1. Einleitung
In den verschiedensten Kulturen und über die Jahrhunderte hinweg gab es immer eine Vorstellung von gesunden Körpern und idealen Proportionen. Galten im 16.Jahrhundert weibliche runde Proportionen als schön und erstrebenswert, steuerte in den 60iger Jahren das Bild, mit Stilikone und Magermodel Twiggy, in die gegenteilige Richtung. „Das dünne Model Twiggy bescherte mit ihren 42 Kilo bei 1,70m Körpergröße zahlreiche Frauen in eine neue Krankheit-die Magersucht.“(http://www.scinexx.de) Jedoch ist die intensive Beschäftigung mit dem eigenen Körper und dessen Erscheinungsbild nicht nur Ausdruck von optischem Leidensdruck, sondern oft ein Symptom von psychischen Leiden und Bewältigungsstrategien über Lebenskrisen. Oftmals werden Erkrankungen, welche mit Körperschema und Psyche zusammenhängen und gesundheitsschädlich sind, mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung gebracht. Externalisiertes, also nach außen gerichtetes Risikohandeln erfährt eine positive Resonanz. Gemeint ist, die Ausbildung von Verhaltensmustern auf primär äußere Bereiche mit dem Selbstverbot sich nach Ìnnen`zu konzentrieren. (vgl. Böhnisch/ Winter 1997,S.127) Externalisierte Verhalten wird als mithin `männliches`Risikohandeln gewertet.(vgl. Meuser 2006, S.167) “...die durch internalisiertes Risikohandeln bewirkten Beschädigungen des Körpers (wie z.B. Bulimie, Anorexie) gelten zumeist auch in der Gesellschaft der Peers als problematisch.“ (Meuser 2006, S.167) Dieses internalisierte Verhalten richtet sich gegen sich selbst und den eigenen Körper und „...schließt das Gewaltverhältnis sich gegenüber ein, dass sich in der Selbstdefinition über Leistung... (und) ... über die Unterdrückung der eigenen Emotionalität... ausdrückt.“ (Böhnisch/ Winter 1997, S. 128) Denn durch die männliche Sozialisation lernen Jungen „...das verachten oder gar hassen, was aus ihrem Selbst kommt , da es sie hilflos macht, weil es Ihnen von außen kulturell verwehrt wird.“ (Böhnisch/ Winter 1997, S. 64) Deshalb ist es naheliegend, dass internalisierte Verhaltensweisen im Bereich Körpergefühl bei Frauen scheinbar häufiger auftritt.
Mangweth-Maztek beschreibt in ihren Studien, Ähnlichkeiten zwischen männlichen und weiblichen Ausformungen der Essstörungen. Allerdings erwähnt sie auch eine weitere Form der Essstörung bei Männern, die körperdysmorphe Störung bzw. Muskeldysmorphobie.(vgl. www.i-med.ac., Folie 6) Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine Körperschemastörung welche in externalisiertes Risikoverhalten einzuordnen ist.
2
In weiterführender Literatur verweist sie auf Harrison Pope (Harvard University), welcher „...1993 bei 8% der untersuchten männlichen Bodybuilder ein neues Phänomen gestörten Körperbildes bzw. Essverhaltens, dass er ursprünglich reverse anorexia nervosa und dann muscle dysmorphia nannte.“ (Herpertz/ de Zwaan/ Zipfel 2008,S.89 ff) benannte. Pope beschreibt, dass die untersuchten Männer über sehr viel Muskelmasse verfügten, sich jedoch selbst als zu schmächtig empfanden. (vgl. ebd)
In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich dem Thema Männer und Körperbewusstsein widmen. Unter den Gesichtspunkten der männlichen Sozialisation nach Lothar Böhnisch, in Bezugnahme auf Robert Connells hegemonialer Männlichkeit und anhand der Gedanken Pierre Bourdieus zum Thema Männlichkeit möchte ich erläutern, inwiefern es bei Männern zu Essstörungen kommen kann und warum gerade Muskelsucht eine phatologische Ausformung der Zielerreichung des idealen Mannes sein kann. 2. Männliche Sozialisation- Aneignung generativer Regeln durch die ersten Spiele des Wettbewerbs
Essstörungen und Körperschemastörungen haben haben meist keine genetischen Ursachen, sondern sind Ergebnis verschiedener Einflussfaktoren. Vielmehr gelten Entwicklungsstörungen in der Kindheit und geschlechtliche Sozialisation als Disposition von Essstörungen. Sozialisation meint, den
“...Prozess der Entstehung und Entwicklung der menschlichen Persönlichkeit in Abhängigkeit von und in Auseinandersetzung mit den sozialen und den dinglichmateriellen Lebensbedingungen..., die zu einem bestimmten Zeitpunkt der historischen Entwicklung einer Gesellschaft existieren. Sozialisation bezeichnet den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehende menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt.“ (Hurrelmann 1993, S.14) ) Sozialisation beinhaltet somit auch das Erlernen einer gesellschaftlich gewollten Geschlechterrolle. Rollen und Rollenverständnis werden in Gender-Studies benannt und erforscht und als Genderkonstruktion bezeichnet. „Die Konstruktion von Gender bedeutet die gesellschaftlich- kulturelle Herstellung bestimmter Rollen, Rollenbilder und Funktionen von Frauen und Männern.“ (Czollek/ Perko/ Weinbach 2009, S.19) Sie unterscheiden biologisches und kulturelles Geschlecht sowie Macht- und Herrschaftsverhältnisse und ordnen diese männlich und weiblich zu.(vgl. Czollek/ Perko/ Weinbach 2009, S.15)
3
„Jungen werden in eine Welt hineingeboren, in der das Männliche immer noch die Norm verkörpert, in der mithin Konkurrenz, Macht und männlich besetzte Positionen hoch bewertet und in einer unübersehbaren Selbstverständlichkeit anerkannt sind.“ (Böhnisch/Funk 2002, S. 87) Jungen werden nicht als Jungen groß, sondern sie werden zu Jungen erzogen also zu Jungen sozialisiert. Dabei wird auf die Unterdrückung der Gefühle und auf Selbstständigkeit sowie Durchsetzungsfähigkeit abgezielt.(vgl. ebd.) „In der Regel hinterfragen Menschen ihre Geschlechtsdazugehörigkeit nicht. Sie ordnen sich wie selbstverständlich der weiblichen bzw. männlichen Seite zu.“ (Goffman/ Garfinkel/ Kessler/ Mc Kenna/ Hirschauer/ Lindemann/ Hageman-White/ Gildemeister/ Butler 2006, S.103)
Mann werden ist also nichts, das biologisch vorgegeben ist. Auch wenn genetisch zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht unterschieden werden kann, ist die Rolle und die damit verbundenen Verhaltensmodi die ein erwachsener Mensch annimmt, gesellschaftlich gewollt und konstruiert. Sozialisation findet von Geburt bis ins hohe Alter statt und durchläuft verschiedene Instanzen wie Familie, Schule, Peer-Group und Beruf.
2.1. Männliche Sozialisation im Industriezeitalter
„Die gegenwärtigen Muster geschlechtsspezifischer Sozialisation sind an die Industriegesellschaft gebunden.“ (Böhnisch/ Funk 2002, S.71) Böhnisch spricht hier auch von geschlechthiererchischer Arbeitsteilung. Seit dem 19.Jahrhundert löst sich die Vorstellung von Rollenmustern und somit die vorindustrielle Sozialordnung auf.(vgl. Böhnisch/ Funk/ Lenz 2004, S.25) Immer noch obliegt die Aufgabe der Reproduktion der Frau, die der Produktion, also die des Ernährermodelles dem Mann. Die industrielle Wirtschaftsweise verlangte „...eine strikte Trennung von industrieller Produktion und sozialer Reproduktion.“ (ebd.) Innerhalb dieser Aufgaben steht die Frau tiefer in der Hierarchie.(vgl.ebd.) Dieses Modell erleben Jungen bereits in ihrer frühen Kindheit. Die Abwesenheit der Väter, und hier nicht nur im räumlichen, sondern auch im mentalen Sinne, da diese durch das Produktions-/ Reproduktionsmodell der westlichen Gesellschaft nicht unmittelbar mit der Erziehung des Kindes verwoben sind, bzw. „...sich...wenig um die Erziehungsarbeit kümmern.“ (Böhnisch/Funk 2002, S.85 ) führt zu einer Idealisierung des Mannbildes und einer Abwertung der weiblichen Rolle. Mit der fortschreitenden Industrialisierung und der damit verbundenen Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Geschlechterrollen der 1920ziger Jahre, „...ist das Verhältnis von Produktion und Reproduktion zwar elastischer geworden, hatte seine geschlechthierarschische Wertigkeit
4
verändert, blieb aber in der Struktur unangetastet.“ (Böhnisch/Funk 2002, S.31) Diese Rollendifferenzierung in die Reproduktionsarbeit bringt eine „Frühkindliche Sozialisation... in einer frauendominierten Alltagswelt ...“(Böhnisch/Winter 1997, S.61) mit sich, welche bis zur Grundschulzeit von Erzieherinnen, Lehrerinnen, Nachbarinnen ect. geprägt ist.(vgl. ebd.)
Das Erlernen von Bewältigungsstrategien und das Umgehen mit Frustration wird ebenso in dieser Zeit erlernt. Die Mutter dient als Vorbild und Wertevermittlerin, jedoch sind beide Geschlechterbilder alltäglich geworden und haben ihren Einfluss auf die Erziehung.(Böhnisch/ Funk 2002, S.85) So bekommen Jungen auf ihr männliches, selbstständiges (vom abwesenden Vater abgeschautes) Verhalten positive Rückmeldungen, selbst gewalttätiges Verhalten geht oftmals durch. (vgl. Böhnisch/ Winter 1997, S.61) „Dies bezieht sich vor allem auf die nach außen gerichteten, öffentlichen Verhaltenssegmente (laut sein, toben, Aggressivität, Zerstörung, Dominanz usw.)“ (Böhnisch/Winter 1997, S.62)
„Das gesellschaftliche Modell der Trennung häuslicher und erwerbsgesellschaftlicher Sphäre und den damit verbundenen geschlechtstypischen Zuordnungen und Bewertungen entspricht ein gesellschaftliches Bild des Weiblichen, dass mehr auf das „Innen“ gerichtet ist, und ein Bild des Männlichen, das dem „Außen“ verhaftet bleibt.“(Böhnisch/ Funk 2002, S.72)
Jungen und Männer gelten nach diesen Zuordnungen als externalisiert. Die Rolle bestimmt, dass ihre Bewältigungsstrategien nach „Außen“ abgehandelt werden, also oftmals aggressiv und gewalttätig.(vgl. ebd) „Dies bewirkt, dass ihr Zugang zu den eigenen Gefühlen blockiert ist, dass sie nicht über sich sprechen können...“(ebd.). Die Bejahung dieser männlichen Verhaltensmuster durch die weibliche Alltagswelt führt dazu, dass die weiblichen, durchaus vorhandenen Anteile der Jungen blockiert werden, sodass er sich internalisierte, beispielsweise verbalisierende Verhaltensmuster kaum aneignen kann.(vgl. ebd.)
Michael Meuser spricht in seinem Aufsatz „Riskante Praktiken. Zur Aneignung von Männlichkeit in den ernsten Spielen des Wettbewerbes“ bei der Aneignung der männlichen Rolle von Doing masculinity. Damit meint er, dass sich Jungen Männlichkeit im Sinne „...eines Einübens generativer Regeln...“ aneignen. (Meuser 2006, S.165) Dieses Aneignen beginnt im Spielverhalten von kleinen Jungen. „Jungen sollen raue Spiele spielen, in der Bauecke bauen, draußen spielen und lieber mit den anderen Jungen als mit Mädchen, sie sollen sich eher aggressiv verhalten und miteinander raufen.“(Muck 2005) Ebenso findet man Wettkampfspiele , wie Fußball, Cowboy und Indianer ect. bei
5
Arbeit zitieren:
Janine Koch, 2010, Muskeldysmorphobie als männliche Bewältigungsstrategie, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Frauenstudien / Gender-Forschung: Muskeldysmorphobie als männliche Bewältigungsstrategie ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Frauenstudien / Gender-Forschung: neuer Titel erschienen: Muskeldysmorphobie als männliche Bewältigungsstrategie
Janine Koch hat einen neuen Text hochgeladen
Die Bedeutung von Emotionen und deren Ausdrucksformen für die soziale ...
Eine Studie mit adoleszenten J...
Uli Marienfeld
0 Kommentare