"Undurchsichtig" wäre eine treffliche Bezeichnung für die derzeit vorherrschende Situation des Fernsehens in der digitalen Medienumgebung. Viel Verwirrung stiften Begriffe wie WebTV, IPTV, Internetfernsehen, Interaktives Fernsehen etc. im Allgemeinen. Die Digitalisierung und die zunehmende Konvergenz von Fernsehen und Internet sind die zentralen Erscheinungen, mit denen sich der Prozess des Annäherns der bisher getrennten Distributionsformen von Bewegtbildern (und natürlich Audio-Contents) beschreiben lässt. Immer dynamischer gestaltet sich der Kommunikationsmarkt hinsichtlich der neuen "Multimedia"-Anwendungen, welche sich durch erhöhte Bandbreiten, bessere Komprimierungsverfahren (Datenreduktion), geringe Distributionskosten und verändertem Nutzungsverhalten in einer (auch langfristig) entscheidenden Entwicklungsphase befinden. Ziel meiner Erarbeitung ist es deshalb, einen möglichst verständlichen Überblick über Fernsehen im Internet und Internetfernsehen zu vermitteln, wobei eine tiefgründige Betrachtung aller Themenkomplexe im Umfang nicht zu realisieren ist. Als Ausgangspunkt soll dabei eine kurze Betrachtung der Digitalisierung sowie der Medienkonvergenz dienlich sein. Sodann erfolgt eine Abgrenzung des traditionellen Rundfunks (Broadcasting) von den neuen, digitalisierten Distributionsmöglichkeiten, wobei eine kleine Passage den Veränderungen des Push-or-Pull-Prinzips Rechnung tragen soll, bei welcher ich die Gelegenheit der Beschreibung von Streaming-Konzepten nicht versäumen will. Technische Grundlagen (Kabelnetze, Streamingprogramme, Top-Set-Boxen etc.) und das Medienrecht werde ich dabei nur marginal in Betracht ziehen, da dies allein wieder Themen eigenständiger Hausarbeiten sein könnten. Die Veränderungen im Nutzerverhalten möchte ich anschließend ebenfalls beleuchten und werde mich sodann genauer mit den zentralen Begriffen "WebTV" und "IPTV" auseinander setzen. Zu guter Letzt stelle ich die ZDFmediathek als Beispiel eines "WebTV"-Portals eines öffentlich-rechtlichen Senders vor und gehe kurz auf die Eigenschaften von digitaler Produktion ein. Mein methodisches Vorgehen beschränkt sich hierbei auf die Auswertung wissenschaftlicher Literatur zu den entsprechenden Themenkomplexen. Beginnen möchte ich nun mit der Grundvoraussetzung für die Konvergenz der Medien - der Digitalisierung.
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2. Digitalisierung
Ganz allgemein beschreibt Digitalisierung die Konvertierung von analogen Signalen in digitale Signale, d.h., dass die seh- und hörbaren Signale in computerverständliche Bits und Bytes umgewandelt werden ("binäre Sprache"). 1 Aus dem Lateinischen kommend meint das Wort "digitus" "mit dem Finger", was übertragend auf unsere heutige Medientechnik soviel wie "schrittweise aufgeteilt" bedeutet, da die Informationen durch "diskrete, von einander getrennte Zeichen mittels mathematischer Beschreibung übertragen" 2 werden. Dies bietet grundsätzlich die Vorraussetzung für die Konvergenz der Medien, da nun alle Inhalte über eine einheitliche Datenform be- und/oder verarbeitet, sowie dargestellt werden können, solange die Sende- und Empfangsgeräte zur De- oder Encodierung des digitalen Contents in der Lage sind. Dies ist unter anderem durch den Computer oder so genannte Set-Top-Boxen möglich. Weiterhin sind digitale Übertragungen vergleichsweise störfest, allerdings erfordern diese (sowie die Speicherung) enorme Kapazitätsleistungen der Transportwege (sowie Speichermedien). 3 Erst der Einsatz von Datenreduktionsverfahren, welche bei digitalen Signalen viel effektiver sind, als dies bei analogen je möglich war, eröffnet die Möglichkeit den Bandbreitenbedarf stark abzumindern. So wird die Steigerung der Kanäle um ein Vielfaches machbar (größere Übertragungsleistung). 4 Verschiedenste Distributionswege, wie Breitbandkabel, Satellit, schmalbandiges Telefonkabel oder auch die terrestrische Übertragung erlauben die Vermittlung der digitalen Daten. Weiterhin entsteht durch frei werdende Übertragungskapazitäten potenziell die Möglichkeit, Rückkanäle einzurichten, welche es dem Nutzer ermöglichen, die tradierte Unidirektionalität der Massenkommunikation (auch ohne Medienbruch) zu überwinden, was wiederum die Grundvoraussetzung für Interaktivität bietet. 5
3. Konvergenz von Internet und Fernsehen
Als Konvergenzprozesse werden in der Kommunikationswissenschaft Annäherungs- und/oder Ergänzungsprozesse von Medien bezeichnet, d.h. ein Medium wird nicht prinzipiell durch ein
1 Vgl. Thiessen/Paulus: Internet und TV im Konvergenzprozess, S. 15.
2 Stark: Fernsehen in der digitalen Medienumgebung, S. 36.
3 Vgl. Stark: Fernsehen in der digitalen Medienumgebung, S. 36.
4 Vgl. Stark: Fernsehen in der digitalen Medienumgebung, S. 38.
5 Vgl. Stark: Fernsehen in der digitalen Medienumgebung, S. 39.
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anderes substituiert, sondern diese ergänzen sich in der Regel. 6 Dies führt zum Zusammenwachsen der Wertschöpfungsketten, der Technologien und der Märkte insgesamt. 7 Die technologische Basis für die Konvergenz im Mediensektor bildet die Digitalisierung. Der so entstehende Markt wird auch „Multimediamarkt“ betitelt, welcher über bestimmte Teilbereiche genauer für den Schwerpunkt Fernsehen hinsichtlich der Konvergenzprozesse klassifizierbar ist: „ 1. Konvergenz von TV-Inhalten und dem Internet (‚Streaming Media’). 2. Konvergenz von PC/Online-Inhalten und dem digitalen Fernsehen (‚Internet on TV’). 3. Konvergenz der technischen Übertragung von TV-Signalen, Breitband-Internet und Telefonie, im Kabel oder über Satellit.
4. Konvergenz zwischen DVB-T und Mobilfunk in Endgeräten.“ 8
Vereinfacht kann man auch vier Ebenen der Konvergenz unterscheiden: Konvergenz der Geräte, Inhalte, Dienste und Netze. 9
Diese Entwicklung eröffnet uns neue Bereiche der Zusammenführung von Fernsehen und Internet, welche die Realisierung von neuen Service- und Angebotsformen ermöglicht, wie Video-on-Demand, interaktives Fernsehen, Rückkanal, Pay-per-Channel, Pay-per-View, elektronische Programmführer etc..
4. Veränderungen des traditionellen Rundfunks
Während Rundfunk, welcher nach dem Rundfunkstaatsvertrag definiert ist, als „für die Allgemeinheit bestimmte Veranstaltung und Verbreitung von Darbietungen aller Art in Wort, in Ton und in Bild unter Benutzung elektromagnetischer Schwingungen ohne Verbindungsleitungen oder längs oder mittels eines Leiters“ 10 hauptsächlich in seiner Funktion für klassische Massenkommunikation genutzt wurde, welche sich über die Eigenschaften konstituiert, „Aussagen öffentlich mit Hilfe technischer Verbreitungsmittel einseitig an ein disperses Publikum“ 11 zu übertragen, verändert sich unter der Verwendung des Internets dieses Kommunikationsmodell nachhaltig. Online-Kommunikation geht über die klassische Sender-Empfänger-Beziehung deutlich hinaus. Nun ist es erstmals möglich sowohl Individual- als auch
6 Vgl. Thiessen/Paulus: Internet und TV im Konvergenzprozess, S. 44.
7 Vgl. Friedrichsen: Digitalisierung des Fernsehens und Konvergenz am Beispiel Pay-TV, S. 91.
8 Friedrichsen: Digitalisierung des Fernsehens und Konvergenz am Beispiel Pay-TV, S. 93.
9 Vgl. Beckert: Medienpolitische Strategien für das interaktive Fernsehen, S. 59.
10 RStV.
11 Vgl. Maletzke
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Massenkommunikation über ein Medium zu realisieren, wobei der Trend immer stärker auf Individualisierung der Kommunikation hinausweist. Das Internet stellt ein multifunktionales, interaktives Kommunikationsmedium dar, welches je nach Interesse und Situation (prinzipiell) den Informationsaustausch zwischen Einzelnutzern, kleineren Gruppen und der Masse erlaubt, dieser kann sowohl synchron, als auch asynchron, symmetrisch sowie asymmetrisch, interaktiv oder nicht reziprok gestaltet sein und einen variablen Öffentlichkeitsgrad, sowie prinzipiell eine unbegrenzt Reichweite zulassen. 12 Damit ergeben sich klassifikatorische Probleme, wie „computervermittelte Kommunikation“ vom Grad ihrer Reichweite zu unterscheiden ist. Beckert und Kubicek treffen einen Vorschlag zur Einordnung neuer Medienangebote nach dem Grad ihrer Personalisierbarkeit. Während im Broadcast-Prinzip „gleiche Inhalte an viele verschiedene Empfänger nach einem festen Programmschema gesendet werden“ 13 , erfolgt im Unicast-Prinzip die Übertragung von Informationen von einem Sender an einen Empfänger, wobei die Möglichkeit zur individuellen Auswahl der Programminhalte besteht. 14
(Unterscheidung neuer Medienangebote nach dem Grad ihrer Personalisierbarkeit (Basis: Beckert/ Kubicek 2000: 16)
„Narrowcast-Dienste teilen sich mit den Broadcast-Angeboten, dass die gleichen Inhalte an mehrere Teilnehmer gleichzeitig ausgestrahlt werden (von engl. to cast) und mit Unicast-Angeboten, dass sie einen hohen Personalisierungsgrad haben, d.h. die Nutzer können ihren Interessen entsprechend eine
(Vor-) Auswahl treffen und sind unabhängig von vorgegebenen Programmschemata.“ 15 In dieser Unterscheidung sieht Beckert den Vorteil, dass sie die Entwicklungstendenzen der beiden großen Mediendomänen Fernsehen und Online-Dienste widerspiegelt: „Während das digitale Fernsehen durch die Programmvervielfältigung in den Bereich der
12 Vgl. Goldhammer/ Zerdick: Rundfunk online, S. 34.
13 Beckert: Medienpolitische Strategien für das interaktive Fernsehen, S. 34.
14 Vgl. Beckert: Medienpolitische Strategien für das interaktive Fernsehen, S. 34.
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teilweise personalisierbaren Medien vordringt und sich vom Massen- zum Sparten-TV entwickelt, ist es im Internet/Online-Bereich gerade umgekehrt. Hier entstehen nun aus voll personalisierbaren Kommunikations- und Abrufdiensten Cast-Dienste, die bisher allein dem
Fernsehen vorbehalten waren.“ 16
Allerdings kann man der Kategorisierung Beckerts auch vorwerfen, dass sie nicht ausreichend disjunkt ist, da gerade Spartenkanäle (der Kategorie Narrowcast zugeordnet) sehr wohl als Pay-TV-Angebote in Erscheinung treten können und auch das digitale Fernsehen (als Broadcast kategorisiert) eben durch seine Zusatzfunktion der so genannten Bookmarks „ein auf individuelle Bedürfnisse abgestimmtes Programm zusammenstellen“ 17 lässt. 18
So erscheint es sinnvoller, digitales Fernsehen als Narrow-Cast zu klassifizieren. Für unseren Schwerpunkt, welcher auf IPTV und WebTV ausgerichtet ist, ist es ausreichend zu wissen, dass IPTV, abhängig von der individuellen Nutzung, alle der drei möglichen Cast-Dienste erfüllen kann, und WebTV eher dem Unicast-Dienst zuzuordnen ist, da diese meist im On-Demand-Verfahren zur Verfügung gestellt werden, welche Angebotsformen im Verlauf noch näher betrachtet werden. Um den tief greifenden Veränderungen im Rundfunk noch ausführlicher Rechnung zu tragen, sei ein Definitionsvorschlag aufzugreifen, welcher Online-Rundfunk definiert als „das Senden, die Übertragung und der Empfang von Audio- und/oder Video-Daten, vor allem über das Internet“ 19 . Dieser eher rudimentäre Versuch soll jedoch durch Miles Definition von Webcasting ergänzt werden: „sending digital information over the Internet for reception, viewing, and/or listening by the public. Possibly involving some interaction between the sender and the recipient(s)“ 20 . Diese schließt prinzipiell Videokonferenzen oder Videotelephonie, die weltweite Nutzung, als auch die Nutzung für eine begrenzte Usergruppe im Intranet mit ein. 21 Nach dem Vorbild „Rundfunk Online 1998/99“ lassen sich traditioneller Rundfunk und Online-Rundfunk noch wie folgt gegenüberstellen:
15 Beckert: Medienpolitische Strategien für das interaktive Fernsehen, S. 35.
16 Beckert: Medienpolitische Strategien für das interaktive Fernsehen, S. 35.
17 Stark: Fernsehen in der digitalen Medienumgebung, S. 43.
18 Vgl. Stark: Fernsehen in der digitalen Medienumgebung, S. 43.
19 Goldhammer/ Zerdick: Rundfunk Online, S. 19.
20 Miles: Internet World Guide to Webcasting
21 Vgl. Goldhammer/ Zerdick: Rundfunk Online, S. 19.
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Arbeit zitieren:
Martin Schulz, 2009, Internetfernsehen und Fernsehen im Internet, München, GRIN Verlag GmbH
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