Danksagung
Ich bedanke mich bei Herrn Prof. Dr. rer. nat. Hardt und Herrn Prof. Dr. habil. Voller für die fachliche Betreuung der Bachelorarbeit.
Darüber hinaus danke ich meiner Familie und meiner Freundin für die Unterstützung während meiner gesamten Studienzeit.
III
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis III
Abbildungsverzeichnis V
Tabellenverzeichnis VI
Abk ürzungsverzeichnis VII
1. Einleitung 1
2. Sweatshops 3
2.1 Was sind Sweatshops? 3
2.2 Historischer Abriss 4
2.3 Anti - Sweatshop - Bewegungen 10
2.4 Einflussfaktoren 13
3. Verletzung von globalen Kernarbeitsnormen 15
3.1 Verstöße gegen fundamentale Beschäftigungsbedingungen 15
3.1.1 Arbeitszeit 15
3.1.2 Löhne 16
3.1.3 Gesundheits - und Sicherheitsstandards 16
3.1.4 Qualifikationen 17
3.1.5 Unabhängige Gewerkschaften 17
3.1.6 Einschüchterung am Arbeitsplatz 18
3.1.7 Besondere Unterdrückung von Frauen 18
4. Einfluss von internationalen Institutionen 20
4.1 Die Internationale Arbeiterorganisation (ILO) 20
4.2 United Nations Organization (UNO) 21
4.3 Die Welthandelsorganisation (WTO) 22
4.4 Die OECD 23
4.5 Nichtregierungsorganisationen (NGOs) 24
IV
4.5.1 Clean - Clothes - Campaign 25
4.5.2 Die Fair Labor Association 25
5. Meinungsumfrage 28
6. Analyse von namhaften Herstellern 33
6.1 H M 33
6.2 NIKE 35
6.3 Levi Strauss Co. 36
6.4 Adidas 37
6.5 Tommy Hilfiger 38
6.6 American Apparel 39
6.7 Modediscounter 40
6.8 Sweatshop - Atlas 43
7. Sweatshop - Freie Labels 44
7.1 Armedangels 45
7.1.1 Versicherungen und Informationen für Kunden 46
7.1.2 Überprüfung der Standards 48
7.1.3 Investitionen und Werbemaßnahmen 50
7.1.4 Kritische Aspekte 52
7.1.5 Fazit Armedangels 53
7.2 Weitere empfehlenswerte Labels 54
8. Schlussbetrachtung 55
8.1 Lösungsansätze 55
8.2 Fazit allgemein 60
Literaturverzeichnis 61
Versicherung 81
Kurzfassung 82
Anhang 83
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Sweatshop in Bangladesch, 2010
Abb. 2: Häufigste genannte Hersteller
Abb. 3: Sweatshop - Atlas Asien
Abb. 4: Oberteil aus Online Shop mit Trusties
Abb 5: Hangtag und Etikett Armedangels
_____________________________________________________________ VI
Tabellenverzeichnis
Tabelle 1: Durchschnittlicher Stundenlohn in der Bekleidungsindustrie, 1997 8
Tabelle 2: Trusties der Social Fashion Company GmbH 46
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Abkürzungsverzeichnis
AB Aktiebolag Abb. Abbildung AIP Apparel Industry Partnership BCWS Bangladesh Center for Workers Solidarity bspw. beispielsweise CCC Clean Clothes Campaign CIR Christliche Initiative Romero Co. Company CO 2 Kohlenstoffdioxid CSR Corporate Social Responsibility d. h. das heißt e.V. eingetragener Verein EPZ Exportproduktionszone et al. und andere f. folgende FEZ Freie Exportzone ff. fortfolgende FLA Fair Labor Association FLO Fairtrade Labelling Organizations International GAO Government Accountability Office GATT General Agreement on Tariffs and Trade GmbH Gesellschaft mit beschränkter Haftung HCVA Haiti - Cuba - Venezuela Analysis Hrsg. Herausgeber HRW Human Rights Watch ILO International Labour Organization KiK Kunde ist König LDC Less Developed Countries Ltd. Limited Company mind. mindestens NGO Non - Governmental Organization
____________________________________________________________ VIII
NLC National Labor Committee o. J. ohne Jahresangabe OECD Organisation for Economic Co-operation and Development S. Seite SECO Staatssekretariat für Wirtschaft (Schweiz) SLAC Student Labor Action Coalition u.a. unter anderem UNO United Nations Organization US AID United States Agency International Development USAS United Students Against Sweatshops Vgl. Vergleiche WRC Worker Rights Consortium WTO World Trade Organization z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil
_____________________________________________________________ 1
1. Einleitung
Die Bekleidungsbranche zählt zu den arbeitsintensivsten Fabrikationen weltweit und ist ein Wegbereiter der Globalisierung. Schon vor 40 Jahren begannen die ersten Prozesse der Produktionsverlagerung und des Outsourcings. Der hohe Kosten - und Zeitdruck dieser Industrie sowie die personalintensive Handarbeit und die daraus resultierende technologische Anspruchslosigkeit führen zu der Kausalität, dass viele Schwellen - und Entwicklungsländer diese Faktoren ausnutzen, um aus ihren Erzeugnissen einen hohen Kapitalgewinn zu erzielen. Die Auftraggeber aus Industriestaaten setzen dabei gezielt auf die Ansiedlung ihrer Fabriken in Freihandelszonen, um soziale Probleme und Missstände gekonnt mit den geltenden Gesetzgebungen des jeweiligen Gebietes zu legitimieren.
Dass es bei diesem Vorgehen und dem schnellen Wachstum der Weltkonzerne auch Verlierer geben muss, ist eine logische Konsequenz. Das unterste Glied der Kette sind die Näher und Näherinnen, die gezwungen sind unter Bedingungen zu arbeiten, die man in hoch entwickelten Ländern nur noch in Geschichtsbüchern unter dem Themenfeld „Industrielle Revolution“ zu vermuten mag. In sogenannten Sweatshops sind westliche Sozialstandards und ansonsten anerkannte Menschenrechte eher unerwünscht, denn diese könnten die Folgsamkeit, Disziplin und den Arbeitsertrag deutlich mindern. Diese Arbeit soll Aufschluss über die gern verdrängte Form der Bekleidungsproduktion geben, Ursachen und Entwicklungen darstellen, den Konsumenten als Mittäter entlarven und neue Wege und somit Lösungsansätze von jungen Modelabels aufzeigen.
_____________________________________________________________ 2
Die Arbeit ist in drei Hauptteile gegliedert:
Der erste Teil beschäftigt sich mit Entwicklungen und Ursachen von Sweatshops. Hier soll anhand von politischen, sozialen und ökonomischen Fakten und unter Bezugnahme von globalen Sozialstandards sowie dem mangelnden Handeln bzw. Eingreifen von internationalen Institutionen und Kampagnen deutlich gemacht werden, wie die Produktion von Bekleidung in ausbeutenden Fabriken im 21. Jahrhundert überhaupt noch möglich ist und ein Verständnis dafür schaffen, unter welchen menschenverachtenden Konditionen Unternehmen ihre Erzeugnisse produzieren.
Im zweiten Teil soll durch eine Befragung herausgestellt werden, dass auch der Käufer mitverantwortlich an dem Fortbestehen von diesen informellen Betriebsstätten ist und Bekleidungsfirmen aufgrund des Unwissens ihrer Konsumenten so frei agieren bzw. vorteilhafte Schlüsse für ihr Gewinnstreben ziehen können. Weiterhin werden namhafte Hersteller unter Zuhilfenahme ihrer Angaben auf Authentizität geprüft, indem firmeneigene Daten mit den Publikationen von öffentlichen unabhängigen Quellen in Vergleich gestellt werden.
Der dritte Teil der Arbeit stellt Schlussfolgerungen und mögliche Lösungsansätze dar, der Schwerpunkt liegt vor allem in der Vorstellung junger, sozial pflichtbewusst produzierender Labels, wie z. B. Armedangels aus Köln, die ihren Kunden mit jedem Kleidungsstück gesellschaftliche und ethisch korrekte Verantwortung versichern. Hier sollen durchführbare und dennoch gewinnbringende, aber menschenwürdige Wege zur Anfertigung von Kleidung erläutert bzw. demonstriert werden.
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2. Sweatshops
2.1 Was sind Sweatshops?
Teilweise findet die globale Produktion von Bekleidung und Sportswear in Sweatshops statt. Der Begriff Sweatshop (schweißtreibende Fabrik) soll andeuten, dass die Arbeitnehmer ausgebeutet werden. Nach Angaben des GAO, einem überparteilichen Untersuchungsorgan des Kongresses der Vereinigten Staaten mit Sitz in Washington D.C. (vergleichbar mit dem deutschen Bundesrechnungshof), müssen die Arbeiter und Arbeiterinnen in der Regel für Löhne unterhalb des Existenzminimums arbeiten, wobei Arbeitszeiten und - Bedingungen weit jenseits dessen liegen, was bspw. in Europa als Minimalstandard angesehen wird. An der Tagesordnung sind oft körperliche Züchtigungen, Schwangerschaftskontrollen sowie Entlassungen bei Schwangerschaften. 1 Weitere Merkmale sind mangelnde
Arbeitsschutzmaßnahmen, fehlende soziale Absicherung, mangelnde Rechte zur Gründung von Gewerkschaften, despotische Disziplinierungen und gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen. 2
Diese Fabrikationsstätten sind meist in LDC Staaten angesiedelt, selten auch in industrialisierten Staaten; hier werden dann häufig illegale Einwanderer beschäftigt, so wie z. B. in den südlichen Staaten der USA. Weitere „Ballungsgebiete“ für Sweatshops sind u.a. Osteuropa, China, Thailand und Lateinamerika.
In Europa sind diese informellen Betriebsstätten auch als Hinterhof - oder Garagenfabriken bekannt, in Lateinamerika als talleres ilegales oder maquila. Gemäß Definition und Schätzungen des bereits beschriebenen GAO waren 1994 nur in Los Angeles 4500 von 5000 Bekleidungsbetriebe Sweatshops. 3
1 Vgl. Handbuch der Globalisierung Online [2007].
2 Vgl. Webster Lexikon Online [2010].
3 Vgl. Clean Clothes Österreich [2005 a].
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2.2 Historischer Abriss
Die Geschichte und Entstehung von Sweatshops reicht einige Jahrhunderte zurück. Dabei ist ein fließender Übergang von unterdrückten und versklavten Völkern bis zu deren gezielten Einsetzung zur Fertigung von Bekleidung und Textilien erkennbar.
Bereits 1637 zwang der damalige Gouverneur von New Mexico Luis de Rosa, ein spanischer Einwanderer, die einheimischen Pueblo - Indianer für ihn Decken und andere Textilien zu weben in einem von ihm erbauten Sweatshop. 4 Etwa im Jahre 1717 sollen spanische Eroberer weitere menschenunwürdige Erzeugungsbetriebe im Vizekönigreich Neugranada, das heutige Gebiet Ecuadors, 5 zur Herstellung von Tüchern, grober Kleidung und anderen Textilwaren errichtet und die Arbeitskraft der einheimischen Bevölkerung ausgenutzt haben, um so die Produkte kostengünstig in das alte Europa einzuführen. 6
Eine regelrechte Expansion und somit einhergehende Verwendung des Begriffs trat allerdings erst mit der Blüte der industriellen Revolution zwischen 1830 und 1850 in Europa auf. Dies hängt vor allem mit den Triebkräften der historischen Industrialisierung zusammen: die Aufhebung der Leibeigenschaft schafft Freiheit für die Bauern, gleichzeitig verlieren diese aber ihr Land und müssen für Arbeit in die Städte ziehen. Diese Metropolisierung verbunden mit der unaufhaltsamen technologischen Weiterentwicklung in den Städten und den daraus entstehenden Großfabriken bzw. dem Wegfallen der Heimarbeit schaffen ein Arbeiterangebot, welches es noch nie zuvor gegeben hatte. Dieses Überangebot mit simultaner Bildung des Proletariats, also Menschen, die nicht viel mehr besaßen, als ihre bloße Arbeitskraft, schuf eine Festlegung des Arbeitslohns, der sich stark an dem Prinzip des Warenmarktes orientierte: großes Arbeiterangebot erzeugt einen niedrigen Arbeitslohn. Erste stark ausnutzende Eigenschaften in Bezug auf ihre Arbeiter zeigen im damaligen Deutschen Bund z. B. die Großhändler Gebrüder Zwanziger in den 1840er Jahren: in ihrer Fabrik in Peterswaldau (heute Pieszyce im schlesischen
4 Vgl. Boje [2001].
5 Vgl. Wikipedia [2010 a].
6 Vgl. Encyclopedia of Business [2010].
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Polen) wurden die Weber mit etwa 12 Silbergroschen für acht volle Tage Arbeit bezahlt. 7 Dies entsprach damals etwa den Kosten von 4 kg Kartoffeln. 8 Ein Beispiel für das Wachsen der Sweatshops ist die Stadt Manchester Mitte des 19. Jahrhunderts; allein bis 1850 verdoppelt sich die Bevölkerung in nur 20 Jahren auf ca. 350 000 und mehr als 50 % von ihnen sind in der Baumwollbranche unter einer rigiden Arbeitsdisziplin tätig. 9 Gegen 1870 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ist auch die immer weiter expandierende Stadt New York zu einem Zentrum für Sweatshops geworden. Besonders an der Lower East Side (New York City´s Garment District) 10 nahm die Agglomeration aufgrund der rapiden Auswanderungswellen aus Europa stark zu, sodass billige Arbeitskräfte geradezu an jeder Ecke verfügbar waren. Um 1900 hatten auch die Londoner Arbeiter, hauptsächlich Näherinnen, mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Arbeitszeiten von 12 Stunden an 6 Tagen bei einem Verdienst von ca. 1 £ in der Woche waren nicht unüblich.
Ein verheerendes Ergebnis von fehlenden Sicherheitsbestimmungen bzw. -Standards zeigte sich am 25. März 1911 in der Triangle Shirtwaist Company in Manhattan. Bei einem Brand in der Fabrik kamen 146 der 500 Beschäftigten ums Leben. 11
Bis zur Einführung des New Deal, einem Sozialversicherungssystem, das u. a. progressive Besteuerung, massive Arbeitsverkürzung und Verbot der Kinderarbeit beinhaltete, 12 durch Franklin D. Roosevelt 1933 blieben Sweatshops zumindest in den USA weitestgehend erhalten. In Deutschland wurde bereits 1883 die Ausbeutung der Arbeiter sowie das Einsetzen von Kindern und Frauen in nicht adäquaten Tätigkeiten mit den ersten Sozialgesetzen vom damaligen Reichskanzler des deutschen Kaiserreichs Otto von Bismarck eingeschränkt und immer weiter abgebaut. 13 Dennoch konnten auch mit diesen frühen politischen Maßnahmen die Sweatshops nur verdrängt, aber nicht ausgerottet werden, da aufgrund der
7 Vgl. Stern Extra [3/2009], S. 50.
8 Vgl. Blank [1975], S. 204.
9 Vgl. DIE ZEIT Geschichte [3/2009], S. 65.
10 Vgl. Wikipedia [2010 b].
11 Vgl. Südwind Magazin Österreich [2007].
12 Vgl. Wikipedia [2010 c].
13 Vgl. Haus der Geschichte Online [2010].
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Hyperinflation 1923 und der Weltwirtschaftskrise 1929 Millionen Menschen auf den Arbeitsmarkt drangen, die bereit waren, für einen immens niedrigen Lohn ihre Arbeitskraft einzusetzen und sie so wieder zurück in eine Form der kapitalen Ausplünderung durch den Unternehmer trieb. An diesen Fakten ist also zu erkennen, dass sich Sweatshops in den früh entwickelten wirtschaftlichen Zentren der Welt angesiedelt und bis zum Ende der 1930er Jahre Bestand hatten.
Eine expansive Wiedererscheinung von Lohnsklaverei kann in den 60er bzw. 70er Jahren des 20. Jahrhunderts festgestellt werden. Denn das wiederkehrende Problem der repressiven Arbeitsumstände ist ein Nebenprodukt der einsetzenden Globalisierung, welche vor allem die Bekleidungsbranche als eine der ersten nutzte. Gelockerte
Handelsbeschränkungen ließen die Bekleidungsindustrie über die Grenzen der Industriestaaten hinauswachsen.
Die multinational gewordenen Unternehmen verlegten ihre Produktion Anfang der 60er Jahre in den asiatischen Raum, so z. B. Taiwan, Singapur, Hongkong und Südkorea und ließen die Näherinnen in Sweatshops schuften. Das durchschnittliche Jahreseinkommen betrug 500 US $. 14 Der Arbeitstag dauerte im Schnitt bis zu 16 Stunden ohne Überstundenbonus. Weiterhin wurde das zu dieser Zeit weit verbreitete gesellschaftliche Ansehen der asiatischen Kultur genutzt, denn arbeitende Frauen unterlagen der Verachtung und ihre Perspektivlosigkeit konnte infolge ihres fehlenden Einflusses missbraucht werden. 15
Die 1970er Jahre waren weiterhin geprägt von Auslagerungen der Produktionsstätten von Bekleidung in asiatische Staaten. Der Weltkonzern NIKE z. B. sah in der neu gewonnenen Freiheit und den steigenden Löhnen der südkoreanischen und taiwanesischen Arbeiter womöglich eine zu große Gefahr für Umsatzeinbrüche und verlegte die Herstellung nun schrittweise nach Indonesien, China und Vietnam. 16 Die militaristischen Staatsregimes dieser Länder zu jener Zeit verboten bspw. die
14 Vgl. Welt Online [2010].
15 Vgl. Musiolek et al. [1998], S. 46.
16 Vgl. Globalexchange.org [2007 a].
_____________________________________________________________ 7
Bildung von Arbeitergewerkschaften, was auch anderen Bekleidungserzeugern nur als Vorteil dienen konnte.
Doch auch der zentralamerikanische Raum wollte nun von der informellen Produktionsform profitieren. Besonders Mittelamerika war an höheren Exportraten interessiert, um so das Wirtschaftswachstum voranzutreiben. Das Sweatshop - Modell führt insbesondere in Haiti zu einem weitreichenden Elend. Auf dem Höhepunkt der exploitierenden Herstellungsform in den 70er und 80er Jahren steigt laut Weltbank die Armut in Haiti um 60 % und die Mindestlöhne sind drastisch gesunken. 17 Auch hier können die Arbeiter keine Rechte erlangen, da ein Diktator an der Macht steht. Doch nicht nur in Schwellen - und Entwicklungsländern explodiert die Anzahl der Sweatshops förmlich. Gerade in den südlichen Bundesstaaten der USA steigt die Zahl der illegalen Immigranten nach Ende des Vietnamkriegs bis in die 80er Jahre rigoros an und schafft somit ein neues Fundament für billige Arbeitskräfte. Hinzukommend steigt die Nachfrage nach US - Amerikanischen Bekleidungsartikeln, was eine weitere Grundlage für den Boom von unmoralischen Bekleidungswerkstätten zur Folge hatte. In den 90er Jahren wurde vor allem durch die zunehmende mediale Präsenz und die Vereinigung von sozialen unabhängigen Gruppen immer häufiger aufgedeckt, dass Sweatshops keine soziale Krankheit der Vergangenheit sind:
1991 werden Kinder in einer Fabrik in Tangerang, Indonesien befreit, die für 4 US $ pro Woche an 7 - 13 Stunden am Tag arbeiteten 18 am 2. August 1995 befreit die Polizei in El Monte, Kalifornien 72 illegale thailändische Immigranten aus einem mit Stacheldraht abgesicherten Gebäudekomplex, in dem die Einwanderer 17 Stunden am Tag für 70 Cent pro Stunde von vermutlich 1989 bis 1995 gefangen gehalten wurden 19 1997 entdecken Mitarbeiterinnen der „Feminists Against Sweatshops Investigation“ eine kleine Werkstätte in Manhattan, in der 25 chinesische
17 Vgl. HCVA Online [2009].
18 Vgl. Pugatch [1998].
19 Vgl. Organic Clothing [2006].
_____________________________________________________________ 8
und lateinamerikanische Männer unter täglicher Androhung der Prügelstrafe bei Nichteinhalten des Sprechverbots schuften mussten 20
Ende der 1990er Jahre breitet sich die Produktion von sozialmissachtender Bekleidung auch in die Länder des Nahen Ostens aus. So entwickelte z. B. Pakistan in den vergangenen 10 Jahren eine Bekleidungsindustrie, die inzwischen über 60 % des Exports des Landes ausmacht. 21 Das so ein rasantes Wachstum mitunter nur durch Missachtung von Arbeitsgesetzen und Löhnen unterhalb des Existenzminimums gerade in der Entstehungszeit geschehen kann, soll durch die folgende Tabelle verdeutlicht werden.
Tabelle 1: Durchschnittlicher Stundenlohn in der Bekleidungsindustrie, 1997
Quelle: Pugatch [1998].
Zum Vergleich: im Jahr 2000 sind die Stundenlöhne in ausgewählten Ländern zwar leicht angestiegen (USA: 14,4 US $; Mexiko: 2,2 US $; China: 0,7 US $), 22 dennoch reicht diese Bezahlung oft noch nicht, um die grundsätzlichen Lebenskosten zu decken. Weiterhin lag der Lohn pro Stunde in Pakistan für Bekleidungsnäher im Jahr 2009 bei etwa 0,55 US $, was ebenfalls eine extreme Unterbezahlung bestätigt; noch schlimmer ergeht es aber in den Näherinnen in Bangladesch, die im vergangenen Jahr mit ca. 0,23 US $ Stundenlohn auskommen mussten. 23
20 Vgl. Boje [2001].
21 Vgl. 3sat Online [2008].
22 Vgl. Klett Online [2004].
23 Vgl. US AID [2009], S. 5.
_______ _________ _________ _________ _________ _________ _________ _______ 9 9
In der H Hauptstadt Dhaka s sieht man auch im Jahr 201 10 immer noch die e Auswüch se des Eg goismus d der westlic chen Bekle eidungsher rsteller: di e Arbeiter r üben ihre e Tätigkeite en unter sc chlechteste en Sicherh eitsbestim mmungen b bis zu 18 Stunden am Tag a aus, bei ei nem von der bangla adesischen n Regierun ng am 27. . 07. 2010 0 Abb. 1: Sw weatshop in n Banglades sch, 2010
in der Ve ergangenhe eit sowie i m 21. Jah rhundert w weder verd drängt noc h beseitigt t werden k konnten, s sondern le ediglich du urch Globa alisierungsv vereinbaru ungen und d Freihande elszonen m mittels der Hersteller in andere Gebiete v verlagert w urden. Die e Kleidung hat sich zwar geä ändert, di e Missstä ände der NäherInne en in den n Weltmark ktfabriken, welche u unterhalb der Armu utsgrenz ih hren Dien nst leisten n müssen, bleiben ab ber die glei ichen.
24 Vgl. Synd dikalismus.tk k [2010].
____________________________________________________________ 10
2.3 Anti - Sweatshop - Bewegungen
Seitdem die unlauteren Wettbewerbsmethoden von Sweatshops weltweit immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten sind, formieren sich vor allem seit den 1980er Jahren neue Gegenbewegungen, unabhängige Initiativen und staatliche Organisationen, die dem Problem der weiteren Verbreitung entgegenhalten wollen. Die wichtigsten sollen im Folgenden kurz erläutert und anhand einer zeitlichen Abfolge veranschaulicht werden.
Clean - Clothes - Campaign (CCC): Die Clean - Clothes - Campaign widmet sich seit 1989 der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der weltweiten Bekleidungs - und Sportswear Industrie, der Einhaltung der Grundrechte sowie der Solidarität der Arbeitnehmer. Sie ist eine Allianz von Organisationen in 14 Ländern, 25 zu denen auch die „Kampagne für saubere Kleidung“ in Deutschland zählt.
United Students against Sweatshops (USAS): Die 1997 aus Studenten und Jugendlichen gegründete Vereinigung wollen vor allem ihre Rolle als Verbraucher, Arbeitnehmer und Mitglieder der Campusgemeinschaft nutzen, um mehr Gerechtigkeit und Selbstbestimmung der Werktätigen in der ganzen Welt durchzusetzen. Anstoß zur Gründung war vorrangig die Erkenntnis, dass College Kleidung der amerikanischen Universitäten in ausländischen Sweatshops produziert wurde. 26
Worker Rights Consortium (WRC): Eine Organisation, die die Interessen von Textil - und Bekleidungsarbeitern vertritt, die hauptsächlich Produkte für den US - amerikanischen Markt herstellen. Diese wurde 2000 von Hochschulverwaltungen, Studenten und Arbeitsrechts - Experten ins Leben gerufen und wird seitdem von über 170 Mitgliedsstaaten unterstützt. 27
25 Vgl. Cleanclothes.org [2010].
26 Vgl. Usas.org [2010].
27 Vgl. Workersrights.org [2007].
____________________________________________________________ 11
Weitere unabhängige Nichtregierungsorganisationen ist die internationale Human Rights Watch (HRW), die Südwind Agentur mit Sitz in Wien, die Fair Labor Association (FLA) sowie die Christliche Initiative Romero (CIR), welche ihren Schwerpunkt auf die Unterstützung von Basisbewegungen zur Wahrnehmung der Menschenrechte in Mittelamerika gelegt hat.
Die zeitliche Abfolge schließt Eigenproteste der Arbeiter sowie organisierte Bewegungen der NGOs und Politik mit ein:
1830 Aufruhr von Textilarbeitern in Aachen am 30. August 1838 „Factory Law“ in England erlassen, de facto Verbot der Kinderarbeit 28 1844 Schlesischer Weberaufstand vom 04. Bis 06. Juni 1910 Vereinbarung der „International Ladies Garment Workers
1934 „Second New Deal“ in USA schafft Stärkung der Gewerkschaften und Einführung der 40 - Stunden Woche 30 1980 Immigrantinnen, die in südlichen Fertigungsstätten der USA
Gründung der Clean - Clothes - Campaign in Amsterdam 32 1989 1992 Levi Strauss und Wal Mart entwickeln den 1. Code of Conduct, NIKE folgt 1993 33 1994 Die erste „Student Labor Action Coalition“ (SLAC)
USAS ist offiziell gegründet 35 1998
Unter der Clinton Regierung wird die FLA gegründet 36 1998
28 Vgl. Die ZEIT Geschichte [2009], S. 70.
29 Vgl. Pugatch [1998].
30 Vgl. Wikipedia [2010 c].
31 Vgl. Featherstone [2002], S.106.
32 Vgl. Cleanclothes.org [2010].
33 Vgl. Boje [2001].
34 Vgl. SLAC Online [2001].
35 Vgl. Featherstone [2002], S. 107.
____________________________________________________________ 12
Februar 2000 Studenten der Universität Pennsylvania lösen sich von der FLA und treten dem WRC bei 37 Frühling 2000 Studenten verschiedener Universitäten der USA halten einen 11 - tägigen Hungerstreik 38 Sommer 2000 10 Studenten unternehmen eine „NIKE Truth Tour“ durch
Januar 2001 850 Arbeiter in Atlixco de Puebla, Mexiko streiken aufgrund
August 2004 Demonstranten versammeln sich vor dem Headquarter von
November 2009 1.200 honduranische Arbeiter des Unternehmens Russel
Sommer 2010 Ca. 5000 NäherInnen protestieren in Dhaka z. T.
Teilweise lassen selbst die frühen Schriften von Karl Marx („Das Kapital“, 1867) und Friedrich Engels („Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, 1845) als Gegenbewegung der von Großfabrikanten betriebenen Sweatshops ansehen. Zwar nutzen beide den Begriff „Sweatshop“ nicht explizit, dennoch spricht auch Marx schon von „…Industriezweige[n] ohne gesetzliche Schranke der Ausbeutung“ 44 sowie einem „…Kampf um den Normalarbeitstag.“ 45
36 Vgl. Booth [2000], S. 1.
37 Vgl. arbeitermacht.de [2001].
38 Vgl. Featherstone [2000].
39 Vgl. Featherstone [2002], S. 108.
40 Vgl. Globalexchange.org [2007 b].
41 Vgl. Basetree.com [2006].
42 Vgl. Wordpress.com [2010].
43 Vgl. Syndikalismus.tk [2010].
44 Marx, zitiert nach Das Kapital [1872], S. 218.
45 Marx, zitiert nach Das Kapital [1872], S. 237.
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Matthias Ludwig, 2010, Sweatshops in der Bekleidungsindustrie, München, GRIN Verlag GmbH
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