Kinderkuren als Beitrag zur Gesundheitshilfe
Die Kinderheilanstalt Bethesda in Bad Salzuflen
1875 - 1970
Inhaltsverzeichnis
Gr ündung einer Kinderheilanstalt in Bad Salzuflen 2
Die ersten Kurkinder 4
Kuralltag. 8
Entwicklung und Erweiterung. 9
Konflikte im „Dritten Reich“ 11
Neuer Aufschwung in der Nachkriegszeit 13
Krise und Neuorientierung. 14
Von der Kinderheilanstalt zum Altenzentrum 17
Gr ündung einer Kinderheilanstalt in Bad Salzuflen
„Die erfreuliche Erfahrung, dass eine große Anzahl von Kindern, welche mit Skrofeln und
ähnlichen Übeln behaftet waren, in Solbädern geheilt worden sind, hat im Jahre 1875 zur
Bildung eines Vereins geführt, der es sich zur Aufgabe macht, im Solbade Salzuflen diese
Wohltat auch Kindern unbemittelter Leute zu verschaffen.“ 1
So wurde in den ersten Satzungen der Kinderheilanstalt Bethesda die Gründungsgeschichte
dieser diakonischen Einrichtung kurz umrissen. Die Gründung von Bethesda in der zweiten
H älfte des 19. Jahrhunderts fiel in eine Zeit, in der die Bäderheilkunde einen Aufschwung
erlebte , und von einer reinen Erfahrungsheilkunde zu einem Bestandteil der
wissenschaftlichen Medizin wurde. Bereits im 18. Jahrhundert hatte der englische Arzt
Richard Russel in seiner Doktorarbeit eine gesundheitsfördernde Wirkung des Meerwassers
bei Drüsen- und Hauterkrankungen beschrieben. Die ersten englischen Seebäder, Brighton
und Margate, entstanden 1751, deutsche Seebäder an der Ost- und Nordsee folgten Ende des
18. Jahrhunderts. 2 Nach der Jahrhundertwende wurden zahlreiche Orte, die über Heilquellen
verfügten, zu Kur- und Badeorten. Wie auch andere Heilbehandlungen, Therapien und
Medikamente kamen die Badekuren fast ausschließlich den Oberschichten zugute, bei denen
1 Statuten der Kinderheilanstalt Salzuflen vom 10. Juli 1903, Archiv des Evangelischen Johanneswerkes e.V.
(AJW)
2 Vgl. Hundhausen, E., 65 Jahre medizin-klimatologische Forschung auf Sylt, o.D.
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bekannte Badeorte auch aus gesellschaftlichen Gründen beliebt wurden. So wurde die Gründung von Kinderheilstätten ein diakonisches Anliegen, um einen Beitrag zur Gesundheit der Kinder in den unteren Schichten zu leisten.
Bei der Gründung von Bethesda spielte sowohl das soziale Engagement des christlich orientierten, wohlhabenden Bürgertums eine Rolle, als auch die noch junge Innere Mission, deren Anhänger ebenfalls überwiegend aus bürgerlichen Schichten kamen. In zeitgenössischen Quellen wird berichtet, dass um 1870 eine „fromme, christlich gesinnte“ Dame aus Hannover mit Kindern aus ihrer Verwandtschaft im westfälischen Rothenfelde gewesen war und dort beobachtet hatte, dass das Solebad den Gesundheitszustand der Kinder außerordentlich günstig beeinflusste. Beeindruckt von diesem Erlebnis fuhr sie ein zweites Mal in den Kurort, diesmal mit erholungsbedürftigen und geschwächten Kindern aus „ärmeren Ständen“. Schließlich mietete sie in Rothenfelde ein Haus und richtete ein kleines Kinderkurheim ein. Kurz darauf veröffentlichte ein Rentner namens Schüttler, ebenfalls aus Hannover, eine Broschüre, in der er auf dieses Unternehmen hinwies und zur Gründung einer weiteren Anstalt, die den Kindern aus weniger bemittelten Familien zugute kommen sollte, aufrief. Schüttler hatte seine eigenen Kinder verloren und engagierte sich nun für eine bessere Pflege und Versorgung der Kinder aus den Unterschichten. Der Verein für Innere Mission in Westfalen und Lippe griff die Initiative auf. Ein Vereinsmitglied, der Detmolder Konsistorialrat Thelemann, wandte sich an Pastor Werner Theopold, damals Gemeindepfarrer in Salzuflen, und konnte ihn dazu bewegen, sich vor Ort für die Gründung einer Kinderheilanstalt einzusetzen.
Theopold nahm Kontakt zu dem Salzufler Bürgermeister Christian Krecke auf und rief 1875 mit diesem und einigen anderen Bürgern Salzuflens den in der Satzung genannten Verein ins Leben. Um das Unternehmen auf eine tragfähige Basis zu stellen, wurden in den Vereinsvorstand Angehörige ganz unterschiedlicher Berufsgruppen gewählt. Neben dem Vorsitzenden Pastor Theopold und dem Bürgermeister Krecke gehörten drei Kaufleute und zwei Mediziner dazu. So konnten die wirtschaftliche und die fachliche Seite des Projektes „Kinderheilanstalt“ ausreichend berücksichtigt werden. Die ersten Kinderkuren fanden in einem gemieteten Haus statt; es war jedoch von Anfang an der Bau eines größeren Hauses geplant.
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Die fürstliche Badeverwaltung begrüßte das neue Unternehmen. Salzuflen war damals noch ein kleines, wenig bekanntes Bad mit rund 2.500 Einwohnern und einigen Badehäusern, so dass Zuwachs willkommen war: „Jedes Kind, das geheilt in die Heimat zurückkehrt, ist ein Empfehlungsbrief für Salzuflen.“ 3 1876 stellte die Stadt einen Bauplatz zur Verfügung und die Kinderheilanstalt Bethesda mit zunächst 50 Betten konnte gebaut werden. In der Urkunde zur Grundsteinlegung wurde ausführlich begründet, warum das neue Haus gerade in Salzuflen entstand: „Man entschied sich für unsere Stadt, weil Salzuflen eine der heilkräftigsten Quellen in ganz Westfalen hat. Dann aber entschied man sich vorzüglich für unsere Stadt, weil hier bei uns noch kein Luxusbad ist, sondern hierher meist nur Kranke kommen, die wirklich Heilung suchen, und ferner, weil unsere Stadt den Ruhm hat, dass in ihr noch ein treuer Bürgerstand vertreten, von dem man erwartete, dass er die junge wohltätige Anstalt in jeder Weise unterstützen werde.“ 4 Die Investition lohnte sich für die Stadt. Um die Jahrhundertwende schrieb der Badearzt Dr. Gottschalk, das Solbad Salzuflen sei bis vor wenigen Jahren nur in seiner näheren Umgebung und höchstens durch seine Kinderheilanstalt, die zu den größten im Deutschen Reich zähle, bekannt gewesen. 5 Noch in den 1950er Jahren hieß es im „Westfalenspiegel“, in Bad Salzuflen könne man stolz darauf sein, dass von den vielen Kindern, die dort betreut worden seien, ein nicht geringer Prozentsatz als Kurgäste treu blieben bis in das hohe Alter. 6
Die ersten Kurkinder
Das Projekt „Kinderheilanstalt“ hatte einen guten Start in Salzuflen. In dem anfangs gemieteten kleinen Haus wurden 15 Betten aufgestellt, um in drei aufeinanderfolgenden Sommerkuren insgesamt 45 Kinder aufnehmen zu können. Die Nachfrage war jedoch so groß, dass pro Kur mehr als 20 Kinder aufgenommen wurden, und eine alte Futterbühne zur Einrichtung weiterer Schlafstellen genutzt wurde. Auch die Heilerfolge waren gut. Der Arzt, der die Kinder betreute, berichtete nach Ablauf der ersten Kurzeit, dass ein Vater nach Beendigung einer Kur seine eigenen Kinder unter der Schar der anderen nicht wiedererkannte, so sehr hatte die Erholungszeit den Zustand der Kinder verändert: „Er hatte sie (die Kinder, B.T.) seit Jahren nicht anders als mit verbundenen Augen gesehen, und nun schauten sie ihn
3 Festschrift zur Feier des 50-jährigen Bestehens der Kinderheilanstalt Bad Salzuflen, Bad Salzuflen 1925,
Stadtarchiv Bad Salzuflen.
4 Urkunde zur Grundsteinlegung der Kinderheilanstalt Bethesda, 1876, Lippische Landesbibliothek Detmold.
5 Dr. Gottschalk, Das fürstlich Lippische Soolbad Salzuflen in seiner medizinischen Bedeutung, Bielefeld 1898.
6 Karst, Christian, Kinderheilbäder in Westfalen, in: Westfalenspiegel 6/1953, S. 19-21.
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so frei an, sie waren allerdings auch rein gewaschen, und die Haare waren ihnen abgeschnitten, auch hatte man sie in reine Kleider gesteckt, welche der Schwester von einer Freundin der Anstalt geschenkt waren“ 7 . Die finanzielle Basis war ebenfalls gesichert; die Einnahmen, die zum überwiegenden Teil aus Spenden bestanden, überstiegen die Ausgaben um rund 400 Mark.
Die Kinderkuren in Bethesda dauerten vier Wochen und fanden nach wenigen Jahren im Sommer und im Winter statt, so dass das 1876 für ca. 50 Kinder neu erbaute Haus ganzjährig geöffnet war. Die Leitung des Kinderkurheims hatten Schwestern des
Diakonissenmutterhauses Sarepta übernommen. Da Bethesda mit der Zielsetzung gegründet worden war, vor allem Kinder aus den Unterschichten aufzunehmen, richteten sich die Kosten für eine Kur nach den Vermögensverhältnissen der Eltern. Während wohlhabende Eltern zwischen 60 und 90 Mark für einen Kuraufenthalt ihres Kindes zahlen mussten, lag der „Normalpreis“ bei 30 Mark und konnte in besonderen Fällen auf 10 bis 20 Mark ermäßigt werden. Außer der Verpflegung waren in diesem Betrag die Bäder und Arzneien enthalten, für arme Kinder auch Kleidung und Wäsche für die Dauer der Kur. Stiftungen ermöglichten die Gewährung von F reikuren für Kinder, für die keinerlei Geldmittel aufgebracht werden konnten. 8 Die Vaterländischen Frauenvereine 9 unterstützten Bethesda mit Sachspenden wie Möbeln, Gardinen, Lampen, Bildern, Bett- und Tischdecken.
Die häufigsten Krankheitsbilder, mit denen die 4 - bis 14-jährigen Kinder nach Bethesda kamen, waren Skrofulose, Blutarmut und sogenannte Bleichsucht. Vor allem die Skrofulose war bei Kindern weit verbreitet. Bei dieser Erkrankung, die in der modernen Medizin nicht mehr vorkommt, handelte es sich um eine komplexe Symptomatik bei Kindern, deren Immunsystem gestört war und die damit in ihrer Entwicklung beeinträchtigt waren. Unter ihnen waren wahrscheinlich viele, die gleichzeitig an Tuberkulose litten. Die skrofulösen Erscheinungen äußerten sich d urch Augenentzündungen, chronischen Schnupfen,
Lymphknotenschwellungen und Hautausschlag. Für das Jahr 1880 ist eine Statistik erhalten, in der als häufigste Erkrankungen der Kurkinder allgemeine Skrofeln und Drüsenskrofeln, Augenleiden, Knochenentzündungen, Gelenkleiden, Blutarmut und Ausschlagsformen
7 Festschrift 1925, a.a.O.
8 Festschrift 1925, a.a.O.
9 Im Deutschen Kaiserreich gab es die mitgliederstarken Vaterländischen Frauenvereine seit 1866. In
Kriegszeiten pflegten ihre Mitglieder Verwundete, nähten und kochten für das Heer; in Friedenszeiten
unterstützten die Frauen soziale Vereine und Einrichtungen.
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Arbeit zitieren:
Bärbel Thau, 2003, Kinderkuren als Beitrag zur Gesundheitshilfe. Die Kinderheilanstalt Bethesda in Bad Salzuflen 1875-1970, München, GRIN Verlag GmbH
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