Einleitung
Soziale Ungleichheit ist das zentrale Thema der Soziologie. Dafür sprechen nicht nur die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Denn spätestens mit Rousseaus Veröffentlichung über die natürliche Gleichheit aller Menschen in seinem „Diskurs über die Ungleichheit unter den Menschen“ (1755), der Französischen Revolution im Jahre 1789 und ihrer Parole „Freiheit“, „Gleichheit“, „Brüderlichkeit“ und der Veröffentlichung des „Kommunistische Manifest“ (1848) durch Karl Marx und Friedrich Engels ist der Begriff der „Sozialen Ungleichheit“ kaum noch aus den Köpfen der Menschen zu verdrängen (vgl. Müller 2003, S. 5). Auch die bereits angesprochenen aktuellen Entwicklungen in Wirtschaft und vor allem Politik befassen sich intensiv mit dieser Thematik. Denn soziale Ungleichheit ist nach wie vor Bestandteil unserer Gesellschaft, denn Menschen leben in Beziehungsgefügen wie Universität, Arbeitsstätten, Schulen etc. und bekleiden hier jeweils eine ganz spezielle Position, ohne sich dieser Tatsache meist bewusst zu sein. Offenkundig ist jedoch, dass sich diese Positionenen klassifizieren lassen. Mit diesen Klassifikationen sind spezielle Lebensbedingungen verknüpft und die Positionen lassen sich dadurch nicht nur unterscheiden, sondern ermöglichen das Herausfiltern von Privilegien und Nachteilen.
Unbestritten ist, dass sich die soziale Ungleichheit in den verschiedenen Ländern und Kulturen auch meist unterschiedlich auswirkt. Daher wird sich die vorliegende Ausarbeitung im Schwerpunkt nur mit der Bundesrepublik Deutschland beschäftigen. Überschneidungen mit anderen Ländern sind selten, dann aber auch explizit gewollt. Daher ist es in einem ersten Schritt wichtig, eine Definition abzugrenzen um von einer einheitlichen Basis ausgehen und anschließend die verschiedenen Dimensionen sozialer Ungleichheit erläutern zu können. Danach wird auf die historische Entwicklung näher eingegangen. Sie führt von Aristoteles über die Ständegesellschaften bis zur industriellen Gesellschaft. Von besonderem Interesse sind die Formen der sozialen Ungleichheit. Dabei wird im wesentlichen geklärt was unter Kasten, Stände, Schichten und Klassen zu verstehen ist. Dadurch ist eine weitere Differenzierung in die vier verschiedenen Dimensionen sozialer Ungleichheit möglich, die auch unter einem kritischen Aspekt betrachtet werden. Anschließend werden aufgrund der aktuellen Bedeutung die Einflussfaktoren sozialer Ungleichheit kurz umrissen, um danach im Fazit zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der gesamten Thematik zu kommen. Hierbei ist es auch interessant einen Blick in Zukunft zu werfen und mögliche neue Entwicklungen zu erkennen.
1. Abgrenzung einer erforderlichen Definition
Um eine einheitliche Basis des Problemverständnisses zu schaffe, wird an dieser Stelle eine Definition des Konstrukts „Soziale Ungleichheit“ gegeben, die für diese Ausarbeitung zu Grunde liegt und daher auch nur für diese Gültigkeit besitzt. Dabei geht es nicht darum alle Aspekte sozialer Ungleichheit zu beleuchten. Vielmehr wird dem Leser aufgezeigt, welche umfassenden Facetten die soziale Ungleichheit annehmen kann. Daher werden beide Begriffe in einem ersten Schritt getrennt voneinander betrachtet und anschließend in einen Zusammenhang gebracht.
1.1 Was bedeutet sozial?
Dem Begriff „sozial“ werden in der Literatur verschiedenste Bedeutungen zugesprochen. Daher muss die Verwendung unter Berücksichtigung des fachsprachlichen Kontextes erfolgen. Unter fachsprachlichem Kontext versteht man im Kern verschiedene wissenschaftlichen Disziplinen wie u. a. Psychologie, Soziologie und Biologie. Der Fokus dieser Ausarbeitung liegt klar auf der soziologischen Bedeutung des Begriffs.
So fasst Zwahr unter sozial alle interpersonellen Vorgänge zusammen, die die Gesellschaft und ihr geregeltes Zusammenleben betreffen und dem Gemeinwohl der Allgemeinheit dienen (vgl. Zwahr 1999, S. 90). Scholze-Stubenrecht erläutert diesen Begriff wesentlich umfangreicher. Nach ihm umfasst sozial zusätzlich zu den bereits genannten Merkmalen auch Gesellschaftscharakteristika wie Wohltätigkeit und Hilfsbereitschaft. Des Weiteren wird ebenfalls die gesellschaftliche Stellung berücksichtigt (vgl. Scholze-Stubenrecht 1997, S. 759). Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass der Begriff, außer in politischen Kontexten, selten für sich alleine steht. Häufig findet man daher selbst in Soziologie-Lexika oder Werken über die Grundbegriffe der Soziologie keine eigenständige Definition. Unter einem rein politischen Fokus mögen die bereits aufgeführten Definitionen durchaus ausreichend sein. Für die Soziologie reichen sie jedoch nicht. Unbestritten ist wohl jedoch, dass die Gesellschaft das zentrale Merkmal in allen Definitionen ist. Für eine Definition der sozialen Ungleichheit muss der Begriff jedoch auch zwingend unter dem Ungleichheitsaspekt betrachtet werden.
1.2 Was ist Ungleichheit?
Der Begriff „Ungleichheit“ (oder auch Ungleichung) wird häufig in mathematischen Zusammenhängen (Gleichungen etc.) verwendet. Nach Auflösen einer Gleichung ist z. B. X 1 größer als X 2 . Ohne hier in eine mathematische Grundsatzdiskussion abdriften zu wollen, lässt sich auf den ersten Blick kein Zusammenhang zur Ungleichheit im Bereich der Soziologie erkennen. Bei genauerem betrachten erkennt man jedoch schnell, das sich diese Gleichung auch auf gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen lässt. So hat, stark vereinfacht ausgedrückt, z. B. Person A monatliche mehr Geld zur freien Verfügung als Person B. Worauf diese Tatsache nun zurückzuführen ist soll an dieser Stelle nicht beantwortet werden und vielmehr als Gedankenanstoß dienen. Dem Leser soll dadurch ein Gefühl für die Termini der Ungleichheit gegeben werden. Ob diese Ungleichheit nur finanziell oder auch kulturell, gesellschaftlich usw. sein kann wird in einem späteren Abschnitt beantwortet.
Jedoch muss bei Ungleichheitstheorien berücksichtigt werden, dass man sich dem Begriff der Gleichheit bewusst sein muss, um umfassen urteilen und vor allem beurteilen zu können. Daher unterscheidet man zwischen der deskriptiven(beschreibenden) und der normativen (moralisch-politisch gebietenden) Gleichheit. Die deskriptive Gleichheit beschreibt, wann sich Sachverhalte einander gleich sind. Hierbei geht es im Schwerpunkt um Tatsachenaussagen (Ist-Sätze) bzw. um Vermutung der selbigen. Hingegen empfiehlt der normative Gleichheitsbegriff die Herstellung von identischen Merkmalen, die als Soll-Sätze bezeichnet werden (vgl. Ritsert 2009, S. 146).
1.3 Der Begriff „soziale Ungleichheit“
Nachdem nun beide Begriffe separat Betrachten wurden, werden sie nun zu einem neuen eigenständigen Begriff zusammengeführt um sich der eigentlichen Bedeutung bewusst zu werden.
Reinhold definiert soziale Ungleichheit als die ungleichmäßige (asymmetrische) Verteilung knapper und begehrter Güter auf gesellschaftliche Positionen. Unter gesellschaftliche Positionen versteht er die Position (Mutter, Controller, Lehrer etc.), die ein Mensch innerhalb eines Beziehungsgefüges (Familie, Unternehmen, Schule etc.) einnimmt. So entstehen seiner Theorie nach Vor- bzw. Nachteile in den Lebensumständen der betroffenen Menschen. Demnach werden nicht nur die bloße Verschiedenartigkeit der Positionen, sondern auch eine unterschiedliche Wertigkeit der selbigen unterschieden (vgl. Reinhold 2000, 589 f.).
Schäfers und Kopp ergänzen diese Definition noch um einen weiteren Aspekt. Demnach beschreibt soziale Ungleichheit nicht nur die ungleiche Verteilung von Ressourcen, sonder auch eine Erschwerung von Zugangschancen zu wichtigen Sozialbereichen (z. B. Bildung, Ausbildung, Beruf) für einzelne Personen oder sogar ganze Sozialgruppen (vgl. Schäfers/Kopp 2006, S. 329). Im Folgenden wird sich jedoch auf die Definition von Hradil gestützt, der die Aufmerksamkeit auf jene Lenkt, die andere Menschen nicht einfach als verschiedene Charaktere beschreiben, sondern gleichzeitig wertende Aussagen mitschwingen lassen. So werden Menschen als besser oder schlechter, höher- oder tiefergestellt präsentiert (vgl. Hradil 2005, S. 27 ff.). Seine Definition ist die umfassendste, schließt alle vorherigen Definitionen mit ein und beleuchtet nahezu alle Facetten der sozialen Ungleichheit.
1.4. Die drei Voraussetzungen für soziale Ungleichheit Im Folgenden werden die drei Entscheidenden Kriterien, die soziale Ungleichheit ausmachen, näher beschrieben. 1. Die Güter müssen wertvoll sein:
Welche Güter wertvoll sind und welche nicht wird von der Gesellschaft selbst definiert. So sind mit bestimmten Gütern auch bestimmte Wertvorstellungen bzw. Wertideale verbunden. Zu diesen Wertidealen zählen u. a. Reichtum, Wohlstand, Absicherung im Alter. Diese Wertvorstellungen lassen sich aber nur mit bestimmten Mitteln, also Gütern, erreichen. Ein hoher Bildungsabschluss, Geld, ein gesicherter Arbeitsplatz, familiäre Stabilität usw. helfen den Menschen also diese Zielvorstellungen zu erreich und sind somit wertvolle Güter. Alle Menschen die diese wertvollen Güter (zumindest teilweise) besitzen, haben Vorteile und erscheinen automatisch besser oder höher gestellt als andere Menschen (vgl. Hradil 2005, S. 28). 2. Verteilung der wertvollen Güter:
Hierbei ist es besonders wichtig, die absolute- von relativer Ungleichheit zu unterscheiden, da keine eindeutige Definition für Ungleichheit existiert (siehe 1.2). Bekommt ein Gesellschaftsmitglied von den wertvollen Gütern mehr als ein anderes, liegt absolute Ungleichheit vor. Relative Ungleichheit legt hingegen das Hauptaugenmerk auf bestimmte Verhaltensweisen (z. B. Leistung, Bedürfnisse,
Arbeit zitieren:
Stefan Schalowski, 2009, Soziale Ungleichheit in der BRD, München, GRIN Verlag GmbH
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