empathie" (Rogers), des "Hier und Jetzt", Aspekte der heutigen Gruppentherapie, ebenso wie das "Rollenspiel", der "Rollentausch" und der "leere Stuhl" (Perls). (vgl. J. L. MORENO 1995; J. KRIZ 1994; L. v. WERDER 1998)
2.2 Zerka Moreno
Zerka Moreno wurde 1917 als Celine Zerka Toeman in Amsterdam geboren. Ihr Vater war Geschäftsmann. Nach dem Abitur in Holland studierte sie ein paar Semester Wirtschaftswissenschaften, fühlte sich dann zur Schauspielerei hingezogen und arbeitete schließlich als Bühnenbildnerin. Dann erkrankte ihre Schwester an einer starken Psychose, die von den Ärzten als hoffnungslos beurteilt wurde. Zerka Toeman beschloß ihrer Schwester selbst zu helfen und begann Psychologie zu studieren. Als sie vor den Nazis fliehen mußte, brach sie ihr Studium ab. Über London kam sie mit ihrer Schwester nach Amerika. Um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie in New York als Sekretärin. Die Krankheit ihrer Schwester wurde schlimmer. Am 21. August 1941 lernt sie J. L. Moreno in Beacon kennen. Toeman suchte nach einem Psychiater und ihr wurde Doktor Moreno empfohlen, der in Beacon eine kleine psychiatrische Klinik unterhielt. Nachdem sie den Ort auf der Landkarte gefunden hatte, fuhr sie mit ihrer Schwester hin. 1941 gründeten Moreno und Toeman an der New Yorker Park Avenue das Soziometrische Institut. Als Ausbildungsinstitut für Soziometriker wurde es 1942 eröffnet. Im Mai 1942 wurde im Sociometry-Magazin der erste von vielen Artikeln veröffent-
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licht, die Toeman und Moreno gemeinsam verfaßten. (Westdeutscher Rundfunk, 1984)
3 Morenos Begriff der Rolle
Nach Moreno ist menschliches Handeln wesentlich an die Ausübung von Rollen gebunden. Die Rolle wird dabei verstanden als die aktuelle und greifbare Form, die das Selbst annimmt. Im Gegensatz zu G. H. Mead und R. Linton, deren Rollenbegriff auf soziologische Dimensionen begrenzt ist, umfaßt Morenos Rollenkonzept Aspekte der Psychologie, Physiologie, Soziologie und Anthropologie. Während Mead sich auf das ´role taking´, also die Übernahme von Rollen bezieht, geht es Moreno mehr um das ´role playing´, also das aktive Spielen von Rollen. Der Mensch nimmt die Rollen an, indem er auf eine Situation reagiert, an der andere Menschen oder Dinge beteiligt sind, das heißt er befindet sich in mehreren Rollen und die anderen in mehreren Gegenrollen. Dieser Prozeß beginnt bereits mit der Geburt (also schon im nonverbalen Bereich) und zieht sich durch das ganze Leben.
Unterschieden wird hierbei in Rollen die in der Begegnung im Hier und Jetzt eingenommen werden (zwei von Moreno geprägte, zentrale Begriffe der Humanpsychologie) und den Rollenkonserven, das heißt der Rolle als Kategorie, womit soziale, kulturelle, technologische und institutionelle (zwanghafte) Rollen bezeichnet werden. Die ersten Rollen betont Moreno in Zusammenhang mit dem Stegreiftheater in seinen früheren Schriften als aktive Handlungen, die das Ich ausmachen. Der Aspekt der Rollenkonserve taucht in Morenos Werk erst ab Mitte der vierziger Jahre auf und wird hier unter anderem dem traditionellen Theater zugeordnet. Durch äußeren, gesellschaftlichen Druck werden Menschen im ´Spiel´ ihrer Rollen eingeschränkt (das heißt, Gefühle müssen verdrängt werden), wodurch Angst, bzw. Neurosen erzeugt werden. (vgl. J. L. MORENO 1989, S. 105 ff.; G. LEUTZ 1974, S. 44 ff.; L. v. WERDER 1998, S. 92; J. KRIZ 1994, S. 220 f.)
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Arbeit zitieren:
Dirk Bauhofer, 2001, Grundkonzepte des Psychodramas, München, GRIN Verlag GmbH
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