1. Die Burschenschaften, ein aktueller Bezug
Um das Ziel und die politische Ausrichtung von Burschenschaften zu verstehen, wird im Folgenden ein Bezug zu aktuellen Entwicklungen der Studentenverbindungen hergestellt. Gerade an einem zeitgemäßen Bezugspunkt lassen sich auch auf den ersten Blick scheinbar veraltete Strukturen und Brauchtümer besser verstehen. Hierbei ist zu betonen, dass gerade angestaubte Rituale dabei einen besonderen Zusammenschluss und -halt symbolisieren. Dass diese damaligen Verhaltensweisen in heutigen Verbindungen nicht mehr praktiziert werden, soll dabei nicht von der Tatsache ablenken, dass sie immer noch das gleiche Ziel verfolgen, nämlich das einer Identifikation mit der Verbindung. Dabei ist es unabhängig, ob diese Verbindung eine Burschenschaft, Landsmannschaft, ein Corps oder eine Studentenverbindung in ihrer heutigen Form ist. Hierbei geht es immer um das selbe Ziel, nämlich die Vernetzung untereinander und das Erreichen von häufig politischen-, jedoch im Schwerpunkt gesellschaftlichen- und zwischenmenschlichen Zielen (Erleichterung des studentischen Lebens). Dies bedeutet, dass sich heutige Verbindungen unmittelbar von den alten Strukturen und Ideen ableiten lassen. Jedoch liegt in dieser Ausarbeitung kein Fokus auf den heutigen Studentenverbindungen. Vielmehr geht es darum, die damaligen Ideen und vor allem die Strukturen näher zu beleuchten. Im Zentrum geht es um die Fragestellung, ob die damaligen Burschenschaften ein revolutionäres Studentennetzwerk gebildet haben oder nicht. Wie stellten sich diese Kontakte konkret dar und wie wurde die Gründung der ersten Burschenschaft von anderen Universitäten aufgenommen und beurteilt? Wie erfolgte die Verbreitung des Systems und was waren die zentralen Ziele?
Um die Ausgangsfrage zu beantworten ist es unausweichlich, auf die Gründungszeit der ersten Burschenschaft näher einzugehen und diese zu erläutern. Im Anschluss daran wird näher auf die Ziele eingegangen, wobei hier an geeigneter Stelle ein Vergleich zwischen den Zielen anderer Verbindungssysteme gezogen wird. Abschließend wird mit dem vorhandenen wissen subjektiv die Ausgangsfrage diskutiert und wenn möglich eindeutig beantwortet.
2. Die Ersten Schritte der Urburschenschaft
Bereits vor der Entstehung der ersten Burschenschaft hatte man sich in Jena bereits 1814 zu einer Art akademischen »Wehrschaft« zusammengefunden. Hier stand u. a. Exerzieren und Schießen mit Waffen im Fordergrund. Aufgrund der Kriegswirren erregte eine
solche Verbindung jedoch keinerlei Aufmerksamkeit und wirkte eher spontan gegründet. Die Führung dieser Verbindung übernahmen sowohl ehemalige Lützower, als auch die Führer der größten Landsmannschaften. Bereits hier wurden also erste Grenzen der Verbindungen alter Art überschritten. Der Übergang in eine Burschenschaft erfolgte dabei aufgrund einer Diskussion über die »Ordnung und Einrichtung der deutschen Burschenschaften«. Zusammengefasst propagierte sie den Ehrenkodex und die Ausgestaltungs-form einer patriotisch ausgerichteten, einheitlichen deutschen Studentenverbindung (vgl. Schröder 1992, S. 73).
Das Jahr 1815 war demzufolge ein denkwürdiges in der deutschen Universitäts-landschaft. Das eigentliche Zentrum dabei lag immer noch in Jena und hier im Gasthaus »Zur Tanne« . Dort wurde in diesem Jahr die erste Burschenschaft, die sogenannte »Urburschenschaft«, gegründet. Das besondere dabei war jedoch, dass sich diese Burschenschaft aus verschiedenen, eigenständigen, Landsmannschaft, Orden und Kränzchen zusammensetzte (vgl. Schröder 1992, S. 70). Dies war neu, da somit die bis dato dominante Maxime der Landsmannschaften, nämlich die eines regionalen Zusammenschlusses, durchbrochen wurde. Die Zusammenschlüsse in Form von Landsmannschaften waren dadurch auch wesentlich kleiner als die der Jenaer Burschenschaft. Bereits an der Gründung nahmen mit über 100 Studenten mehr als die Hälfte der immatrikulierten Studenten teil. Wobei an dieser Stelle gesagt werden muss, dass die Zahl zwischen 113 und 143 Studenten variiert (vgl. Schröder 1992, S. 70; Heither/Gehler et. al. 1997, S. 20). Dabei hatten die an der Gründung beteiligten Landsmannschaften als Zeichen ihrer Auflösung Die Fahnen gesenkt (vgl. Heither/Gehler et. al. 1997, S. 20 f.). Dieses Absenken der Fahnen diente nicht nur der symbolischen Auflösung der jeweiligen Landsmannschaften »Vandalia«, »Saxonia«, »Thuringia«, »Franonia« und anderer Korporationen, sondern symbolisierte in einem gemeinschaftlichen Akt gleichzeitig die neue Geschlossenheit. Hierbei spielte die regionale Herkunft nun nahezu keine Rolle mehr. Nach Ausarbeitung und Genehmigung des Verfassungsvertrages wurden 9 Vorsteher und 21 Ausschussmitglieder gewählt. Die Farben Schwarz-Rot-Gold wurden dabei nach dem Vorbild des Lützowschen Freikorps als die zentralen Farben gewählt und etabliert. Dies mag nicht zuletzt an der Tatsache gelegen haben, dass von den 11 Gründungsmitgliedern 8 Lützower waren (vgl. Schröder 1992, S. 70). Dabei kam es, nach anfänglichen Auseinandersetzungen zwischen den Verfechtern der Burschenschaften und somit Anhängern der alten Korporationen, zu einer Anerkennung der Gewohnheiten und Bräuche. Im Zentrum standen dabei nicht nur das brüderliche Du als Anredeform, sondern auch das Erweisen kameradschaftlicher Hilfe und gegenseitiger Unterstützung (vgl. Schröder 1992, S. 76).
Arbeit zitieren:
Stefan Schalowski, 2009, Die Urburschenschaft von 1815 der Universität Jena, München, GRIN Verlag GmbH
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