Philosophische Fakultät Name: Martin Schulz
Seminar: Max Weber
Bei der Sondierung der "Zwischenbetrachtung" im Kontext der religionssoziologischen Studien Webers (WEWR; GARS), stellte sich bei mir alsbald die Erkenntnis ein, dass diesem Fragment aufgrund seines sehr kryptischen Stils, ohne Zuhilfenahme der mit ihm in engem Verhältnis stehenden Passagen "Vorbemerkung" und "Einleitung", schwerlich ein tiefergehendes Verständnis abzugewinnen wäre. Unter Berücksichtigung des Titels "Theorie der Stufen und Richtungen religiöser Weltablehnung" der dritten und letzterschienenen Fassung der „Zwischenbetrachtung“ und der kontrovers diskutierten Weber-Interpretation Tenbrucks, soll es im Folgenden mein Anliegen sein, dieses Kapitel einer Metaanalyse zu unterziehen - mit dem Ziel, zu einem eigenen Standpunkt, zu dem von Tenbruck geäußerten und Weber treffenden "Evolutionismus-Vorwurf" zu gelangen. Bekanntlich war und ist man wohl eher weniger geneigt, Weber im Lager des geschichtsphilosophischen Evolutionismus zu verorten, was allein schon aus seinen methodologischen Erörterungen (z.B. "Objektivitätsaufsatz") und seiner offenen Gegnerschaft zum monokausalistischen Materialismus Marx', welcher ja einem stratifikatorisch-teleologischen Fortschrittsgedanken anheim gefallen war, deutlich hervorzugehen scheint.
Dieser gängigen Auffassung widerspricht Tenbruck nun explizit mit seinem interpretativen Paradigma, welches geeignet erscheint, Weber eine (zumindest neo-) evolutionistische Konzeptualisierung seiner religionssoziologischen Befunde nachzuweisen. Folgt man den werkhistorischen Thesen Tenbrucks, welche sich um eine Klärung des Verhältnisses von PE (Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus), WG (Wirtschaft und Gesellschaft) und WEWR (Wirtschaftsethik der Weltreligionen) bemühen, muss der WEWR eine zentralere Stellung und Bedeutung im Schaffenswerk Webers eingeräumt werden, anstatt nur als Vorstudie zur WG oder als Gegenprobe zur PE zu gelten. So vermeint Tenbruck, die Intention Webers erschöpfe sich nicht darin, zu ergründen, ob sich in anderen Weltreligionen nur in Ermangelung innerweltlichasketischer Ethiken, keine moderne rationale Wirtschaftsordnung ausbilden konnte - sondern er glaubt in den resümierenden Systematisierungen („Vorbemerkung“, „Einleitung“, „Zwischenbetrachtung“) der GARS (Gesammelte Aufsätze der Religionssoziologie) den letzten Erkenntnisstand Webers identifizieren zu können: hier generalisiere Weber seine ursprüngliche Fragestellung bzgl. der besonderen Eigenart der modernen okzidentalen Rationalität und unternahm den Versuch der Klärung des umfänglicheren Rationalismusproblems - also der Bedeutung des
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Verhältnisses von Ideen und Interessen (plus deren Institutionalisierungen) in Bezug auf langfristige und universalhistorisch bedeutende Entwicklungen und Rationalisierungsprozesse (systematische Typologie und Soziologie des Rationalismus und der Rationalisierung). Dem näherte sich Weber zu Beginn über eine interkulturell und universalhistorisch vergleichende Herangehensweise, driftete aber nach Ansicht Tenbrucks, aufgrund der sich ihm scheinbar aufdrängenden Einsicht, dass langfristige Rationalisierungsprozesse auf Grundlage von religiösen Rationalisierungen zum Tragen kommen, in einen evolutionistischen Entwurf.
Bekanntlich war Weber mit einer der Ersten, welcher der Religion, einen ihr eigenen Rationalisierungsprozess zugestand, wo andere nur Irrationalitäten erblickten (vgl. Webers Auffassung zur Mannigfaltigkeit von Rationalitätsformen). Hierbei scheint Weber für alle primitiven Stammesgesellschaften so etwas wie einen natürlichen Urzustand konstatiert zu haben, indem er von dem grundsätzlichen Streben der Menschen nach Erfolgssicherheit ihres Handelns in der Welt, ein "metaphysisches Bedürfnis" nach einem sinnvoll geordneten Kosmos ableitete. Diesem Bedürfnis tragen bestimmte religiöse oder mystische Ideen (häufig aus Charisma gespeist) Rechnung, da sie die als sinnlos empfundenen Entitäten der Welt - wie z.B. Leid und die Ungleichverteilung von Glück - erklärbar machen wollen. Dies versetzt aber so-geartete Weltdeutungen in die permanente Daueraufgabe, ihre spezielle Theodizee - also ihre spezifische Idee über die Ordnung des Kosmos - in ständigem Spannungsverhältnis zur und gegen die Welt zu rationalisieren, dergestalt auch zu sublimieren und aufgrund dessen auch formale Rationalität zu akkumulieren. Die religiöse Rationalisierung fordert dann ihrerseits eben eine Systematisierung ein, also eine konsistente und teleologische Struktur, welche sich natürlich auch und gerade in den praktischen Bezügen zur Welt, also in der Lebensführung niederschlägt. Trotzdem es eigentlich die Interessen sind, welche das Handeln der Menschen direkt anleiten, beansprucht also in dieser Interpretation die religiöse Rationalisierung, auf Grundlage der religiösen Idee, eine Priorität gegenüber den rationalen Interessen und Institutionen der Welt, da es im Ursprung nun einmal die religiösen Ideen waren, nach denen sich die konkreten Interessen, also die Zweck-Mittel-Kalküle ausrichteten und gerade religiöse Ideen bergen ja häufig zahlreiche und radikale handlungsanleitende Implikationen in sich. Tenbruck glaubt nun hier die Position Webers konstatieren zu können, dass die Grundsätze der praktischen Lebensführung und damit auch die Auseinandersetzung des Menschen mit der Welt, im Bann der religiösen Ethik verhaftet bleiben (dies gilt zumindest für alle Kulturen, welche aufgrund ihrer entwicklungsanleitenden Ideenkonstellationalso ihrer religiösen Weltbilder und Ethiken - nicht, wie beim innerweltlich-asketischen Protestantismus geschehen, einem solch starken religiösen Entzauberungsprozess ausgesetzt waren
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- denn nur hier wurde der Übergang in das, was wir heute gemeinhin „Modernität“ nennen, vollzogen). Schließlich kommt Tenbruck zu dem Ergebnis, dass die Entstehung des okzidentalen Rationalismus nicht nur historischer Zufall, sondern eben auch ein endogen bestimmbares Resultat der inneren Zwangsläufigkeit der Rationalisierung auf Ebene der religiösen Ideen ist, da diese als Weichensteller fungieren und bestimmte Interessendispositionen erst mit Sinn anreichern und damit verfolgenswert erscheinen lassen, was je nach Art der Idee, zu einem Ausschluss anderer möglicher Entwicklungspfade führt und mit einer gewissen Entwicklungslogik entlang des Theodizee-Problems versehen ist. Webers Werk zeugt Tenbruck zu Folge von seiner Annahme, dass aus Interessen allein keine umfassenden und kontinuierlichen Rationalisierungen hervorgehen könnten, da diese meist blind sind, sich häufig gegenseitig im Wege stehen oder nur bis zum Punkt ihrer Befriedigung verfolgt werden. Erst einheitliche Ideen drängen auf eine systematische Disziplinierung der Interessen und auf eine rational methodische Lebensführung. Radikal heruntergebrochen (weder im Sinne Webers, noch Tenbrucks), kann man im Grunde auch ein Stufenmodell der Rationalisierung religiöser Ideen ausfindig machen: Eine Stufe urwüchsiger, magischer Gemeinschaftskulte, dann mit wachsender Abstraktion eine präanimistische Stufe, eine animistische Stufe und schließlich die Ausbildung eines Geister- und Götterglaubens und die Entstehung von Erlösungsreligionen, in denen sich die Spannungen zur Welt zunehmend zuspitzen. Hierbei muss natürlich relativierend angemerkt werden, dass Weber keine unilaterale Teleologie unterstellte, aber dennoch - bildlich gesprochen - nach Meinung Tenbrucks, von einem Stammbaum, also von einem Möglichkeitsspektrum der Entwicklung ausging, dessen fallspezifischer Richtungsverlauf aber auch von anderen gesellschaftlichen Bedingungen abhängt. Verwunderlich ist in diesem Zusammenhang weiterhin, zu lesen, dass Weber für seine Idealtypen und seine Erklärungshypothese quasi-reale Geltung in Bezug auf die universalgeschichtliche Entwicklung beanspruchte - oder besser gesagt: Realtypen seiner idealtypischen Konstrukte in diesem Falle für die religiösen Weltbilder im historischen Verlauf nicht ausgeschlossen wissen wollte. Betonte er sonst immer, dass diese Idealtypen nur aus heuristischen Motiven Verwendung finden sollten, scheint er an diesem Punkt mit seiner Auffassung zu brechen und postuliert nach Tenbruck, einen rationalen Entwicklungszwang religiöser Weltbilder und Ideen, also so etwas, wie eine relative Eigenlogik. Und zudem kann man, wenn man möchte, diese Rationalisierung als Fortschritt lesen, da sie mit der Akkumulation formaler Rationalität einhergeht und sich idealtypisch in einer Soziologie des Rationalismus in ein Stufenmodell bringen ließe. So äußert Weber selbst, dass die „Stufe“ der Rationalisierung einer Religion a) an ihrem Grad
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Arbeit zitieren:
Martin Schulz, 2010, Eine Metaanalyse zu Max Webers "Zwischenbetrachtung" und Tenbrucks Evolutionismusvorwurf , München, GRIN Verlag GmbH
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