Moritz Adlon 18.06.2010
1. Einleitung
Am 01.05.2010 eröffnete der User „fussballfan95“ einen neuen Thread 2 mit dem Titel: „Gehört ein Dönerladen nicht zu einer Parallelgesellschaft?“ 3 . Mit dieser Frage löste er eine angeregte Diskussion unter den Usern des „gutefrage.net“-Forums aus, was genau eine Parallelgesellschaft sei, und wann eine „Dönerbude“ Teil solch einer gesellschaftlichen Struktur wird. Mitte dieses Jahrzehnts wurde die Terminologie “Parallelgesellschaft“ aufgrund einiger Ereignisse (z.B. 11. September) zu einem beliebten Begriff der Medien und kurze Zeit später auch von Politikern, wie Günther Beckstein 4 , gerne verwendet. Im alltäglichen politischen Diskurs wird versucht mit diesem Schlagbegriff die Problematik „fremd-ethischer Wohnbezirke“ und damit die anhaltende Diskussion um die gescheiterte Integration von Einwanderern, heute oft vierter Generation, in Deutschland zu etikettieren.
Wie an der Fragestellung des Forum Nutzers „fussballfan95“, sowie der Antworten anderer User klar zu erkennen ist, weiß der normale deutsche Bürger bis heute nicht, wie der Terminus der Thematik entsprechend zu verstehen, geschweige anzuwenden ist. Diese Feststellung soll keines Falls ein Vorwurf sein, sondern ein Beispiel für die Folgen unachtsamer Verwendung in Politik und Medien, eines so speziellen und sensiblen Begriffs.
Zu Beginn der Arbeit werden Herkunft und Bedeutung des Begriffs erläutert, anschließen anhand einer der vorgestellten Theorien vertieft und am Ende auf eine Längsschnittuntersuchung (durchgeführt in NRW) des Instituts Stiftung Zentrum für Türkeistudien angewandt. Auf den gewonnen Erkenntnissen basierend wird später versucht eine Aussage darüber zu treffen, ob und in wie weit es in Deutschland Parallelgesellschaften gibt.
2 Thread: In diesem Sinn, neu eröffnete Frage in einem Internet-Forum (gutefrage.net).
3 Fussballfan95 (2010): Gehört ein Dönerladen nicht zu einer Parallel-gesellschaft ?. In: gutefrage.net. URL:
http://www.gutefrage.net/frage/gehoert -ein-doenerladen-nicht-zu-einer-parallelgesellschaft. Stand:
15.06.2006.
4 Günther Beckstein (CSU), 2005: „Fakt ist, dass es auch bei uns bedenkliche Entwicklungen einer
Parallelgesellschaft gibt“. Anlässlich der Ausschreitungen in Frankreich.
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2. Annäherung an den Begriff der Parallelgesellschaft
2.1 Die Gesellschaft
Der Terminus Gesellschaft teilt das Schicksal vieler anderer Begriffe aus der Altgassprache die in der Wissenschaft verwendet werden, es ist ein sowohl intentional als auch extensional verwirrender Begriff. Diese Schwierigkeit ist für alle Begriffe mit Bedeutungsfamilien charakteristisch (vgl. Pawlowski). Im
allgemeinsten Sinne bedeutet er die meist räumliche und zeitliche Verbundenheit gleichartiger bzw. nahe stehender Lebewesen, sowohl Pflanzen als auch Tiere und Menschen. Enger gefasst wird er nur auf Menschen bezogen, die zeitlich, räumlich oder sozial in irgendeiner weise aufeinander bezogen sind, in einer Wechselwirkung stehen.
Im folgenden wird versucht den Begriff so einzugrenzen, dass immer noch ein breites Spektrum von findbaren Gesellschaftsbegriffen drunter fallen, nach verschiedenen Wissenschaftlern.
Spencer sah die Gesellschaft eher als eine Art Organismus, Marx hingegen als Gesamtheit von Produktionsverhältnissen. Die Gesellschaft als spezifische Realität mit eigenem Charakter nach Dunkheim oder die Vorstellung der Gesellschaft, konzipiert als soziales System nach Parsons und Luhmann (vgl. Endruweit, Trommsdorff).
Die Folge dieses Vorgehens ist, dass der Begriff erst dann komplett definiert werden kann, wenn sich für eine darüber stehende Theorie entschieden wurde. Abschließend lässt sich aber konstituieren, dass Gesellschaft für unterschiedliche Formen zusammenlebender Gemeinschaften steht, deren Verhältnis durch Normen, Konventionen und Gesetzte bestimmt ist, woraus Gesellschaftliche Strukturen bzw. Gefüge entstehen.
2.2 Die Parallelgesellschaft
2.2.1 Geschichtlicher Werdegang
Folgend wird die Entwicklung der Begrifflichkeit geschildert, sowie versucht ihn zu konkretisieren. Historisch gesehen fand der Begriff „Parallelgesellschaft“ erstmals
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seine Verwendung in den frühen Ostblock Ländern, als gegenparteiliche Gruppen, versuchten unabhängige Institution zu installieren, wodurch der Terminus im Westen durchaus positiv behaftet war (vgl. Meyer 202). Im Zuge der Migrationsdebatte hielt er in den 90er Jahren auch in Deutschland seinen Einzug und als der Soziologe Wilhelm Hitmeyer 1996 5 in einem Interview mit der Wochenzeitung „die Zeit“ sein Bedenken gegenüber parallelgesellschaftlicher Entwicklungen religiöser Gruppierungen in Deutschland äußerte, legt er erstmalig den Grundstein für eine noch lang anhaltende, überaus negativ belastete Diskussion um das bestehen bzw. der Entwicklung hin zu einer Parallelgesellschaft in Deutschland.
Mit den Terroranschlägen am 11. September 2001 in New York wuchs der Begriff in den Medien und fand im Jahr 2004 seinen Höhepunkt mit der Ermordung des Holländischen Islam Kritikers und Regisseurs Theo Van Gogh. Inzwischen zu einer Art „Medialem Kampf“ Begriff gewachsen und so oft ohne jeglicher Definition verwendet wäre der Begriff im gleichen Jahr fast „Wort des Jahres“ geworden. Heute wird der Terminus kontinuierlich in Medien, Politik und Wissenschaft verwendet, weiterhin ohne einer eindeutigen Definition.
2.2.2 Charakteristika einer Parallelgesellschaft
Weiterführend aus der in 2.1 definierten Bedeutung von Gesellschaft, wäre die Parallelgesellschaft eine sich gleichlaufend, verhältnismäßig kleinere, entwickelnde Zweitgesellschaft, die sich durch ethnische und kulturelle Unterschiede abhebt. Je mehr sie versucht sich von der Mehrheitsgesellschaft zu unterscheiden und sich abzugrenzen, desto abhängiger wird sie auch (vgl. Schoeck 1882).
Es wurden in der Vergangenheit verschiedene Kriterienkataloge formuliert nach welchen soziale Kollektive bewertet werden können um fest zustellen, ob eine Parallelgesellschaft oder Ansätze derartige Strukturen vorliegt. Thomas Meyer (in Punkt drei wird explizit auf die von ihm genannten Indikatoren eingegangen)
5 Heitmeyer, Wilhelm: Für türkische Jugendliche in Deutschland spielt der Islam eine wichtige Rolle. In: Die
Zeit, 23.08.1996.
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schlägt erstmals im Jahr 2002 folgende fünf Indikatoren vor, nach denen wenn sie in vollen Maß zutreffen von einer Parallelgesellschaft gesprochen werden kann:
• ethno-kulturelle bzw. kulturell-religiöse Homogenität
• nahezu vollständige lebensweltliche und zivilgesellschaftliche sowie weitgehende Möglichkeiten der ökonomischen Segregation
• nahezu komplette Verdopplung der mehrheitsgesellschaftlichen Institutionen
• formal freiwillige Segregation
• siedlungsräumliche oder nur sozial-interaktive Segregation, sofern die anderen Merkmale alle erfüllt sind
Zwei Jahre später veröffentlichte der Historiker Klaus J. Bade (2004) in sehr ähnlicher Weise seine vier Merkmale:
1. eine monokulturelle Identität
2. ein freiwilliger und bewusster sozialer Rückzug in Siedlungen und Lebensalltag
3. eine weitgehende wirtschaftliche Abgrenzung
4. eine Dopplung der Institutionen des Staates
Basierend auf den vorangehend vorgestellten Randbedingungen von Dade und Meyer hat Johannes Kandel (2004) eine „Minimaldefinition“ von Parallelgesellschaften vorgeschlagen bei der sechs benannte Grundelemente im
entstehen sein müssen um von so einer Gesellschaftsform sprechen zu können:
1. Kommunikationsabbruch zur Mehrheitsgesellschaft durch nachhaltige sprachliche, religiös-kulturelle und alltagsweltliche Segregation 2. sozial-ökonomische Segregation (Aufbau alternativer Ökonomien und Arbeitsmärkte 3. Abgrenzung durch Aufbau von Parallelinstitutionen (z.B. im Bereich Bildung und Freizeit) 4. Verdichtung sozialer Kontrolle gegenüber den Mitgliedern des sozialen
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Arbeit zitieren:
Moritz Adlon, 2010, Über Parallelgesellschaften in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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