Inhaltsverzeichnis
Einleitung Seite 1
1. Operative Geschlossenheit sozialer Systeme Seite 2
2. Ausdifferenzierung von Funktionssystemen Seite 5
2.1 Funktion, Codes und Programme Seite 6
2.2 Funktionssystem Politik Seite 8
2.3 Funktionssystem Wirtschaft Seite 9
2.4 Strukturelle Kopplung von Wirtschaft und Politik Seite 10
3. Das Federal Reserve System Seite 13
3.1 Das Konjunkturprogramm Seite 14
4. Das Konjunkturprogramm aus systemtheoretischer
Perspektive Seite 14
Fazit Seite 16
Einleitung
In der vorliegenden Arbeit soll unter Anwendung der Systemtheorie von Niklas Luhmann ein empirischer Sachverhalt untersucht werden. Es wird erarbeitet, inwiefern operativ geschlossene Funktionssysteme auf ein Ereignis in ihrer Umwelt reagieren. Die Überlegungen für die vorliegende Arbeit entstanden aufgrund der Feststellung, dass politische Steuerung wegen der operativen Geschlossenheit des Funktionssystems Politik nicht möglich sei. Lediglich über den schmalen “Kanal“ der strukturellen Kopplung, können sich operativ geschlossenen Systeme irritieren. Diese Arbeit verfolgt das Ziel, diesen theoretischen Sachverhalt mit Hilfe empirischen Beispiels zu untersuchen. Konkret wird daher im folgenden ausgearbeitet, inwiefern eine politische Entscheidung für eine Irritation im Funktionssystem Wirtschaft sorgte. Dafür ist es aber notwendig, dass systemtheoretische Vokabular für die Lösung der Fragestellung in Kapitel eins und zwei schrittweise zu erarbeiten, wobei so vorgegangen wird, dass die Begriffe aufeinander aufbauen. In Kapitel eins wird auf die Eigenschaften sozialer Systeme eingegangen und aufgezeigt, wie sich soziale Systeme operativ schließen, aber auch gleichzeitig gegenüber Irritationen aus der Umwelt offen sind. Sie sind strukturell mit andern Systemen gekoppelt. Das zweite Kapitel erweitert dieses Vokabular dahingehend, dass dieser Sachverhalt auch für die Funktionssysteme der Gesellschaft zutrifft. Zusätzlich wird die Operationsweise des politischen und wirtschaftlichen Teilsystems erläutert, da sich die Fragestellung auf zwei Funktionssysteme und ihre strukturelle Kopplung bezieht. Die US-Zentralbank, das Federal Reserve System (FED) nimmt eine besondere Stellung bei der strukturellen Kopplung von beiden Funktionssystemen ein und der FED wird deswegen der letzte Abschnitt des zweiten Kapitels gewidmet. Im dritten Kapitel wird kurz auf die Aufgaben der FED und das empirische Fallbeispiel eingegangen, welches für die Irritation im Wirtschaftssystem sorgte. Das vierte und für die Arbeit wichtigste Kapitel wendet schließlich den erarbeiteten theoretischen Sachverhalt auf das empirische Fallbeispiel an. Da die vorliegende Arbeit einen empirischen Sachverhalt aus der systemtheoretischer Perspektive untersucht, kann auf die Wirtschaftswissenschaftlichen Hintergründe nicht im Detail eingegangen werden. 1. Operative Geschlossenheit sozialer Systeme
Um das empirische Fallbeispiel systemtheoretisch analysieren zu können, ist es zunächst notwendig, die dafür grundlegenden systemtheoretischen Begriffe sozialer Systeme zu erarbeiten. Dieser erste Arbeitsschritt ist das Ziel dieses Kapitels. Die Systemtheorie geht von operativ geschlossenen sozialen Systemen aus, die gleichzeitig aber auch gegenüber ihrer Umwelt offen sind. Sie sind zwar autonom in ihren Operationen, aber deswegen nicht autark. Wie soziale Systeme operieren, das wird im folgenden erläutert.
Nach Luhmann werden Systeme „durch diejenige Operationsweise definiert, mit der das System sich selbst produziert und reproduziert“ (Luhmann 2005 : 27). Im Fall sozialer Systeme ist die typische Operationsweise die Kommunikation 1 . Dieser Sachverhalt schließt aus, dass ein soziales System sich durch mehrere Operationsweisen reproduziert. Durch die Tatsache, dass Operationen aneinander anschließen „und damit eine Kontinuität des operierens herstellen“ (ebd. : 28), führt dies zu einer Differenz von System und Umwelt. Diese vom System hergestellte Differenz zwischen System und Umwelt wird also nur dauerhaft durch das operieren ermöglicht. Ein zweiter wichtiger Sachverhalt ist, dass sich das System durch sein operieren in einen bestimmten, nur jeweils einmaligen historischen Zustand versetzt, der den Ausgangspunkt für jede weitere Operation darstellt. Anders ausgedrückt, stellt jede Operation Rahmenbedingungen für weitere Anschlussoperationen bereit (vgl. Berghaus 2004 : 57). Wenn ein System sich nur aus den systemeigenen Operationen reproduziert und nicht aus Operationen, die in der Umwelt des Systems existieren, ist ein System operativ geschlossen.
Soziale Systeme also sind operativ geschlossene autopoietische Systeme, die Kommunikation durch Kommunikation, „jeweils auf der Basis eines durch Kommunikation erreichten historischen Zustandes“ (Luhmann 2005 : 30) reproduzieren. Der Begriff der Autopoiesis wird weiter unten definiert. Diese Reproduktion erreichen soziale System mit Hilfe von Strukturen, die selbst Ergebnisse von Kommunikation sind. Die Strukturen „entscheiden dabei, was wiederverwendet, was erinnert und was vergessen wird“ (ebd. : 31). Man kann diesen Sachverhalt auch so festhalten, dass autopoietische Systeme ihre Strukturen nicht aus der Umwelt beziehen, sondern erst durch ihre eigenen Operationen aufbauen (vgl. ebd. : 13). Im Fall sozialer Systeme sind Strukturen Erwartungsstrukturen, die die Möglichkeiten für Kommunikation aufzeigen. Gäbe es keine Erwartungsstrukturen im System, wäre die Kommunikation nicht in der Lage zu entscheiden, welche Themen besprochen werden könnten (vgl. Baraldi 1997 : 185).
1 Im weiteren Verlauf muss mit Hinblick auf den Umfang der Arbeit darauf verzichtet werden, genauer auf
den Kommunikationsbegriff einzugehen.
Ein autopoietisches System ist ein System, welches seine eigenen Bestandteile, die es zu seiner Erhaltung benötigt, ständig selbst neu erzeugt und mit seiner Zellmembrane so von seiner Umwelt distanziert und eine Einheit bildet (vgl. Kneer 2000 : 50). Die Bestandteile im Fall sozialer Systeme sind Kommunikationen. Ein autopoietisches System ist also ein geschlossenes System in Differenz zu seiner Umwelt, dass sich durch seine eigenen Bestandteile ständig neu erzeugt. Diese Definition, die sich zunächst nur auf lebende Systeme bezieht, wird bei Luhmann generalisiert, u.a. auf soziale Systeme angewendet (vgl. ebd. : 57) und er fasst den Begriff der Autopoiesis kurz zusammen als „Produktion des Systems durch sich selber“ (Luhmann 1998 : 97).
Allerdings darf nicht übersehen werden, dass es ohne die operative Geschlossenheit, „kein umweltoffenes, in spezifischen Hinsichten von Umweltbedingungen abhängiges System“ (Luhmann 2005 : 29) gäbe. Ein operativ geschlossenes System ist mit seiner Umwelt über verschiedene Irritationsmöglichkeiten verbunden, die sich in Form von Enttäuschung von Erwartungen äußern können. Was Erwartungen sind, wurde weiter oben erläutert. Ohne diese Irritiationsmöglichkeiten, wäre es dem System nicht möglich, aus dem Kreislauf des ewig gleichen auszubrechen.
Die Folge einer Irritation ist, dass im jeweils irritierten System strukturelle Unsicherheiten entstehen, für die eine Lösung gefunden werden muss, „die mit der Fortsetzung der Autopoiesis des Systems - (...) mit weiterem Kommunizieren - kompatibel ist“ (ebd. : 33). Es ist also notwendig einen Begriff herauszuarbeiten, der die Frage beantwortet, „wie autopoietische Systeme unbeschadet ihrer eigenen Autonomie und operativen Geschlossenheit dennoch als mit der Umwelt verbunden gedacht werden können“ (ebd. : 32).
Luhmann beantwortet diese Frage mit dem Begriff der strukturellen Kopplung: „Strukturelle Kopplungen beschränken den Bereich möglicher Strukturen, mit denen ein System seine Autopoiesis durchführen kann“ (Luhmann 1998 : 100). Der Begriff der strukturellen Kopplung, ist mit der Autopoiesis eines sozialen Systems kompatibel. Die Strukturelle Kopplung unterscheidet zwischen der Autopoiesis und den Strukturen eines Systems und bezieht sich nur auf die Strukturwahl: „Im Fall sozialer Systeme bezieht sie sich nicht auf die Möglichkeit, Kommunikationen fortzusetzen, sondern nur auf die Themen der Kommunikation“ (Luhmann 2005 : 17). Eine strukturelle Kopplungen bildet umgangssprachlich ausgedrückt “Kanäle“, in denen sich ein System irritieren lassen kann und dann diese Irritationen in die Themenwahl seiner Kommunikation einbaut. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Verarbeitung der Irritationen immer nach systeminternen Operationen erfolgt.
Die wichtige Vorraussetzung für eine strukturelle Kopplung zwischen zwei operativ geschlossenen Systemen ist, „dass ein System seine eigene System/Umwelt-Grenze im System reflektiert, damit es überhaupt Selbst- und Fremdreferenz unterscheiden kann. Denn mit einer Irritation referiert es in seinen Operationen nicht auf sich selbst, sondern auf etwas Fremdes: die Umwelt“ (Brodocz 2003 : 81). Daher muss jetzt noch kurz erläutert werden, wie es soziale Systeme schaffen, zwischen Selbst-und Fremdreferenz zu unterscheiden. Das geschieht mit dem Begriff der Beobachtung. Soziale Systeme operieren durch Kommunikation und erzeugen so eine Differenz zwischen sich und ihrer Umwelt. Gleichzeitig neben dem operieren, sind sie auch beobachtende Systeme, die sich selbst und ihre Umwelt beobachten. Beobachten ist in sozialen Systemen immer nur als Operation möglich (vgl. Luhmann 2005 : 21). Operieren und Beobachten sind damit die beiden zentralen Aktivitäten sozialer Systeme, um eine Differenz zwischen System und Umwelt herzustellen (vgl. Berghaus 2004 : 44f.). Die Beobachtung der Umwelt führt aber nicht dazu, dass ein autopoietisches System direkten Kontakt zu seiner Umwelt herstellt, also ein System mit seiner Umwelt kommuniziert. Es operiert weiterhin selbstreferentiell, kann aber über sich selbst -Selbstreferenz -oder über seine Umwelt - Fremdreferenz - kommunizieren (vgl. Luhmann 1998 : 96). Anders ausgedrückt kann ein System seine Umwelt beobachten, indem es über seine Umwelt kommuniziert und so trotz seiner selbstreferentiellen Geschlossenheit, dennoch Offenheit erzeugen. Diese Kommunikation ist aber systemintern und daher kombiniert jede Kommunikation Selbst- und Fremdreferenz (vgl. Kneer 2000 : 99). Die Fremdreferenz dient also dazu, dass sich ein soziales System von seiner Umwelt irritieren lassen kann, weil ein beobachtetes Ereignis in der Umwelt „nicht den eigenen Strukturen entspricht“ (Krug 2003 : 21f). Für diese Irritation muss dann aber im System eine Lösung gefunden werden, damit das System weiter operieren kann. Dieser theoretische Sachverhalt soll im weiteren Verlauf der Arbeit anhand des genannten empirischen Beispiels erarbeitet werden, um zeigen zu können, wie operativ geschlossene Funktionssysteme auf ein Ereignis in ihrer Umwelt reagieren. Diese Reaktion ist notwendig, da diese Irritation offensichtlich ein Problem für die weitere Autopoiesis des Funktionssystems darstellt. Bevor dieser Schritt allerdings unternommen werden kann, ist es zunächst zentral, die Vorraussetzungen für die Ausdifferenzierung von Funktionssystemen zu skizzieren.
2. Ausdifferenzierung von Funktionssystemen
Die Systemtheorie sieht im Begriff der Systemdifferenzierung „eine Wiederholung der Ausdifferenzierung von Systemen im Inneren von Systemen“ (Luhmann 2004 : 40). Somit
Arbeit zitieren:
Fabian Carstensen, 2008, Die Hypothekenkrise im Jahr 2007 - Lässt sich die Intervention der Politik systemtheoretisch erklären?, München, GRIN Verlag GmbH
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