Gliederung
1. Einleitung 3
2. Strukturwandel des familialen Sozialsystems 4
2.1 Die moderne Kleinfamilie als Normaltypus (1850-1965) 4
2.2 Die moderne Kleinfamilie - Krise eines Leitbildes? 5
2.3 „postmoderne“ pluralistische familiale Lebensformen. 6
2.4 Fragmentierung und Segmentierung der Elternschaft 8
2.5 Soziale Elternschaft 9
3. Die Rolle und Bedeutung des Kindes und der Kindheit in der postmodernen
Gesellschaft 10
4. Kindheit in fragmentierter Elternschaft: ein Exkurs 12
4.1. Die Ein-Elter-Familie 13
4.2. Inseminationsfamilien 14
4.3. Adoptivfamilien (vs. Pflegefamilien vs. Patchworkfamilien) 15
5. Abschließende Worte 17
Literaturverzeichnis 19
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1. Einleitung
Unübersehbar findet in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen, als auch in nichtwissenschaftlichen Diskursen eine zu Recht tiefgründige Auseinandersetzung mit der gesellschaftlich äußerst relevanten Frage nach dem „Wesen“ der Familie statt. Schon in den 40er Jahren erkannte Rene König die Notwendigkeit der Beschreibung der „Konstanten, welche unter allen Umständen vorhanden sein müssen, damit überhaupt von Familie gesprochen werden kann“ (König 1946:152). Daran anknüpfend findet sich die Familien-forschung heute bei dem Erfordernis wieder, aktuelle demographische Tatbestände zu verstehen und ein Repertoire an Begrifflichkeiten und Abstraktionen zu etablieren, welche den unverkennbaren sozial-strukturellen Wandlungsprozessen, welche sowohl innerfamiliärem Handeln, als auch sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet sind, in erkenntnisfördernder Hinsicht dienlich zu sein. Es geht m. E. um nichts Geringeres, als um das Verständnis des Kontextes, in dem nächstere Generationen eine Integration und Sozialisation erfahren, da es trotz stärkerer Auslagerungen von Funktionserfordernissen, welche die Familie bis dato für ihre Kinder zu leisten hatte (Reproduktions-, Sozialisations-, Platzierungsfunktion etc.), immer noch die gesellschaftlich relevanteste Einheit für die (zumeist) funktionale Einbindung des Individuums in die Gemeinschaft, als auch in die Gesellschaft bildet.
So stelle ich mir im Folgenden die Aufgabe, eine kleine Darstellung der demographischen Gegebenheiten in Hinblick auf die strukturellen und normativen Wandlungsprozesse vorzunehmen und ggf. Ursachen und Wirkungen dieser anzuführen, sowie auf die neuen Entstehungs- und Begründungszusammenhänge von Elternschaft (durch z.B. neue Reproduktionstechnologien) einzugehen, wobei ich auch einen Abschnitt der sozialen Elternschaft widmen möchte. Im Anschluss soll ein vergleichender Einblick in die Lebenswirklichkeit von Kindern in pluralisierten und fragmentierten Lebensformen - speziell der Ein-Elter-, Inseminations- und Adoptivfamilie - zu einem besseren Verständnis des sozialisatorischen Kontextes dieser gereichen. Rechtliche Aspekte muss ich aufgrund des begrenzten Umfanges und der „minderen“ Relevanz für die soziologische Betrachtung außen vor lassen.
Beginnen möchte ich mit dem immer noch präsenten normativen Leitbild der modernen Normalfamilie, welches eine kleine sozialhistorische Darstellung erfahren soll, die dann Grundlage für die Abgrenzung zu den alternativen Lebensformen mit Kind(ern) bieten wird.
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2. Strukturwandel des familialen Sozialsystems
Der nun folgende größere Komplex sei aus Gründen der Übersichtlichkeit, dem „Struktur-wandel des familialen Sozialsystems“ untergeordnet und wird den Versuch unternehmen, den gesellschaftlichen Wandlungsprozess - vom Ganzen Hauses bis zur aktuellen Situation der Pluralisierung familialer Lebensformen und der Fragmentierungstendenzen von Elternschaftnachzuvollziehen.
2.1. Die moderne Kleinfamilie als Normaltypus (1850-1965)
Im Zuge des struktur-funktionalen Differenzierungsprozesses der Gesellschaft als scheinbar notwendige Begleiterscheinung des Übergangs der ständischen Gesellschaft zur Industriegesellschaft hat die bis dahin vorherrschende „Familienform des Ganzen Hauses“, welche noch sozial, politisch, rechtlich und wirtschaftlich eine Einheit bildete und auch Nicht-Blutsverwandte mit einbezog, an Bedeutung verloren (vgl. Peukert 2007: 16ff.). Wobei der Mythos der Dreigenerationenfamilie und der der historischen Dominanz der Familienform des Ganzen Hauses einer, dem Forschungsstand angemessenen Vorstellung von einer sehr wohl diverseren Familienwelt weichen muss (vgl. Nave-Herz 2006: 37f.). Dennoch vollzog sich gesamtgesellschaftlich die - häufig auch als Trennung von Wohn- und Arbeitsstätte bezeichnete - Auslagerung von (in retrospektiver Sicht) nicht-familialen Funktionen (Alterversorgung, Ausbildung, Produktion) in vergesellschaftete Institutionen, was auch als Spezialisierung oder Konzentration auf neue Funktionserfordernisse der Familie hin gedeutet werden kann (vgl. Peukert 2007: 16ff.). Es entstand ein eigener familialer und privatisierter Funktions- und Handlungskomplex indem affektiv-neutrale und ökonomisch-rationale Beziehungen zu Gunsten emotional-intimer wichen (vgl. Peukert 2007: 16ff.), was auch nicht unwesentlich mit dem sich etablierenden normativen Leitbild der romantischen Liebe korrelierte. Weitere ausschlaggebende Entwicklungen für die Etablierung des modernen Familienmusters waren z.B. die Reallohnsteigerungen (Prosperität im Allgemeinen ab den 50er Jahren), die wachsenden sozialen Sicherungssysteme und die Propagierung dieses Ideals durch Politik und Kirche (vgl. Peukert 2007: 16ff.). Nach Peukert forderte das bürgerliche Familienideal eine „legale, lebenslange, monogame Ehe zwischen einem Mann und einer Frau […], die mit ihren gemeinsamen Kindern in einem Haushalt leben und in der der Mann Haupternährer und Autoritätsperson und die Frau primär für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig ist“ (Peukert 2008: 23). Damit geht augenscheinlich auch eine Polarisierung der Geschlechterrollen einher. Weiterhin gewann das Kind - in der Anerkennung seines Wesens als in einer spezifischen Lebensphase
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begriffen und durch die der Mutter normativ zugeschriebenen Erzieherrolle - an Bedeutung und wurde nunmehr mit intensiverer Förderung, Zuwendung, Liebe und Solidarität versehen, was als sinnstiftend in Abgrenzung zu den öffentlichen Funktionsbereichen angesehen wurde (Burkhart 2008: 123). Es entstand eine exklusive Gemeinschaft für Freizeit, Konsum, Erziehung und Entspannung, wobei die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts als Hochphase der Dignität von Ehe und Familie gelten (Ehe wies auf Familie hinaus). Nicht zu unterschätzen ist der immer noch diskursanleitende Einfluss dieses konstruierten Ideals in der wissenschaftlichen Literatur.
2.2. Die moderne Kleinfamilie - Krise eines Leitbildes?
Fortwährend auf Grundlage der normativen Perspektivverschränkung auf „Normalfamilie“ urteilend, erscheint die Frage nach der Krise dieser Familienform durchaus begründet. Im Vergleich zu den 50er/ 60er Jahren müssen wir sinkende Heiratsneigung, sinkende Eheschließungszahlen, steigendes Heiratsalter, steigende Scheidungsraten, den Geburtenrückgang, einen Anstieg von nichtehelichen Familienformen, den Anstieg verschiedener Lebensformen in der biographischen Sukzession und den Anstieg der Gesamtzahl der Haushalte konstatieren (vgl. Peukert 2007: 23-30, vgl. Nave-Herz 2006: 58-71). Diese Entwicklung wird in der Forschungsliteratur gemeinhin als Pluralisierung der Lebensformen bezeichnet, wobei verschiedene Annahmen über die Ursachen Aufschluss geben sollen. So wird die Emanzipationsbewegung von einigen Autoren als eine der Ursachen für die Individualisierung der Lebensentwürfe und -welten der Frauen angesehen. Weiterhin sind auch die Liberalisierung des Eheschließungsrechts (z.B. 1976), der Ausbau der Übernahmen von Funktionsbereichen durch den Sozialstaat, die Gleichberechtigung von Mann und Frau (1957), Karriereorientierung, längere Ausbildungszeiten, sowie neue Methoden der Empfängnisverhütung für diese Entwicklungen verantwortlich (vgl. Wirsching 2008: 75, vgl. Peukert 2008: 38).
Ebenfalls haben die mit der Eheschließung verbundenen Vorteile hinsichtlich der sozialen Legitimation einer Beziehung abgenommen und sind einem breiteren kulturellen Akzeptanzspektrum gewichen (Peukert 2008: 38). So findet eine Ablösung von der - im romantischen Liebesideal impliziten - Vorstellung der lebenslangen Liebe, welche auf Ehe und Familie hinausweist, statt. Da nun „immer häufiger reine (intim-expressive) Beziehungen, deren Hauptzweck die emotionale Befriedigung der Partner ist und die nur um ihrer Selbst Willen begründet und aufrechterhalten werden“ (Giddens 1993, zitiert nach: Peukert 2008: 38), an Bedeutung gewinnen. An dieser Stelle lässt Peukert Nave-Herz zu Wort kommen, welche das Krisenmoment nicht bei der Ehe
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verortet, sondern von einer gesteigerten psychischen Bedeutung der Beziehung und erhöhter Belastung für die Individuen ausgeht, die sich durch die Suche nach „der idealen Partnerschaft“ auszeichnen (Peukert 2008: 39). Auch Beck-Gernsheim spricht von der Aufrechterhaltung der Ehe als bewusste Wahlentscheidung mit Alternativgewissheit (Beck-Gernsheim 2000: 37), was in sofern auf alle bestehenden Lebensformen Anwendung finden kann und als Ausdruck von Deinstitutionalisierung der Ehe, Liberalisierung, Enttraditionalisierung, Pluralisierung, Individualisierung oder einfach auch als nicht vermeidbare Anpassung an den gesellschaftlichen Transformationsprozess angesehen werden kann. M. E. darf die forschungsleitende Perspektive nicht bei dem Konstrukt der Ehe verhaftet bleiben, um Lebensformen in komplementären Kontrast zu ihr stellen, sondern muss der Entwicklung angemessen ihren Blick auf die bestehende Diversität erweitern. Deshalb soll es im Folgenden mein Bestreben sein, die verschiedenen Entstehungs- und Begründungszusammenhänge von familialen Sozialsystemen darzustellen, wobei vordergründig auf die nicht-ehelichen, vom „Normaltypus“ abweichenden, Familienformen eingegangen wird.
2.3. „postmoderne“ pluralistische familiale Lebensformen
Ohne eine Agonie der Ehe diagnostizieren zu wollen und zu müssen, ist deren Verbindlichkeitsverlust und der Selbstentfaltungsdrang der Individuen wohl eklatant. Nach Auskunft des Statistischen Bundesamtes lag der Anteil der Ehepaare mit Kind/ern 2008 im Vergleich zu den alternativen Lebensformen mit Kind/ern bei immerhin noch stolzen 71%, wobei ein Anteilsverlust von ca. 9% gegenüber 1996 zu verzeichnen ist (vgl. http://www.gbe-bund.de/ oowa921-install/servlet/oowa/aw92/WS0100/_XWD_PROC?_XWD_2/10/XWD_CUBE. DRILL/_XWD_32/ D.477/24506). So gesehen ist die Ehe immer noch vorrangig Hort für Familienbildung, wobei allerdings die Tendenzen zur sukzessiven Aufweichung dieser Dominanz nicht verkannt werden dürfen (und die Kontinuitätsannahme zur lebenslangen Aufrechterhaltung dieser Ehen ebenfalls illusorisch wäre). Um Verwirrungen vorzubeugen, muss an dieser Stelle noch erwähnt werden, dass von Pluralisierung der Familienformen zu sprechen - Nave-Herz folgend - verfehlt ist, da insofern keine Zunahme in der Diversität dieser von statten ging, sondern nur eine Anteilszunahme bei den sowieso schon bestehenden Lebensformen zu verzeichnen ist (Peukert 2007: 30).
Dies alles soll meinen Standpunkt, dass wir uns in einer Phase des Wandels (nicht Zäsur) befinden, nicht negieren, sondern nur relativieren. Ich bin weiterhin der Meinung, dass kohortenspezifische Effekte weiterhin tendenziell den schon prognostizierten Entwicklungen
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Arbeit zitieren:
Martin Schulz, 2009, Kindheit in fragmentierter Elternschaft, München, GRIN Verlag GmbH
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