T. Sievers - Bericht zum Experimentalpsychologischen Praktikum
Zusammenfassung
In der vorliegenden Studie wurde die Variabilitätshypothese aus Schmidts (1975) Schema-Theorie an Hand einer feinmotorischen Aufgabe an Studenten (N=29) überprüft. Die Ergebnisse können jedoch auf Grund entscheidender methodischer Mängel im Hinblick auf die Variabilitätshypothese nicht interpretiert werden. Die methodischen Defizite sind allerdings ausführlich analysiert und können als Anregung für weitere Studien dienen. Es zeigte sich in einer zusätzlich durchgeführten explorativen Analyse ein Lernzuwachs mit zunehmenden Übungsdurchgängen.
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Einleitung
Eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Menschen ist das Erlernen von Bewegungen. Von der Fähigkeit, sich zu bewegen und willentliche Handlungen auszuführen, wird im Alltag fast ununterbrochen Gebrauch gemacht. Beweglichkeit bedeutet für die meisten Menschen Handlungsfähigkeit und wird als selbstverständlich verstanden. Erst wer durch Knochenbrüche oder Krankheit zur Ruhe gezwungen wird und anschließend mühsam die gewohnte Mobilität wieder zurückgewinnen muss, erkennt, wie aufwändig der Erwerb motorischer Fähigkeiten ist. Wie aber läuft der Fähigkeitserwerb genau ab? Eine Theorie, die sich mit dieser Frage beschäftigt, ist die Schema-Theorie von Schmidt (1975). Eine Annahme Schmidts ist, dass Bewegungen durch so genannte generalisierte motorische Programme (GMP) gesteuert werden. Unter motorischen Programmen versteht man Muskelkommandos für eine bestimmte Handlung, die bereits vor deren Ausführung bestehen und die Handlungsausführung von äußeren Reizen abschirmen (vgl. Keele, 1968). Die generalisierten motorischen Programme sind für eine ganze Klasse von Bewegungen anwendbar. Im engen Zusammenhang mit den GMP steht der Begriff des Schemas. Ein Schema umfasst einen Satz abstrakter Regeln. Es wird aus mehrfacher Ausführung einer bestimmten Handlung als das Gemeinsame gewonnen. Wurde für eine bestimmte Handlung ein GMP gewählt, so wird es durch ein passendes Schema noch optimal auf die äußeren Bedingungen abgestimmt. Die Idee des Schemas ist, dass aus variablen Handlungsbedingungen und den daraus folgenden Konsequenzen allgemeine Regeln abgeleitet werden können. Daraus folgt aber auch, dass diese Regeln bzw. das Schema umso breiter anwendbar sind, je vielfältiger die Lernbedingungen waren. Diese Voraussage wird auch als Variabilitätshypothese bezeichnet und ist ein Bestandteil der Schema-Theorie. Die Variabilitätshypothese gab Anstoß für eine Reihe von Untersuchungen, die die Hypothese auf verschiedene Weise empirisch zu belegen versuchten. Vor allem zwei Arten von Experimenten wurden dabei verwendet. In der einen Gruppe von Studien müssen die Probanden eine Handlung in einer bestimmten Zeit ausführen. Beispielsweise mussten Probanden in einem Experiment ihren Arm in 200 ms von
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einem Startpunkt zu einem Ziel bewegen (McCracken & Stelmach, 1977). Die zweite große Gruppe bilden Experimente, in denen die Probanden einen Gegenstand möglichst genau in ein Ziel befördern sollten. So sollten in einem Experiment von Kerr und Booth (1978) Kinder so präzise wie möglich Jonglierbälle in ein Ziel werfen. Die Forschung erfolgte dabei sowohl an Kindern als auch an erwachsenen Probanden. Wie der Überblicksartikel von Van Rossum (1990) zeigt, sind die Befunde zur Variabilitätshypothese insgesamt nicht eindeutig. Der Autor zieht folgendes Fazit: „The empirical foundation appears not to be solid, and the variability prediction has clearly not been consistently supported, with either adult or child subjects“ (Van Rossum, 1990, S. 424).
Die bisherigen Experimente zur Untersuchung der Variabilitätshypothese beschränkten sich auf grobmotorische Aufgaben. Im Alltag ist aber auch oft Fingerspitzengefühl gefragt. Dabei kann es sich um Tätigkeiten wie das Entfernen eines Splitters oder das Einfädeln eines Fadens handeln. Deshalb soll im Folgenden ein Experiment vorgestellt werden, in dem überprüft wurde, ob die Voraussagen der Variabilitätshypothese auf einen Transfer-Test bei einer feinmotorischen Aufgabe zutreffen.
Methode
Als feinmotorische Aufgabe erschien das Einfädeln eines Fadens geeignet. Die Aufgabe der Versuchspersonen bestand darin, in fünf Übungsdurchgängen zu je zwei Minuten so viele Nadeln wie möglich einzufädeln. Ein anschließender Testdurchgang mit ebenfalls zweiminütiger Länge sollte die Transfer-Leistung der Probanden erfassen. Es wurde je Durchgang die Anzahl eingefädelter Nadeln erhoben.
Die Stichprobe umfasste 29 Studenten im Alter von 19 bis 27 Jahren (M=21). Vor Beginn des eigentlichen Experiments mussten sich alle Versuchspersonen einem Test zur Erfassung der Fähigkeit zum querdisparatem Tiefensehen (Titmus-Test) unterziehen. Zeigte dieser Abweichungen von der normalen Stereopsis an,
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Arbeit zitieren:
Timo Kortsch, 2009, Variables vs. konstantes Lernen in der Feinmotorik, München, GRIN Verlag GmbH
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