Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung Seite 3
2. Geschichte und Ursprünge polnischer Familienpolitik Seite 5
2.1. Gesellschaftliche Verhältnisse im Polen bis zu den Teilungen Seite 5
2.2. Polnische Familienpolitik zwischen den Weltkriegen Seite 6
2.3. Sozialistische Familienpolitik in der Volksrepublik Polen Seite 7
2.4. Familienpolitik im postkommunistischen Polen der 1990er Seite 9
3. Familienpolitische Teilaspekte Seite 12
3.1. Die Stellung der Frau in der polnischen Gesellschaft Seite 12
3.2. Demografischer Wandel Seite 13
3.3. Familienpolitische Auffassungen polnischer Parteien Seite 14
4. Aktuelle Situation Seite 16
4.1. Gegenwärtige Probleme und Herausforderungen Seite 16
4.2. Maßnahmen der Familienpolitik im Detail Seite 17
5. Schlussbetrachtung Seite 20
6. Literaturverzeichnis Seite 22
2
1. Einleitung
In der sozialpolitischen Theorie spielen besonders West- und Nordeuropa eine wichtige Rolle. Innerhalb des Teilbereiches der Familienpolitik lässt sich in der verfügbaren Literatur zudem eine starke Präsenz von Staaten, wie Frankreich, Deutschland oder Schweden feststellen (vgl. Dienel 2002, 25f.). Die Entwicklung und Situation der Familienpolitik in Mittel- und Osteuropa wird hingegen nur selten betrachtet oder verallgemeinert dargestellt (vgl. Szikra/Szelewa 2009, 85).
Einerseits kann dieser Zustand auf die jahrzehntelange geopolitische Spaltung Europas zurückgeführt werden. Andererseits gelten in der Öffentlichkeit Staaten, wie Polen, Ungarn oder Rumänien aufgrund ihrer sozialistischen Vergangenheit nicht als Vorreiter moderner Wohlfahrtsstaatlichkeit. Die Wurzeln ihrer Familienpolitik werden folglich im Sozialismus vermutet. Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass sich diese Staaten seit dem Fall des Eisernen Vorhangs gegen Ende der 1980er Jahre hauptsächlich an westlichen Theorien orientieren (vgl. Szikra/Szelewa 2009, 85). Den Strukturen und Entwicklungen dieser Staaten wird somit in der familienpolitischen Literatur meist nur eine Nebenrolle zugesprochen (vgl. Fux 2008, 149-169). Doch mehr als zwei Jahrzehnte nach der politischen Wende haben diese Staaten in vielerlei Hinsicht den Westen eingeholt und stehen nun vor neuen Herausforderungen (vgl. Franzen et al. 2005, 187f.). Der demografische Wandel, die Familienplanung oder die Rolle der Frau spielen dabei in vereinzelten Staaten des ehemaligen Ostblocks eine identische Rolle, wie im Westen (vgl. Jäger-Dabek 2003, 173-181).
In der vorliegenden Seminararbeit soll daher am Beispiel Polens die Familienpolitik in postkommunistischen Staaten beleuchtet werden. Dabei stellen sich die Fragen, ob Polens Familienpolitik mit der eines westlichen Staates vergleichbar ist, wo ihre Wurzeln liegen oder auf welchen Theorien sie aufbaut, in welcher Lage sich das Land aus familienpolitischer Sicht befindet und ob ihr geringer Stellenwert in der Literatur gerechtfertigt ist. Um dies zu beantworten, soll in Kapitel 2 ein Blick auf die familienpolitische Geschichte Polens geworfen werden. In Kapitel 3 und 4 folgt schließlich eine Analyse der polnischen Familienpolitik, in der die Rolle der Frau und der Gesellschaft im demografischen Wandel aufgezeigt sowie gegenwärtige Ziele und Maßnahmen aufgezeigt
3
werden sollen. Abgeschlossen wird die Seminararbeit von einer Schlussbetrachtung. Der explizite Blick auf Polen bietet sich an, da die zahlreichen Staaten des ehemaligen Ostblocks nach zwei Jahrzehnten Demokratie und Marktwirtschaft mittlerweile unterschiedliche Wege gehen und ihre ausführliche Untersuchung zu umfangreich werden würde (vgl. Franzen et al. 2005, 88f.). Polen stellt als bevölkerungs- und einflussreichster Vertreter unter den neuen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, einen Akteur dar, der im Vergleich zum Westen und vor allem zu Deutschland in Zukunft eine größere Rolle spielen dürfte (vgl. Ziemer 2009, 87f.). Die Vorreiterrolle Polens während der politischen Wende, die reibungslos durchgeführten Wirtschaftsreformen und die allgemein friedliche Transformation des Landes in einen demokratischen Staat westlicher Prägung sind dabei besonders ausschlaggebend (vgl. Holzer 2007, 85f.). Wie erwähnt, steht die Forschung der Sozialpolitik Polens innerhalb der deutschsprachigen Literatur erst am Anfang. Insbesondere der Teilbereich der Familienpolitik findet wenig Beachtung. Auch in vermeintlichen Standartwerken, wie „Arbeits- und Sozialpolitik in Polen“ (2008) oder „Länderbericht Polen“ (2009) sind nur wenig exakte familienpolitische Daten zu finden. Zurückgegriffen werden muss daher auch aus Gründen der Aktualität teils auf polnischsprachige Studien und Dokumente staatlicher oder sozialpolitisch orientierter Einrichtungen und Behörden.
4
2. Geschichte und Ursprünge polnischer Familienpolitik
2.1. Gesellschaftliche Verhältnisse im Polen bis zu den Teilungen
Dem Königreich Polen gelang bereits 1569 die Transformation zu einer parlamentarischen Monarchie und im Laufe der Zeit entwickelte es sich zu einer de facto Republik mit einem starken Parlament und einem schwachen König, der von einer Vollversammlung, bestehend aus schätzungsweise 10 bis 12 % der Bevölkerung, gewählt wurde (vgl. Davies 2006, 268f.). Wie überall in Europa, spielte allerdings auch in Polen eine gezielte Familienpolitik lange Zeit keine Rolle und kam als Teilbereich der Sozialpolitik erst Ende des 18. Jahrhunderts auf, als sie die sogenannte Bevölkerungspolitik ersetzte (vgl. Dienel 2002, 25). Da die im Parlament vertretenen adligen Bürger „Verfechter der persönlichen Freiheit“ (Davies 2006, 268f.) waren, blieben Erziehung oder Familienplanung private Anliegen. In der Regel war es die Frau in der Familie, die sich um den Nachwuchs kümmerte, wie es auch innerhalb der verarmten Landbevölkerung der Fall war, die teilweise in Leibeigenschaft zum Adel stand (vgl. Davies 2006, 269). Organisierte Kinderbetreuung fand nur auf unterster Ebene statt (vgl. Szikra/Szelewa 2009, 98). Die vom Staat betriebene Bevölkerungspolitik im weitläufigen, jedoch dünn besiedelten Polen zielte lediglich darauf ab, Siedler aus Westeuropa ins Land zu holen. Diese waren meist protestantischen Glaubens, Polen zudem Heimat von Millionen von Juden und im östlichen Teil seines Gebietes vorwiegend von einer orthodoxen oder teils muslimischen Bevölkerung besiedelt (vgl. Davies 2006, 272f.). Nur etwa die Hälfte der Bevölkerung war katholisch, der Einfluss des Klerus daher begrenzt, zumal es eine verankerte Glaubensfreiheit gab (vgl. Storozynski 2009, 134f.). Erst 1791 wurde in der ersten modernen geschriebenen Verfassung Polens, und damit der ersten Europas, eine Kommission für Erziehung und Bildung unter Mitwirkung Geistlicher und die juristische Stellung des Kindes festgelegt (vgl. Grześkowiak-Krwawicz 1991, 103f.). Polens Entwicklung wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts verstärkt durch militärische Konflikte gestört. Das Land litt unter den Folgen der Nordischen Kriege und wodurch schließlich die innere Ordnung ins Wanken kam. Nach zwei Jahrzehnten Krieg und politischer Intrigen nutzten 1795 die drei autokratischen Nachbarstaaten Preußen, Russland
5
und Österreich die prekäre Lage des liberalen Staates, den man als zweites revolutionäres Frankreich betrachtete, um es unter einander aufzuteilen. Ab da stand die polnische Bevölkerung unter dem Einfluss einer antipolnischen Politik. Als einer der Gegenpole dazu wirkte nun für die folgenden 123 Jahre die katholische Kirche, die sich zu einem wichtigen Akteur bei der Familienpolitik entwickeln sollte (vgl. Fuhrmann 1990, 134f.). Die eigentliche Erziehung lag weiterhin in der Verantwortung der Frauen, die eine starke Rolle bei den Aufständen gegen die Teilungsmächte spielten und bei der Erhaltung der polnischen Kultur und Sprache tonangebend waren, somit Entscheidendes gegen die Depolonisierung leisteten (vgl. Kemlein/Walczewska 2004, 49-52). Das oberste Ziel polnischer Erziehung war daher die Stärkung der polnischen Identität (vgl. Davies 2006, 159).
2.2. Polnische Familienpolitik zwischen den Weltkriegen
Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit nach Ende des Ersten Weltkrieges 1918 musste von Grund auf ein neuer Staat geschaffen werden (vgl. Auleytner 2004, 64f.). Die Entwicklungsunterschiede in den drei ehemaligen Teilungsgebieten und das noch schwache Staatswesen erlaubten keine gezielte Familienpolitik (vgl. Szikra/Szelewa 2009, 98). Der Staat konzentrierte sich vornehmlich auf die Bildungspolitik, dank der immerhin fast die gesamte Bevölkerung vom Analphabetismus befreit wurde (vgl. Gorzewski/Reschka 1982, 176f.). Eine führende Rolle in der Kinderbetreuung spielte nun noch stärker die Kirche, obgleich die neue Republik Polen keinen homogenen Staat darstellte und nur 68,1 % der Bevölkerung Katholiken waren (vgl. BPB 2009, 18). Der Klerus übernahm den Aufbau von Einrichtungen und Stiftungen, die sich um hilfsbedürftige Familien und Kinder kümmerten und forcierte die Etablierung von Ehe und Familie als gesellschaftliche Institutionen (vgl. Auleytner 2004, 74f.). Die Einflussnahme der Kirche bei familienpolitischen Fragen, und ihre durch die Jahrzehnte gewachsene Stellung, spielte daher für den Kurs der Familienpolitik zwischen den Weltkriegen eine wichtige Rolle. Transferleistungen seitens des Staates gab es keine (vgl. Szikra/Szelewa 2009, 98). Ein großes Problem der damaligen Zeit stellte die große Zahl an Waisenkin-
6
dern dar (vgl. Auleytner 2004, 10f.). Auch hier lieferte die Lösung nicht der Staat, sondern einzelne Personen, wie der Pädagoge Janusz Korczak 1 . Er setzte sich politisch für die Rechte von Kindern ein, um unter anderem die gängige körperliche Züchtigung aus öffentlichen Einrichtungen zu verbannen und errichtete landesweit Waisenhäuser (vgl. Luterek 1999, 74f.). 1921 wurde schließlich eine neue Verfassung verabschiedet. Sie sah ein Verbot von Kinderarbeit, kostenfreie Erziehungseinrichtungen, freie Selbstbestimmung, Gleichheit in der Familie und eine Sozialversicherung vor (vgl. Górski 2007, 76f.). Dieser stark „christlich-konservativ geprägten Familienpolitik“ (Auleytner 2004, 77) wurde durch den Zweiten Weltkrieg 1939 allerdings ein Ende gesetzt (vgl. Gorzewski/Reschka 2009, 116f.).
2.3. Sozialistische Familienpolitik in der Volksrepublik Polen
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und der Machtergreifung der Kommunisten im vom Krieg zerstörten Polen (vgl. Davies 2006, 4f.), kam es 1947 zu erheblichen Veränderungen in der Familienpolitik unter dem Einfluss des Stalinismus (vgl. Kupisiewicz 1990, 186-197). Gleichzeitig mussten flächendeckend neue Betreuungsmöglichkeiten und Unterkünfte für Millionen Familien geschaffen werden, die ins Land zurückgekehrt oder durch die Westverschiebung Polens auf der Flucht waren. 1948 führte man erstmals das Kindergeld ein (vgl. Szikra/Szelewa 2009, 99). Der Plan, den Nachwuchs zu sozialistischen Persönlichkeiten zu erziehen, ließ der polnischen Familienpolitik somit das erste Mal eine besondere Rolle zukommen (vgl. Lee 1999, 97). Die stark zentralisierte Familienpolitik folgte dem sowjetischen Muster und war innerhalb der Sozialpolitik des jungen Satellitenstaates der ausgewogenste Teilbereich mit einem einheitlichen Zugutekommen für alle Familien (vgl. Heinrich et al. 1996, 13). Die familienpolitische Rolle der Kirche, wie sie noch vor 1939 bestanden hatte, fiel weg. So wurden katholische Jugendverbände verboten, kirchliche Einrichtungen verstaatlicht und der Religionsunterricht abgeschafft (vgl. Fuhrmann 1990, 135). Die Rolle der Frau im Sozialismus unterschied sich allerdings zu Anfang kaum von der, die ihr konservati- 1Geboren als Henryk Goldszmit (1879-1942), polnisch-jüdischer Pädagoge.
7
Arbeit zitieren:
Christoph Kotowski, 2010, Familienpolitik in postkommunistischen Staaten am Beispiel Polens, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Lebensweltorientierte Soziale Arbeit - Ein wissenschaftliches Praxisko...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Hausarbeit, 18 Seiten
Sozialraumorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe.
Fachlicher Ansatz oder politis...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 31 Seiten
Jugendkriminalität - Interventionsformen der Sozialen Arbeit bei jugen...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Bachelorarbeit, 101 Seiten
Neue ambulante Maßnahmen nach dem Jugendgerichtsgesetz im Zeichen des ...
Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug
Seminararbeit, 29 Seiten
Coaching in der Personalentwicklung
Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung
Hausarbeit, 18 Seiten
Die Funktionsweise und Effektivität von Coaching als Personalentwicklu...
BWL - Personal und Organisation
Seminararbeit, 34 Seiten
Sozialmanagement--Coaching als sinnvolles Handlungsinstrument für die ...
Pflegemanagement / Sozialmanagement
Hausarbeit, 15 Seiten
Der Bildungsbegriff des Neuhumanismus: Wilhelm von Humboldt
Hausarbeit, 26 Seiten
Politik - Sonstige Themen: Familienpolitik in postkommunistischen Staaten am Beispiel Polens ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Deutsche Auswanderer in den Vereinigten Staaten von Amerika, am Beispi...
The History of Wilmington, a S...
Jens Bodamer
Ludwig XIV. - Erziehung, Bildung, Inszenierung
Auswirkungen der Erziehung und...
Nina Hellwig
Frühe Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern mit Behinderung
Eine Untersuchung integrativer...
Maria Kron, Birgit Papke
Die Geste in Erziehung, Bildung und Sozialisation
Ethnographische Feldstudien
Christoph Wulf, Kathrin Audehm, Gerald Blaschke, Nino Ferrin, Ingrid Kellermann, Ruprecht Mattig
Demografischer Wandel in Japan und Deutschland
Bevölkerungspolitischer Paradi...
Holger Rockmann
Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat
Leviathan. Sonderheft 22/2003
Dietrich Thränhardt, Uwe Hunger
0 Kommentare