Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Der Name Brünhild 4
3. Die Verschmelzung der Gegensätze 4
3.1. Schönheit vs. Kraft 4
3.2. Charismatische vs. traditionelle Herrschaft. 8
4. Die sukzessive Zerstörung Brünhilds 10
4.1. Der Grundstein des Betrugs 10
4.2. Die Überlistung in den Kampfspielen. 12
4.3. Der Raub ihres Vermögens 14
4.4. Brünhilds Tränen 15
Die „Vergewaltigung“ Gunthers 16
4.5.
4.6. Die Vergewaltigung Brünhilds 17
5. Conclusio 20
6. Bibliographie 21
6.1. Primärliteratur 21
6.2. Sekundärliteratur 21
6.3. Internetquelle 23
6.4. Bildquelle 23
2
1. Einleitung
Es ist ziemlich langweilig, sich ständig und leider sogar oft ausschließlich, zu fragen, was denn ein Autor mit seinen Texten bezweckt. Obgleich dieser Fragestellung, beispielsweise in den Theater-, Film- und Medienwissenschaften wie auch in den bildenden Künsten, schon allmählich eine Art Verpöntheit anhaftet, scheint sie in der wissenschaftlichen Betrachtung von Literatur noch weit verbreiteter. Gerade bei älteren literarischen Texten wird häufig von ‚Rekonstruktion einer vergangenen Gesellschaft‘ gesprochen, davon, dass die Figuren gegenüber der Zuhörerschaft vor allem Funktionen zu erfüllen haben. Im Nibelungenlied wird daher Brünhild auch meist als funktionale Type ohne jegliches Identifikationspotential gesehen, deren Darstellung als starke Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft einen bestimmten Zweck für Männer zu erfüllen hat. 1 Das grundsätzlich in die Forschung zu integrieren ist sicher essentiell, aber ein literarisches Werk, selbst, wenn es Jahrhunderte zählt, sollte doch immer auch als Kunst betrachtet werden. Schreiben ist nie nur ein Prozess, der abbildet, was der/die AutorIn abbilden will, sondern ebenso etwas Dynamisches, das, zumindest teilweise, ein Eigenleben führt und gerade dieses bindet LeserInnen über Generationen. Die Produktions- und Rezeptionsästhetik hat sich an solchen Fragen abgearbeitet. Nun mögen diese Aussage des Werkes als Werk und die vom Publikum auszufüllenden Leerstellen bei mittelalterlicher Literatur etwas weniger stark durchdringen, aber vorhanden, so meine ich, sind sie doch. Deshalb habe ich mir, im Gegensatz zu Theorien, welche nordische Sagenquellen miteinbeziehen, erlaubt, nahe am Text selbst zu bleiben, den Autor und seine etwaigen Zwecke, die er verfolgt haben mag, etwas in den Hintergrund zu rücken und Wirkungen, welche die Figuren, hier insbesondere Brünhild, während des Lesens in mir ausgelöst haben, gelten zu lassen bzw. ihnen nachzugehen. Nachdem ich diese durch zitierte Textstellen versucht habe abzustützen, mit teilweise älteren und auch neueren Interpretationsansätzen zu vergleichen und in Kontrast zu setzen, hat sich, zumindest für mich, eine Sichtweise auf das Nibelungenlied, im Speziellen auf Brünhilds Verfall, ergeben, die mir bei hastiger Lektüre so nicht in den Sinn gekommen wäre, bei konzentriertem Lesen aber kaum noch anders vorzustellen möglich ist. Brünhild stellt eine Figur dar, welche nicht nur die Stärken beider Geschlechter vereint, sondern auch Archaisch-Mythisches mit Mittelalterlich-Modernem kombiniert, eine Art weiblichen Übermenschen, eine Frau, die befremdet. Es müssen von den Wormsern alle zur Verfügung stehenden Waffen und Tricks aufgewendet werden, um sie allmählich besiegen zu können. Ihre betrügerische Unterwerfung erfolgt stufenweise und impliziert alle Ebenen von Macht: politische, militärische, gesellschaftliche und schlussendlich, nachdem alle ihre Vermeidungs- und Aufschubsstrategien, denn sie ergibt sich keinesfalls freiwillig, erschöpft
1 Vgl. KATHARINA FRECHE, Von zweier vrouwen bâgen wart vil manic helt verlorn, Untersuchungen zur Geschlechterkonstruktion in der mittelalterlichen Nibelungendichtung, Trier 1999, S. 33.
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sind, sogar die Macht über den eigenen Körper und Geist. Die Zerstörung Brünhilds, deren dramatischer Höhepunkt ihre Vergewaltigung ist, wird von den Charakteren im Nibelungenlied immer wieder als generelle Unterdrückung der Frauen durch die Männer thematisiert, das Spezielle, der Einzelfall ins Allgemeine überführt. Inwiefern diese Universalisierung vom spezifischen auf den Geschlechterkampf schlechthin greift bzw. was für Folgen das für die weitere Interpretation des Handlungsverlaufes haben könnte, wird abschließend in der Conclusio kurz angeschnitten.
2. Der Name ‚Brünhild‘
Der Name Brünhild kommt aus dem Althochdeutschen und ist zusammengesetzt aus brunna, brunia (oder: prunna, prunia 2 ), was soviel wie Rüstung, Panzer bedeutet und hiltia, das mit Kampf zu übersetzten ist. Im Ganzen könnte die Deutung des Namens im Neuhochdeutschen „Die mit der Rüstung bzw. dem Panzer kämpft“ oder „Kämpferin der Brünne“ lauten. 3 RICHARD WAGNERS Schreibweise Brünnhilde 4 , die sich in seinem Werk ‚Der Ring des Nibelungen‘ durchzieht, verdeutlicht die Zusammensetzung aus dem mhd. Brünne und dem Namen Hilde. Dies macht über das althochdeutsche hiltia eher vergessen, erinnert dafür mehr an die burschikose Konnotation, welche der Name Hilde im volkstümlichen Gebrauch erlangt hat, z.B. die ‚wilde‘ Hilde.
3. Die Verschmelzung der Gegensätze
3.1. Schönheit vs. Kraft
Die sechste Aventiure ‚Wie Gunther gên Îslande nâch Prünhilde fuor‘ wird mit neuen Nachrichten von weither eingeleitet. Bevor noch ein Wort darüber verloren wird, wo ‚weither‘ überhaupt sei, fällt die Anmerkung, dass es dort schöne Mädchen gäbe und Gunther eines von ihnen zur Frau nehmen wolle, was gewissermaßen als Voraussetzung für das Interesse am neuen Szenario dient und begründet, warum Gunther dorthin will. Das verwundert nicht weiter, wenn bedacht wird, dass im Hochmittelalter, der Entstehungszeit des Nibelungenliedes, (Fern-)Minne, zumindest in der Literatur, eine durchaus legitime Handlungsmotivation für fast jedes Vorhaben darstellte. Dass Brünhilds unbeschreibliche
2 Vgl. Schreibweise: Deutsches Wörterbuch, hg. von JACOB und WILHELM GRIMM, Bd. 2., Leipzig 1860, S. 435.
3 Vgl. Reclams Namensbuch. Deutsche und fremde Vornamen nach Herkunft und Bedeutung erklärt, hg. von FRIEDRICH DEBUS, Stuttgart 1987, S. 63.
4 Vgl. RICHARD WAGNER: Der Ring des Nibelungen, in: Dichtungen und Schriften, Jubiläumsausgabe in 10 Bd., hg. von Dieter Borchmeyer, Bd. 3, Frankfurt am Main 1983.
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Schönheit vor ihrer großen Kraft genannt wird, lässt sich ebenfalls mit dem klassisch mittelalterlichen Werbungs- bzw. Minnemuster erklären - adliger Mann, König oder Prinz, wirbt um adlige Frau, meist Prinzessin, bzw. lässt um sie werben, weil er von ihrer exzeptionellen Schönheit gehört hat - und muss nicht unbedingt dahingehend gedeutet werden, dass Brünhilds Schönheit eine ebenso wichtige Rolle wie ihre Stärke spielt oder diese sogar übertriff. GAIL NEWMAN merkt dazu wie folgt an:
That Brunhild is scœne is indeed mentioned, but this appears to be part of a system of formulaic
description which, for example, still allows for Giselher to be described as „kint“ at a fairly
5 advanced age.
Brünhilds Schönheit wird dann auch nicht weiter ausgeführt oder beschrieben, ihre Kampfspiele, die sie mit den Werbern veranstaltet, finden aber sofort nach der Einführung ihrer Person, schon in den ersten Strophen, worin überhaupt von ihr gesprochen wird, nähere Ausführung. Es zeichnet sich sehr früh ab, wie die Prioritäten bei der Brünhildfigur gesetzt sind. Das gilt nicht nur für eine quantitative Untersuchung, in dem Sinne, dass einfach mehr über Brünhilds Kraft erzählt wird als über ihre Schönheit, sondern auch in qualitativer Hinsicht, denn die Art und Weise wie ihre Stärke und die Folgen derer beschrieben werden, gehen viel tiefer ins Detail als die formelhaften Anmerkungen über ihr schönes Aussehen, bei denen es sich meist sowieso nur um die Beifügung des Adjektivs scœne handelt. Die Kraft Brünhilds wird mit Grausamkeit gleichgesetzt, die als etwas Beständiges, Andauerndes beschrieben wird, das schon immer so war - „gebrast im an dem einen, er hete daz houbet sîn verlorn“ (327, 4) - und auch in Zukunft so sein würde - „dar umbe muosen helede sît verlíesén den lîp“ (328, 4).
ANNE HEINRICHS merkt in ‚Brynhild als Typ der präpatriarchalen Frau‘ an, dass die beharrliche Betonung ihrer kämpferischen Neigungen ihre Unabhängigkeit hervorstreichen soll. Der Autor habe kein anderes Betätigungsfeld gefunden, um diese Unabhängigkeit darzustellen und benutzte daher Kriegertätigkeit als Metapher für unabhängige aktive Lebensführung. 6
Zu Beginn der siebten Aventiure wird ebenfalls zuerst und auch im Folgenden häufig von den schönen Mädchen auf Isenstein allgemein gesprochen, bevor speziell auf Brünhild eingegangen wird, was als weiteres Indiz für die Formelhaftigkeit von Schönheit in Bezug auf Frauen gesehen werden kann. Schönheit scheint jene weibliche Eigenschaft zu sein, auf die es zuallererst ankommt. Eine männliche Figur, die aus einem anderen Grund als der
5 GAIL NEWMAN, The two Brunhilds?, in: Amsterdamer Beiträge zur älteren Germanistik 16 (1981), S.72.
6 Vgl. ANNE HEINRICHS, Brynhild als Typ der präpatriarchalen Frau, in: Arbeiten zur Skandinavistik, 6. Arbeitstagung der Skandinavisten des Deutschen Sprachgebiets: 26.9.-1.10.1983 in Bonn, Bd. 11,
F/M, Bern, New York 1983, S. 45-66, hier S. 51.
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Schönheit um eine weibliche Figur wirbt, ist in der mittelalterlichen Epik kaum vorstellbar. Gunther erwählt bzw. erkennt Brünhild auf Siegfrieds Aufforderung hin zwar unter allen ihren Hoffräulein als seine auserwählte Braut, angeblich auf Grund ihrer herausragenden Schönheit, was aber womöglich nicht zu ernst genommen werden muss und mit Sicherheit auch darauf zurückgeführt werden kann, dass eine Königin anders gekleidet gewesen sein wird als ihre Dienerinnen:
Sô sihe ich ir eine in jenem venster stân
in snêwîzer wæte, diu ist sô wolgetân;
die welent mîniu ougen durch ir scœnen lîp. (392, 1-3)
Die explizite Erwähnung des schneeweißen Kleides, die Gunther als erstens hervorbringt, unterstreicht die These von der herausragenden königlichen Schönheit auf Grund des herausragenden königlichen Gewandes. Zudem kann die Farbe des Kleides auch als Hinweis auf Brünhilds Jungfräulichkeit gelesen werden, die an einer Prinzessin mindestens ebenso wichtig und selbstverständlich erscheint wie ihre unbeschreibliche Schönheit.
In Aventiure zehn wird vereindeutigt, dass Brünhild zwar von großer Schönheit ist, diese aber nicht als ihr exzeptionelles Hauptattribut angesehen werden kann, auf das es bei ihrer Figur in erster Linie ankommt:
Die vrouwen spehen kunden unt minneclîchen lîp,
die lobten durch ir schœne daz Guntheres wîp.
dô sprâchen dâ die wîsen, die hetenz baz gesehen,
man möhte Kriemhilden wól vor Prǘnhilden jehen. (593)
Es macht hier die Formulierung des ‚besser Sehens‘ etwas stutzig, denn selbst in der metaphorischen Bedeutung, im Sinne von ‚besser erkennen/wissen‘ wundert es noch, warum die Weisen, womit vermutlich Kleriker gemeint sein dürften, dazu benötigt werden, sollte bloß von äußerer Schönheit die Rede sein. Es sind doch Weise im Allgemeinen vielmehr dafür bekannt, hinter die Oberfläche zu blicken. Diese Angehensweise, bei der Schönheit zuallererst als etwas Äußerliches, visuell Wahrnehmbares angenommen wird, ist auf unsere Neigung, den Augen schnell und leicht zu vertrauen, zurückzuführen, die nicht weiter verwundert, denn als erstens nehmen wir andere Menschen (und auch Dinge) nun einmal optisch wahr und sind im Alltag oft genug gezwungen, uns auf die Augen zu verlassen. Wenn diese jemand oder etwas Schönes herzeigen, so möchten wir, dem eigenen ‚Besserwissen‘ trotzend, in diesem Menschen oder Ding auch etwas Schönes, im Sinne von etwas Gutem und Wahrem sehen. Die Tradition der Ineinssetzung dieser drei Eigenschaften lässt sich in Europa bis in die Antike zurückverfolgen. Die nähere Beleuchtung des Schönheitsbegriffes würde somit eine Erklärung dafür bieten, warum Weise von Nöten sind, um gewissermaßen als letzte Instanz zu bestimmen, wer nun die Schönste ist. Nämlich
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Arbeit zitieren:
Sandra Folie, 2010, Die Zerstörung Brünhilds oder wie das tíuvelés wîp zum Opfer wurde, München, GRIN Verlag GmbH
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