4.1.1 Wirtschaftsgeschichte Ecuadors: Eine Geschichte von steilen Aufschwüngen und
tiefen Einbrüchen einer exportorientierten Volkswirtschaft 35
4.1.2 (Öko-)Tourismus in Ecuador: Stabilisator in einer Instabilen Wirtschaft? 42
4.2 „Hotspot“ Ecuador: Rettung der Vielfalt durch Tourismus? 46
5 Naturschutzpolitik in Ecuador 51
5.1 Tourismus und Naturschutz in Ecuador 53
5.2 Correa: „ El futuro de este país es el turismo 55
5.3 Ökotourismus auf privater Ebene 57
6 Fundación Maquipucuna 59
6.1 Entstehungsgeschichte 59
6.2 Ziele und Strategien der Fundación Maquipucuna 61
6.2.1 Der Choco-Anden Korridor 62
6.2.1.1 Konservierungs- und Aufforstungsmaßnahmen 63
6.2.1.2 Handel mit Verschmutzungsrechten 63
6.2.1.3 Organischer Schattenkaffee 64
6.2.1.4 Bildung 66
6.2.1.5 Wissenschaftliche Forschung 66
6.2.1.6 Unterstützung von Schutzmaßnahmen und unternehmerischer Aktivitäten in der
Umgebung des Reservats 67
6.3 Ökotourismusprogramm der Fundación Maquipucuna 69
6.3.1 Ökotouristisches Potenzial der Reserva Natural Maquipucuna 69
6.3.1.1 Kriterium 1: Natürliche Ausstattung 69
6.3.1.2 Kriterium 2: Zusätzliche Attraktionen 71
6.3.1.3 Kriterium3: Erreichbarkeit und Infrastruktur 72
6.3.1.4 Kriterium 4: Klimatische Verhältnisse 73
6.3.1.5 Kriterium 5: Soziale Rahmenbedingungen. 74
6.3.2 Ökotourismusprojekt der FM: Ziele und Strategien 75
6.3.3 Nachhaltigkeit des Ökotourismuskonzepts Maquipucuna im Bereich Naturschutz
76
6.3.4 Ökonomische Nachhaltigkeit des Ökotourismuskonzepts Maquipucuna 77
6.3.5 Nachhaltigkeit des Ökotourismusprojekts Maquipucuna in Bezug auf die sozio-
ökonomische Entwicklung der lokalen Bevölkerung 80
6.3.6 Nachhaltigkeit des Ökotourismusprojekts Maquipucuna in Bildung und
Forschung 81
III
6.3.7 Nachhaltigkeit des Ökotourismuskonzepts Maquipucuna bei Infrastruktur und
Dienstleistung 82
6.3.8 Besondere Probleme, Mängel und Herausforderungen bei der Umsetzung des
Ökotourismuskonzepts der Fundación Maquipucuna 84
6.3.9 Erreichte Ziele und Status 88
7 Schlussfolgerungen 89
8 Literaturverzeichnis 92
IV
Abbildungsverzeichnis
Abb. 2 Naturgemälde der Anden nach Alexander von Humboldt 27 Abb. 3 Klimazonen und Vegetationsgürtel an der Küste Ecuadors 29 Abb. 4 Entwicklung des Bruttoinlandprodukts Ecuadors 41 Abb. 5 Handelsbilanz Ecuadors 41 Abb. 6 Gastarbeiterüberweisungen nach Ecuador 41 Abb. 7 Deviseneinnahmen einzelner Wirtschaftsektoren 43
Abb. 9 Saisonale Schwankungen bei den Touristenankünften in Ecuador 45
Abb. 10 Die 25 Hotspots der Erde 47
Abb. 11 Entwicklung der Touristenzahlen auf den Galápagos-Inseln 54
Abb. 12 Maquipucuna und Cuanca Alta Rio Guayllabamba 60
Abb. 13 Monatliche Einnahmen aus dem Tourismusbetrieb der Fundación Ma-78
quipucuna
Abb. 14 Touristenankünfte im Reservat Maquipucuna 79
Abb. 15 Anzahl der Übernachtungen im Reservat Maquipucuna 79
Tabellenverzeichnis
Tab. 1 Internationale Touristenankünfte 6 Tab. 2 Begriffe alternativer Tourismusformen im englischen Sprachgebrauch 8 Tab. 3 Prinzipien des Ökotourismus 9 Tab. 4 Kriterien für das touristische Potenzial eines Schutzgebiets 14 Tab. 5 Schutzgebietskategorien des IUCN 15 Tab. 6 Artendichte der Wirbeltiere 30
V
Tab. 9 Wanderwege der Reserva Natural Maquipucuna 73
Abkürzungsverzeichnis
Alianza País AP
Asociación Ecuadoriana de Ecoturismo ASEC Banco Central del Ecuador BCE Bruttoinlandsprodukt BIP
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung BMZ Conservation Data Center CDC
Constitución de la República del Ecuador CRE
Commission on Sustainable Development CSD Fundación Maquipucuna FM
Global Environmental Facility GEF
German Institute of Global and Area Studies GIGA
Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ International Monetary Fund IMF
Instituto Nacional de Estatisticas y Censos de Ecuador INEC Inter Tropic Convergence ITC
International Union for Conservation of Nature and Natural Resources IUCN
Ministerio de Turismo del Ecuador MINTUR
Ministerio de Transporte y Obras Públicas del Ecuador MTOP
Programa de Manejo de Recursos Costeros de Ecuador PMRC
VI
Programa Nacional de Certificación de Ecoturismo PRONEC Recerca de Catalunya RECERCAT Reserva Natural Maquipucuna RM
Sistema Nacional de Àreas Protegidas del Ecuador SNAP
The International Ecotourism Society TIES
United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNESCO
United Nations World Tourism Organization UNWTO World Wide Fund For Nature WWF
VII
1 Problemstellung
Im Vergleich zu seinen südamerikanischen Nachbarstaaten führt Ecuador als Tourismusdestination eher eine untergeordnete Rolle. Abseits der Galápagos-Inseln verirren sich vergleichsweise wenige internationale Touristen auf das ecuadorianische Festland. Lateinamerikaurlauber, die die Anden erleben wollen, zieht es meist nach Peru oder Bolivien; wer in den tropischen Regenwald will, geht häufiger nach Brasilien und wer an Palmenstränden Erholung sucht, den lockt es eher nach Mexico oder auf die Karibischen-Inseln. Dabei bietet Ecuador eine schier unglaubliche Vielfalt: tropischer Regenwald und Wüste, eisbedeckte Berggipfel und weite, fruchtbare Ebenen, feuchte Berg- und Nebelwälder und ausgedorrte Trockenwälder. Alles liegt nur wenige Fahrstunden voneinander entfernt. Kein Land der Erde hat eine größere Artendichte als Ecuador.
Allerdings hat auch kein Land auf dem amerikanischen Kontinent eine höhere Entwaldungsrate als Ecuador. Hinzu kommt, dass Ecuador gekennzeichnet ist von politischen und wirtschaftlichen Krisen. Präsidenten wurden reihenweise gestürzt und die Wirtschaft erlitt regelmäßig tiefe Einbrüche. Ecuador ist ein Land, in dem das ganze Jahr über gesät und geerntet wird, aber gleichzeitig viele Menschen hungern. Es ist ein Land, das zu den größten Erdölex-porteuren des Kontinents zählt und zugleich an Energieknappheit leidet, ein Land, das von seinen Bewohnern geliebt, aber millionenfach verlassen wird, weil seine Bewohner in den USA oder Europa eine bessere Zukunft suchen. All dies deutet darauf hin, dass Ecuador bisher noch weit davon entfernt ist, einen nachhaltigen Entwicklungsprozess zu vollziehen; weder ökologisch, noch wirtschaftlich oder sozial.
Seit etwa zwei Jahrzehnten setzen weltweit sowohl Entwicklungs- als auch Naturschutzorganisationen auf die Schaffung und den Ausbau eines nachhaltigen Ökotourismus. Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländer, so die Hoffnung, könne ein solches Konzept einen bedeutenden Beitrag für eine nachhaltige wirtschaftliche, ökologische und soziale Entwicklung leisten.
Zielsetzung dieser Arbeit ist es, in Erfahrung zu bringen, ob Ökotourismus einen sinnvollen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung Ecuadors leisten kann und wie sich ein nachhaltiges Ökotourismuskonzept in der Praxis umsetzen lässt. Dazu soll folgenden Fragen nachgegangen werden:
1
- Welches natürliche Potenzial bietet Ecuador für eine erfolgreiche Entwicklung des Ökotourismus?
- Welche ökologische und sozio-ökonomische Bedeutung hat die Entwicklung eines nachhaltigen Ökotourismuskonzepts für Ecuador?
- Welche Bedeutung wird der Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus von Seiten der Politik beigemessen und welche Strategien verfolgt diese?
- Wie lässt sich ein nachhaltiges Ökotourismuskonzept praktisch umsetzen?
1.1 Thematische Vorgehensweise
Nach einer theoretischen Einführung in das Konzept eines nachhaltigen Ökotourismus werden sich die ersten Kapitel der Arbeit mit dem Potenzial und der Bedeutung des Ökotourismus für das ecuadorianische Festland beschäftigen. Nach dieser großräumigen Betrachtung soll sich der Fokus anschließend auf die Mikroebene richten und anhand eines Praxisbeispiels untersucht werden, ob und wie sich ein nachhaltiges Ökotourismuskonzept praktisch umsetzen lässt.
Zu Beginn soll in Kapitel 2 der theoretischen Einführung der Begriff des „Ökotourismus“ klar definiert und dessen Prinzipien dargelegt werden. Dazu wird zunächst die Evolution des Tourismus unter besonderer Berücksichtigung der Tourismusentwicklung in Entwicklungsländern betrachtet. Alternative Tourismusformen werden vorgestellt und Nachhaltigkeitskriterien im Bereich Tourismus dargestellt. Anschließend wird auf die unterschiedliche Verwendung des Begriffs „Ökotourismus“ eingegangen, bevor er definiert wird und notwendige Prinzipien aufgezeigt werden. Ferner werden die verschiedenen Akteure im Bereich Ökotourismus vorgestellt und Kriterien für das ökotouristische Potenzial benannt. Abschließend soll der Analyserahmen der Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen UNWTO für gute Praxis bei der Entwicklung eines nachhaltigen Ökotourismuskonzepts vorgestellt werden, anhand dessen am Ende der Arbeit die Fallstudie Maquipucuna untersucht wird.
2
Im anschließenden Kapitel 3 soll das natürliche Potenzial Ecuadors für eine erfolgreiche Entwicklung des Ökotourismus untersucht werden. Dazu soll nicht nur das Potenzial beschrieben werden, sondern auch auf die physisch-geographischen Gegebenheiten in Ecuador eingegangen werden, die das natürliche Potenzial Ecuadors maßgeblich bestimmen. Anschließend wird Ecuador anhand der im vorherigen Kapitel beschriebenen ökotouristischen Zielgebietskriterien untersucht.
Um die mögliche sozio-ökonomische Bedeutung des Ökotourismus für Ecuador zu ergründen, soll in Kapitel 4 zunächst ein Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes seit seiner Unabhängigkeit geworfen werden. Anschließend soll auf die Struktur der ecuadorianischen Wirtschaft und auf aktuelle sozio-ökonomische Probleme und Herausforderungen eingegangen werden. Zudem wird die Rolle des Tourismus in der ecuadorianischen Wirtschaft genauer untersucht.
Zur Untersuchung der möglichen ökologischen Bedeutung des Ökotourismus soll auf die Gefahren für die natürliche Vielfalt in Ecuador und die wesentlichen Ursachen für die Zerstörung der ecuadorianischen Wälder eingegangen werden.
Wesentlich für eine erfolgreiche Entwicklung des Ökotourismus ist neben der natürlichen Ausstattung auch welche Bedeutung die Politik diesem Sektor beimisst. Deshalb soll in Kapitel 5 auf die vergangene sowie aktuelle Naturschutz- und Tourismuspolitik Ecuadors eingegangen werden.
Anhand des Fallbeispiels der Reserva Natural Maquipucuna soll in Kapitel 6 aufgezeigt werden, wie eine private Organisation versucht, durch die praktische Umsetzung eines nachhaltigen Ökotourismuskonzepts die ökologische, ökonomische und soziale Situation in einer ländlichen Region Ecuadors zu verbessern. Neben den Zielen und Strategien der Fundación Maquipucuna FM soll das Tourismusprojekt anhand des Analyserahmens der UNWTO einem Praxistest unterzogen werden. Ziel ist es herauszufinden, ob das Projekt tatsächlich ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltig ist, welche Ziele erreicht wurden und welches die größten Probleme und Herausforderungen bei der Umsetzung des Projekts sind.
Abschließend sollen die gewonnenen Erkenntnisse zusammengefasst und im Hinblick auf die oben gestellten Leitfragen bewertet werden.
3
1.2 Bearbeitungsmethode
Bis einschließlich Kapitel 5 beruht die Bearbeitung im Wesentlichen auf dem Studium englisch-, spanisch- und deutschsprachiger Quellen. Neben Lehrbüchern und Monographien sind dies vor allem wissenschaftliche Aufsätze aus Sammelwerken und Zeitschriften. Da von Seiten des Autors besonderer Wert auf Aktualität der Arbeit gelegt wurde, spielen auch Informationen, die z.B. von verschiedenen internationalen Organisationen oder Ministerien im Internet veröffentlicht wurden, eine bedeutende Rolle. Vereinzelt fließen auch eigene Erfahrungen des Autors mit ein, die dieser bei zwei längeren Aufenthalten in Ecuador, zwischen September 2006 und März 2007 sowie zwischen September 2009 und November 2009, gemacht hat.
Im sechsten Kapitel beruhen alle Informationen, die nicht genauer durch Literaturangaben verifiziert sind, auf Informationsmaterial, die dem Autor von der Fundación Maquipucuna zur Verfügung gestellt wurden, und auf eigenen Untersuchungen und Erfahrungen. Ferner fließen zahlreiche Informationen aus Gesprächen mit Verantwortlichen der Administration und mit den Angestellten des Ökotourismusbetriebs in die Bearbeitung und die Bewertung ein. Zur Bearbeitung dieses Kapitels hielt sich der Autor im September/Oktober 2009 für fünf Wochen im Reservat Maquipucuna auf. Als sehr hilfreich erwies sich dabei, dass er sich bereits im Jahre 2006 für vier Monate im Reservat Maquipucuna aufhielt und in dieser Zeit an der Umsetzung des Ökotourismusbetriebs und an verschiedenen Projekten der FM mitgewirkt hat. Schon damals konnten so tiefere Einblicke in den Ökotourismusbetrieb der FM und die Arbeits- und Lebensweise vor Ort gewonnen werden. Dies erleichterte die Arbeit in vielerlei Hinsicht. So konnten etwa Entwicklungsprozesse mit eigenen Augen überprüft und kritisch hinterfragt werden. Als noch wichtiger für die Arbeit wirkte sich jedoch aus, dass bereits ein Vertrauensverhältnis zwischen Angestellten und dem Autor bestand. Nur so konnten Gespräche offen geführt werden und auch Probleme angesprochen werden, die den Touristen bei kurzen Aufenthalten meist verborgen bleiben.
4
2 Theoretische Einführung
Als die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen UNWTO das Jahr 2002 zum „Internationalen Jahr des Ökotourismus“ erklärte, hatte der moderne Tourismus bereits einen langen Entwicklungsprozess hinter sich. In seiner Begründung hob die UNWTO die ökologische, ökonomische und soziale Bedeutung dieses noch recht jungen Tourismussegments her-vor und verwies auf dessen dynamisches Entwicklungspotenzial (UNWTO 2001: 9). In den Jahrzehnten zuvor galt der Tourismus mal als Segen und mal als Fluch. Zum einen wurde die enorme ökonomische Bedeutung des Tourismus für die Weltwirtschaft und insbesondere für die wirtschaftliche Entwicklung von Entwicklungsländer betont, zum anderen wurden die negativen Effekte für Mensch und Umwelt, die der moderne Massentourismus mit sich brachte, immer mehr Anlass zur Kritik. Alternative Formen des Tourismus wurden gesucht, welche die ökonomischen Vorteile des Tourismus nutzen und zugleich die negativen auf die Natur und die Menschen minimieren. Mit dem „Internationalen Jahr des Ökotourismus“ machte die UNWTO deutlich, dass für die Vereinten Nationen der Ökotourismus in dieser Hinsicht eine bedeutende Rolle spielen könne.
Doch wie müsste der Ökotourismus ausgestaltet sein, damit er genau diese Anforderungen erfüllen kann?
Dazu soll zunächst anhand eines kurzen geschichtlichen Überblicks über die Entwicklung des internationalen Tourismus die Bedeutung, das Potenzial und die Problematik des Tourismus im Allgemeinen und mit besonderer Berücksichtigung von Entwicklungsländern aufzeigt werden. Anschließend findet eine Annäherung an den Begriff des Ökotourismus als alternative Tourismusform statt und es werden Voraussetzungen und Prinzipien definiert.
2.1 Historischer Überblick über die Entwicklung des internationalen Tourismus
Mit der Bahnreise von Leicester nach London im Jahre 1845 begann ein neues Kapitel in der Geschichte des Tourismus: Der modernen Massentourismus war geboren. Als Wegbereiter für diese neue Form des Reisens gelten die im Zuge der Aufklärung beginnende bürgerliche Bildungsreise und der zu Beginn des 19. Jahrhundert aufkommende Naturtourismus, der neben dem Naturerlebnis auch erstmals das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung befriedigen soll-
5
te. Dies gewann mit zunehmender Industrialisierung und Verstädterung immer mehr an Bedeutung (HACHTMANN 2007: 61).
1841 organisierte Thomas Cook, Wanderprediger einer Baptistengemeinde, erstmals eine Bahnreise für eine Gruppe von 570 Personen, um vor den Gefahren des Alkoholmissbrauchs zu warnen. Während Cook seine ersten Gruppenreisen aus rein religiösen Motiven durchführte, entdeckt er bald den kommerziellen Wert solcher Gruppenreisen. So kam es, dass er 1845 erstmals eine Eisenbahnreise aus rein kommerziellen Gründen organisierte. Mit der Zeit entwickelte Cook immer neue Formen, um einer breiten Bevölkerungsschicht Reisen zu günstigen Konditionen anbieten zu können. Ab 1855 nahm er Reisen nach und durch Europa in sein Sortiment auf, 1862 mietete er Massenunterkünfte für seine Kunden und begründete damit die Pauschalreise. 1869 gelang ihm mit einer Reise zum Nil der Sprung über die Grenzen Europas, wo er 1890 mit 15 Dampfschiffen das Monopol auf Nilkreuzfahrten besaß (HACHTMANN 2007: 68f).
Dem modernen Massentourismus schienen keine Grenzen gesetzt zu sein. Seit den 1950er Jahren stieg die Zahl der internationalen Tourismusankünfte rasant an (vgl. Tab. 1). Bis in die 1960er Jahre entstand eine euphorische Stimmung
Tab. 1: Internationale
dem Tourismus eine Reihe von Vorteilen beigemessen: Quelle: UNWTO 2006.
- Der Tourismus steigert die Deviseneinnahmen und bietet damit die Möglichkeit, die eigene Zahlungsbilanz aufzubessern (SHARPLEY/TELFER 2008: 17).
- Der Tourismus ist eine sehr arbeitsintensive Industrie. Es entstehen Arbeitsplätze direkt in der Tourismusindustrie und indirekt, etwa bei Handwerkern oder anderen Produzenten und Dienstleistern, die vom Konsum der Touristen profitieren (GORMSEN 1996: 26).
- Da Touristen und Investitionen in den Tourismussektor meist aus Industriestaaten kommen, trägt der Tourismus zur Verteilung des weltweiten Reichtums bei (SHARPLEY/TELFER 2008: 19).
6
- Zudem galt der Tourismus lange als „weiße Industrie“. Er versprach die Möglichkeit für Entwicklungsländer, eine nachholende Entwicklung zu erlangen und gleichzeitig auf umweltverschmutzende Industriezweige weitgehend verzichten zu können (BA- CKES/GOETHE 2000).
Doch schon Ende der 1960er Jahre und in den 1970er Jahren wurden erste warnende Stimmen laut, die auf die negativen Effekte, die der schnell wachsende internationale Tourismus mit sich brachte, eingingen:
- Durch den Import von Gütern und Dienstleistungen für den touristischen Bedarf, die nicht im Zielland selbst bereitgestellt werden können, fließt ein Großteil der Deviseneinnahmen wieder ab. Diese sogenannte Sickerrate beträgt in Entwicklungsländern nach Schätzungen einiger Autoren bis zu 70 % (GORMSEN 1996: 25f).
- Der Tourismus ist extrem abhängig von externen Effekten, wie politische Unruhen, Naturkatastrophen oder Terroranschlägen.
- Die wachsende Bedeutung des Tourismussektors in Entwicklungsländern führt zu einer neuen Abhängigkeit von Industrieländern (SHARPLEY/TELFER 2008: 3).
- Die Saisonalität des Tourismus sorgt für schwankende Einnahmen und unsichere Arbeitsverhältnisse (GORMSEN 1996: 27).
- Der Tourismus führt zu extremen Schäden an der Natur und Umwelt und hat teilweise verheerende Auswirkungen auf die sozialen und kulturellen Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung (BACKES/GOETHE 2000).
Immer deutlicher wurde das Dilemma, in dem die Tourismusentwicklung steckte. Zum einen bestand zweifellos ein großes ökonomisches Potenzial in der weiteren Entwicklung des Tourismus, insbesondere für Entwicklungsländer, zum andern wurde deutlich, dass häufig lediglich die lokalen Eliten und internationalen Unternehmen tatsächlich wirtschaftlich vom Tourismus profitieren, während die arme, meist ländliche Bevölkerung die sozialen Kosten und die Kosten der Umweltzerstörung durch den Massentourismus zu tragen hat (SHARPLEY/TELFER 2008: 4). Als Reaktion darauf entwickelten sich in den 1980er Jahren vermehrt alternative Formen des Tourismus, die als Gegenpol zum Massentourismus gesehen werden können. Laut MIECZKOWSKI (1995: 457ff) ist alles, was nicht Massentourismus ist, alternativer Tourismus. Typische Merkmale für alternative Tourismusformen sind kleine Gruppen, geringe Intensität und ihre Verbreitung auf ländliche Gebiete. Zudem sprechen al-
7
ternative Tourismusformen meist ein spezielles Klientel an, welches ein bestimmtes Interesse verfolgt, überdurchschnittlich gebildet ist und über ein relativ hohes Einkommen verfügt. Typische Formen des alternativen Tourismus sind etwa der Kulturtourismus, Bildungstourismus, Wissenschaftstourismus, Abenteuertourismus oder Agrartourismus. Dabei kann es Überschneidungen und unterschiedliche Ausprägungen alternativer Tourismusformen geben. Neben den genannten alternativen Tourismusformen kam vor allem im englischsprachigen Raum eine Vielzahl weiterer Begriffe auf, die sich auf drei unterschiedliche Dimensionen beziehen: das Zielgebiet, die Auswirkungen oder bestimmte Interessen und Aktivitäten der Touristen (Arbeitsgruppe Ökotourismus 1995: 35f) (vgl. Tab.2). Viele dieser genannten Tourismusformen können in irgendeiner Weise mit dem Begriff des Ökotourismus in Verbindung gebracht werden, teilweise werden sie sogar gleichgesetzt. So macht LINDBERG (1991: 4) keine Unterscheidung zwischen Ökotourismus und Naturtourismus, während DRUMM (1991: 9) den Begriff
Ökotourismus verwendet, um eine klare
Abgrenzung zum allgemeineren Begriff des Naturtourismus herzustellen. Für ihn ist Naturtourismus lediglich eine touristische Aktivität in naturnahen Gebieten. Welche Aktivitäten dort stattfinden und welche Auswirkungen diese haben, wird hier nicht berücksichtigt. Hieran wird ein grundlegendes Problem bei der Verwendung des Ökotourismus-Begriffs deutlich. Die vielfältige Verwendung des Begriffs, die nach MÜLLER (1998: 13) „babylonische“ Ausmaße erreicht hat, birgt die Gefahr, dass
Quelle: Arbeitsgruppe Ökotourismus 1995: 36.
der Begriff Ökotourismus lediglich aus
Marketinggründen für eine Vielzahl unterschiedlicher Tourismusformen verwendet wird, ohne dass deutlich wird, was sich tatsächlich hinter diesem Begriff verbirgt.
8
2.2 Das Ökotourismuskonzept
Der Begriff des Ökotourismus geht bis zum Beginn der 1980er Jahre zurück. 1983 verwendete der mexikanische Wissenschaftler Héctor Ceballos-Lascurain erstmals den spanischen Terminus ‚ecoturisimo’, eine Kurzform, der von ihm seit 1981 verwendeten Bezeichnung ‚turismo ecológico’ für bestimmte ökologische Reiseformen (NEIL/WEARING 1999: 4). Auf ihn geht auch die erste wissenschaftliche Definition des Begriffs zurück:
„[Ökotourismus ist] Reisen in relativ ungestörte Gebiete oder unverschmutzte natürliche Gebiete mit der
bestimmten Zielsetzung, die Landschaft und ihre wilden Pflanzen und Tiere sowie vorhandene kulturelle
Sehenswürdigkeiten (sowohl aus der Vergangenheit als auch aus der Gegenwart), die in diesen Gebieten
gefunden werden, zu studieren, zu bewundern und zu genießen“ (CEBALLOS-LASCURAIN 1987: 4, zit.
nach: KURTE 2002: 22).
Wie beim Naturtourismus werden hier natürliche Gebiete als Zielregion angegeben, wobei diesen noch Adjektive wie ‚ungestört‘ und ‚unverschmutzt‘ zugefügt werden und auf das Vorhandensein wilder Tiere, Pflanzen und kultureller Sehenswürdigkeiten hingewiesen wird. Zudem wird mit den Aktivitäten, die vor Ort stattfinden, eine zweite Dimension angesprochen. So soll neben dem Naturgenuss und der Bewunderung für Natur und Kultur diese auch aktiv studiert werden (KURTE 2002: 22f).
Durch die Spezifizierung des Zielgebiets und die dort stattfindenden Aktivitäten lässt sich der Ökotourismus als Unterform des Naturtourismus bezeichnen. Allerdings wird in dieser frühen Definition eine dritte Dimension noch vollkommen außer Acht gelassen: die der Auswirkungen des Tourismus auf
Quelle: TIES 1990.
die Natur und die Menschen vor Ort. Bei der
1990 gegründeten Internationale Ecotourism Society TIES findet diese Dimension bereits Berücksichtigung. Nach ihrer Definition ist Ökotourismus:
„ Responsible travel to natural areas that conserves the environment and improves the well-being of local
people“ (TIES 1990).
Diese sehr knappe Definition beschreibt das Zielgebiet als ‚natürliche Gebiete‘, ohne genauer darauf einzugehen. Auch werden keine Aktivitäten explizit genannt, allerdings sollen sie ‚ver-antwortlich‘ durchgeführt werden und einem bestimmten Ziel dienen, womit die dritte Di-
9
mension angesprochen wird. Der Ökotourismus soll helfen die ‚Umwelt zu schützen‘ und das ‚Wohlbefinden der lokalen Bevölkerung zu verbessern‘.
Die dritte Dimension ist anders als die ersten beiden Dimensionen nicht rein deskriptiv, sondern fügt der Definition eine normative Ebene hinzu. Mit Hilfe des Ökotourismus sollen bestimmte Ziele erreicht und Wunschvorstellungen und Erwartungen erfüllt werden (KURTE 2002: 34). Durch das Hinzufügen einer normativen Ebene stellt sich für CATER (1994: 3ff) die Frage, ob so aus dem Produkt Ökotourismus nicht eher ein Prinzip wird. Tatsächlich fügen die meisten Autoren ihrer Definition zum Ökotourismus eine Reihe von Prinzipien hinzu, ohne welche die Bedingungen für die Beschreibung eines Ökotourismuskonzepts im engeren Sinne nicht erfüllt sind (vgl. Tab. 3). Dabei sollten laut TIES (1990) alle Akteure, die am Ökotourismus teilnehmen, diesen Prinzipien folgen, um nachhaltiges Reisen zu ermöglichen. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit in der Tourismusindustrie?
2.2.1 Ökotourismus und Nachhaltigkeit
Bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts taucht der Begriff der Nachhaltigkeit erstmals im deutschen Sprachgebrauch auf. Er beschrieb die Bewirtschaftung des Waldes in einer Weise, in der immer nur so viel Holz geschlagen wird, wie nachwachsen kann, damit der Wald nie vollständig abgeholzt wird (TREMMEL ²2003: 62). Weltweite Anerkennung und Verbreitung fand der Begriff der Nachhaltigkeit bzw. Sustainability durch den Brundtland-Bericht 1987. Im Auftrag der Vereinten Nationen erstellte eine Kommission um die damalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland den Zukunftsbericht „Unsere gemeinsame Zukunft“. Die Kommission sah eine dauerhafte Entwicklung nur dann gegeben, wenn sie den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Gefährdet sah die Kommission eine solche Entwicklung vor allem durch die Nutzung natürlicher Ressourcen vieler Menschen, die ein ökologisch erträgliches Maß bei weitem übersteigt (HAUFF 1987: 46f).
Bei der UN-Konferenz 1992 in Rio de Janeiro verabschiedeten die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die „Agenda 21“. Danach sollten die Prinzipien der Nachhaltigkeit bei der Entwicklung politischer Strategien auf allen politischen Ebenen Berücksichtigung finden. Die Agenda 21 fand weltweite Beachtung, nicht nur auf politischer, sondern auch auf privater Ebene (SHARPLEY/TELFER 2008: 30).
10
Nachhaltige Entwicklung, die die Lebensbedingung aller Menschen dauerhaft verbessert, schließt ökonomische, ökologische und soziale Ziele ein, die nicht nur gleichrangig behandelt, sondern möglichst auch gleichzeitig erreicht werden sollten:
- Ökonomische Dimension: Nur durch erfolgreiches Wirtschaften kann mehr Wohl-stand generiert werden.
- Soziale Dimension: Für eine dauerhafte Entwicklung müssen die Chancen gerecht verteilt werden; zwischen arm und reich, Nord und Süd, Mann und Frau.
- Ökologische Dimension: Natürliche Ressourcen zum Wohl der Menschen müssen heute so genutzt werden, dass sie auch noch für künftige Generationen erhalten bleiben (Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GTZ 2005: 2).
Nachhaltige Entwicklung folgt dabei drei fundamentalen Prinzipien:
- Ganzheitlichkeit: Entwicklungs- und Umweltfragen werden in einem globalen sozialen, ökonomischen und ökologischen Kontext gesehen.
- Zukunftsfähigkeit: Der Fokus richtet sich auf die langfristige Überlebensfähigkeit des globalen Ökosystems und der in diesem System lebenden Menschen.
- Gleichheit: Entwicklung muss fair und gerecht vonstatten gehen, damit allen Mitgliedern aller gegenwärtigen und zukünftigen Gesellschaften der Zugang und Nutzen von Ressourcen ermöglicht wird (SHARPLEY/TELFER 2008: 36).
Da diese Dimensionen und Prinzipien für alle Entwicklungsstrategien gelten sollten, stellt sich die Frage, in wieweit sie sich auf die Entwicklung der Tourismusindustrie übertragen lassen. Laut Agenda 21 gilt der Tourismus als einer der wenigen Wirtschaftsbereiche, die gute Voraussetzungen mit sich bringen, um zu mehr Nachhaltigkeit beizutragen (WOLTERS 1998: 21). Laut dem Positionspapier der deutschen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen CSD
- Deutschland, welches sie bei der 7. Konferenz der Kommission für Nachhaltige Entwicklung CSD der Vereinten Nationen 1999 vorlegte, ist nachhaltiger Tourismus:
„…von den Grundsätzen der Erklärung von Rio über Umwelt und Entwicklung und den Empfehlungen
der Agenda 21 geleitet. Er muss in Einklang mit den relevanten internationalen Abkommen und Erklä-
rungen ausgestaltet sein. Nachhaltiger Tourismus muss soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftli-
che Verträglichkeitskriterien erfüllen. Nachhaltiger Tourismus ist langfristig, in Bezug auf heutige wie
11
auf zukünftige Generationen, ethisch und sozial gerecht und kulturell angepasst, ökologisch tragfähig so-wie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig“ (CSD - Deutschland 1999, zit. nach: BAUMGARTNER 2002: 4).
Doch allein der CO 2 -Ausstoß, der bei
einer Flugreise anfällt, sorgt dafür, dass Ferntourismus allein wegen seiner Reiseökobilanz nicht nachhaltig sein kann (WOLTERS 1998: 20). Als möglicher Lösungsansatz gilt die Monetarisierung dieser negativen Effekte, beispielsweise über Sondersteuern und Abgaben oder durch Einbezug des Flugverkehrs in den internationalen Emissionshandel (BECKEN 2002: 126). Ab 2012 werden alle Fluggesellschaften, die in der Europäischen
Union starten und landen, in den EU-Emissionshandel mit einbezogen. Ziel ist es, die Emissionen des Luftverkehrs um 5 % gemessen an den Jahren 2004-2006 zu reduzieren (Europäisches Parlament 2008). Auch wenn dies ein erster wichtiger Schritt sein mag, so müssen doch noch viele weitere folgen, um Nachhaltigkeit im Flugverkehr zu erreichen. Vor Ort kann laut Müller ( 3 2007: 28) nur dann von einer nachhaltigen Tourismusentwicklung gesprochen werden, wenn die Entwicklungsprozesse langfristig auf mehr Umweltverantwortlichkeit, Sozialverträglichkeit und wirtschaftlicher Ergiebigkeit ausgelegt sind. Dazu entwickelte er ein Zielsystem, dass er als „magische Fünfeck-Pyramide“ bezeichnet (vgl. Abb. 1). An den Eckpunkten dieser Pyramide stehen:
- Materieller Wohlstand: Einkommen, Wertschöpfung, Abbau von Disparitäten etc.
- Subjektives Wohlbefinden: Eigenständigkeit, Freiheit, Selbstverwirklichung, kulturelle Identität, Anpassungsfähigkeit etc.
- Gästezufriedenheit: optimale Befriedigung der vielfältigen Gästeerwartungen etc.
- Natur- und Ressourcenschutz: Biodiversität, Ressourcenschutz, landschaftliche Vielfalt etc.
- Kulturelle Vielfalt: kulturelles Schaffen, Pflege einheimischer Kultur, Kulturgüterschutz etc.
12
Die Entwicklung dieser fünf Eckpunkte muss zudem langfristig ausgerichtet sein, damit auch zukünftige Generationen nichts an Gestaltungsfreiheit einbüßen.
In wieweit Ökotourismus mit nachhaltigem Tourismus gleichzusetzen ist, darüber gibt es in der Literatur unterschiedliche Auffassungen (KURTE 2002: 66f). Wie bei TIES (1990) oder UNWTO (2001: 9) wird in dieser Arbeit Ökotourismus nur dann als Ökotourismus betrachtet, wenn er an den Zielen der Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Ökotourismus wird hier eher als eine Unterform des nachhaltigen Tourismus verstanden. Der Unterschied zwischen nachhaltigem Tourismus und Ökotourismus besteht in der Zielregion. Während sich Ökotourismus, nach der bereits zitierten Definition von Ceballos-Lascurain auf „relativ ungestörte Gebiete oder unverschmutzte natürliche Gebiete“ mit „wilden Pflanzen und Tieren“ sowie „kulturelle Sehenswürdigkeiten“ beschränkt, ist nachhaltiger Tourismus an sich nicht auf natürliche Gebiete beschränkt, sondern kann gleichermaßen in Kulturlandschaften führen.
2.2.2 Ökotouristische Zielgebiete
Ceballos-Lascurain deutet mit seiner Definition zum Zielgebiet zwei Punkte an. Als erstes verweist er auf die relative Ungestörtheit und Unverschmutztheit des Zielgebiets hin. Allerdings sind solche Gebiete heute sehr rar, weshalb sich Ökotourismus in den meisten Fällen auf Schutzgebiete beschränkt. Als zweites verweist er auf das touristische Potenzial des Zielgebiets, in dem er das Vorhandensein wilder Tiere und Pflanzen und kulturelle Sehenswürdigkeiten erwähnt. MÜLLER (1998: 14ff) fasst eine Reihe von Kriterien für das touristische Potenzial von Schutzgebieten zusammen (vgl. Tab. 4). Neben der Außergewöhnlichkeit der Landschaft gibt es eine Reihe weiterer Faktoren, die für die Eignung eines Gebiets zur Ökotourismusdestination zu beachten sind:
- Schutzstatus: er bestimmt die Zulässigkeit von Ökotourismus je nach Schutzkategorie
- ökologische Empfindlichkeit gegenüber touristischer Nutzung
- zu erwartende Nutzungskonflikte mit Zielen des Naturschutzes
- Vorhandensein alternativer Entwicklungsoptionen
- demographische Strukturmerkmale sowie sozio-ökonomische und institutionelle Rahmenbedingungen
13
Dazu kommen Merkmale der touristischen Aktivitäten, wie Art und Umfang des Tourismus, die zu erwartenden Umweltauswirkungen und sozio-ökonomischen Effekte sowie die Frage nach der Naturschutzkompetenz und dem touristischen Know-how der Träger.
Besonderes Potenzial bieten möglichst unberührte einzigartige Landschaften wie tropische Regenwälder, Savannen, Wüsten oder Steppen. Viele dieser Gebiete befinden sich in Entwicklungs- oder Schwellenländern und sind besonders von Zerstörung bedroht, weshalb große Teile dieser potenziellen Zielgebiete zu Schutzgebieten erklärt worden sind. Doch touristische Aktivitäten in Schutzgebieten ergeben zwangsläufig Konflikte mit den Zielen des Naturschutzes, denn jede touristische Aktivität ist ein Eingriff in die natürliche Umwelt. Nach den Prinzipien des Ökotourismus sollen dessen Auswirkungen zwar auf ein Minimum reduziert werden, ganz ohne Auswirkungen kommt aber auch er nicht aus. Auf der anderen Seite kann der Ökotourismus positive Folgen für den Naturschutz haben, indem er der Natur einen ökonomischen Wert verleiht.
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2.2.3 Naturschutz durch Ökotourismus
Das Dilemma der Naturschutzpolitik ist es, dass der Naturschutz allgemein als öffentliches „Gut ohne Marktpreis“ gesehen wird. Da sich der langfristige gesellschaftliche Nutzen des Naturschutzes, beispielsweise durch den Erhalt der Artenvielfalt oder dessen Beitrag zum Klimaschutz, ökonomisch nur sehr schwer beziffern lässt, hat er am Markt keine Chance gegen kurzfristig, wirtschaftlich klar bezifferbare Nutzungsarten, wie z.B. dem Abbau natürlicher Ressourcen. Um diesem Marktversagen zu begegnen gibt es zweierlei Möglichkeiten: Zum einen sind dies staatliche Interventionen, die über ordnungspolitische Regelungen, wie Verbote oder Gebote, die Interessen des Naturschutzes wahren. Zum anderen sucht man nach Substituten, durch die dem Naturschutz indirekt ein Marktwert verliehen wird, wodurch man Anreize bietet, den Naturschutz wirksam umzusetzen und zu unterstützen (Arbeitsgruppe Ökotourismus 1995: 19). Staatliche Interventionen bestehen Tab. 5: Schutzgebietskategorien des IUCN
darin, dass der Staat Gebiete zu Schutzgebieten erklärt und andere Nutzungsarten ganz verbietet oder nur insoweit zulässt, wie sie im jeweiligen Gebiet ökologische verträglich sind. Die bereits 1948 gegründete und in 140 Ländern vertretene
International Union for Conservation of Nature and Natural Resources
IUCN teilt die Schutzgebiete in sieben Kategorien ein, wobei sie die unterschiedlichen Kategorien danach einordnet, zu welchem Zweck diese dienen (Vgl. Tab. 5). Jeder Kategorie weist sie mögliche Nutzungsarten zu. Während Gebiete der Kategorie Ia ausschließlich für wissenschaftliche Forschung und
Quelle: Eigene Zusammenstellung nach WWF 2008.
Umwelt-Monitoring zugänglich sind,
ist Tourismus in allen anderen Kategorien theoretisch möglich, solange die Ziele der jeweiligen Schutzkategorie nicht gefährdet werden (World Wide Fund For Nature WWF 2008).
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Arbeit zitieren:
Simon Deges, 2010, Bedeutung, Potenzial und Praxis eines nachhaltigen Ökotourismuskonzepts in Ecuador am Beispiel der Reserva Natural Maquipucuna, München, GRIN Verlag GmbH
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