"Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in
Abstract
Diese Arbeit thematisiert die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen im Kontext des Corporate Governance Konzepts ‚Corporate Social Responsibility’ (CSR). Dabei wird auf soziologische Theorien Bezug genommen, die einerseits Denkmodelle anbieten, mit denen sich die Entwicklungen und Steuerungsprobleme der Gesellschaft im Kontext der Globalisierung fassen lassen und andererseits als Instrumente herangezogen werden, um zu beschreiben, wie eine Selbstregulation von Unternehmen im Einklang mit internationalen Normen einen Beitrag zur Lösung dieser Probleme leisten kann. Ferner wird beschrieben auf welcher Grundlage und aus welchen Motiven eine Selbstregulation von Unternehmen erfolgt. In den vergangenen Jahrzehnten sind Nichtregierungsorganisationen zu wichtigen Akteuren des weltpolitischen Systems geworden. Auch ihre Rolle wird in dieser Arbeit thematisiert. Die sektorübergreifende Kooperation von Wirtschaft, Politik und zivilgesellschaftlichem Sektor als Vehikel zur globalen Diffusion universeller Umwelt- und Sozialstandards ist ebenso Gegenstand dieser Arbeit. Letztlich ist die Emergenz privater Autorität durch Kooperation zwischen Wirtschaftsorganisationen Teil der Untersuchung und Begründung, warum Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
Inhaltsverzeichnis
Abstract 2
Abbildungsverzeichnis 4
1. Einleitung und Problemstellung 5
2. Theoretischer Rahmen 7
2.1 Gesellschaft, Code, Programm 8
2.2 Weltgesellschaft und Globalisierung 12
2.2.1 World Polity Ansatz 13
2.2.2 Weltrisikogesellschaft 14
3. Gesellschaft und Unternehmen. 14
3.1 Unternehmen / Umwelt Beziehung 14
3.2 Unternehmen und Globalisierung 18
3.3 Verantwortung und Organisation 21
4. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) 24
4.1 Abgrenzung 24
4.2 NGOs und Globalisierung 25
4.3 NGOs und moralische Kommunikation 27
3
5. Globale Standards und Corporate Social Responsibility (CSR) 30
5.1 Norm Cycle Model 30
5.2 Entwicklung von CSR: Vom losen Konzept zu globalen Standards 31
5.3 Konzeptueller Rahmen von CSR 35
5.4 Anwendung und Vorteile von CSR 37
6. Verantwortung durch Kooperation 41
6.1 Public Private Partnerships (PPP) 42
6.2 Anwendungsbereiche von PPP 44
6.3 Private Autorität durch Kooperation unter Firmen 46
7. Zusammenfassung und Fazit 50
8. Literatur 52
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Stakeholder Modell 18
(Eigene Darstellung in Anlehnung an B-Wise GmbH.)
Abb. 2: Pyramid of Global Corporate Social Responsibility and Performance 36
(Eigene Darstellung in Anlehnung an Carroll 2004)
Abb. 3: Anwendung von CSR Maßnahmen 39
(Eigene Darstellung in Anlehnung an Porter/Kramer 2006)
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1. Einleitung und Problemstellung
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Welt in vielerlei Hinsicht nachhaltig verändert. Die Liberalisierung der Weltwirtschaft und die technischen Innovationen der Vergangenheit haben zu einem dynamischen Prozess geführt, der heute allgemein als Globalisierung bekannt ist. Im Zuge dessen haben sich globale Zusammenhänge wie die Weltwirtschaft, das globale Finanzsystem, das globale Gesundheitssystem, globale epistemische Gemeinschaften, globale
Entwicklungsstrategien, globale Policy-Netzwerke und viele andere globale Institutionen herausgebildet, die sich vom steuernden Einfluss der Nationalstaaten in bestimmten Hinsichten entkoppeln und ihre je eigene Geschichte der Ausbildung autonomer Steuerungsregime beginnen. Damit entsteht ein komplexes Spannungsverhältnis zwischen Nationalstaaten und globalen Kontexten, welches sich in vielfältigen Formen der Governance organisiert. Der Begriff Governance wird alternativ zum Begriff Government verwendet und impliziert, dass innerhalb der Gesellschaft Steuerung und Regelung nicht mehr nur vom Staat, sondern auch von der Privatwirtschaft und andern privaten Akteuren wahrgenommen wird. Im Kontext der Debatte um Global Governance wird das Verständnis vertreten, dass sich ein Trend zur Weltgesellschaft herausgebildet hat, der auf globaler Ebene eigene Formen der Regulierung und der Selbststeuerung hervorbringt (vgl. Willke 2006a). Diese scheinen notwendig, da die Globalisierung dringend zu lösende ökologische und soziale Probleme für viele Menschen hervorgebracht hat, die durch die nationalstaatliche Politik alleine nicht effektiv genug bearbeitet werden können. Fragt man nach der gesellschaftlichen Verantwortung von Unternehmen stößt man in der wissenschaftlichen Literatur auf Konzepte wie „Corporate Social Responsibility“ (CSR) und „Corporate Citizenship“ (CC), die eine Anleitung für Wirtschaftsorganisationen zur freiwilligen Selbstregulierung darstellen. Eng verbunden mit der Entwicklung des Konzepts CSR 1 , ist die Entstehung globaler Umweltstandards und Arbeitsnormen, die - so die hier vertretene These - einen Bezugspunkt für die Gesellschaft darstellen, wenn es um die Zurechnung gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen geht. In engem Zusammenhang mit diesen Entwicklungen stehen transnationale Non-Governmental Organisations
1 Im Weiteren wird gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen unter CSR als Oberbegriff geführt und nur bei Notwendigkeit unterschieden.
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(NGOs), welche als zivilgesellschaftliche Interessensvertretung eine wichtige Rolle im transnationalen Raum spielen. Da weder die zwischenstaatliche Politik noch die Wirtschaft alleine die Probleme der Weltgesellschaft lösen können, stellt sich die Frage welche kooperativen Formen der Problembearbeitung zwischen Regierungen, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Akteuren möglich sind um zu einer effektiveren und nachhaltigen Regulierung und Bearbeitung von globalen Problemen zu gelangen. Dementsprechend gliedert sich die Arbeit folgendermaßen: Der erste Teil der Arbeit dient dem theoretischen Verständnis von Gesellschaft, Globalisierung sowie deren Wirkung. In der Soziologie finden sich mehrere Theoriestränge, die sich mit Globalisierungsprozessen im Kontext der Weltgesellschaft auseinandersetzen. Der erste Teil führt, soweit es für die Bearbeitung der Fragestellung nötig ist, in grundlegende Aspekte der Weltgesellschaft aus Sicht der soziologischen Systemtheorie sowie des World Polity Ansatzes ein. Auf dieser Basis gilt es im Kontext der Weltgesellschaft die Rolle von transnationalen Unternehmen im Globalisierungsprozess herauszuarbeiten. Die Beziehung von Unternehmen zu ihrer Umwelt ist Untersuchungsgegenstand des zweiten Abschnitts der Arbeit. Dem systemtheoretischen Ansatz entsprechend werden Unternehmen als
Wirtschaftsorganisationen gefasst und deren gesellschaftliche Einbettung mit Rückgriff auf das Stakeholder Modell beschrieben. Ferner greifen wir die Globalisierung an dieser Stelle wieder auf und stellen die Merkmale globalisierter transnational agierender Unternehmen heraus. Ebenso ist das Problem der Verantwortung von Organisationen Gegenstand dieses Teils der Arbeit. Im dritten Teil der Arbeit wird die Rolle von NGOs im
Globalisierungsprozess thematisiert. Eine Definition und ihre historische Entwicklung leiten diesen Abschnitt ein. Die moralische Skandalisierung von Unternehmen wird aus systemtheoretischer Perspektive thematisiert und kritisch diskutiert. Die Dimensionen gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen stehen im vierten Teil der Arbeit im Zentrum des Interesses. In diesem Zusammenhang findet in den Sozialwissenschaften eine breite Diskussion um ‚Corporate Social Responsibility‘ (CSR) statt. Es gilt CSR in eine Definition zu fassen und die praktischen Anwendungsmöglichkeiten sowie potentielle Wettbewerbsvorteile heraus zu arbeiten, die für Unternehmen einen Anreiz bieten können sich selber zu regulieren. Da die historische Entwicklung des CSR-Konzepts mit den Entwicklungen
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globaler ökologischer und sozialer Standards in Verbindung steht, wird darauf ebenfalls Bezug genommen und die Entstehung globaler Standards und Normen am Beispiel des Norm Cycle verdeutlicht.
Der letzte Teil der Arbeit befasst sich abschließend mit der Diffusion globaler Normen und Standards durch transnationale Unternehmen über kooperative Arrangements zwischen öffentlichem und privatem Sektor in Form von Public-Private-Partnerships und privater Kooperationen. Die Emergenz privater Autorität aus Kooperationen zwischen Wirtschaftsorganisationen als ein regulierender Faktor bildet den Schluss der Argumentation, die beschreibt, warum Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
2. Theoretischer Rahmen
Wie lässt sich gegenwärtig die moderne Gesellschaft beschreiben und in ihrer Dynamik begreifen? Man spricht in der Alltagssprache von Personenkreisen als Gesellschaften, bezeichnet rechtförmig begründete Organisationen (z.B. Aktiengesellschaften) als Gesellschaften oder geht davon aus, dass Gesellschaften „regionale, territorial begrenzte Einheiten seien, so dass Brasilien eine andere Gesellschaft ist als Thailand, die USA eine andere als die Rußlands, aber dann wohl auch Uruguay eine andere als Paraguay“ (Luhmann 1997: 25). In den vergangen drei Jahrzehnten hat sich vor allem in der Soziologie ein intensiver Globalisierungsdiskurs heraus gebildet, in dem Gesellschaft aufgrund von zunehmenden internationalen Interdependenzen nicht mehr klassisch in nationalstaatlich begrenzten Strukturen gedacht, sondern als global umfassendes soziales System thematisiert und diskutiert wird: Man spricht von der Weltgesellschaft.
Zu Beginn des Globalisierungsdiskurses haben in der Soziologie besonders Arbeiten von Niklas Luhmann, John W. Meyer und Ulrich Beck Beachtung gefunden und durch neue theoretische Annahmen der Erforschung von
Globalisierungsprozessen neue Impulse verliehen. In dieser Arbeit wird auf diese drei Ansätze Bezug genommen um zu verdeutlichen wie transnationale Unternehmen zu einer nachhaltigen Regulierung und Entwicklung der Weltgesellschaft beitragen können.
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Niklas Luhmann hat eine konstruktivistische Gesellschaftstheorie ausgearbeitet, - die soziologische Systemtheorie - die sich für diese Arbeit aus mehreren Gründen als leitendes Theoriegerüst anbietet. Zum Einen lässt sich mit ihr darstellen, wie Weltgesellschaft verstanden werden kann und zum Anderen stellt sie das Werkzeug für die Beschreibung von Organisationen als soziale Systeme zur Verfügung.
Ebenso zu thematisieren ist der von Ulrich Beck geprägte Ansatz der „Risikogesellschaft“ sowie das „World Polity“ Konzept der Arbeitsgruppe um John W. Meyer. Beide Theorien bewegen sich im Rahmen des Weltgesellschaftskonzepts. Beck betont die Reflexivität gesellschaftlicher Modernisierung die zu global wirkenden ökologischen Problemen und gesellschaftlichen Risiken geführt hat. Die Arbeiten von Meyer et al. legen den Fokus auf den Aspekt einer sich herausbildenden Weltkultur. Das (neo-) institutionalistische World Polity Konzept - im Deutschen Weltkultur oder Weltgesellschaft - ist fokussiert auf die Analyse globaler politischinstitutioneller Faktoren, welche die weltweite Diffusion westlich geprägter Werte durch Staaten und Organisationen katalysiert. Die Isomorphie - Angleichung und Rationalisierung von Organisationsstrukturen -als Konsequenz der
Diffusionsprozesse stellt einen weiteren Aspekt ihrer Untersuchung dar (vgl. Meyer 2005: 9). Anhand der Annahmen des World Polity Ansatzes soll die mögliche Reichweite von CSR thematisiert werden. Daher ist es für die theoretische Begründung der angestrebten Argumentation notwendig einige Begriffe der Theorien zu erläutern.
2.1 Gesellschaft, Code, Programm
Gesellschaft
Luhmann versteht Gesellschaft als soziales System das nur aus Kommunikation besteht. Alles was nicht Kommunikation ist, ist Teil der Umwelt der Gesellschaft und somit nicht sozialer Art. Systemtheoretisch gesehen zählt zur Umwelt der Gesellschaft eigentümlicher Weise auch der Mensch, der als „Ensemble von biologischem und psychischem System“ gedacht wird (vgl. Kette 2008: 36). Gedanken - als Operationen psychischer Systeme - werden erst durch
8
Kommunikation gesellschaftlich relevant und nur über diese vollzieht sich Gesellschaft (vgl. ebd.).
Soziale Systeme bilden sich auf unterschiedliche Weise, abhängig davon, wie der Prozess der Selbstselektion und Grenzziehung realisiert wird. Der Begriff des Systems bezeichnet einen „ganzheitlichen Zusammenhang von Teilen, deren Beziehungen untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Diese Unterschiedlichkeit der Beziehungen konstituiert eine Systemgrenze, die System und Umwelt des Systems trennt (vgl. Willke 2006b: 251). Umwelt - genauer relevante Umwelten in der Umweltbezeichnet folglich das was nicht zu einem bestimmten System gehört (vgl. ebd.). Unterscheiden lassen sich die daraus entstehenden sozialen Systemtypen Interaktionssystem, Organisationssystem und Gesellschaftssystem. Das soziale System Gesellschaft ist das soziale System, das alle kommunikativ füreinander erreichbaren Handlungen in sich einschließt. „Ihre eigenen Grenzen sind die Grenzen möglicher und sinnvoller Kommunikation, vor allem Grenzen der Erreichbarkeit und der Verständlichkeit“ (Luhmann 2008b: 213). In der heutigen Zeit gibt es nach Luhmann nur noch die Weltgesellschaft. 2 Auf die Besonderheit des Weltgesellschaftsbegriffs gehen wir im weiteren Verlauf in Verbindung zu dem Begriff der Globalisierung genauer ein.
Am Anfang gesellschaftlicher Evolution steht bei Luhmann Differenz; und zwar die Differenz von System und Umwelt. Gesellschaftliche Differenzierung bedeutet Systemdifferenzierung, das heißt „die Wiederholung der Differenz von System und Umwelt innerhalb von Systemen. Das Gesamtsystem benutzt dabei sich selbst als Umwelt für eigene Teilsystembildungen“ (Strulik 1997: 10). Im Bezug auf Formen gesellschaftlicher Differenzierung lassen sich segmentäre, stratifikatorische und funktionale Differenzierung festhalten. Strulik hebt hervor, dass „diese Typen einander nicht in historischer Perspektive ersetzen, sondern das sich lediglich das Primat der Differenzierung verlagert“ (ebd.). Primär segmentär differenzierte Gesellschaften bezeichnen einen Typ Gesellschaft, der weitgehend aus gleichen oder ähnlichen Einheiten besteht. Stammesgesellschaften setzen sich zum Beispiel aus Familien zusammen, die mehrere Funktionen wie Ausbildung, Produktion oder Schutz in sich vereinen. „Jedes
2 Vgl. dazu ausführlich und übersichtlich: Wobbe, Theresa (2000)
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Teilsystem sieht die innergesellschaftliche Umwelt nur als Ansammlung von gleichen oder doch ähnlichen Systemen. Das Gesamtsystem kann dadurch eine geringe Komplexität von Handlungsmöglichkeiten nicht überschreiten“( ebd.). Stratifizierte Gesellschaften sind als weiter entwickelter Gesellschaftstypus zu verstehen, der sich durch eine primäre Differenzierung der Gesellschaft in Schichten (z. B. Klerus, Aristokratie, Bürgertum, Bauernstand) auszeichnet, die dann wiederum in Segmente gegliedert sind wie z.B. Bürgertum in Handwerk, Gewerbe und Handel (vgl. ebd.). Die daraus resultierende schichtspezifische Kommunikation, die eine jeweils eigene Umwelt voraus setzten kann, ermöglicht ein „beträchtliches Ausmaß an Arbeitsteilung“ (ebd.) und führt zu einer erhöhten internen Komplexität des Gesellschaftssystems, mit der auch die Komplexität der für das Gesellschaftssystem zugänglichen Umwelt steigt (vgl. ebd.).
Als primär funktional differenziert bezeichnet man die moderne Gesellschaft, die ihre wichtigsten Teilsysteme mit Hinblick auf spezifische Probleme bildet. Demnach haben sich die Funktionssysteme der Gesellschaft auf ein bestimmtes, gesamtgesellschaftlich relevantes Problem spezialisiert, dessen Bearbeitung sie exklusiv übernehmen (vgl. ebd.: 11). Sie erbringen für die anderen Funktionssysteme eine Leistung, auf die anderen Funktionssysteme angewiesen sind. So ist die Wirtschaft beispielsweise auf Rechtssicherheit und wissenschaftlich ausgebildetes Personal angewiesen, also auf Leistungen des Systems der Politik, des Rechtssystems, der Erziehung bzw. Wissenschaft. Die funktionale Differenzierung hat zu einer nie zuvor da gewesenen Komplexitätszunahme des Gesellschaftssystems geführt. Dieses brachte mit sich, dass jedes dieser Funktionssysteme eine spezifische Sichtweise von Gesellschaft entwickelt hat, die untereinander nicht mehr kompatibel sind“ (ebd.). Luhmann beschreibt die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft als „Ensemble aus etwa einem Dutzend Teilsystemen“ (Schimank 2007: 126). Diese sind Wirtschaft, Politik, Recht, Militär, Wissenschaft, Kunst, Religion, Massenmedien, Erziehung, Gesundheitswesen, Sport, Familie und Intimbeziehungen (vgl. ebd.). Jedes Teilsystem ist an sich einzigartig und nicht durch ein anderes ersetzbar. Dies ergibt sich aus den unterschiedlichen Sinnbezügen, durch die jedes System aufgrund seiner Leitdifferenzen eine andere Sichtweise auf die Welt entwickelt. Schimank argumentiert, dass jedes soziale Ereignis eine Mehrzahl gesellschaftlich relevanter Bedeutungen hat, „je nachdem, im Kontext welcher teilsystemischen Leitdifferenz es betrachtet wird“ (ebd.: 128). So ergeben sich aus den jeweiligen teilsystemischen
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Sichtweisen unterschiedliche Realitäten die gleichzeitig das gleiche Ereignis anders beobachten. Mit der Beobachtung zweiter Ordnung lässt sich so die Gesellschaft polykontextural beobachten, wobei mehrere Funktionssysteme zeitgleich dasselbe Ereignis unterschiedlich beobachten und so unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität konstruieren. Die Ausdifferenzierung sozialer Systeme vollzieht sich auf den Ebenen von Codierung und Programmierung der Kommunikation.
Code und Programm
Die binäre Codierung der Funktionssysteme ist immer, je nachdem welchem System es primär zugeordnet ist, spezifisch. Zum Beispiel orientiert sich die Wirtschaft an dem binären Code Zahlung/ Nicht Zahlung, das Rechtssystem an Recht/ Unrecht, die Wissenschaft an der Differenz Wahr/Unwahr und die Politik an Macht/Nichtmacht. 3 „Auf der Ebene der Codierung durch einen binären Schematismus wird ein System ausdifferenziert. Auf dieser Ebene etabliert sich ein System zugleich als ein geschlossenes System. Das heißt: Ein Wert kann nur in Richtung auf den Gegenwert verlassen werden. Man kann sagen: nicht wahr, sondern unwahr. Aber man kann nicht sagen: nicht wahr, sondern hässlich. Die Codes sind geschlossene „contrast sets“ (Luhmann 2008a: 60). Die Programme sind dagegen vorgegebene Bedingungen, für die Richtigkeit der Sektion von Operationen. Sie ermöglichen einerseits eine gewisse „Konkretisierung“ (oder: Operationalisierung) der Anforderungen, die an ein Funktionssystem gestellt werden, und müssen andererseits eben deshalb zu gewissem Umfange lernfähig organisiert werden. Es ist somit über den Code operativ geschlossen und zugleich über die Programme kognitiv offen. „Durch die Differenzierung von Codierung und Programmierung gewinnt ein System also die Möglichkeit, als geschlossenes und als offenes System zugleich zu operieren“ (ebd.). Beispiele für Programme sozialer Systeme sind in der Wirtschaft Investitionsprogramme, im Recht Gesetzestexte, in der Politik Parteiprogramme und in der Religion beispielsweise die Bibel etc.
3 Die Beschreibung der Funktionsweisen der einzelnen Funktionssysteme kann hier nur oberflächlich behandelt werden, da es sonst den Rahmen der Arbeit sprengen würde. Für ein genaueres Verständnis der Funktionslogiken der einzelnen Teilsysteme siehe z. B. Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997)
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Arbeit zitieren:
Tobias Kindler, 2010, Warum übernehmen Unternehmen gesellschaftliche Verantwortung?, München, GRIN Verlag GmbH
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