1 Einleitung
Am Ende des ersten Tages einer zweitägigen Fortbildungsveranstaltung zum Thema ”Interkulturelle Sexualpädagogik”, saßen ca. 25 Kolleginnen und ich in einem großen Stuhlkreis zusammen. Unvermittelt beugte sich die Seminarleiterin zu mir herüber und fragte: ”Fühlen Sie sich denn hier noch wohl, so unter lauter Frauen?”. Bis zu dieser Frage hatte ich es mir nicht weiter bewußt gemacht, der einzige männliche Teilnehmer dieser Veranstaltung zu sein. Schließlich handelte es sich ja um kein geschlechtsspezifisches Thema.
”Du bist Dir schon darüber im Klaren, daß Du Dich hier in einem Frauenberuf befindest?” fragte mich später eine Kollegin im Rahmen meines behördlichen Praktikums. Nein, war ich - um ehrlich zu sein - nicht.
Hier schließen sich verschiedene Fragen an: Was ist überhaupt ein ´Frauenberuf´ und was ist ein ´Männerberuf´? Wie hat sich die Sozialarbeit zum Frauenberuf entwickelt? Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der fachlichen Eignung bei männlichen und weiblichen SozialarbeiterInnen? Und was bedeutet das für Ausbildung und Praxis?
Die Fragestellung soll im Rahmen dieser Arbeit unter Betrachtung verschiedener relevanter Aspekte erörtert werden.
Zunächst wird die Entwicklung der Sozialarbeit zum Beruf unter dem Aspekt des ´Gendering´ rekonstruiert und anhand verschiedener feministische Ansätze zur g eschlechtsspezifischen Arbeitsteilung reflektiert.
Hieraus ergibt sich die Frage nach der Entstehung einer geschlechtsspezifischen Sozialisation, deren Dynamik aus psychoanalytischer Sicht erläutert wird. Dabei stehen sich drei Ansätze gegenüber: die Entstehung der Geschlechterdifferenz nach FREUD, das feministische Konzept CHODOROWs und der spezifische Verlauf der ödipalen Situation bei homosexuell disponierten Jungen nach MORGENTHALER und ISAY. CHODOROWS Ansatz wird darüberhinaus durch eigene Gedanken ergänzt. Der, für die Sozialarbeit ebenfalls relevante Aspekt geschlechtsspezifischer Moralentwicklung, wird anhand der Ansätze KOHLBERGs und GILLIGANs dargestellt.
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2 Sozialreform und Frauenbewegung: die Entwicklung der So-zialarbeit zum Beruf
Für die Entstehung von Sozialarbeit als Beruf spielten zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Einflußfaktoren eine maßgebliche Rolle: die bürgerliche Sozialreform, die Re-form der Armenpflege und der Ausbau kommunaler Fürsorge waren ebenso von Bedeutung wie die sozialen Bestrebungen der bürgerlichen Frauenbewegung. Die Frauenbewegung hatte ihre Anfänge im ausgehenden 19. Jahrhundert. Während sie im angloamerikanischen und französischen Raum die Möglichkeit zur Teilnahme am öffentlichen und politischen Leben auf Grundlage der Freiheitsrechte einforderte, war die Position der Frauen im deutschsprachigen Raum weder autonom noch politisch klar ausgerichtet. Vielmehr widmete sich die hiesige Frauenbewegung der Stärkung des spezifisch weiblichen und dessen Durchsetzung in der Gesellschaft. Zur Lösung der sozialen Probleme verbanden die bürgerlichen und großbürgerlichen Frauen sich mit den So-zialreformern, um durch die Übernahme ehrenamtlicher Tätigkeiten die öffentliche Sozi-alfürsorge zu unterstützen. Dieses soziale Engagement bot die Möglichkeit zu einer Tätigkeit mit ´weiblicher Prägung´ bei gleichzeitigem Zugang zu öffentlichen Bereichen (jedoch ohne politische Einflußnahme), der bis dahin den Männern vorbehalten war. (vgl. A. PARPAN-BLASER 1998, S. 28 ff.)
Das Ehrenamt der Armenpflege wurde zunächst nur von Männern des Kleinbürgertums wahrgenommen. Sie wehrten sich dabei vehement gegen den Einsatz von Frauen, zum Beispiel mit dem Argument, es fehle den Frauen an einem ´Gleichgewicht zwischen Herz und Verstand´. (vgl. R. LANDWEHR & R: BARON 1983, S. 68)
Seitens der Frauenbewegung wurde vermutet, die kleinbürgerlichen Männer fürchteten sich davor, die bürgerlichen und großbürgerlichen Frauen nach einiger Zeit als Vorgesetzte hinnehmen zu müssen und Alice Salomon bemerkte: "Die meisten Armenpfleger waren Männer der unteren Mittelschicht, die ihre Versammlungen in Bierwirtschaften abhielten. Sie tranken und rauchten unbekümmert, während sie ihre Entscheidungen über Berichte trafen, von denen jeder Leben und Sorgen einer in dringender Not befindlichen Familie beinhaltete. Diese Praxis in der Gegenwart von Frauen beizubehalten, wurde als unpassend empfunden, sie wollten sich aber ihre Abende nicht verderben lassen" (A. SALOMON 1983, S. 54).
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Im Jahr 1896 beschloß der "Deutsche Verein für Armenpflege und Wohltätigkeit", daß die Hinzuziehung der Frauen zur Armenpflege aufgrund ihrer ´besonderen Eignung´ und ´Häuslichkeit´ zwar dringend notwendig sei, Leitung und Verwaltung jedoch in den Händen der Männer bleiben sollten. (vgl. PETERS 1984, S. 188)
Die Einbeziehung der Frauen in die Sozialarbeit geschah unter dem von Fröbel und Pestalozzi geprägten Schlagwort der "geistigen Mütterlichkeit": von der potentiellen Mutterschaft der Frau leiteten sie mütterliche Eigenschaften für alle Frauen ab. Gewissermaßen als Erweiterung der familiären Aufgaben und im Rahmen ihrer ´weiblichen Eigenschaften´, wurde den bürgerlichen Frauen die Übernahme gesellschaftlicher Tätigkeiten ermöglicht. (vgl. A. PARPAN-BLASER 1998, S. 35)
Als die unqualifizierte Arbeit der Ehrenamtler 1906 in den Stand des Berufs-Armenpflegers umgewandelt wurde, blieb die Vorherrschaft der Männer bestehen, da Erwerbstätigkeit für Frauen zu diesem Zeitpunkt zwar diskutiert wurde, aber nicht genehmigt war.
In Folge des ersten Weltkrieges wandelte sich die Situation: während die Männer der öffentlichen Fürsorgeämter zum Wehrdienst herangezogen wurden, bildeten sich neue, dringliche Betätigungsfelder für die soziale Arbeit. Es wurden Soziale Frauenschulen gegründet (z.B. 1919 in Freiburg), wodurch sich auch das Verständnis von Sozialarbeit änderte: aus bürgerlicher Karitativtätigkeit wurde professionelles Handeln ausgebildeter Frauen. In den Bereichen der Spezialfürsorge und im Vormundschaftswesen entstanden nach dem ersten Weltkrieg auch zunehmend besoldete Stellen für Frauen. (vgl. A. PARPAN-BLASER 1998, S. 32)
Ab 1923 wurden die Sozialen Frauenschulen auch von Männern besucht. Zum einen sollten männliche Verwaltungsbeamte, die auf sozialem Gebiet tätig waren, nachgeschult werden, zum anderen entstand durch das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz ein Bedarf an geschulten männlichen Kräften für den Bereich der Fürsorgeerziehung und Jugendpflege. (vgl. A. SALOMON 1927, S. 161)
1925 wurde in Berlin die erste Wohlfahrtsschule für Männer gegründet, unter dem Namen "Sozialpolitisches Seminar, Wohlfahrtsschule und Wirtschaftsschule". (vgl. C. SACHSSE 1986, S. 301)
Während des Nationalsozialismus fand ein inhaltlicher Einschnitt statt: das Hilfeverständnis in Deutschland nahm biologistische und rassenpflegerische Züge an.
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Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die gemeinsame Ausbildung von Frauen und Männern an gemischten Schulen eingeführt; ab den fünfziger Jahren stieg der Anteil der Männer in der Sozialarbeit wieder deutlich an, wo er sich Mitte der siebziger Jahre bei einem Drittel einpendelte.
3 Feministische Ansätze zur geschlechtsspezifischen Arbeits-
teilung
"Für die Nahrung ist man von der Fischerei der Frauen abhängig. Männer fischen
niemals - es sei denn, daß plötzlich Fischschwärme im See erscheinen. Dann sprin-gen sie frohgemut in ihre Kanus und erlegen ein paar Fische mit Speeren. Auch bei
Hochwasser, wenn der Uferweg überflutet ist, fischen sie manchmal nachts beim
Schein der Fackeln zu ihrem Vergnügen. Für die Fische werden Sago, Taro und Be-
telnüsse einge handelt. Das wichtigste Gewerbe, die Herstellung der Moskitosäcke -
für zwei von ihnenkann schon ein gewöhnliches Kanu eingehandelt werden -, betrei-
ben ebenfalls nur die Frauen. Ihre Abnehmer sind vor allem die Stämme am mittleren
Sepik, und die Nachfra ge ist so groß, daß die Käufer bereits im voraus bestellen.
Die Frauen...überlassen...den Männern die Durchführung des Tauschgeschäfts. Ein
Mann betrachtet diese Reisen als eine Art Fest; sobald ihm ein endgültiges Angebot
für einen Schlafsack vorliegt, zieht er, prächtig mit Federn und Muscheln geschmückt,
los und verbringt ein paar genußreiche Tage mit der Transaktion... Der Tschambuli-
Mann fühlt sich mit seinen sorgfältig frisierten Locken, seinem Lendenschurz aus der
muschelgeschmückten Haut von Riesenfledermäusen, seinem gezierten Gang und
seinem selbstbewußten Ausdruck wie ein Schauspieler, der allerhand nette Rollen zu
spielen hat... Die Männer sind zwar dem Namen nach Eigentümer der Häuser, sie
sind Familienoberhaupt und sogar Eigentümer ihrer Frauen, aber die eigentliche Initi-
ative und Macht liegt in den Händen der Frau..." (M. MEAD 1970, Bd. 3, S. 220-232
über das Südseevolk der Tschambuli, zit. nach K.-J. TILLMANN 1989, S. 44)
Wie in Kapitel 1 deutlich wurde, war die Ausübung sozialer Tätigkeiten durch Frauen und Männer im Laufe des letzten Jahrhunderts, neben gesellschafts- und weltpolitischen Veränderungen, auch an die Zuschreibung geschlechtsspezifischer Eigenschaften ge-bunden. Unklar bleibt jedoch, ob die Bezeichnung der Sozialarbeit als ´Frauenberuf´ dem Umstand entspringt, daß dieser Beruf seit der Nachkriegszeit überwiegend von Frauen ausgeübt wird, ob den Frauen eine besondere Eignung aufgrund ihrer ´Wesensart´ unterstellt wird, oder ob, wie von A. WETTERER angenommen, Tätigkeiten mit niederem Ansehen konstant als weiblich etikettiert werden. (vgl. A. WETTERER 1992, S. 131) Den Aspekt der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung hat die feministische Wissenschaft untersucht; im folgenden sollen vier Ansätze in chronologischer Reihenfolge vorgestellt werden.
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3.1 Die Spezifität weiblicher und männlicher Arbeitskraft nach Ostner und Beck-Gernsheim
Beide Autorinnen gehen von einer weiblichen und männlichen Grunddisposition aus, nach der Frauen besonders für die Hausarbeit und Männer für den Beruf geeignet sind und die für alle Angehörigen des jeweiligen Geschlechts Gültigkeit hat. Die Ursache für diese Grunddisposition sehen OSTNER und BECK-GERNSHEIM in der geschlechtsspezifischen Zuweisung von Aufgaben in Frühkulturen. Da nur Frauen gebären und stillen können (und dies in Frühkulturen offenbar auch sehr häufig taten) wurde ihnen die Aufgabe der Kinderaufzucht- und betreuung übertragen. In diesem Rahmen übernahmen sie auch die Routinearbeiten des Alltags. Den Männern waren Aufgaben zugedacht, die physische Kraft und eine längere Abwesenheit von der Familie erforderten. Es handelt sich bei diesem Ansatz also eher um einen biologistischen, denn um einen sozialen, allerdings bemerkt BECK-GERNSHEIM:
"(...) keine Gesellschaft nimmt solche Vorgaben bloß passiv auf, vielmehr baut jede Gesellschaft sie in der einen oder anderen Form aus - durch selbstverständliche Erwartungen und offene Zwänge, durch geschlechtsspezifische Initiationsriten und Sozialisationsprozesse, durch die selektive Zuweisung von Turnierspielen oder Webstuhl, durch die Zuwendung von ´Ausbildung´ für die Jungen und ´Austeuer´ für die Mädchen - das heißt, die Gesellschaft greift ein, entwickelt, überformt, verstärkt. Derart verselbständigt sich immer mehr, was die Gesellschaft aus den biologischen Grundelementen macht. Das ist es, warum die bestehende Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern wesentlich gesellschaftlich-historischen Charakter hat: Sie kann nie auf biologische Elemente reduziert werden." (E. BECK-GERNSHEIM 1979, S. 176 f.) Durch die biologischen Grundbedingungen und die gesellschaftliche Reproduktion und Formung der sich aus ihr ergebenden Arbeitsteilung, bilden sich - so die Autorinnen - bei den Geschlechtern entsprechende Fähigkeiten heraus. Zwar werden die beiden Arbeitsbereiche ´Beruf´ (Mann) und ´Hausarbeit´ (Frau) als gleichwertig betrachtet, da sie auf-einander bezogen sind, jedoch bilden sich durch die unterschiedlichen Inhalte und Anforderungen bei den in ihnen Arbeitenden gegensätzliche Eigenarten heraus. Die Autorinnen schlußfolgern, daß Frauen sich bei der Berufswahl für bedürfnis- und personenorientierte Tätigkeiten entscheiden, die persönliches Engagement erlauben.
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Der, bis hierhin vielleicht nicht deutlich gewordene, feministische Aspekt dieses Ansatzes, besteht in der Aufwertung des häufig defizitär betrachteten weiblichen Arbeitsvermögens.
Bezogen auf geschlechtsspezifische Arbeitsteilung innerhalb der Sozialarbeit, entspräche dieser Ansatz den Forderungen von 1896 (vgl. 1), nach denen die Hinzuziehung der Frauen aufgrund ihrer ´besonderen Eignung´ und ´Häuslichkeit´ als dringend notwendig erachtet wurde, Leitung und Verwaltung jedoch in den Händen der Männer bleiben sollten. (vgl. I. OSTNER 1982; E. BECK-GERNSHEIM 1979 u. 1981; A. PARPAN-BLASER 1998, S. 18 ff.)
3.2 Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Kontext des patriarchalen Machtgefälles, Teil 1
Ähnlich wie OSTNER und BECK-GERNSHEIM, geht ROMMELSPACHER (1992) von der Reproduktion gesellschaftlicher Arbeitsteilung als Ursache für geschlechtsspezifische Dispositionen aus und subsummiert ebenfalls alle Frauen und Männer unter das duale System des eindeutig männlichen und weiblichen. In ihrer Kritik an dem oben erläuterten Ansatz, erweitert sie diesen um den Aspekt der Macht und analysiert einschlägig die Situation der Frauen. ROMMELSPACHER argumentiert, daß durch die Aufwertung des ´weiblichen Arbeitsvermögens´ nicht ohne weiteres aus der Not eine Tugend gemacht werden kann:
"Je mehr die Frau nun gedrängt wird, ausschließlich die eine Seite des Widerspruchs zu leben, desto mehr ist sie ausgeschlossen von allem, was auch gesellschaftlich gesehen bedeutungsvoll ist: materielle Ressourcen, Macht und Wissen. Je mehr sie dieser Macht entsagt oder entsagen muss, desto mehr wird sie sich auf den Gegenpol zentrieren, auf psychische Macht in ihrer Bedeutung als Person für andere." (B. ROMMELSPACHER 1992, S 81)
In einer V erbindung von psychoanalytischen und astrologischen Konzepten ordnet RIEMANN (1976) sechzehn Jahre zuvor, die von ROMMELSPACHER beschriebene Dynamik geschlechtsübergreifend dem Sternzeichen des Steinbocks zu: "Die Lebenslüge dieser Menschen liegt am häufigsten in dem nach außen demonstrierten Erfüllen-Müssen von Pflichten und deren Umdeutung in ein scheinbar ´durch die Verhältnisse´ erzwungenes Müssen, sowie in der psychodynamisch ähnlich gela-
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Arbeit zitieren:
Dirk Bauhofer, 2002, Doing Gender - Geschlechterdifferenz in der Sozialarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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