Blair Witch Project Was kostet die Angst?
60.000 Dollar.
Und die Schlauheit, sich alte, aber wohl kaum als überholt zu bezeichnende Kenntnisse über das Unheimliche, wie sie die Literatur schon seit Jahrhunderten zur Angsterzeugung heranzieht, doppelt zu Nutze zu machen, indem sie mit neuen Methoden bzw. Medien kombiniert, in ihrer Wirksamkeit vervielfacht werden.
Auch eine gewisse Portion Mut gehört dazu, unbekannte Jungschauspieler ohne konkretes Drehbuch, mit Handkameras bepackt, für acht Tage in die Wälder zu schicken, wo sie unter knapper werdenden Essensrationen und dem Schabernack des Regieteams leidend, einen Film drehen sollen.
Schlussendlich sehen wir nichts, hören wenig und spüren trotzdem all das im Übermaß, was von einem Horrorfilm im Normalfall erwartet wird: Angstgefühle der unheimlichen Sorte. Mit welchen alten und neuen Mitteln ein Low Budget Filmprojekt dieses hochgesteckte Ziel erreichen konnte, versuche ich in nachfolgender Arbeit zu erläutern, wie es mir ebenso ein Anliegen ist, einen gesellschaftspolitischen Konnex zur im Film behandelten Gegenwart herzustellen.
Die unheimliche Ungewissheit
Im Oktober 1994 verschwanden drei Studenten in den Wäldern von Burkittsville, Maryland, beim Dreh eines Dokumentarfilms. Ein Jahr später wurden ihre Filmaufnahmen gefunden. 1
Bereits die Einblendung am Anfang des Films zeigt die Hauptmasche desselben auf, den alten Trick, die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit verschwimmen zu lassen, auf welchen schon Sigmund Freud in seinem Essay Das Unheimliche von 1919 einging. 2 Mit Hilfe der neuen Medien, insbesondere des Internets, hatten die Regisseure es noch um einiges leichter, ihrer Story Echtheitscharakter zu verleihen. Schon zehn Monate vor der Kinopremiere von Blair Witch Project wurde die eigens kreierte Legende der Blair-Hexe und das ebenso erfundene Drama um die drei Studenten verbreitet, welche beim Dreh einer Dokumentation über jene umgekommen sein sollen. Mit vermeintlichen Beweisen für die Realität des Geschehens wurde nicht gespart, es gibt eine Art Zeitstreifen auf der Blair Witch
1 Myrick, Daniel und Eduardo Sánchez. Blair Witch Project. DVD 78 min. Deutschland: Kinowelt
GmbH 2000 (USA: 1999). 00:30 00:41 min.
2 Vgl. Sigmund Freud: Das Unheimliche (1919). Aufsätze zur Literatur. Frankfurt/M.: Fischer 1963. S.
74.
2
Website 3 , der wichtige Geschehnisse im Ort Blair, dem späteren Burkittsville, von 1785 bis 1997 aufzählt: von einem alten Holzschnitt der Blair-Hexe, Elly Kedward, angefangen, über ein Bild des angeblich berühmten Werkes The Blair Witch Cult, das im Historical Society Museum in Baltimore gelegen haben soll etc. bis zu Fotos des aufgefundenen leeren Autos von Josh und den Filmrollen der Studenten. Somit wurde ganz klar schon vor Erscheinen des Films durch die Webpräsenz eine Art Kultmaschinerie in Gang gesetzt, die zumindest die erste Generation der Blair Witch-KinogängerInnen stark in Richtung Beurteilung des Films als echte Doku voreingenommen haben muss.
Doch selbst, wenn Blair Witch Project bewusst als fiktiver Spielfilm angesehen wird, büßt er wenig von eben schon erwähnter Unheimlichkeit ein. Von Beginn an wirkt alles, was gezeigt wird, alltäglich. Die Kamera wird ständig und oft viel zu lange auf Kleinigkeiten gehalten und was die ZuseherInnen vorgesetzt bekommen, ist, zumindest anfangs, fast ausnahmslos unspektakulär zu nennen: die Wohngegend der drei Protagonisten, enschein, DorfbewohnerInnen, Wald, ein Zelt etc.
Die Studenten sehen selbst auch völlig durchschnittlich, ein wenig 90er Jahre Grunge-Style- mäßigaus und agieren authentisch, was nicht zuletzt auf den größtenteils improvisierten Text der SchauspielerInnen und die ungewöhnlichen Umstände des Drehs zurückzuführen ist. 4 Der
vorhanden, wozu sicherlich die amateurhaften Filmaufnahmen mit Hand-Videokamera beitragen, die sich jede/r ZuschauerIn selbst zutrauen würde. Folglich ist die Reaktion auf die Pseudo-Doku mit jener auf potentielle eigene Erlebnisse zu vergleichen, und wenn wir uns schließlich begreifen lassen, dass alles erfunden und nicht echt war, ist der Film schon zu Ende und der Betrug der Regisseure an uns, der eigentlich mehr als eine vom Publikum gewollte Selbsttäuschung verstanden werden kann, vollbracht. Gewollt, da man/frau sich Horrorfilme doch zumeist mit der Hoffnung auf einen Gänsehauteffekt ansieht. Menschen sehnen sich scheinbar, ab und zu danach solch eine unheimliche Angst zu verspüren. Um ihnen diese zu bescheren, muss laut Freud eben gerade nicht mit Innovativem gearbeitet werden:
3 The Blair Witch Project. Official Movie Site. Mythology. http://www.blairwitch.com/. Zugriff:
15.08.2010.
4 Vgl. Anthony Kaufman: Season of the Witch. The 'Blair Witch' Directors On the Method to Their
Madness. http://www.villagevoice.com/1999-07-13/news/season-of-the-witch. 13. Juli 1999. Zugriff: 14.08.2010.
3
[...] Dies Unheimliche ist wirklich nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas dem Seelenleben von alters her Vertrautes, das ihm nur durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist. 5
Alte Urängste dieser Art, die latent durch alle Zeiten hindurch unter der dünnen Oberfläche unserer aufgeklärten Gesellschaft brodeln, werden in Blair Witch Project aufgegriffen. Als die stärkste und schwierigste menschliche Angst kann jene vor dem Tode angesehen werden, die sich aus beständiger intellektueller Unsicherheit nährt. Obwohl schon lange jede/r von der Unumgänglichkeit des leiblichen Sterbenmüssens weiß, gibt es heute wie ehemals keinen Raum in unserem Unbewusstsein für die Vorstellung der eigenen Sterblichkeit. Wie aufgeklärt unsere Gesellschaft diesbezüglich auch sein mag, sie ist es nicht in einem solchen Maße, dass viele bei der erstbesten Möglichkeit nicht sofort wieder bereit wären an Geister, Hexen und Co zu glauben. 6
Die drei Protagonisten, Heather, Josh und Mike, wirken keineswegs abergläubisch oder esoterisch. Schon die Tatsache, dass sie Studenten sind, hebt sie ein wenig von diesem Verdacht ab, da ein wissenschaftliches Herangehen an eine alte Legende angekündigt und auch erwartet wird. Zudem fallen nebenbei immer wieder Spötteleien über den Hexenmythos und ängstliche bzw. exzentrische DorfbewohnerInnen. Erst als die drei von der Dunkelheit überrascht werden und beschließen zu zelten, kommt der Verdacht auf, dass jetzt etwas passieren muss, da Nacht bekanntlich DIE Zeit von Horrorfilmen ist. Jene Fixierung aufs Visuelle bzw. die Lust am Schauen, welche automatisch dominiert, wenn Filme angesehen werden, erlangt hier aber keine Befriedigung, denn gezeigt wird wenig, außer tiefer schwarzer Nacht und ängstlichen Gesichtern. Die Reduktion des Sichtbaren geht mit einer Aufwertung war
DarstellerInnen wie ZuschauerInnen finden sich einer ungewohnten Hilflosigkeit, gewissermaßen Blindheit ausgesetzt, welche die sinnliche, ganzkörperliche Aufmerksamkeit enorm steigert. Verzweifelt wird von den Nachtlagernden versucht etwas zu sehen, zu filmen bzw. zu zeigen, doch nichts, allenfalls dezente Geräusche, die klingen, als würden Steine aneinandergeschlagen, bei sehr aufmerksam gespitzten Ohren kann auch tatsächlich soetwas wie Kindergeschrei herausgehört werden.
Unter Tags passiert nicht viel, außer dass der Orientierungsverlust immer offensichtlicher [...] Moment der unbeabsichtigten
Wiederholung, welches das sonst Harmlose unheimlich macht und uns die Idee des
5 Sigmund Freud: Das Unheimliche. S. 70.
6 Vgl. Ebd. S. 71/72.
4
Arbeit zitieren:
Sandra Folie, 2010, Angstgefühle im Horrorfilm "Blair Witch Project", München, GRIN Verlag GmbH
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