Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
2. Bachs theologie- und frömmigkeitsgeschichtlicher Kontext 6
3. Lutherische Schöpfungstheologie am Beginn des 18. Jahrhunderts 8
3.1. Schöpfung und Erhaltung in Luthers Katechismen 9
3.2. Schöpfung und Erhaltung in der lutherischen Orthodoxie 11
4. Die Meininger „Sonntags und Fest Andachten“ 12
5. Aufbau und liturgischer Kontext der Kantate 14
6. Der Text der Kantate vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Bibelausle-
gung 18
6.1. Satz 1: Chor 18
6.2. Satz 2: Rezitativ 19
6.3. Satz 3: Arie 21
6.4. Satz 4: Rezitativ 22
6.5. Satz 5: Arie 22
6.6. Satz 6: Rezitativ 23
6.7. Satz 7: Choral 24
7. Schöpfung und Erhaltung in der gegenwärtigen Theologie 26
8. Fazit 27
A. Literaturverzeichnis 29
B. Der Text der Kantate „Es wartet alles auf dich“ (BWV 187) nach dem Urtext
der Neuen Bach-Ausgabe 33
C. Die Meininger „Sonntags Und Fest Andachten“ im Druck von 1719 36
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1. Einleitung
Dass sich Johann Sebastian Bachs geistliches Vokalwerk auch am Beginn des 21. Jahr-hunderts ungebrochener Beliebtheit erfreut, zeigen die Veranstaltungsprogramme vieler Kirchengemeinden ebenso wie die zahlreichen Plakate, die für Aufführungen Bachscher Musik in verschiedenen Konzertsälen werben. Während sich die Hörerinnen und Hörer noch heute von Bachs Musik innerlich berühren lassen, kann man jedoch allgemein in Bezug auf die vertonten Texte eine gewisse Befremdung feststellen. Diese Distanz zu den Texten ist dabei eine andere als in der Zeit der Bach-Renaissance des 19. Jahr-hunderts, wo die Ablehnung dieser Texte inhaltlich und ästhetisch begründet wurde, wie etwa in dem bekannten Urteil Carl Friedrich Zelters in einem Brief an Goethe aus dem Jahr 1829 von den „ganz verruchten Deutschen Kirchentexten“ Bachs. 1 Demgegenüber lässt sich in der Gegenwart eher Verlegenheit und Unverständnis gegenüber Bachs geistlichen Texten feststellen, was sich allgemein zunächst auf die fehlende Kenntnis des zeitgeschichtlichen und besonders des historisch-religiösen Kontexts dieser Texte zurückführen lässt. 2
Diese Arbeit versteht sich als eine Untersuchung im Rahmen der theologischen Bach-forschung, wie sie seit rund 60 Jahren von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen betrieben wird. Diese Herangehensweise an Bachs Werk, die keine einheitlich-verbindliche Methodik hat, ist dadurch von anderen unterschieden, dass sie „über ein theologisches ‚Vorverständnis‘, über den Rekurs auf eine wie auch immer geartete ‚Theologie‘ läuft“. 3 Die Begründungen für diese Herangehensweise sind dabei zahlreich und reichen von der einfachen Feststellung, dass Bach unzweifelhaft eine bedeutende Gestalt der Kirchengeschichte ist, bis hin zum Nachdenken über die Bedeutung Bachs für die Kirchen verschiedener Konfession in der Gegenwart. Theologische Bachforschung hat von daher die Aufgabe, den historischen Kontext - insbesondere in seiner religiösen Dimension - zu erhellen, ist aber gleichzeitig auch als „‚praktische‘
1 Martin Petzoldt: Theologische Aspekte der Leipziger Kantaten Bachs, in: Christoph Wolff (Hrsg.): Die Welt der Bach-Kantaten. Band 3: Johann Sebastian Bachs Leipziger Kirchenkantaten, Stuttgart
1999, 127-141, hier 127.
2 Vgl. Elke Axmacher: Bachs Kantatentexte in auslegungsgeschichtlicher Sicht, in: Martin Petzoldt (Hrsg.): Bach als Ausleger der Bibel. Theologische und musikwissenschaftliche Studien zum Werk
Johann Sebastian Bachs, Göttingen 1985, 15-32, hier 15.
3 Meinrad Walter: Musik - Sprache des Glaubens. Zum geistlichen Vokalwerk Johann Sebastian Bachs, Frankfurt am Main 1994, 14.
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Verstehenshilfe“ für die heute Bach Aufführenden und ihre Hörerschaft zu verstehen. 4 Eng mit dieser Aufgabe verbunden ist daher die Frage, inwiefern die von Bach vertonten geistlichen Texte Verkündigungscharakter besitzen und inwiefern dieser auch noch heute zur Geltung kommen kann.
Die bekannte Eintragung Bachs in seiner Calov-Bibel zu 2Chr 5,13 stellt die Kirchenmusik gleichsam auf eine Ebene mit der Gegenwart Gottes in Wortverkündigung und Sakrament nach CA 7: „NB. Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnaden=Gegenwart. “ 5 Bach übernahm also auch nach seinem eigenen Selbstverständnis in gewisser Weise die Rolle des Verkündigers und muss als solcher verstanden werden. Gegenstand dieser theologischen Untersuchung 6 ist die Kantate „Es wartet alles auf dich“ (BWV 187). Was allgemein für Bachs Kantaten gilt, ist dabei auch hier zu berücksichtigen: Bach dichtete die verwendeten Kantatentexte nicht selbst, suchte sie aber sehr sorgfältig aus. Wo die Textvorlagen bekannt sind, lässt sich zudem feststellen, dass Bach - oder eine andere beauftragte Person - gelegentlich in die vorgegebenen Texte korrigierend eingriff, und zwar häufig so, dass sich die geänderte Formulierung stärker als der vorgegebene Wortlaut an biblische Aussagen in Luthers Übersetzung anlehnen. 7 Weiterhin ist bei den ausgewählten Texten zu bedenken, dass die Kantatentexte sich im Rahmen dessen bewegen mussten, was die verantwortlichen Pastoren Leipzigs theologisch als wünschenswert oder zumindest hinnehmbar empfanden. 8 Schließlich stellt sich auch die Frage nach dem Textdichter der Kantate, da dieser nicht namentlich überliefert ist. Dieser Frage soll später in einem eigenen Abschnitt nachgegangen werden. 9
4 Walter: Musik - Sprache des Glaubens (wie Anm. 3), 19.
5 Renate Steiger: Gnadengegenwart: Johann Sebastian Bach im Kontext lutherischer Orthodoxie und Frömmigkeit (Doctrina et pietas. Zwischen Reformation und Aufklärung. Texte und Untersuchungen
Abteilung II: Varia, Band 2), Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, 150. Die Frage, ob hier „Gnaden Gegenwart“
oder das Kompositum „Gnaden=Gegenwart“ zu lesen ist, muss hier offen bleiben. Vgl. ebd., 243 und
246 Anm. 24.
6 Die musikwissenschaftlichen Aspekte, die die Kantate betreffen, werden hier nur ganz am Rande berücksichtigt. Hierfür ist aus der Sekundärliteratur besonders auf Martin Petzoldt: Bach-
Kommentar: Theologisch-musikwissenschaftliche Kommentierung der geistlichen Vokalwerke Jo-hann Sebastian Bachs. Band 1: Die geistlichen Kantaten des 1. bis 27. Trinitatis-Sonntages, Bd. 14
(Schriftenreihe der Internationalen Bachakademie Stuttgart), Stuttgart 2 2005, 166-170 und Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Kantaten. Einführungen zu sämtlichen Kantaten Johann Sebastian Bachs,
Leipzig 2006, 342-346 hinzuweisen.
7 Anschaulich belegbar ist dies am Beispiel der Arie 3 der Kantate 77. Vgl. dazu Petzoldt: Theologische Aspekte (wie Anm. 1), 132-134.
8 Konrad Küster: Die Vokalmusik, in: ders. (Hrsg.): Bach-Handbuch, Kassel u.a. 1999, 95-534, hier 190.
9 S.u. Abschnitt 4, Seite 14.
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Vier Sätze der Kantate wurden später in parodierter Form in die Messe in g-Moll (BWV 235) aufgenommen. Für diese Messe, die zur Gruppe der sog. Kyrie-Gloria-Messen gehört, nahm Bach vermutlich in der Kantate 187 den Ausgangspunkt der Umarbeitung und fügte Sätze anderer Kantaten darin ein. 10 Diese Umarbeitung und das Verhältnis zwischen den Sätzen der Kantate und denen der Messe können jedoch in dieser Arbeit nicht näher untersucht werden, da hierfür - neben einem detailliertem Vergleich beider Werke - auch grundsätzliche Reflexionen über das Verhältnis von Ordinarium und Proprium im lutherischen Gottesdienst am Beginn des 18. Jahrhunderts angestellt werden müssten.
2. Bachs theologie- und frömmigkeitsgeschichtlicher
Kontext
Allgemein lässt sich Bach der lutherischen Spät-Orthodoxie zurechnen. Erkennbar ist dies beispielsweise an Bachs Festhalten an der Perikopenordnung, die im Pietismus dagegen stark kritisiert wurde, oder an seiner Aufnahme altlutherischer Choräle, wohingegen im Pietismus stärker neuem Liedgut der Vorzug gegeben wurde. 11 Gegen die heute verbreitete Vorstellung von der lutherischen Orthodoxie als einer Theologie, die von dogmatischer Starre und Streitsucht geprägt sei, ist es wichtig hervorzuheben, dass sie - im Anschluss an die Wittenberger Reformation - die Schriftauslegung als zentrale Aufgabe der Theologie verstand. Auch wenn führende Vertreter des Pietismus der orthodoxen Theologie Lebensferne vorwarfen, so zeigt dennoch etwa die weite Verbreitung der Schriften Johann Arndts auch unter orthodoxen Theologen ein Grundanliegen dieser Theologie: dass der christliche Glaube persönlich angeeignet werden muss und sich in gelebter praxis pietatis sittlich bewähren soll. 12 Die geistliche Dichtung, die Bach vertonte, orientiert sich an den hermeneutischen Prinzipien der zeitgenössischen Schriftauslegung im Luthertum, die es deshalb bei der theologischen Untersuchung von Kantatentexten Bachs zu berücksichtigen gilt. Diese
10 Küster: Die Vokalmusik (wie Anm. 8), 492.
11 Johannes Wallmann: Art. „Orthodoxie. II. Christentum 2. Historisch a) Lutherische Orthodoxie“, in:
RGG 4 6 (2003), 696-702, hier 701.
12 Thomas Kaufmann: Grundlagen der Konfessionalisierung in den deutschen Territorien: Luthertum, in: Thomas Kaufmann/Raymund Kottje (Hrsg.): Ökumenische Kirchengeschichte. Band 2: Vom
Hochmittelalter bis zur frühen Neuzeit, Darmstadt 2008, 384-395, hier 391-393.
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Schriftauslegung lehnt sich eng an die Wittenberger Reformation an und wurde in der Folgezeit weiter systematisch-theologisch reflektiert.
Wie dies am Beispiel der Schriftauslegung Abraham Calovs sichtbar wird, ist für die Schriftauslegung der lutherischen Orthodoxie der Grundsatz leitend, dass die Schrift ein in sich geschlossenes Ganzes ist, „eine Sinn-Einheit, die in Jesus Christus ihren ‚vorzüglichsten Skopus‘ hat“. 13 So nimmt sie den Ansatz Luthers auf, für den entscheidend ist, dass die Heilige Schrift „ihr eigener Ausleger“ ist (sui ipsius interpres). 14 Damit ist jedoch mehr gemeint als die sog. Konkordanzmethode, wonach eine Schriftstelle durch eine andere auszulegen und in Übereinstimmung mit ihr zu bringen wäre. Vielmehr ist damit ein grundsätzlicher Vorrang der Schrift vor den Auslegerinnen und Auslegern sichergestellt, so dass damit gesagt wird: der „Text bringt sich selbst zu Gehör“. 15 Weiter ausgeführt und inhaltlich gefüllt wird dieser Ansatz von Luther später in seiner Ausein-andersetzung mit Erasmus. Luther macht hier deutlich, dass die entscheidende Botschaft der Schrift - die Offenbarung des dreieinigen Gottes in Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi - klar und unverhüllt offenliegt. Jesus Christus ist für Luther das Zentrum der Schrift:
Nimm Christus aus den Schriften - was triffst du weiter in ihnen an? Was in den Schriften enthalten ist, ist demnach alles öffentlich bekannt gemacht, wenn auch manche Stellen bis jetzt wegen unbekannter Worte unverständlich sind. [. . . ] Wenn die Worte an einer Stelle unverständlich sind, sind sie an einer anderen klar. 16
Entlang dieser von Luther vorgegebenen Linien wird in der lutherischen Orthodoxie die Lehre von den Eigenschaften (affectiones) der Heiligen Schrift weiter ausgeformt. Dazu gehört für Calov u.a. die perfectio, die besagt, dass die Schrift „alles enthält, was für den Glauben und das Leben im Hinblick auf das Heil zu wissen notwendig ist“ (vgl. 2Tim 3,15f.). 17 Ebenso gehört dazu die perspicuitas der Schrift, d.h. die Schrift ist „in allem, was im Hinblick auf das Heil zu wissen notwendig ist, aus sich heraus hinreichend klar“. 18
13 Volker Jung: Das Ganze der Heiligen Schrift. Hermeneutik und Schriftauslegung bei Abraham Calov (CThM.ST 18), Stuttgart 1999, 310.
14 WA 7, 97,23 (Assertio omnium articulorum).
15 Oswald Bayer: Martin Luthers Theologie. Eine Vergegenwärtigung, Tübingen 3 2007, 62; Hervorhebung geändert.
16 WA 18, 607,29-34 (De servo arbitrio).
17 Abraham Calov: Systema locorum theologicorum, Bd. I, Wittenberg 1655, 465; zitiert nach Jung: Das Ganze der Heiligen Schrift (wie Anm. 13), 286.
18 Calov: Systema I, 80; zitiert nach ebd., 286.
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Damit wird am Beispiel Calovs deutlich, dass dieser sich in seiner Bibelauslegung wie die Wittenberger Reformatoren am Heil des Menschen in Christus orientiert, weshalb man diese Gesamtkonzeption als christologisch oder genauer noch als soteriologisch bezeichnen kann. 19
Das umfassendste Referenzwerk in Bezug auf Bachs Kantatentexte, das dieser Tradition der Schriftauslegung folgt, ist die fünfbändige Biblische Erklärung von Johann Olearius (1611-1684). 20 Dieses Werk kann „gleichsam als versammelte bibeltheologische Gelehrsamkeit des 17. Jahrhunderts im Mitteldeutschen Raum“ verstanden werden 21 und befand sich auch - vermutlich in Teilen - in Bachs Besitz, wie Bachs Nachlassverzeichnis erweist. 22 Es wird deshalb in der unten folgenden Auslegung des Kantatentextes ausführlich herangezogen.
3. Lutherische Schöpfungstheologie am Beginn des 18.
Jahrhunderts
Wie bereits das alttestamentliche Bibelwort aus dem Psalm 104 am Beginn der Kantate zeigt und die weitere Auslegung des Kantatentextes noch genauer erweisen wird, handelt es sich um Schöpfungstheologie, die hier zur Sprache kommt. In dem folgenden Abschnitt soll deshalb zunächst die Schöpfungstheologie Martin Luthers überblicksartig dargestellt werden, daran anschließend die weitere Lehrentwicklung in der lutherischen Orthodoxie.
19 Jung: Das Ganze der Heiligen Schrift (wie Anm. 13), 311.
20 Johannes Olearius: Biblische Erklärung: Darinnen/ nechst dem allgemeinen Haupt-Schlüssel Der gantzen heiligen Schrifft I. Bey einem ieden Buch 1. Die Benahmung, 2. Die Summarische Verfas-
sung, . . . zu finden Und zu Gottes Ehre durch tägliche Ubung der waren Gottseligkeit ersprießlich
anzuwenden, 5 Bde., Leipzig 1678-1681.
21 Martin Petzoldt: Bachs geistliche Kantaten und ihre Texte, in: MuK 78.6 (2008), 392-398, hier 393. Hier ist irrtümlich als Kurztitel „Biblische Betrachtung“ angegeben, gemeint sein dürfte dennoch auch
hier die „Biblische Erklärung“. Vgl. die Wiedergabe des Titelblatts in ders.: Theologische Aspekte (wie
Anm. 1), 131.
22 Da das Nachlassverzeichnis ausdrücklich nur drei Bände erwähnt, stimmt Johannes Wallmann in seiner Untersuchung gegen Robin A. Leaver früheren Forschern zu, die annahmen, Bach habe nur die
drei Bände zum Alten Testament besessen (Johannes Wallmann: Johann Sebastian Bach und die
„Geistlichen Bücher“ seiner Bibliothek. Anmerkungen und Gedanken zu Robin A. Leavers kritischer
Bibliographie „Bachs Theologische Bibliothek“, in: ders. (Hrsg.): Theologie und Frömmigkeit im Zeit-
alter des Barock. Gesammelte Aufsätze, Tübingen 1995, 124-145, 132f.).
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3.1. Schöpfung und Erhaltung in Luthers Katechismen
Luthers Schöpfungstheologie war zu seinen Lebzeiten - im Gegensatz zu anderen Themen wie der Rechtfertigung oder dem Abendmahl - kein Feld von tiefgehendem theologischem Streit. Es findet sich daher keine Schrift Luthers, die dieses Thema eigens behandelt. Dennoch spielt das Thema Schöpfung in Luthers Theologie eine wichtige Rolle und zieht sich quer durch alle Genres der überlieferten Werke, von theologischen Traktaten über Predigten bis hin zu den Tischreden. Im Rahmen dieser Arbeit, in der Luthers Schöpfungstheologie nicht als der zentrale Gegenstand, sondern nur als Hintergrund des Kantatentextes in den Blick genommen wird, erscheint deshalb eine Schwerpunktsetzung auf Luthers Katechismen aus zwei Gründen als sinnvoll: Erstens sind die relevanten Abschnitte der beiden Katechismen des Jahres 1529 gleichsam eine Art Zusammenfassung von Luthers Schöpfungstheologie; 23 zweitens kommt den Katechismen in wirkungsgeschichtlicher Hinsicht eine sehr hohe Bedeutung zu, da sie auch zur Zeit Bachs (und darüber hinaus) ein wesentlicher Bestandteil des Schulcurriculums in lutherischen Territorien waren. 24
Wie in der Erklärung der anderen beiden Glaubensartikel im Kleinen Katechismus auch, ist für den ersten bezeichnend, dass Luther die Antwort auf die Frage „Was ist das?“ mit „Ich gläube, daß. . . “ einleitet. 25 Mit dieser Formulierung in der ersten Person Singular, die im Folgenden leitend ist, hebt Luther hervor, dass der Glaube an Gott den Schöpfer Glaube ist, d.h. personale Relation eines Menschen zu Gott. 26 Im Folgenden legt Luther das Bekenntnis zu Gott dem Schöpfer konsequent vom Standpunkt des Glaubenden aus, indem an erster Stelle das eigene von Gott Geschaffensein in den Blick kommt. Am deutlichsten wird dies im Großen Katechismus, wo Luther darstellt, der Glaube an Gott den Schöpfer bedeutet: „Das meine und gläube ich, daß ich Gottes Geschepfe bin“. 27 Erst danach stehen die übrigen Mitgeschöpfe („. . . sampt allen Kreaturn“). 28 Gegen den Vorwurf - besonders seit der ökologischen Krise des 20. Jahr-
23 Vgl.Christian Link: Schöpfung. Band 1: Schöpfungstheologie in reformatorischer Tradition (HST 7.1), Gütersloh 1991, 28.
24 Martin Petzoldt: „Ut probus & doctus reddar“. Zum Anteil der Theologie bei der Schulausbildung Johann Sebastian Bachs in Eisenach, Ohrdruf und Lüneburg, in: Bach-Jahrbuch 71 (1985), 7-42, 18f.
25 BSLK 510,32f.
26 Gunda Schneider-Flume: Grundkurs Dogmatik. Nachdenken über Gottes Geschichte, Göttingen 2004, 305.
27 BSLK 648,12f.
28 BSLK 510,34.
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hunderts -, Luthers Schöpfungslehre sei zu anthropozentrisch, ist Luthers Glaubens- Verständnis zuberücksichtigen, das die Voraussetzung für das Glaubens-Bekenntnis ist. Luther stellt sich hier nicht auf einen anthropozentrischen Standpunkt, wohl aber urteilt er „anthropoperspektivisch und existentiell“: 29 nach Luther vollzieht sich menschliches Nachdenken über Gott den Schöpfer und dessen Schöpfung immer als ein Nachdenken von Menschen. „Die existentielle Betrachtungsweise ist unvermeidlich, wo der Glaube als Glaubensvollzug, als ‚fides qua creditur‘, gelebt wird. “ 30 Im Rahmen dieser existentiellen Betrachtungsweise nimmt Luther deshalb den Ausgang seiner Auslegung des Schöpfercredos bei der Erfahrung der eigenen Geschöpflichkeit. Charakteristisch für Luthers Schöpfungstheologie ist weiterhin der enge Zusammenhang von Schöpfung und Erhaltung. Deutlich wird dies bereits in der Formulierung „. . . gegeben hat und noch erhält“. 31 Der Aspekt der Erhaltung wird noch deutlicher herausgestellt in dem folgenden Abschnitt, wo alles, was zum Leben des Menschen notwendig ist, als von Gott herstammend bezeichnet wird und um den Aspekt von Schutz und Bewahrung ergänzt wird. Luthers Interesse richtet sich hier nicht auf die ursprüngliche Schöpfung (sog. creatio originans), sondern auf die Schöpfung, wie sie sich täglich im Werden, Vergehen und Neuentstehen vom Menschen beobachten lässt (creatio continua). Auch wenn Luther die begriffliche Unterscheidung nicht wegfallen lässt, wird dennoch deutlich, dass er beides als untrennbare Einheit versteht, die sich an der menschlichen Existenz erfahren lässt. 32
Obwohl die Rechtfertigungsbotschaft in der Auslegung des ersten Artikels nicht explizit angesprochen ist, zeigen sich dennoch deutliche Hinweise darauf: Gott tut „das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und Wirdigkeit“. 33 Oswald Bayer hat darauf hingewiesen, dass das Wort „Verdienst“ der Auseinandersetzung um die Rechtfertigungslehre entstammt, während das Wort „Würdigkeit“ in den Zusammenhang des Streits um die Sakramentenlehre gehört. 34 Indem Luther diese Terminologie hier einführt, wird deutlich, dass nicht nur im Gericht jeg- 29 MichaelBeintker: Das Schöpfercredo in Luthers Kleinem Katechismus. Theologische Erwägungen zum Ansatz seiner Auslegung, in: ders. (Hrsg.): Rechtfertigung in der neuzeitlichen Lebenswelt, Tü-bingen 1998, 110-126, hier 120.
30 Ebd., 120.
31 BSLK 510,36.
32 Link: Schöpfung, Band 1 (wie Anm. 23), 34f.
33 BSLK 511,3-8.
34 Bayer: Martin Luthers Theologie (wie Anm. 15), 87.
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liches menschliches Zutun ausgeschlossen ist, sondern Luther hebt auch hervor, dass schon das Leben des Menschen und die Erhaltung seines Lebens und seiner Umwelt „ungeschuldet, umsonst“ ist. 35 Der Mensch soll sich deshalb in die Haltung von Lob und Dank gegenüber Gott einüben, ihm dienen und gehorsam sein. 36
3.2. Schöpfung und Erhaltung in der lutherischen Orthodoxie
In den sich entwickelnden Lehrsystemen der lutherischen Orthodoxie treten Schöpfung und Erhaltung auseinander, die Erhaltung findet ihren Platz in der Lehre von der Vorsehung (providentia). So definiert Leonhard Hutter in seinem Compendium Locorum Theologicorum die Schöpfung (creatio) als das Werk, das die „ganze Dreifaltigkeit . . . im Zeitraum von sechs Tagen . . . aus dem nichts erschuf“. 37 Die Erhaltung der Geschöpfe kommt dagegen in der später folgenden Definition der Vorsehung zum Tragen: „Die Vorsehung Gottes ist eine so beschaffene Tätigkeit, durch welche Gott . . . auch die Dinge, die er erschaffen hat, erhält und bewahrt“. 38 Deutlich ist die Unterscheidung auch später bei Johann Friedrich König ausgesprochen: „Auf das erste Werk der göttlichen Macht, die Schöpfung, folgt das zweite, die Vorsehung. “ 39 Die Verwendung des Begriffs creatio für die andauernde Neuschaffung und Erhaltung durch Gott nennt König dagegen den „uneigentlichen“ Gebrauch (improprie). 40
Die Lehre von der providentia erhält in den Dogmatikbüchern der lutherischen Orthodoxie eine sehr ausführliche Behandlung, die schon vom Umfang her weit über den Artikel De Creatione hinausgeht. Nach König bezieht sich die Vorsehung allgemein auf alles, was ist (objectum generale); im Besonderen, d.h. als objectum speciale bezieht sie sich auf die Engel und Menschen, deren Leben und Tun Gott lenkt, indem er sie ins
35 Bayer: Martin Luthers Theologie (wie Anm. 15), 88.
36 BSLK 511,6-8.
37 Leonhart Hütter: Compendium locorum theologicorum ex scripturis sacris et libro concordiae. Lateinisch - deutsch - englisch. Kritisch hrsg. von Johann Anselm Steiger (Doctrina et pietas, Abt. 2,
Varia 3), Stuttgart-Bad Cannstatt 2006, 108,11-13.
38 Ebd., 140,18-142,1.
39 Königs Theologia positiva acroamatica zitiere ich hier und im Folgenden aus Johann Friedrich König: Theologia positiva acroamatica (Rostock 1664). Herausgegeben und übersetzt von A. Stegmann,
Tübingen 2006, 95 (§246).
40 Ebd., 78 (§159f.).
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Leben ruft und es beendet, sowie auf alle übrigen Geschöpfe. 41 Ganz besonderer Gegen-stand der Vorsehung (objectum specialissimum) sind die Frommen und Gläubigen. 42 Im Blick auf den Modus der Vorsehung (causa formalis) 43 differenziert König zwischen conservatio, concursus und gubernatio. In der conservatio erhält Gott seine Geschöpfe „in ihrer Natur und ihren ursprünglichen Eigenschaften und Kräften, die sie in der Schöpfung empfangen haben, . . . solange er will. “ 44 Im Einklang mit der zeitgenössischen Kosmologie und Physik wird darunter nicht nur ein passives Nicht-Anrühren, sondern ein aktives Handeln Gottes verstanden, das die Geschöpfe vor der Zerstörung (destructio) und dem Zurückfallen ins Nichts (annihilatio) bewahrt. 45 In der Begleitung (concursus) ist Gott mit seiner Allgegenwart anwesend. 46 Durch die Lenkung (gubernatio) schließlich ordnet Gott die Welt und führt die Frommen zum Heil. Diese wird besonders mit Hinblick auf die Sünde und das Böse in die vier Teile Zulassung, Hinderung, Leitung und Vorherbestimmung gegliedert. 47
Deutlich wird damit, dass die Lehre von der Vorsehung an der Schnittstelle zu mehreren dogmatischen Gebieten steht: die Erhaltung schließt sich noch eng an die Schöpfungslehre an, während die göttliche Lenkung auf die Soteriologie und auf die Eschatologie weist. 48 Die lutherische Orthodoxie trennt jedoch in ihrer Systematik wesentlich stärker als in Luthers Theologie die Schöpfung und die Erhaltung voneinander.
4. Die Meininger „Sonntags= und Fest=Andachten“
Die Kantate „Es wartet alles auf dich“ ist Teil eines Jahrgangs von Kantatentexten, der sich erstmals in einem Druck aus dem Jahr 1704 nachweisen lässt. Die Wiederauffindung mehrerer Textdrucke dieses Zyklus geschah erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und führte dazu, dass die Quellenlage für diese Texte nun sehr gut ist. Da-
41 König:Theologia positiva acroamatica (wie Anm. 39), 96f. (§§253-261).
42 Ebd., 98 (§260).
43 Ich folge hier der deutschen Terminologie von Reinhold Bernhardt: Was heißt „Handeln Gottes“? Eine Rekonstruktion der Lehre von der Vorsehung, Gütersloh 1999, 137.
44 König: Theologia positiva acroamatica (wie Anm. 39), 99 (§264).
45 Bernhardt: Was heißt „Handeln Gottes“? (Wie Anm. 43), 138.
46 König: Theologia positiva acroamatica (wie Anm. 39), 98-100 (§§265-268). König differenziert hier noch einmal zwischen den Menschen und den übrigen Geschöpfen.
47 Ebd., 100 (§§269f.).
48 Bernhardt: Was heißt „Handeln Gottes“? (Wie Anm. 43), 137.
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mit war auch der Nachweis erbracht, dass die Kantaten von Johann Ludwig Bach, die Johann Sebastian Bach 1726 in Leipzig aufführte, auf die gleiche Textquelle zurückgehen wie sieben von Johann Sebastian in diesem Jahr vertonte Kantatentexte. 49 Walter Blankenburg stellte 1977 einen Rudolstädter Druck von 1726 vor, der sich im Titelblatt ausdrücklich als Wiederauflage bezeichnet. 50 Später fand sich die (vermutlich) erste Ausgabe dieses Kantatenjahrgangs, gedruckt in 1704 Meiningen. Außerdem tauchte 2001 eine als dritte Auflage bezeichnete Ausgabe aus dem Jahr 1719 auf, und es ist davon auszugehen, dass es diese Auflage war, die Johann Sebastian Bach bei seiner Vertonung der Texte zur Hand hatte. 51
Das Titelblatt dieser Textsammlung ist in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich:
Sonn- und Fest- | Andachten | Uber | die ordentlichen | Evangelia | Aus | gewissen Biblischen Texten | Alten und Neuen Testaments | Und | In der | Hoch-Fürstl. Sachs. Meining. | Hof-Capell | Der Heil. Dreyfaltigkeit | Deroselben zu Ehren | abgesungen. | MEININGEN/ | Druckts Niclaus Hassert/ F. S. B. | Im Jahr Christi 1704. 52
Neben dem Hinweis, dass der Text ursprünglich für die musikalische Aufführung der herzoglichen Hofkapelle von Meiningen gedruckt wurde, wird hier das Strukturprinzip der Texte bekannt gegeben: Es wird ausdrücklich betont, dass sich die Texte an die „ordentlichen Evangelia“, d.h. die nach alter Tradition festgelegten Sonn- und Festtagsevangelien anschließen. 53 Zudem wird eine Auswahl von Texten aus dem Alten und Neuen Testament getroffen, die mit gedichteten Rezitativ- und Arientexten verknüpft werden. Die Texte für jeden Sonn- und Feiertag sind überwiegend nach einem bestimmten Schema aufgebaut, das später am Beispiel der Kantate 187 vorgestellt werden soll. In historischer Hinsicht sind diese Texte deshalb bemerkenswert, weil es sich hier nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung um den frühesten Beleg der „gemischten (Kantaten-)Textform“ handelt, d.h. Texte mit Rezitativ, Arie, Bibelwort und Choralstrophe. 54
49 Walter Blankenburg: Eine neue Textquelle zu sieben Kantaten Johann Sebastian Bachs und achtzehn Kantaten Johann Ludwig Bachs, in: Bach-Jahrbuch 63 (1977), 7-25.
50 „. . . Zur Ehre GOttes aufs neue | aufgelegt 1726. “ (Das Faksimile dieses Titelblatts ist wiedergegeben in ebd., 10).
51 Hans-Joachim Schulze: Johann Sebastian Bachs dritter Leipziger Kantatenjahrgang und die Meininger „Sonntags- und Fest-Andachten“ von 1719, in: Bach-Jahrbuch 88 (2002), 193-199, 198f.
52 Wiedergegeben aus ebd., 194.
53 Schulze: Die Bach-Kantaten (wie Anm. 6), 344.
54 Ders.: Bachs dritter Leipziger Kantatenjahrgang (wie Anm. 51), 195.
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Wie aus dem zitierten Titelblatt ersichtlich, bleibt die Frage nach dem Dichter der Texte jedoch unbeantwortet. Blankenburg zog mit Hilfe verschiedener Indizien den Rudolstädter Hofkantor und späteren Pfarrer in Berga-Kelbra Christoph Helm in Erwägung. 55 Konrad Küster widersprach dem und schlug stattdessen den Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meiningen vor. 56 Als Indizien führte er den Eintrag zu dieser Person in der Enzyklopädie Grosses vollständiges Universal Lexicon Aller Wissenschaften und Ku(e)nste an, der zu „Ernestus Ludovicus, das wahre Muster eines gottseligen Regenten uud [sic] eines teutschen Heldenmuths“ 57 ausführlich berichtet. Am Ende dieses Artikels wird darauf hingewiesen, Ernst Ludwig habe „2 vo(e)llige Jahr=Ga(e)nge Kirchen=Music, welche auch in der Schloß=Kirche zu Meiningen ist musiciret worden“, verfasst. 58 Bereits Ludwig Bechstein hatte 1856 vermutet, es könnte sich bei dem Verfasser des Drucks der Kantatentexte von 1719 um jenen Herzog handeln. 59 Hans-Joachim Schulze wies jedoch auf die Schwierigkeit hin, dass der Biographie von Ernst Ludwig zufolge die zwei erwähnten Kantatenjahrgänge bereits 1693 oder 1694 entstanden sein müssten, während der erste bekannte Druck eben erst aus dem Jahr 1704 stammt. Schulze plädiert deshalb dafür, die Frage nach dem Autor offen zu lassen: „Die Annahme, es könne sich um Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meiningen (1672-1724) handeln, läßt sich weder bestätigen noch widerlegen. “ 60 Eine genauere Festlegung ist deshalb m.E. bis zu einer genaueren historischen und germanistischen Untersuchung des Textes nicht möglich.
5. Aufbau und liturgischer Kontext der Kantate
William H. Scheide und viele Forscher nach ihm weisen auf die Anziehungskraft hin, die die „an Symbolik so reiche Zahl sieben“ in dieser Form der Kantate auf Bach gehabt haben muss. 61 Die Kantate besteht aus sieben Sätzen in einer „chiastisch angeordneten
55 Blankenburg: Eine neue Textquelle (wie Anm. 49), 23-25.
56 Konrad Küster: Meininger Kantatentexte um Johann Ludwig Bach, in: Bach-Jahrbuch 73 (1987), 159-164.
57 Art. „: Ernestus Ludovicus“, in: Johann Heinrich Zedler (Hrsg.): Grosses vollsta(e)ndiges Universal Lexicon aller Wissenschaften und Ku(e)nste 8 (1734), 1731-1735, Sp. 1731.
58 Ebd., Sp. 1734f.
59 Vgl. das Zitat bei Küster: Meininger Kantatentexte um Johann Ludwig Bach (wie Anm. 56), 161.
60 Schulze: Bachs dritter Leipziger Kantatenjahrgang (wie Anm. 51), 199.
61 William H. Scheide: Johann Sebastian Bachs Sammlung von Kantaten seines Vetters Johann Ludwig Bach, in: Bach-Jahrbuch 48 (1961), 5-24, 17f.
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Satzfolge mit dem neutestamentlichen Text sinnvoll im Mittelpunkt. “ 62 Beachtet man jedoch, dass diese Symmetrie in der Aufführungspraxis Bachs dadurch verdeckt wurde, dass der erste Teil der Kantate vor dem Glaubenslied, der zweite sub communione aufgeführt wurde, 63 so kann man die Anlage der Kantate wohl eher als „hälftig“ bezeichnen: die beiden Teile werden durch ein Bibelwort aus dem Alten Testament (Teil I) und aus dem Neuen Testament (Teil II) eingeleitet. 64 Bedeutsam scheint bei dieser Kantate, dass das Jesus-Wort und die sich im Folgenden darauf beziehenden auslegenden Texte im Kontext des Abendmahls stehen, Jesus Christus also - neben seiner Gegenwart unter Brot und Wein - sich mit seiner Stimme gleichsam selbst Gehör verschafft. Johann Sebastian Bachs Kantate „Es wartet alles auf dich“ wurde am 4. August 1726 zum 7. Sonntag nach Trinitatis erstmals aufgeführt. 65 Auch in den wieder aufgefundenen Textheften steht der Kantatentext unter diesem Sonntag, 66 er ist also für diesen liturgischen Kontext bestimmt. Das Evangelium dieses Sonntags ist die Erzählung von der Speisung der 4000 (Mk 8,1-9). Die Kantate wurde im Frühgottesdienst in der Nikolaikirche aufgeführt, die Predigt von Sup. D. Salomon Deyling ist jedoch nicht überliefert. 67 Auch Hinweise auf erhaltene Predigten, die in Gottesdiensten mit früheren Vertonungen des Textes gehalten wurden, finden sich in der Forschungsliteratur bisher nicht, eine Untersuchung dazu wäre aber wünschenswert. Im Folgenden sollen deshalb einige allgemeine Anhaltspunkte zum Proprium des 7. Sonntags nach Trinitatis am Anfang des 18. Jahrhunderts dargestellt werden.
Durch die große Verbreitung dieser Sammlung ist die Predigt Luthers zum 7. Sonntag nach Trinitatis in Veit Dietrichs Hauspostille 68 von hoher Bedeutung, da davon auszugehen ist, dass sich die Prediger häufig an ihr orientierten bzw. sich von ihr anregen ließen. Außerdem wurde sie - wie die meisten gedruckten Predigten damals - zur Er- 62 Scheide:Johann Sebastian Bachs Sammlung von Kantaten seines Vetters Johann Ludwig Bach (wie Anm. 61), 17.
63 Zur Ordnung des Hauptgottesdienstes zu Bachs Leipziger Zeit vgl. Martin Petzoldt: Liturgie und Musik in den Leipziger Hauptkirchen, in: Christoph Wolff (Hrsg.): Die Welt der Bach-Kantaten.
Band 3: Johann Sebastian Bachs Leipziger Kirchenkantaten, Stuttgart 1999, 69-93, 85f.
64 So Alfred Dürr in Johann Sebastian Bach: Es wartet alles auf dich. Kantate zum 7. Sonntag nach Trinitatis (BWV 187), hrsg. v. Leo Treitler, Kassel u.a. 1966, 4.
65 Hans-Joachim Schulze/Christoph Wolff: Bach Compendium. Analytisch-bibliographisches Reper-torium der Werke Johann Sebastian Bachs (BC). Band I: Vokalwerke, Teil II, Leipzig 1987, 464.
66 Ebd., 463.
67 Petzoldt: Bach-Kommentar, Band 1 (wie Anm. 6), 167.
68 WA 52, 412,15-419,5.
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bauung privat gelesen. Luther legt im Eingangsteil mit Hinblick auf das Evangelium Mk 8,1-9 dar: „Denn hie sehen wir zweyerley trost, das unser lieber Herr Christus beide, die seel mit dem wort und den Leyb mit dem brot versorgen will“. 69 Auch wenn die Gläubigen einmal unter Hunger leiden müssten, sollten sie dennoch Jesus Christus vertrauen, dass sie nicht verhungern werden. Mit Bezug auf Mt 6,33 stellt Luther dar, Christus gehe nach der Regel, dass zuerst das Reich Gottes zu suchen sei, alles andere würde Gott dazugeben. „Das also dises die fürnembste lehr soll sein, das wir am aller ersten nach dem wort trachten unnd dem selben nachgehn sollen. Wenn das geschehen ist, so sollen wir darnach den Herrn Christum für den bauch lassen sorgen“. 70 Luther stellt hier also das Hören des Wortes Gottes klar vor das leibliche Wohl, sieht aber dennoch letzteres nicht als belanglos an.
Im zweiten Teil seiner Predigt wendet er sich deshalb ausführlich dem leiblichen Unterhalt zu und streicht heraus, dass es Christus ist, der für die Gläubigen sorgt: „Denn so wir Gottes wort trewlich anhangen, da sol es nit mangel haben. Christus sorget fu(e)r, und wirdt mu(e)ssen volgen, das wir zu(o) essen haben. [. . . ] Es ligt an seinem segen“. 71 Gleichzeitig kritisiert Luther die Reichen, die ihren Überfluss nicht mit den Armen teilen. Diesen Leuten geschehe es recht, wenn sie von ihrer Völlerei krank würden, und sie sollten sich lieber mit etwas Fisch und einigen Brocken Brot begnügen wie die Menschen, die Jesus gespeist hat. Am Schluss fasst Luther noch einmal zusammen, dass dieses Evangelium dazu dient, Jesus als den zu erkennen, der Seele und Leib versorgt. „Für solche lehr sollen wir Got heut dancken und bitten, das er mit seinem geystlichen und zeytlichen segen uns durch Christum versorgen wo(e)lle, Amen. “ 72 Wesentlich an dieser Predigt Luthers ist, dass sie durch die Anrede an die Gemeinde bestimmt ist, in die sich Luther mit einzieht und die Predigt überwiegend durch die erste Person Plural bestimmt sein lässt: Luther bezieht den Predigttext auf die Hörerinnen und Hörer, eine allgemeine Betrachtung des göttlichen Wirkens in der Natur nimmt er nicht vor.
Auch am Beginn des 18. Jahrhunderts war das Thema, dass Gott die Welt und insbesondere die Gläubigen versorgt, am 7. Sonntag nach Trinitatis weiter leitend. So legt Johann Christoph Olearius (1668-1747) in seinem Buch Evangelischer Lieder=Schatz un-
69 WA52, 413,6f.
70 WA 52, 413,19-21.
71 WA 52, 417,2-4.
72 WA 52, 419,3-5.
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ter diesem Sonntag das Lied „Dancket dem HErrn/ denn er ist sehr freundlich/ etc. “ aus. 73 Er bemerkt dazu:
Wenn Christus im Evangelio Marc. IIX. 6. 7. fu(e)r 7. Brodt und wenig Fische dancket und damit 4000 reichlich versorget und sa(e)ttiget/ so gibt er uns hiermit ein Exempel/ alle unsere Mahlzeiten/ zur nothdu(e)rfftigen Erhaltung/ in der Wu(e)sten dieser Welt/ mit Dancksagung zu empfahen/ worzu in gegenwa(e)rtigen Gesange seine Anleitung zu finden. 74
Demnach steht der Dank für die Gaben Gottes, die dem Menschen als Nahrung dienen, im Mittelpunkt dieses Sonntags. Einen weiteren Hinweis gibt das Leipziger Kirchen=Buch von 1707, das für diesen Sonntag folgendes Kollektengebet vorschlägt: BArmertziger GOtt himmlischer Vater/ wir sagen dir von Hertzen Lob und Danck/ daß du uns nicht allein mit dem lieben Brode an dem Leibe/ sondern auch mit deinem heiligen Worte an der Seelen speisest/ erhalte uns diese beyde Wohlthaten/ und hilff/ daß wir sie nicht mißbrauchen/ sondern hochachten/ und darbey das beste Vertrauen haben/ daß du uns allezeit gna(e)diglich versorgen und mildiglich erhalten werdest/ durch JEsum Christum deinen Sohn unsern HErrn. 75
Hier ist wiederum die Auslegung Luthers in der Hauspostille, wo er Jesu Erhaltung des Menschen an Leib und Seele betont hatte, deutlich erkennbar. Dieses Gebet würde sich gut als Abschluss und Zusammenfassung von Luthers Predigt anbieten. Das Gebet hebt dabei nicht nur den Dank für Gottes Erhaltung hervor, sondern bittet am Schluss auch um Vertrauen für die Gläubigen, dass Gott sie auch in Zukunft erhalten wird. Ein Unterschied zu Luther liegt jedoch darin, dass hier nicht Jesus als der Wundertäter und als der, der seine Christen versorgt, erscheint, sondern Gott der Vater angesprochen wird. So gesehen rückt dieses Gebet stärker an Luthers Auslegung des Ersten Artikels in den Katechismen heran.
Nach diesen allgemeinen Bemerkungen zum Proprium des Sonntags soll nun auf den Text der Kantate eingegangen werden, wobei auf das Sonntagsproprium gelegentlich zurückzukommen ist. Besonders die zeitgenössische Bibelauslegung soll dabei in den Blick genommen werden.
73 Johann Christoph Olearius: Evangelischer Lieder=Schatz/ darinn allerhand Auserlesene Gesa(e)nge/ so sich auff alle Sonn= und Fest=Tags Evangelia schicken/ angezeiget . . . , Jena 1707, 70.
74 Ebd., 72.
75 Vollsta(e)ndiges Kirchen=Buch/ Darinnen Die Evangelia und Episteln auf alle Fest= Sonn= und Apostel=Tage durchs gantze Jahr . . . enthalten, Leipzig 1707, 499f.
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6. Der Text der Kantate vor dem Hintergrund der
zeitgenössischen Bibelauslegung
6.1. Satz 1: Chor
Die Kantate wird eröffnet mit dem alttestamentlichen Dictum Ps 104,27f. Dieser Text ist durch das Stichwort „sättigen“ bzw. „satt werden“ in Ps 104,28 und Mk 8,4.8 mit dem Sonntagsevangelium verbunden, das Motiv der Speise (Ps 104,27) ist insgesamt das vorherrschende in Mk 8,1-9. Wie im Folgenden noch genauer zu zeigen sein wird, ist der Ps 104 insgesamt eine Art Leitfaden, dem die Kantatendichtung folgt. Bemerkenswert scheint dabei, dass die Kantate nur den positiven Teil wiedergibt, der negative folgende Vers, der von dem Erschrecken der Geschöpfe und ihrem Sterben, wenn Gott sich abwendet, berichtet, wird dagegen nicht mehr aufgenommen.
In der zeitgenössischen Bibelauslegung, wie sie in Johann Olearius’ Biblischer Erklärung gut greifbar ist, werden diese beiden Psalmverse als eine Art Summarium des Psalms aufgefasst. Olearius erklärt diesen Psalmvers aus seinem Kontext heraus und zählt zunächst auf, was unter dem „alles“ zu verstehen ist: „Alles so bißher erzehlet v.12.17.11.14.18.20. alle Thier samt den Menschen/ alle Creaturen/ Ba(e)ume und Graß zu aller Zeit deß Jahrs/ im Fru(e)hling/ Sommer/ Herbst/ Winter. “ 76 Im Anschluss an das Stichwort „Gebest“ verweist Olearius auf Ps 145,16 und fügt den lateinischen Satz an: omnia dependent a nutu tuo, velut expectans („alles hängt von deiner Aufforderung ab, gleichwie es darauf wartet“). 77
Bemerkenswert ist die Abweichung im Psalmzitat, wo in Bachs Kantate „Güte“ statt „Gut“ erscheint (Ps 104,28). In den üblichen Drucken der Lutherbibel am Anfang des 18. Jahrhunderts ist stets „Gut“ an dieser Stelle zu lesen 78 und auch der Textdruck von 1719 gibt „so werden sie mit Gut gesa(e)ttiget“ wieder. 79 Vermutet man dahinter einen Schreibfehler, könnte dieser vielleicht durch das häufige Vorkommen von „Güte“ in den Psalmen nach Luthers Übersetzung zu Stande gekommen sein. Sollte es sich um eine be-
76 Olearius:Biblische Erklärung, Band 3, 576.
77 Olearius: Biblische Erklärung, Band 3, 576.
78 Vgl. Alfred Dürr/Leo Treitler: Johann Sebastian Bach: Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Kritischer Bericht: Ser. 1: Kantaten, Bd. 18: Kantaten zum 7. und 8. Sonntag nach Trinitatis, Kassel u.a. 1967, 104.
79 Sonntags= Und Fest=Andachten Über Die ordentliche EVANGELIA Auß Gewissen Biblischen Texten Alten und Neuen Testaments . . . Dritte Aufflage, [Meiningen] 1719, 117.
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wusste Änderung handeln, so weist dies darauf hin, dass hier über den Psalmtext hinaus an die Erhaltung der Schöpfung durch Gott überhaupt gedacht ist, wie dies etwa in Luthers Kleinem Katechismus formuliert ist. 80 Auch Olearius weist in seiner Formulierung der „Haupt=Lehre“ des Psalms 104 darauf hin, dass die Menschen in Gottes Neuschaffen und Erhalten seine „Weisheit/ Gu(e)te und Allmacht“ erkennen sollen und ihm deshalb die ihm gebührende Ehre zukommen lassen sollen. 81 Die Änderung von „Gut“ zu „Güte“ könnte also diese Gedanken in den Psalmtext hineingetragen haben.
6.2. Satz 2: Rezitativ
Der Text dieses Rezitativs ist im Versmaß des Alexandriners gedichtet, der in der Barockzeit sehr beliebt war, jedoch zunehmend als steif und gekünstelt in Misskredit geriet. Er setzt sich zusammen aus sechs jambischen Versfüßen und ist durch eine Zäsur nach dem dritten Versfuß gekennzeichnet. 82
Der vordere Teil des Rezitativs nimmt die Welt des Psalms 104 auf und dichtet sie unter Aufnahme zahlreicher biblischer Motive nach. Dabei ist bemerkenswert, dass nicht auf die Schöpfung allgemein, sondern ausschließlich auf die lebendigen Geschöpfe, die „Kreaturen“, Bezug genommen wird. Auch in der zweiten Zeile („Schau doch die Berge an, da sie bei tausend gehen;“) wird deshalb nicht die große Anzahl der Berge betont, sondern das „sie“ bezieht sich auf die vielen Geschöpfe, die „da“ auf den Bergen leben. Hier steht Ps 50,10 im Hintergrund: „Denn alle Thier im Walde sind mein, Und Vieh auff den Bergen da sie bey tausent gehen. “ 83 Dabei durchschreitet der Dichter die natürlichen Lebensräume vom Land zum Wasser zur Luft. Im Wasser wimmelt es von Leben (vgl. Ps 104,25) und die Vögel sind so zahlreich, dass sie wie ein „Heer“ (vgl. Gen 2,1) erscheinen, das eben „zu Feld“ zieht.
In der ersten Zeile dieses Rezitativs findet sich im Druck von 1719 der Beginn „Was Creaturen ha(e)gt das grosse Rund der Welt!“ In Bachs Kantate steht jedoch statt „ha(e)gt“ „hält“. So entsteht ein Binnenreim, der möglicherweise daher stammt, dass das
80 „. . . das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit . . . “ Vgl. oben Abschnitt 3.1, S. 10.
81 Olearius: Biblische Erklärung, Band 3, 577.
82 Christian Wagenknecht: Art. „Alexandriner“, in: Klaus Weimar (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft, 3.Aufl., 1 (1997), 34-36, 34f.
83 WA.DB 10.1, 261 (Der Psalter 1545).
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g in Bachs Druck schlecht gedruckt war oder Bach einen Satzfehler vermutete. 84 Möglich ist aber auch, dass eine bewusste Änderung vorliegt, die sich einer rebiblizierenden Absicht verdankt, da „hegen“ in der Lutherbibel nicht vorkommt. Der hintere Teil des Rezitativs besteht aus einer Aneinanderreihung von Fragen, die erst in der folgenden Arie mit dem Beginn „Du Herr“ eine Antwort erhalten. Hier wird der Blick gelenkt auf das „Nähren“, auf die Versorgung dieser vielen Geschöpfe mit dem, was für sie zum Leben notwendig ist („Notdurft“). In den letzten beiden Zeilen spiegelt sich das, was Olearius zu Mt 6,29 anmerkt: „Dieses hat Lutherus einem unbarmhertzigen Vogelsteller vorgestellet [. . . ] und in Tischreden c.2. f.42.a. sagt Er: auch der Ko(e)nig in Franckreich ko(e)nne nicht die Sperlinge erna(e)hren“. 85 Luther lehnt sich in seiner Tischrede in diesem Abschnitt eng an Mt 6 an und fordert zum Vertrauen dazu auf, dass Gott seine Geschöpfe versorgt. 86
Das Rezitativ bewegt sich thematisch insgesamt im Bereich dessen, was u.a. in Johann Arndts Vier Bücher Von wahrem Christentumb im 4. Buch, dem Liber Naturae steht. Arndt folgt hier einer Linie, die bereits bei Augustin erkennbar wird und in der mittelalterlichen Theologie weit verbreitet war: Während die ersten drei Bücher die biblische Offenbarung in der Schrift als Liber Scripturae auslegen, steht das vierte mit dem so bezeichneten Programm dem gegenüber. 87 Arndts Untertitel dieses Buches könnte gleichzeitig auch das Motto dieses Rezitativs sein: „Liber Naturæ. Wie das grosse Weltbuch der Natur/ nach Christlicher Außlegung/ von Gott zeuget/ und zu Gott fu(e)hret/ wie auch alle Menschen Gott zu lieben/ durch die Creaturen gereytzet/ und durch jhr eigen Hertz uberzeuget werden. “ 88
84 So Schulze: Bachs dritter Leipziger Kantatenjahrgang (wie Anm. 51), 198.
85 Olearius: Biblische Erklärung, Band 3, 56. Damit bezieht er sich auf WA.TR 2, 329,20-330,6.
86 „Doctor Martinus Luther sagete, ‚daß kein Mensch auf Erden sei, der da vermöchte zu bezahlen die Unkosten, so unserm Herr Gott täglich aufgehet, daß er nur die unnützen Vogel ernähret und speiset.
Und ich gläub es gänzlich, daß der König von Frankreich mit alle seinem Reichthum, Zinse und Rente
nicht vermöchte zu bezahlen, was allein auf die Sperling gehet [. . . ] So denn nu Gott die Vogel so
reichlich und uberflüssig ernähret, wer wollte denn von Menschen verzweifeln, daß Gott ihme nicht
Nahrung, Futter, Decke und alle Nothdurft geben sollte?“ (WA.TR 2, 329,34-40).
87 Vgl. Christian Link: Art. „Natürliche Theologie“, in: RGG 4 6 (2003), 120-124, 120f.
88 Johann Arndt: Vier Bücher Von wahrem Christentumb. Die erste Gesamtausgabe (1610): Buch 3 und
4. Mit einem Anhang hg. v. Johann Anselm Steiger (Philipp Jakob Spener Schriften, Sonderreihe
Band V.3; Johann Arndt Archiv Band II.3-4), Hildesheim u.a. 2007, Titelblatt des 4. Buches.
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6.3. Satz 3: Arie
Diese Arie schließt sich eng an das vorhergehende Rezitativ an und beantwortet die Fragen, die dort gestellt wurden. Hier wird Gott als der Spender von Fruchtbarkeit und umfassendem Wohlergehen gepriesen („Fett und Segen“). Die Arie ist bereits im Textdruck von 1719 als Da-capo-Arie gekennzeichnet und folgt dem Wortlaut von Ps 65,12 sehr eng: „Du kro(e)nest das Jar mit deinem Gut, Und deine Fusstapffen trieffen von fett. “ 89 Olearius legt das Stichwort „krönen“ detailliert aus und sieht darin ein Bild für die niemals endende Fürsorge Gottes für seine Schöpfung:
Cro(e)nen [heißt] so viel als allerley guts erweisen und damit reichlich umgeben/ erfreuen/ Zieren/ einfassen und verwahren Ps.5/13.103/4. Also cro(e)net GOtt das Jahr/ und zieret alle seine Jahr=Zeiten/ Monat/ Wochen/ Tage/ und Stunden/ vom Anfang deß Jahres biß ans Ende/ 5.Mos.11/12. unaufho(e)rlich mit seinen Wolthaten/ wie eine Crone rund ist/ deren Circul weder Anfang noch Ende hat. 90
Im Anschluss daran wendet sich Olearius dem „Jahr“ zu und deutet den stetigen Wechsel und die Erneuerung der Natur als Erweis Gottes, dass er den Menschen das ewige Leben zukommen lassen will:
. . . und wie das Jahr von der Verenderung/ so monatlich und ta(e)glich/ wo immer ein Tag dem andern folget 1.Mos.1/8. zuverspu(e)ren den Namen hat/ also macht uns der Allerho(e)chste alle Morgen/ neue annulos und Gedenk=Ringe seiner Gu(e)te. Klgl. 3. in einem immerwehrenden besta(e)ndigen Circul. 91
Wohl nicht zufällig verwendet Olearius hier das Bild des Ringes (an[n]ullus), der in Luthers Tractatus de libertate Christiana als „Ehering des Glaubens“ (annulus fidei) erscheint, d.h. als Zeichen der Verbindung der sündigen, durch Christus gerechtfertigten Seele mit Christus. 92 In der „Haupt=Lehre“ am Ende der Auslegung des Psalms fasst Olearius diesen Aspekt nochmals zusammen:
Inmassen die verga(e)ngliche Scho(e)nheit deß Jahres im Reich der Allmacht uns erfreulich erinnern kann/ der weit schönern Crone im Reich der Gnaden bey
89 WA.DB 10.1, 305 (Der Psalter 1545).
90 Olearius: Biblische Erklärung, Band 3, 359.
91 Olearius: Biblische Erklärung, Band 3, 360.
92 WA 7, 55,12.
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dem allgemeinden Jubel=Jahr Neues Testaments im Reich Christi/ und der allerscho(e)nsten Crone der Gerechtigkeit im Reich der Ehren. 2.Tim 4. 93
6.4. Satz 4: Rezitativ
Wie oben erwähnt, beginnt mit diesem Rezitativ der zweite Teil der Kantate, der während des Abendmahls aufgeführt wurde. Während der vorangegangene Teil die vorhergehenden Worte der Bergpredigt inhaltlich verarbeitet hat („Seht die Vögel . . . “ etc.) und Gottes Güte als Erhalter des Lebens lobte, wendet sich der zweite Teil dem zu, was für den Menschen daraus folgt („Darum . . . “, Mt 6,31f.). Die Verbindung dieses Abschnitts aus dem Matthäusevangelium mit dem Evangelium des 7. Sonntags n.Tr. wurde bereits oben am Beispiel einer Predigt Luthers dargestellt. 94 Die Worte Mt 6,31f. geben deshalb auch wichtige Stichworte vor, die in den folgenden Sätzen wieder erscheinen: das „Sorgen“ in Satz 5 und 6 und die Anrede Gottes als „Vater“ in Satz 5 in der Verbindung des „Vaterliebs-Geschenk“, was auch in Satz 6 im Hintergrund steht („mit kindlichem Vertrauen“).
6.5. Satz 5: Arie
Diese Arie in trochäischen Versen ist gleichsam die inhaltliche Zusammenfassung der ganzen Kantate. Am Beginn wird die Aussage des ersten Teils nochmals aufgenommen und dahingehend betrachtet, dass Gott alle Geschöpfe unterhält. Während die Arie Satz 3 Gott als den Spender der Fruchtbarkeit anredete und lobte, wird dies hier mit Hinblick auf den folgenden Gedankengang als Versorgung aller Geschöpfe Gottes zusammengefasst. Anschließend wird dies in der ersten Person auf den gegenwärtigen Hörer angewendet, wie es häufig in Bachs Arien zu beobachten ist. 95 Hier und im folgenden Rezitativ klingt die Formulierung aus Luthers Kleinem Katechismus an „. . . mit aller Notdurft und Nahrung dies Leibs und Lebens reichlich und täglich versorget“. 96 Die Bewegung von der Ernährung aller Geschöpfe durch Gott hin zum Menschen findet sich auch in der Auslegung des 104. Psalms von Arndt, wenngleich er am Ende in der dritten Person bleibt, also nicht wie im Kantatentext das Ich formuliert:
93 Olearius: Biblische Erklärung, Band 3, 360.
94 Siehe oben Abschnitt 5, S. 16.
95 Vgl. Axmacher: Bachs Kantatentexte (wie Anm. 2), 16.
96 BSLK 510,39-511,1.
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Nun bedencke man/ wie unzehlich viel unnd mancherley Creaturen in der Lufft/ auff Erden/ und im Meer sein. Denen allen hat GOtt nicht allein Speise zur Notturfft/ und zur Frewde unnd Wolgefallen Geschaffen/ sondern auch einem jeden sonderliche Speise nach seiner Art unnd Eigenschafft/ und das alles durch seine Va(e)terliche vorsorge. Und hat also keines einigen Thierleins vergessen/ wie solt Er doch des Menschen/ seines Bildes/ vergessen haben/ unnd vergessen ko(e)nnen? 97
Interessant ist eine Abweichung im Text der Kantate vom Textdruck von 1719: Während im Textdruck die vierte Zeile „Was er allen beygelegt?“ wiedergibt, heißt es in Bachs Kantate „Was er allen zugesagt?“ Damit wird der Reim auf „hegt“ aufgelöst. Nach Schulze hat Bach in seinem Textdruck in der zweiten Zeile möglicherweise den Umlaut von „ha(e)gt“ schlecht erkennen können und deshalb den Reim auf „hagt“ angepasst, sodass nun „zugesagt“ in der vierten Zeile steht. 98 Wahrscheinlicher scheint mir jedoch, dass Bach - oder ein anderer, von ihm beauftragter Abschreiber - hier eine bewusste Änderung vorgenommen hat, um den Gedanken der promissio, der für die reformatorische Theologie zentral ist, zu verdeutlichen: Für Luther ist es der mündliche Losspruch von den Sünden und die Zusage des Heils in Predigt, Taufe und Abendmahl, die den „gewissen Glauben“ schafft. 99 So ist hier in Bachs Komposition auch nicht ohne Grund ein Stimmungswechsel zu finden, so dass - in der Musik tänzerisch fröhlich (Un poco allegro), inhaltlich bestimmt und gewiss - im Imperativ die Sorgen zurückgewiesen werden. Die Erhaltung des Einzelnen durch Gott wird so als „täglich“ neuer Erweis der Liebe Gottes des Vaters gedeutet.
6.6. Satz 6: Rezitativ
Dieses Rezitativ schließt sich wiederum an die vorhergehende Arie an, das „kindliche Vertrauen“ folgt dem „Vaterliebs-Geschenk“. Durch den Kreuzreim teilt es sich in zwei Abschnitte, von denen der erste Teil der „Dankbarkeit“ gewidmet ist, die vor allem den sich anschließenden Schlusschoral bestimmt. In diesem ersten Abschnitt wird die Haltung des Glaubens beschrieben, der Gott „kindlich vertraut“ (vgl. Röm 8,15) und dankbar seine Gaben empfängt. Die „Rechnung“ spielt auf das Gleichnis „Vom unehrlichen Verwalter“ (Lk 16,1-8) an, wo Luthers „Rechnung“ in der revidierten Lutherübersetzung
97 Arndt: Vier Bücher Von wahrem Christentumb (wie Anm. 88), 4. Buch, 184f.
98 Schulze: Bachs dritter Leipziger Kantatenjahrgang (wie Anm. 51), 198.
99 Bayer: Martin Luthers Theologie (wie Anm. 15), 52.
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von 1984 mit „Rechenschaft“ übersetzt wird. Der Text dieses Rezitativs stellt dem entgegen, dass der Mensch die Abrechnung Gott überlassen muss, nur dann kann sie für den Menschen zum Guten ausfallen; der Mensch muss Gottes „Rechnung“ dankbar entgegen nehmen. Im Hintergrund dürfte hier ebenso das Gleichnis vom „Schalksknecht“ stehen (Mt 18,23-35), in dem der König mit seinen Sklaven „rechnen“ will. In diesem Gleichnis richtet ein Sklave, dem sein Fehlbetrag erlassen wurde, eben nicht sein Leben „mit Dankbarkeit“ an der Vergebung aus und verspielt sie deshalb. Der zweite Teil des Rezitativs kreist eng um die „Sorge“, die im neutestamentlichen Dictum und auch in der sich daran anschließenden Arie angesprochen wurde. Das Stich-wort „Notdurft“ korrespondiert in diesem Zusammenhang mit dem Rezitativ Satz 2. Der Abschluss des Rezitativs endet mit der Gewissheit, dass Gott, der in der Fürsorge für seine Schöpfung sich als der „ewig reiche Gott“ erweist, dem Glaubenden seinen „Teil“ gibt. Dabei spielt die Formulierung „Der ewig reiche Gott“ wohl auf die zweite Strophe des Liedes „Nun danket alle Gott“ von Matthias Rinckart an, das um 1630 gedichtet wurde. 100 Der Aspekt der Ernährung tritt im Rezitativ gegenüber dem ersten Teil der Kantate in den Hintergrund; deshalb ist der „Teil“, den Gott dem Menschen bestimmt hat, wohl das ewige Leben.
6.7. Satz 7: Choral
Die Strophen des Chorals sind dem Lied Singen wir aus Herzensgrund entnommen. Der Text wird Hans Vogel (vermutlich um 1525-1567) zugeschrieben 101 und findet sich in den Gesangbüchern als Tischlied. Der Druck von 1719 gibt die 4. Strophe vollständig wieder, von der 6. Strophe ist nur die erste Zeile abgedruckt. 102 Die Gesangbücher des späten 17. und frühen 18. Jahrhunderts zeigen mehrere Abweichungen in diesen beiden Strophen. So beginnt die 4. Strophe im Privilegirten Dreßdnischen Gesangbuch mit „GOtt hat die Erd scho(e)n zugericht’“, 103 während die Kantate dem Druck von 1719 folgt: „Gott hat die Erde zugericht“. Besonders auffällig ist, dass
100 Jetzt in EG 321; vgl. dazu Petzoldt: Bach-Kommentar, Band 1 (wie Anm. 6), 169.
101 Joachim Stalmann/Johannes Heinrich (Hrsg.): Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch. Band III: Liederkunde, Zweiter Teil: Lied 176-393, Göttingen 1990, 500.
102 Siehe die Abbildung 3 im Anhang, S. 38.
103 Das Privilegirte Ordentliche und Vermehrte Dreßdnische Gesang=Buch . . . Darinnen die auserlesensten und Geistreichsten Lieder in reicher Anzahl zusammengetragen, Dreßden und Leipzig 1724, Nr. 392,
S. 302.
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die bekannten Gesangbücher in der 6. Strophe den Text „stets nach seinn Geboten gehn“ enthalten, 104 während es in der Kantate heißt „Stets in sein’ Geboten gehn“. Die Formulierung der Kantate erweist sich hier als näher am Bibeltext. 105 . Die 4. Strophe dichtet Ps 104,13-15 nach und bezieht sich damit auf den Bibelwort-chor am Eingang zurück. Im ersten Teil der Kantate wurde der Mensch jedoch nicht ausdrücklich genannt und stand so im zweiten Teil gewissermaßen den anderen Geschöpfen gegenüber, wie das durch Mt 6,26 nahegelegt ist: „Seid ihr denn nicht viel mehr wert als sie?“ 106 In dieser Choralstrophe erscheint der Mensch dagegen - wie in Psalm 104 insgesamt - als Teil der Schöpfung als Ganzes, die auf Gottes Fürsorge angewiesen ist.
Die 6. Strophe steht unter dem Leitwort Gratias, mit dem sie abschließt. Sie weist klare Bezüge zu Luthers Dankgebet nach Tisch auf, das von Luther als „Das Gratias“ bezeichnet wird. 107 Die Bitte um Gottes Geist und das richtige Verstehen weist im Kontext der Kantate noch einmal darauf hin, dass der Mensch aus der Schöpfung Gottes Für-sorge erkennen, das eigene Sorgen aufgeben und „in sein’ Geboten gehn“ soll. An der Auswahl dieser beiden Strophen zeigt sich so, dass der Schlusschoral wie in den anderen Kantaten Bachs die Aufgabe hat, den Gedankengang der Kantate in katechetischer Form zusammenzufassen, nämlich indem der Inhalt der Kantate mit den Versen des damals bekannten Tischliedes verbunden wird. 108
104 So hier ebenfalls das Privilegirte Dreßdnische Gesangbuch von 1724. Vgl. dazu die Übersicht in Dürr/ Treitler: Kritischer Bericht (wie Anm. 78), 105.
105 Vgl. Lk 1,6 in der Lutherübersetzung 1545.
106 So mit der Übersetzung von διαφέρειν nach Walter Bauer: Griechisch-deutsches Wörterbuch zu den Schriften des Neuen Testaments und der frühchristlichen Literatur, 6., völlig neu bearb. Aufl. hrsg.
von Kurt Aland und Barbara Aland, Berlin/New York 1988, 382.
107 BSLK 523,10-28 (Kleiner Katechismus). Vgl. dazu Stalmann/Heinrich (Hrsg.): Handbuch zum Evangelischen Kirchengesangbuch (wie Anm. 101), 500.
108 Vgl. Martin Petzoldt: Die Musik Bachs in ihrem Verhältnis zu biblischen Texten, mit Beispiel der Kantate BWV 66, in: Doris Hiller/Christine Kress (Hrsg.): Daß Gott eine große Barmherzigkeit
habe. Konkrete Theologie in der Verschränkung von Glauben und Leben (FS G. Schneider-Flume),
Leipzig 2001, 247-262, hier 254.
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7. Schöpfung und Erhaltung in der gegenwärtigen
Theologie
Im Anschluss an die untersuchte Kantate ist danach zu fragen, wie dieser Ausdruck lutherisch-orthodoxer Theologie und Frömmigkeit am Beginn des 21. Jahrhunderts ver-standen werden kann. Ein detaillierter Vergleich gegenwärtiger Entwürfe der Schöpfungstheologie ist in diesem Rahmen jedoch nicht anzustreben. Vielmehr sollen wesentliche Punkte der Schöpfungstheologie, die sich aus der Kantate ergeben, kurz thematisiert werden.
Die begrifflich stark ausdifferenzierte Lehre von der Schöpfung und der göttlichen Vorsehung in der Orthodoxie wurde im Gefolge F.D.E. Schleiermachers auf die beiden Aspekte der Schöpfung (als creatio originans) und der Erhaltung (als creatio continua) zurückgeführt. Dabei hat Schleiermacher der Erhaltung als dem gegenwärtig erfahrbaren Aspekt der Schöpfung theologisch den Vorrang eingeräumt. 109 Im Laufe des 18. Jahrhunderts und besonders seit Immanuel Kant kam es im Protestantismus zur Abkehr von der natürlichen Theologie, d.h. von dem Versuch, durch die Vernunft „den göttlichen Entwurf der Schöpfung zu entziffern“. 110 Bei Karl Barth erscheint der Begriff der natürlichen Theologie als Gegenstück zur Offenbarung in der Auseinandersetzung mit Emil Brunner und anderen. Besonders die erste These der Barmer Theologischen Erklärung bestreitet daher den Rang der natürlichen Theologie als Quelle kirchlicher Verkündigung. 111
Oswald Bayer kritisiert, dass die Sorge vor einer natürlichen Theologie seit Barth dazu geführt hat, dass „die Weltgegenwart Gottes theologisch zu wenig bedacht wurde. “ 112 Er versteht Schöpfung als „Anrede“ Gottes, die Gemeinschaft stiftet und erhält. Bayer lehnt sich an Luther an, wenn er darstellt, dass der Schöpfer immer bei und in seinen Geschöpfen gegenwärtig ist. Diese Gegenwart ist jedoch stets ambivalent: In „seiner Gegenwärtigkeit und innersten Nähe kann er mir sowohl bedrängend und verbrennend wie befreiend und erleuchtend nahe sein. “ 113 Gott ist als der Allmächtige furchtbar
109 Schneider-Flume: Grundkurs Dogmatik (wie Anm. 26), 308.
110 Link: Natürliche Theologie (wie Anm. 87), 120.
111 Vgl. ebd., 123.
112 Oswald Bayer: Art. „Schöpfer/Schöpfung VIII. Systematisch-theologisch“, in: TRE 30 (1999), 326-348, hier 326.
113 Ders.: Martin Luthers Theologie (wie Anm. 15), 96.
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und unergründlich. Es bedarf deshalb der gewissmachenden Zusage, um Gott in seiner Schöpfung als gütigen und barmherzigen Vater anrufen zu können, als den, der sich in Leiden, Sterben und Auferweckung Jesu Christi dem Menschen zuwendet. 114
8. Fazit
In dieser gegenwärtigen Formulierung der Lehre von Gott dem Schöpfer erweist sich der Text der Kantate auch heute als anschlussfähig: Sie nimmt Gottes Schöpfung und Fürsorge als Anrede an den Menschen wahr, die Gemeinschaft mit Gott stiftet und bewahrt.
Der erste Teil der Kantate stellt die Vielfalt der Welt als Schöpfung so dar, dass sie in der Gemeinschaft mit Gott steht und von ihm in dieser Gemeinschaft erhalten wird. Der Textdichter beschreibt umfassend den Reichtum und die überfließende Fruchtbarkeit der Erde und setzt sie in Beziehung zu Gott: Bekennend wird Gott als Quelle des Lebens und der Bewahrung gepriesen. Der Hinweis, dass kein „Monarch“ in der Lage wäre, allen Lebewesen der Welt auch nur eine einzige Mahlzeit zu geben (Satz 2), hat im heutigen Kontext eine durchaus kritische und mahnende Kraft, die vor menschlichen Allmachtsphantasien warnt. Gleichzeitig wird so im gegenwärtigen Kontext dazu aufgerufen, Nahrungsmittel als Geschenk wahrzunehmen, das es gerecht zu verteilen gilt.
Besonders in dem neutestamentlichen Dictum Mt 6,31f. und der anschließenden Arie (Satz 4 und 5) wird Gottes Zuwendung zu seiner Schöpfung als Anrede wahrgenommen und an die Hörerinnen und Hörer ausgerichtet. Obwohl die Ambivalenz, mit der sich Gottes Gegenwart in und mit seiner Schöpfung zeigt, nicht eigens thematisiert wird, wird Gott im zweiten Teil mehrfach als der Vater angesprochen, dem das „kindliche Vertrauen“ des Gläubigen entsprechen soll. Der Dank für Gottes Gaben und die Bitte um seinen Geist, der diese Zuwendung Gottes erkennen lehrt, schließt deshalb die Kantate ab.
Wie in dieser Untersuchung deutlich geworden ist, ist die Kantate eng mit dem Proprium des 7. Sonntags nach Trinitatis, wie es am Beginn des 18. Jahrhunderts in der lutherischen Kirche üblich war, verbunden. Sie nimmt das Sonntagsevangelium Mk 8,1-
114 Bayer:Schöpfer/Schöpfung (wie Anm. 112), 336.
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9 auf und verbindet es mit klassischen Auslegungen und Gedankengängen, wenn man Luthers Predigt in der Hauspostille und Arndts erbauliche Betrachtung des Psalms 104 im Kontext des 18. Jahrhunderts so nennen darf. Diesen historischen und theologischen Kontext zu erhellen, kann deshalb den Hörerinnen und Hörern in der Gegenwart helfen, Bachs Kantate „Es wartet alles auf dich“ auch heute als „Predigt“ zu hören.
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A. Literaturverzeichnis
Die Abkürzungen dieser Arbeit richten sich nach H.D. Betz u.a. (Hrsg.): Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Vierte, völlig neu bearbeitete Auflage, Bd. 1-8 und Register, Tübingen 1998-2007.
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Walter, Meinrad: Musik - Sprache des Glaubens. Zum geistlichen Vokalwerk Johann Sebastian Bachs, Frankfurt am Main 1994.
31
B. Der Text der Kantate „Es wartet alles auf dich“ (BWV
187) nach dem Urtext der Neuen Bach-Ausgabe
Erster Teil
1. Chor
Es wartet alles auf dich, daß du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Wenn du ihnen gibest, so sammlen sie, wenn du deine Hand auftust, so werden sie mit Güte gesättiget.
2. Rezitativ (Bass)
Was Kreaturen hält das große Rund der Welt!
Schau doch die Berge an, da sie bei tausend gehen; Was zeuget nicht die Flut? Es wimmeln Ström und Seen. Der Vögel großes Heer zieht durch die Luft zu Feld. Wer nähret solche Zahl, Und wer vermag ihr wohl die Notdurft abzugeben? Kann irgendein Monarch nach solcher Ehre streben? Zahlt aller Erden Gold ihr wohl ein einig Mal?
3. Arie (Alt)
Du Herr, du krönst allein das Jahr mit deinem Gut.
Es träufet Fett und Segen Auf deines Fußes Wegen, Und deine Gnade ists, die allen Gutes tut.
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Zweiter Teil
4. Rezitativ (Bass)
Darum sollt ihr nicht sorgen noch sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr dies alles bedürfet.
5. Arie (Sopran)
Gott versorget alles Leben,
was hienieden Odem hegt. Sollt er mir allein nicht geben, was er allen zugesagt? Weicht, ihr Sorgen, seine Treue ist auch meiner eingedenk Und wird ob mir täglich neue durch manch Vaterliebs-Geschenk.
6. Rezitativ (Sopran)
Halt ich nur fest an ihm mit kindlichem Vertrauen Und nehm mit Dankbarkeit, was er mir zugedacht, So werd ich mich nie ohne Hülfe schauen, Und wie er auch vor mich die Rechnung hab gemacht. Das Grämen nützet nicht, die Mühe ist verloren, Die das verzagte Herz um seine Notdurft nimmt; Der ewig reiche Gott hat sich die Sorge auserkoren, So weiß ich, daß er mir auch meinen Teil bestimmt.
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7. Choral
(4.) Gott hat die Erde zugericht’, Läßts an Nahrung mangeln nicht; Berg und Tal, die macht er naß, Daß dem Vieh auch wächst sein Gras; Aus der Erden Wein und Brot Schaffet Gott und gibts uns satt, Daß der Mensch sein Leben hat.
(6.) Wir danken sehr und bitten ihn, Daß er uns geb des Geistes Sinn, Daß wir solches recht verstehn, Stets in sein’ Geboten gehn, Seinen Namen machen groß In Christo ohn Unterlaß: So singn wir recht das Gratias.
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C. Die Meininger „Sonntags= Und Fest=Andachten“ im
Druck von 1719
Kristina Funk-Kunath, Leitung der Bibliothek des Bach-Archivs Leipzig, danke ich für die Zurverfügungstellung dieser Abbildungen.
Abbildung 1: Titelblatt der Meininger „Sonntags= Und Fest=Andachten“
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Konrad Schwarz, 2010, Schöpfung und Erhaltung, München, GRIN Verlag GmbH
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