INHALTSVERZEICHNIS
1. Aufgabenstellung, Relevanz und Methode. 2
2. Exkurs: Die Gemeindefunktionen in den Paulusbriefen 2
3. Die neuen Herausforderungen der nachapostolischen Zeit 4
4. Der erste Clemensbrief: Die „Theologie“ des dreigliedrigen Amtes 5
5. Das Phänomen der Gemeindeordnungen und ihr Beitrag zum Amtsverständnis 6
5.1 Die Didache 7
5.2 Die Traditio Apostolica 7
5.3 Gründe für das Scheitern der Gemeindeordnungen 8
6. Zusammenfassung und Bewertung. 9
Literaturverzeichnis 16
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1. Aufgabenstellung, Relevanz und Methode
Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe, die Entwicklung von Charisma und Amt in der frühen Kirche zu umreißen. Dabei wird der Bogen von den prominenten Paulusstellen in 1 Kor 12 und 1 Thess 5 zu den entsprechenden Aussagen in 1 Clem und den frühchristlichen Gemeindeordnungen gespannt, in denen die Entwicklung hin zum dreistufigen Amt erkennbar wird. Der Blick auf das Thema soll ein doppelter sein: Ein historisch interessierter, der verstehen will, wie sich das kirchliche Amt entwickelte, sowie ein nach vorn gerichteter, dogmatischer, der nach der aktuellen Relevanz fragt. Zwei Fragen stehen damit im Vordergrund:
1. Welche Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Kirche zu einer gesellschaft-konstituierenden Größe werden konnte, die am Ende des zweiten Jahr-hunderts nicht länger zu ignorieren oder zu auszurotten war, ja die an der Schwelle des vierten Jahrhunderts bereit war, eine tausendjährige „zweite Weltherrschaft Roms“ (Bernhardt) zu begründen?
2. Was meint „Amt“ eigentlich - katholisch, christlich, biblisch? Können historische Entwicklungslinien und organisatorische Notwendigkeiten innerhalb des expandierenden Christentums das Phänomen Amt hinreichend erklären, oder braucht es nicht (vielleicht zuerst) einen tiefergehenden Einblick in das Wesen des Amtes? Eine Anfrage der Geschichte an die Dogmatik.
2. Exkurs: Die Gemeindefunktionen in den Paulusbriefen
In seinen Briefen erwähnt Paulus Funktionsträger selten. Wenn er es tut, dann aus einem gegebenem Anlass, der stets mit einer theologisch-katechetischen Absicht verbunden ist - nie in Form eines allgemeingültigen objektiven Organigramms. Dies gilt es bei der Auflistung der paulinischen Gemeindefunktionen zu berücksichtigen 1 .
Die ausführlichste Auflistung der Funktionsträger findet sich in 1 Kor 12,4-31 2 :
„Es gibt verschiedene Gnadengaben (carismatwn), aber es ist derselbe Geist (pneuma), und es gibt verschiedene Ämter (diakoniwn), aber es ist derselbe Herr. […] Jedem wird die Offenbarung des Geis- 1 „[...]wir haben hier zwischen der von Paulus vorausgesetzten tatsächlichen Gemeindesituation einerseits und paulinischer Deutung und Weisung andererseits zu unterscheiden.“ (Brockhaus, 95)
2 Weitere Stellen aus den Paulusbriefen, in denen die Themen Ämter, Funktionen oder das Bild vom Leib explizit angesprochen werden, oder zumindest kurz anklingen, sind: Röm 12,3-8; 16,1-7; 1 Kor 16,15f; Eph 2,20; 3,5; 4,11f und Phil 1,1. Diese Arbeit konzentriert sich lediglich auf die Hauptstellen in
1 Kor 12 und 1 Thess 5.
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tes verliehen, damit er Nutzen stifte. Dem einen wird durch den Geist die Gabe der Weisheit verliehen, einem anderen die Gabe der Erkenntnis durch denselben Geist; einem anderen durch denselben Geist die Gabe des Glaubens, wieder einem anderen die Gabe zum Heilen in dem einen Geist, jenem die Kraft zu Wundertaten, dem die Gabe der prophetischen Rede, einem andern die Unterscheidung der Geister; diesem verschiedene Arten von Zungenreden, jenem die Auslegung von Zungenreden. Das alles wirkt ein und derselbe Geist, der einem jeden zuteilt, wie er will. Denn gleichwie der Leib einer ist, aber viele Glieder hat, alle die vielen Glieder jedoch ein Leib sind, so ist es auch bei Christus. […] Die einen hat Gott in der Kirche zunächst (prwton - erstens!) zu Aposteln bestimmt, andere (deuteron - zweitens!) zu Propheten, wieder andere (triton - drittens!) zu Lehrern, ferner (epeita) für Wundertaten, für Krankenheilungen, für Hilfeleistungen, für Verwaltungsaufgaben, für allerlei Arten von Zungenreden.“
Wenn man die Christengemeinschaft von Korinth nun nicht als Einzel- und Sonderfall, sondern als typische Gemeindeform ihrer Zeit ansehen möchte, dann bleibt folgendes festzustellen: (1) Die paulinischen Gemeinden sind nicht einfach Gruppen Gleichgesinnter, die bei verschiedenen geistlichen Begnadungsformen (Charismen) einfach (horizontal) gleichgestellt und -berechtigt wären. Es sind offenbar - innerhalb der Charismen - Ämter bekannt, deren Dienst (Diakonat) vorzüglicher ist, da er mit Leitung und Lehre zu tun hat 3 . (2) Paulus scheint von einer allgemein anerkannten Ordnung einer Ämtertrias auszugehen, wenn er von Erstens-Aposteln, Zweitens-Propheten und Drittens-Lehrern spricht. Die anderen Charismen, wie Heiler und Glossolalen, sind der Trias untergeordnet und unterscheiden sich darin, keine Funktion hinsichtlich Leitung und Lehre zu beinhalten.
Aufschlussreich nimmt sich auch 1 Thess 5,12-13 aus, da Paulus hier explizit von Vorstehern (proistamenou) spricht und zur allgemeinen Anerkennung ihrer Autorität auf-fordert 4 . Ein weiteres Indiz für die hierarchische Ordnung bereits bei Paulus:
„Wir bitten aber euch, Brüder, die anzuerkennen, die sich unter euch abmühen, eure Vorsteher im Herrn sind und euch ermahnen. Haltet sie um ihres Wirkens willen in Liebe über alle Maßen hoch.“
Zusammenfassend soll also festgehalten werden: Unter den von Gott begnadeten Gemeindemitgliedern finden sich eine Fülle von Gnadengaben, die aber von erster Stunde an strukturiert erscheinen. Während Paulus bestimmte Charismen, wie die Zungenrede deutlich einschränkt (1 Kor 2,14f), hebt er andere hervor und fordert zu Anerkennung und Unterordnung auf. Brockhaus weist darauf hin, dass sowohl „Relativierung“, als auch Herausheben von Charismen/Ämtern nicht um der Macht willen geschieht, sondern allein im Hinblick auf den Nutzen für die Gemeinde 5 . Für Paulus ist die Gemein-
3 Wasdie Ämter von Propheten und Lehren betrifft, weist Brockhaus auf die Übernahme jüdischer Gemeindefunktionen und -traditionen hin; die Definition des Apostolats gestaltet sich schwieriger -Brockhaus widmet diesem Thema ein ganzes Kapitel. (vgl. Brockhaus, 95-127) Weitere Ausführungen hierzu würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
4 Brockhaus weist darauf hin, dass die Notwendigkeit der Aufforderung Pauli für manche ein Indiz dafür ist, dass die Ämterstruktur eben nicht allgemein anerkannt und umstritten war. (vgl. Brockhaus, 125)
5 „Wer die Einstellung des Paulus zu den frühen ‚Ämtern’ nur unter dem Gesichtspunkt der Autorität im Sinne der Befehlsgewalt sieht, verzerrt daher den Tatbestand.“ (vgl. Brockhaus, 125)
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de der pneumatisch durchwirkte „Leib“: Der Geist ist es, der hier „wirkt“ und die verschiedenen Geben „schenkt“ (1 Kor 12,8f), der die Berufenen „leitet“ (Gal 5,18), „eint“ (1 Kor 12,13) und „lehrt“ (1 Kor 2,12). Bei aller charismatisch-pneumatischen Ausrichtung stehen allerdings der konkrete Nutzen und der Dienst des Einen für den Anderen (die Liebe) im Vordergrund.
3. Die neuen Herausforderungen der nachapostolischen Zeit
Die Jahrhundertwende stellt die frühchristlichen Gemeinden vor neue Herausforderungen, die für die Entwicklung des Amtsverständnisses grundlegend sind. Drei Schlaglichter sollen die Problematik um das Jahr 100 illustrieren:
- Die letzten Zeitgenossen Jesu sind gestorben, Petrus und Paulus werden 64 in Rom hingerichtet. Die Folge: In den Gemeinden entsteht eine zunehmende Unsicherheit bezüglich der Leitung, besonders in der Entscheidung wichtiger Fragen, wie eben der Gemeindeordnung, der Liturgie und Lehre etc. Die natürliche Autorität und Kompetenz der Apostel war bislang Gewähr und Richtschnur für die Gemeinden - wer konnte als autorisiert gelten die Nachfolge der Apostel anzutreten?
- Die Parusie lässt auf sich warten. Hatten die Christen mit einer „kurzen Zeit“ (1 Petr 1,6) gerechnet, bis der Herr wiederkäme und schien die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 noch eindeutig endzeitliches Indiz zu sein (Entstehung der Apokalypse des Johannes in den 90er Jahren), so begann man zunehmend über eine irdische Zukunft nachzudenken, mit der man bislang noch nicht gerechnet hatte. Wie war Gemeinde auf längere Zeit, über Generationen hinweg, zu organisieren?
- Die Gemeinden breiteten sich überraschend schnell aus. Mit ihrer wachsenden Zahl und der Erschließung neuer Missionsgebiete tauchen neue Fragen auf. Prominentestes Beispiel ist wahrscheinlich die Frage nach einer erneuten Buße für die unter der Verfolgung „Gefallenen“ (Lapsis). Wer hatte hier die Entscheidungskompetenz? Konnte man darauf vertrauen, dass sich immer genügen paulinisch-charismatische Führer finden würden, die Ordnung und Einheit der Gemeinde gewährleisten?
Fazit: Die Christenheit ist um die Jahrhundertwende selbst auf der Suche nach einer neuen Definition von Charisma und Amt. Genauer gesagt: Wie oben gesehen, waren die verschiedenen Gnadengaben, sowie das Charisma der Gemeindeleitung, seit jeher Bestandteil der Gemeindestruktur. Die neue Frage lautete also vielmehr: Wer beauftragt zum (Leitungs-)Amt? Auf Glossolalen war einige Zeit lang zu verzichten, wenn sich niemand vom Geist inspiriert fühlte - was aber mit dem immer notwendiger werdenden (regionalen und zunehmend überregionalen) Leitungsamt? Die Alternative zur
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Arbeit zitieren:
Sebastian Walter, 2010, Charisma und Amt - frühkirchliche Entwicklungen und aktuelle Diskussion, München, GRIN Verlag GmbH
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