Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung - Die Ursprünge der Hundert-Blumen-
Bewegung 3
2. Die Stimme des Volkes - Versuch einer Auswertung 5
2.1 Quellenlage 5
2.2 Vorgehensweise 7
3. Übersicht der geäußerten Kritik 10
3.1 Monopolstellung der Partei/Unterdrückung 10
3.1.1 Gegen die „3 Übel“ 12
3.1.2 Privilegierte „Parteibonzen“ 13
3.1.3 Inkompetenz der Kader 14
3.2 Eingeschränkte Freiheiten: Meinung, Presse, und
Religion 15
3.3 Dysfunktionales Rechtssystem 16
3.4 Ruf nach Demokratie und Pluralismus 18
3.5 Schlechte Behandlung von Intellektuellen 20
3.5.1 Gegen die Kulturpolitik der
Kommunistischen Partei 21
3.5.2 Dogmatismus und Kopieren von der
Sowjetunion 23
3.6 Unzufriedenheit der Bauern und Arbeiter 23
3.6.1 Bauern 23
3.6.2 Arbeiter 25
4. Bewertung der Ergebnisse und Ausblick 25
5. Schluss - (Blutiges) Nachspiel 28
6. Literaturverzeichnis 30
7. Anhang 31
2
1. Einleitung - Die Ursprünge der Hundert-Blumen-Bewegung
Die Hundert-Blumen-Bewegung war laut Teiwes (2003) ein Glied in einer Kette von Ereignissen, die zum Großen Sprung nach vorn 1 führte, einer „katastrophalen Massenkampagne“, die das Ziel hatte, China zu einer Wirtschaftsmacht zu machen. Die Hundert-Blumen-Bewegung war zudem gemäß Teiwes „die erste schwere Fehleinschätzung Maos in der Ära nach 1949“ - als die Kommunistische Volksrepublik China gegründet wurde. 2 Auch MacFarquhar nennt sie einen "Fehler Maos". 3 Nur einmal hatte ein kommunistischer Machthaber sein Volk eingeladen, sein Regime zu kritisieren; nämlich dann, als Mao Tse-tung im Mai 1956 dazu aufrief, „Hundert Blumen blühen“ zu lassen („Lasst hundert Blumen blühen, lasst hundert Schulen miteinander wetteifern“ (chin. 百花 齊放,百家爭鳴 / 百花齐放,百家争鸣, Bǎi huā qífàng, bǎi jiā zhēngmíng). 4
Damit lud er die akademische, künstlerische und geschäftsführende Intelligenz auf, sein Regime zu kritisieren. Die Bezeichnung „hundert Schulen“ stammt von dem chinesischen Philosophen Zhuangzi, der damit die vielen blühenden, miteinander konkurrierenden philosophischen Denkrichtungen während der Periode der Streitenden Reiche (475 v. Chr. und 221 v. Chr.) meinte. 5 Gemäß Chen (1960) sei dies ein Abschnitt der chinesischen intellektuellen Geschichte, auf die chinesische Gelehrte immer stolz gewesen wären. Dass die ‘hundert Schulen‘ nun frei miteinander wetteifern konnten, hätte
1 Chin.: 大躍進 / 大跃进, dà yuè jìn, siehe auch Spence, Jonathan (2001): Chinas Weg in
die Moderne. München: Dt. Taschenbuch-Verlag, S. 677.
2 Teiwes, Frederik (2003): “Hundert-Blumen-Bewegung”. In Staiger, Brunhilde, Stefan
Friedrich, und Hans W. Schuette (Hrsg.): Das große China-Lexikon: Geschichte,
Geographie, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft, Kultur. Primus
Verlag GmbH, S. 320.
3 MacFarquhar (1960): S. 12.
4 Maos Rede wurde nie veröffentlicht, aber sie wurde öffentlich interpretiert von Lu Ting-
yi, dem Vorsitzenden des Propagandaministeriums der Partei. Siehe MacFarquhar, Roderick (1960): The Hundred Flowers Campaign and the Chinese Intellectuals. New York: Praeger, S. 8.
5 Ebd.
3
eine Rückkehr zur Meinungs- und Gedankenfreiheit sowie mehr Toleranz verhießen - alles Dinge, die den chinesischen Intellektuellen sehr wichtig gewesen wären. 6 Die Antwort der chinesischen Intelligenz -die erste
Bevölkerungsgruppe, die gefragt wurde, ihre Ansichten auszudrückenböte gemäß MacFarquhar eine „einzigartige Beschreibung des kommunistischen Totalitarismus von innen.“ 7 Die Äußerungen der Chinesen während der Hundert-Blumen-Bewegung sollten also studiert werden, um ein umfassendes Verständnis ihrer Situation und ihrem Denken in den 50er Jahren zu erhalten.
Während der letzten 6 Jahre vor dem Ausrufen der Kampagne wurden viele Intellektuelle mental angegriffen - dafür, dass sie das „Falsche“ gesagt hatten und nicht-Marxistische Überzeugungen hatten. Aufgrund dieser früheren Anfeindungen hielten sich die Intellektuellen zunächst mit öffentlichen Meinungsäußerungen zurück -aus Angst vor
Vergeltungsschlägen der chinesischen Regierung. 8 Es ist daher durchaus denkbar, dass die Kritiken während der Hundert-Blumen-Bewegung noch viel härter hätten ausfallen können, wenn nicht die Angst vor einem Gegenschlag vorhanden gewesen wäre. Die Kritikwelle entfaltete sich erst in der Zeit vom 01. Mai 1957 bis zum 8.Juni 1957 und dauerte damit ungefähr nur 6 Wochen. 9
Die Meinungen der Experten, die sich mit den Gründen Maos für die Initiierung der Hundert-Blumen-Bewegung beschäftigen, gehen teilweise auseinander. Beispielsweise vermuten MacFarquhar (1960) Spence (2001), und Horvath-Paloczi (1962) dass Mao mit der Hundert-Blumen-Bewegung ein Ventil für die Menschen schaffen wollte, in dem sie ihre bislang weitgehend zurückgehaltene Unzufriedenheit auszudrücken konnten. Der Eindruck der im Winter 1956 in Ungarn stattfindenden Revolte gegen die Sowjetunion hätte die Entscheidung zu liberalerer
6 Chen, Theodore (1960): Thought Reform of the Chinese Intellectuals. Hongkong Uni-
versity Press. S. 117.
7 MacFarquhar (1960): S. ix.
8 Ebd.: S. 8.
9 Ebd.: S. X, S. 3.
4
Politik zudem dringend notwendig gemacht. 101112 Eine andere Meinung vertritt die Wissenschaftlerin Jung Chang (2005), die in Ihrem Buch behauptet, dass Mao den chinesischen Intellektuellen von Anfang an eine Falle stellen wollte. Die Aussagen der Intellektuellen hätte Mao ursprünglich gegen sie verwenden wollen - wie es dann tatsächlich im Rahmen der Kampagne gegen Rechtsabweichler geschah. 13 Letzteres hält MacFarquhar (1960) jedoch für unwahrscheinlich, da Mao die „bourgeoisen“ Gedanken im Volk durchaus bekannt gewesen seien. 14
Grundsätzlich könnte man die Hundert-Blumen-Bewegung auch als ein Mittel sehen, die Ansichten der Intellektuellen zu verschiedenen Problemen des Staates zu erfahren. Teiwes (2003) zufolge verfügte die chinesische Intelligenz über „unentbehrliche Fähigkeiten für den Aufbau“; sie wäre gebraucht worden um die neue sozialistische Wirtschaft und Kultur aufzubauen. Auch aus diesem Grund wäre es für Mao wichtig gewesen, insbesondere ab dem erfolgreichen Jahr 1955 (u.a. Bildung landwirtschaftlicher Genossenschaften, sozialistische Umgestaltung von Industrie und Handel) den chinesischen Intellektuellen eine kritische Stellung zuzuweisen. 15
2. Die Stimme des Volkes - Versuch einer Auswertung
2.1 Quellenlage
Die Entfaltung der Hundert-Blumen-Bewegung und insbesondere ihre Auswirkungen auf Chinas Intellektuelle sind laut Teiwes (2008) in der
10 Spence (2001): S. 666.
11 MacFarquhar (1960): S. 9.
12 Horvath-Paloczi, Georg (1962): Der Herr der blauen Ameisen Mao Tse - tung. Frankfurt:
Scheffler, S. 304.
13 Chang, Jung (2005): Mao: das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes.
München: Blessing, S. 545.
14 MacFarquhar (1960): S. 9.
15 Staiger, Friedrich, und Schuette, “Hundert-Blumen-Bewegung,” S. 320.
5
Literatur seit langem gut dokumentiert. 16 Mittlerweile haben sich schon mehrere chinesische und internationale Wissenschaftler mit der Hundert-Blumen-Bewegung auseinandergesetzt: Englischsprachige Bücher, die sich auch genauer mit den Kritiken der Intellektuellen beschäftigen sind vor allem Thought Reform of the Chinese Intellectuals (1983) von Theodore Chen und Frederick C. Teiwes‘ Politics & Purges in China: Rectification and the Decline of Party Norms, 1950-1965 von 1993. Unter den chinesischen Autoren wäre Zhu Zheng mit seinem Buch 1957 nian de xiaji: Cong bai jia zhengming dao liang jia zhengming (1998) zu nennen. Besonders hervorzuheben ist das Buch The Hundred Flowers Campaign and the Chinese Intellectuals von Roderick MacFarquhar, welches die wichtigste Grundlage für diese Arbeit bildet. MacFarquhar hat in seinem Buch ausgesuchte Kritiken der Hundert-Blumen-Periode gesammelt und nach 16 verschiedenen chinesischen
Bevölkerungsgruppen geordnet. Das Buch ist 1960 entstanden, so dass es auch als wertvolles Zeitdokument angesehen werden kann. Praktisch alle in seiner Monografie aufgenommenen Kritiken hat MacFarquhar von der chinesischen Presse übernommen. 17 Es handelt sich bei dem gesammelten Material überwiegend um offizielle Dokumente; die meisten der Berichte stammen aus der kommunistischen Parteizeitung People’s Daily oder aus der staatlichen New China News Agency. 18 MacFarquhar hat in seinem Buch nur die Kritiken aufgenommen, die er als besonders repräsentativ empfand, aber auch besonders harte oder detaillierte Aussagen. 19 Insofern kann das in dieser Arbeit angestrebte Ziel, die hervorgebrachten Argumente der Hundert-Blumen-Bewegung zu systematisieren, nur eine Annäherung, ein Versuch bleiben. Das Material in MacFarquhars Buch kann getrennt werden in Kritiken, die vor dem 08. Juni 1956 gedruckt wurden und den originalen Wortlaut
16 Ebd.
17 MacFarquhar geht davon aus, dass mit größter Wahrscheinlichkeit keine
ausländischen Journalisten in den Foren anwesend waren, in denen die Kritiken geäußert wurden. Siehe MacFarquhar (1960): S. ix.
18 Ebd.
19 Ebd.: S. x.
6
der Kritiker enthalten und in die Aussagen, die nach dem 08. Juni von den Journalisten nur noch mit verurteilenden Kommentaren zitiert werden. Dies war der Tag, an dem die People’s Daily die Gegenattacke initiierte und die „Bewegung gegen Konterrevolutionäre“ begann. 20 Es ist freilich möglich, dass einige der zitierten Aussagen in den Mund gelegte, übertriebene oder verzerrte Zitate enthalten könnten. Es ist zumindest auffällig, dass viele dieser Äußerungen direkter bzw. stärker ausfallen als die zum Vergleich existierenden „echten“ Aufzeichnungen der Zeit vor dem 08.Juni.
2.2 Vorgehensweise
Wie bereits erwähnt, ordnet MacFarquar in seinem Buch ausgewählte Kritiken nach 16 chinesischen Bevölkerungsgruppen: Repräsentiert werden die Foren führender Nichtkommunisten, die Presse, Universitätsprofessoren, Juristen, Wirtschaftswissenschaftler, Schullehrer, Ärzte, Studenten, Schriftsteller und Künstler, Geschäftsleute, Beamte, Demokratische Parteien, Bauern, Arbeiter, Religiöse Gruppen, und nationalen Minderheiten.
In dieser Arbeit benutze ich MacFarquhars Buch, um die wichtigsten Kritikpunkte der Chinesen während der Hundert-Blumen-Periode herauszuarbeiten. Ich beziehe dabei auch die Aufzeichnungen, die nach dem 08. Juni 1957 zitiert wurden, mit ein. Von den Hauptthematiken abweichende Aussagen ordne ich unter dem Stichwort ‚Sonstige‘ ein. Die Hauptkritikpunkte selber stelle ich anschließend für jede
Bevölkerungsgruppe in Diagrammen dar. Ein weiteres Diagramm enthält die von allen Gruppen am häufigsten genannten Kritikpunkte mit dem prozentualen Anteil aller Kritiken.
Ziel dieser Arbeit ist es, MacFarquhars Kritiksammlung der Hundert-Blumen-Bewegung zu systematisieren. Hierfür stelle ich die Hauptkritikpunkte mit ausgesuchten Beispielen dar. Anschließend prüfe
20 Ebd.: S. ix.
7
ich anhand der tatsächlichen geschichtlichen Ereignisse in Ansätzen, ob diese Kritiken berechtigt waren und berücksichtige dabei bei vielen Punkten auch den Standpunkt der kommunistischen Führung.
Es folgt eine Tabelle mit dem Anteil der Bevölkerungsgruppen an der geäußerten Kritik und danach das finale Diagramm mit den wichtigsten Kritikpunkten in MacFarquhars Buch.
Tabelle 1: Anteil der Bevölkerungsgruppen an der geäußerten Kritik
(Jeder Kritikpunkt wurde gezählt)
8
Diagramm 1: Hauptkritikpunkte (eigene Darstellung nach Auszählung
meiner Strichliste aller geäußerten Argumente in MacFarquhars Buch)
9
3. Übersicht der geäußerten Kritik
Wie Tabelle 1 zeigt, sind vor allem die Kritiken der Arbeiter, der nationalen Minderheiten, der Wirtschaftswissenschaftler und Juristen in MacFarquhars Buch unterrepräsentiert. Möglicherweise wollte
MacFarquhar sich in seiner Quellensammlung auf die Intellektuellen konzentrieren - vor allem auf die im Buch am häufigsten vertretenen Universitätsprofessoren, Studenten, demokratischen Parteien und Schriftsteller und Künstler. Dafür spricht auch der Titel seines Buches: The Hundred Flowers Campaign and the Chinese Intellectuals. Denkbar wäre auch, dass MacFarquhar zu den unterrepräsentierten Volksgruppen nicht mehr Material finden konnte. So machten beispielsweise gemäß MacFarquhar die nationalen Minderheiten nur 6 Prozent der chinesischen Bevölkerung aus (Zensus 1953), womit man möglicherweise die niedrige Anzahl ihrer Kritikpunkte erklären kann. Die niedrige Repräsentanz der Kritiken der Arbeiter könnte möglicherweise damit begründet werden, dass laut MacFarquhar zur Zeit der Hundert-Blumen-Bewegung nur wenige chinesische Gewerkschaften gestreikt oder Gesuche bei der chinesischen Regierung eingelegt hätten. 21 Zudem wäre es laut ihm unwahrscheinlich gewesen, dass die Arbeiter einen Hass auf die Regierung entwickelt hätten. 22
Diagramm 1 stellt die herausgearbeiteten Hauptkritikpunkte in MacFarquhars Buch dar. Diese werden im Folgenden besprochen.
3.1 Monopolstellung der Partei/Unterdrückung
Repräsentanten sämtlicher Bevölkerungsgruppen sprechen sich in mehr oder minder harter Weise gegen die kommunistische Partei, bzw. ihre Mitglieder aus; insgesamt 20% aller Kritikpunkte in McFarquhars Buch
21 Ebd.: S. 241.
22 Ebd.: S. 242.
10
Arbeit zitieren:
Janina Sieslack, 2009, „Blooming and Contending“: Die Kritiken der Chinesen in der Hundert-Blumen-Bewegung , München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Die Hundert Blumen Bewegung, der Große Sprung und seine Folgen, China ...
Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China
Hausarbeit, 18 Seiten
Opiumkriege und Taiping-Aufstand
Entstehung des außenpolitische...
Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China
Seminararbeit, 22 Seiten
Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China: „Blooming and Contending“: Die Kritiken der Chinesen in der Hundert-Blumen-Bewegung ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China: neuer Titel erschienen: „Blooming and Contending“: Die Kritiken der Chinesen in der Hundert-Blumen-Bewegung
Janina Sieslack hat einen neuen Text hochgeladen
Mao Zedong and China's Revolution & Nietzsche and the Death of God
Timothy Cheek, Friedrich Wilhelm Nietzsche, Peter Fritzsche
Mao Zedong and China in the Twentieth-Century World: A Concise History
Rebecca E. Karl, Rey Chow, Michael Dutton
0 Kommentare