Das Mittelalter bietet eine enorme Vielzahl an Legenden über Heilige. Eine in besonderem Maße gewichtige Rolle spielt dabei die Vita des Heiligen Alexius (Alexius von Edessa), die wie kaum eine andere Vita Verbreitung und Bedeutung in der christlichen Glaubenslehre fand. Die uns heute noch überlieferten Handschriften, die teils im British Museum in London und teils in der Bibliothéque Nationale in Paris liegen, stammen aus der spätantiken Region Syriens, die sowohl politisch als auch kulturell noch bis ins 7. Jahrhundert fest unter oströmischen Einfluss stand. Obgleich eine exakte Datierung heute kaum mehr Möglich ist, gilt in der Forschung für die ursprüngliche, syrische Fassung das 5. oder 6. Jahrhundert als grobe Entstehungszeit. 1
Zur Person des heiligen Alexius von Edessa ist verhältnismäßig wenig bekannt. Der Kern der syrischen Vita berichtet von einem anonymen römischen Patrizier, welcher von seinen Eltern zur Hochzeit bestimmt wurde. Jedoch entsagte er am Hochzeitstag selbst noch der Ehe und floh nach Edessa, wo er als Gottesmann in Askese lebend verborgen und arm lebte und starb. 2
Erst in der griechischen bzw. byzantinischen Erweiterung (etwa 6. bis 9. Jahrhundert) wurde der bis dato Anynome als Alexius benannt. Zudem wurde die ursprüngliche Fassung um zwei wesentlich Momente erweitert. In die Vita eingeflossen war nun ein Jungfräulichkeitsgelübde, welches er an seine Braut richtete bevor er sie verließ. Darüber hinaus wurde nun auch die Flucht aus Edessa zurück nach Rom ein wesentliches Element der Erzählung. Dort lebte er bis zu seinem Tod unerkannt, arm und verlassen im Elternhaus. 3
Mit der Verbreitung der Legende ab etwa dem 10. Jahrhundert wurde nun ebenfalls der lateinische Westen von der Vita bzw. der Legende des Heiligen Alexius erfasst. Marchiori sieht diesbezüglich eine Dreiteilung der
Überlieferungsstränge bis zum 10. Jahrhundert:
1 MARCHIORI, C.: La leggenda di S. Alessio nella tradizione popolare italiana.
Genua, 1975, S. 7 - 21.
2 DUMMER, J.: Alexius (der Heilige). In: RGG 4 (Band 1), Tübingen, 1998, S. 294 -
295.
3 CRAMER, W.: Alexios v. Edessa. In: LThK 3 (Band 1), Freiburg/Basel/Rom/Wien,
1993, S. 381 - 382.
2
„Il passaggio dell’Ellesponto, arricchisce la storia di una seconda parte; entriamo così nella fase romana, la terza dopo quella siriaca e bizantina.“ 4 Von besonderer Bedeutung für diese weitere Verbreitung der Vita des Heiligen Alexius ab dem 10. Jahrhundert im romanischen Westen ist die Tatsache, dass sich eine Art romanische Tradition der Überlieferung bildete, die sich nicht nur formal und sprachlich, sondern in vielen Punkten auch inhaltlich von den früheren Überlieferungen abgrenzt. Dies gilt nicht nur für die lateinisch verfassten Viten, sondern ebenso für die in den jeweiligen romanischen Volkssprachen überlieferten Werke, die in Prosa, Versen und zahlreichen volkssprachlichen Liedern und Erzählungen erhalten geblieben sind. 5
Als Beispiele lassen sich hier die altfranzösische „Vie de Saint Alexis“, der „Ritmo su S. Alessio“ oder die von Bonvesin da la Riva verfasste „Vita di Sant’Alessio“ 6 nennen. Die „Vie de Saint Alexis“ aus dem 11. Jahrhundert ist zugleich auch die erste bekannte Adaption des Stoffes in einer romanischen Volkssprache, in diesem Fall auf Altfranzösisch. 7 Die Vielzahl an erhalten gebliebenen Textzeugnissen bestätigt das große Interesse an dem Heiligen, sowie seinen Einfluss auf den lateinischen bzw. romanischen Westen.
Im Folgenden werden einige exemplarische Unterschiede zwischen dem überlieferten Text 289 der römischen Tradition aus der Bibliotheca Hagiographica Latina (BHL) und einer volkssprachlichen Erzählung aus der italienischen Region Venezia Giulia aufgezeigt.
Der handschriftlich überlieferte Text BHL 289 ist zugleich auch die älteste Lateinische Alexiusvita, bei der es sich um ein Passionar aus der Abtei San Pedro de Cardeña aus dem zweiten Viertel des 10. Jahrhunderts handelt. 8 Der bei Marchiori abgedruckte volkssprachliche Text ist bezüglich des Entstehungszeitraumes nicht näher angegeben. Marchiori verweist bezüglich
4 MARCHIORI, C.: La leggenda di S. Alessio nella tradizione popolare italiana.
Genua, 1975, S. 8.
5 MARCHIORI, C.: La leggenda di S. Alessio nella tradizione popolare italiana. S.41.
6 Edizione secondo il codice Trivulziano 93.
7 WILHELM, Raymund: Bonvesin da la Riva - La Vita di Sant’ Alessio. Tübingen,
2006, S. 39 - 40.
8 MÖLK, U.: Die älteste lateinische Alexiusvita. In: Romanistisches Jahrbuch, Band
27, Berlin, New York, 1976, S. 295 - 303.
3
des Textes lediglich auf eine Publikation von F. Badudri 9 , die für die vorliegende Arbeit nicht verfügbar war. Vermutlich wird der Text aber frühestens spätmittelalterlichen Ursprungs sein. 10 Rein formal unterscheidet sich der volkssprachliche Text von der prosaisch lateinischen Version auf sehr deutliche Weise. Der lateinische Text ist in 23 unterschiedlich lange Abschnitte unterteilt, hingegen der volkssprachliche Text in 106 Versen unterschiedlicher Länge in Form von Paarreimen angeordnet ist.
In den ersten beiden Zeilen des volkssprachlichen Textes wird ein Publikum angesprochen („Atenti, gente, che voio scuminzare - La storia de Santo Alessio a raccontare.“), was verdeutlicht, dass der Text - unabhängig von der Tatsache, ob es sich um eine Erzählung oder ein Lied handelt - zum mündlichen Vortrag konzipiert wurde. Für die lateinische Fassung des 10. Jahrhunderts ist dies nicht anzunehmen.
Inhaltlich unterscheiden sich beide Texte enorm. Um den Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht zu sprengen, können nicht alle Abweichungen gleichermaßen detailliert vertieft werden.
Ein erster Unterschied ist im Namen des Vaters festzustellen. Während im lateinischen Text von „Fimianus“ die Rede ist, wie auch in den älteren Fassungen aus Syrien und Byzanz, so wird im volkssprachlichen Text „Daviano“ als Name des Vaters von Alexius genannt.
Die Hochzeit betreffend geht bei beiden Texten die elterliche Absicht voraus. Allerdings lehnt Alexius im volkssprachlichen Text von Anfang an die Hochzeit ab und gehorcht lediglich dem Willen der Eltern („ma Alessio molge no’ volea piliare“). Im lateinischen Text heiratet er freiwillig, obgleich es auf Vorschlag bzw. Wunsch der Eltern geschieht. Eine weitere Ausschmückung des volkssprachlichen Textes ist in der Person der Braut sowie im Reiseziel seiner Pilgerfahrt zu sehen. Im lateinischen Text heiratete Alexius eine „filiam de genimine regis“ 11 , demnach vornehmen Ranges und verlässt diese, um zwecks Pilgerfahrt mit dem Schiff nach Herea, eine Stadt auf der Insel Laodicea, zu reisen.
9 F. Badudri: Antichi testi letterari triestini. In: La Porta Orientale, Trieste, 1932, S.
162 - 165.
10 MARCHIORI, C.: La leggenda di S. Alessio nella tradizione popolare italiana. S.57
- 59.
11 MÖLK, U.: Die älteste lateinische Alexiusvita. S. 305, Abschnitt 5.
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Arbeit zitieren:
Luigi Tucciarone, 2010, Das Leben des Heiligen Alexius von Edessa, München, GRIN Verlag GmbH
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