Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 4
1.1. Forschungsstand 4
1.2. Literatur- und Quellensituation 16
1.3. Zielsetzung und Vorgehensweise 20
2. Treuenbrietzen - ein historischer Überblick 22
3. Verwaltung der Stadt. 28
3.1. Der „Staat“ in der Stadt 28
3.2. Der Magistrat 31
3.3. Das Militär 34
4. Militär in der Stadt 37
5. Entwicklung der Einwohnerschaft 45
5.1. Nichtmilitärische Bevölkerung 45
5.2. Militärische Bevölkerung 49
6. Das Militär als Stadtentwicklungsfaktor 56
6.1. Einquartierung und Sesshaftigkeit 56
6.2. Platzmangel in der Gastwirtschaft 61
6.3. Neuer Wohnraum für Bürger und Soldaten 64
6.3.1. Neubau und Reparatur baufälliger Häuser 65
6.3.2. Ausbau von Etagenwohnungen 71
6.3.3. Die Kaserne als Lösung? 74
7. Der Wirtschaftstandort Treuenbrietzen 79
7.1. Das Militär als Wirtschaftsfaktor 80
7.1.1. Textil- und Lederwaren für das Militär 80
7.1.2. Ansiedlung von Kolonisten 87
7.1.3. Arbeitskräfte aus dem Heer 90
7.2. Versorgung des Militärs mit Nahrungsmitteln 93
Inhaltsverzeichnis
8. Normenverletzung durch Militärs 100
8.1. Wachsoldaten als Komplizen 100
8.2. Tuchhändler als Opfer 102
9. Bürger als Taufpaten - Soldaten und Geistliche als Lehrer 109
9.1. Patenschaft als Brückenschlag 109
9.2. Getrennte Schulen - Gemeinsame Lesegesellschaft 113
10. Fazit 118
11. Quellenverzeichnis. 123
12. Literaturverzeichnis 126
13. Kartennachweis 134
1 Einleitung
1. Einleitung
1.1. Forschungsstand
Am Ende der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts beklagte der Historiker Ernst Willi Hansen in seinem Bericht „Zur Problematik einer Sozialgeschichte des deutschen Militärs im 17. und 18. Jahrhundert“ das inhaltliche Defizit der damaligen Militärgeschichte, sich mit ihrer vornehmsten Aufgabe, nämlich der Rekonstruktion der sozialen Wirklichkeit der Soldaten 1 nicht zu beschäftigen. 2 Bernhard R. Kroener erneuerte diesen Vorwurf fast eine Dekade später in seinem Literatur-und Forschungsbericht, in dem er resümierte, dass es noch an einer modernen Militärgeschichte in Deutschland fehle. Gleichzeitig verwies er auf die englische und französische Militärhistorie, die diesbezüglich fortschrittlicher sei. 3 Seit mehr als zwei Jahrzehnten hat sich in Deutschland die Einstellung zur Militärgeschichte geändert. Dabei erfolgte eine Abkehr von einer reinen schlachten-und operationsgeschichtlichen Perspektive hin zu einer nun stärker sozialgeschichtlich betonten Betrachtungsweise.
Dadurch öffnete sich die Militärgeschichte thematisch für einen größeren Personenkreis. Beispiele dafür sind die Untersuchungen zur Geschlechter- und Mentalitätsgeschichte von Beate Engelen und Jutta Nowosadtko. 4
1 Hansen, E. W., Bericht und Kritik, Zur Problematik einer Sozialgeschichte des deutschen Militärs
im 17. und 18. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Historische Forschung, 6 (1979), S. 425-460, hier S.
426.
2 Ähnliches äußerte F. Kopitzsch drei Jahre zuvor als er die Sozialgeschichte des deutschen Heerwe-
sens im 18. Jahrhundert als ein unerfülltes Desiderat der Forschung bezeichnete. Vgl. Kopitzsch,
F., Die Sozialgeschichte der deutschen Aufklärung als Forschungsaufgabe, in: Derselbe (Hrsg.),
Aufklärung, Absolutismus und Bürgertum in Deutschland, München 1976, S. 11-169, hier S. 27.
3 Auf die französische und britische Literatur zur Militärgeschichte kann an dieser Stelle nicht ein-
gegangen werden, da es den Rahmen der Arbeit übersteigt. Vgl. Kroener, B. R., Vom „extraordi-
nari Kriegsvolck“ zum „miles perpetuus“. Zur Rolle der bewaffneten Macht in der europäischen
Gesellschaft der Frühen Neuzeit, Ein Forschungs- und Literaturbericht, in: Militärgeschichtliche
Mitteilungen, 43 (1988), S. 141-188; Derselbe, Militär in der Gesellschaft. Aspekte einer neuen
Militärgeschichte in der Frühen Neuzeit, in: Kühne, T. (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Pader-born 2000, S. 283-299, hier S. 284 f.
4 Vgl. Engelen, B., Warum heiratet man einen Soldaten? Soldatenfrauen in der ländlichen Gesell-
schaft Brandenburg-Preussens im 18. Jahrhundert, in: Kroll, S. (Hrsg.), Militär und ländliche Ge-
sellschaft in der Frühen Neuzeit, Münster 2000, S. 251-273; Dieselbe, Soldatenfrauen in Preußen.
Eine Strukturanalyse der Garnisonsgesellschaft im späten 17. und im 18. Jahrhundert, Münster
2005; Nowosadtko, J., Soldatenpartnerschaften. Stehendes Heer und weibliche Bevölkerung im
18. Jahrhundert, in: Hagemann, K. (Hrsg.), Landsknechte, Soldatenfrauen und Nationalkrieger:
Militär, Krieg und Gesellschaftsordnung im historischen Wandel, Frankfurt/Main 1998, S. 297-
321.
4
1 Einleitung
Ursächlich für das Ausblenden von sozialen Fragestellungen in der deutschen Militärgeschichte in der Vergangenheit waren vor allem zwei Aspekte: Zum einen hatten die deutschen Militärs, von denen der Großteil der militärgeschichtlichen Literatur noch bis heute stammt, bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts nur wenig Interesse an der Erforschung der sozialen Lebensumstände der Soldaten. Für sie war, wie bereits angedeutet, die Militärgeschichte bis dahin gleichbedeutend mit der Kriegsgeschichte. 5
Die Sozialwissenschaftler ihrerseits hatten kaum Ambitionen sich auf das gesellschaftlich „schwierige Terrain“ des Militärs einzulassen. 6 Zu stark waren nach wie vor ihre Vorbehalte gegen die Armee, da ihr die Katastrophen der beiden Weltkriege aus der jüngeren deutschen Geschichte anhafteten. 7 Bereits 1816 war im preußischen Generalstab eine kriegsgeschichtliche Abteilung gegründet worden, in der Offiziere, nicht Historiker, eine „amtliche Kriegsgeschichte“ schrieben. 8
Sie sollten vorrangig Erfahrungen aus der Praxis für die Praxis (Applikationswissenschaft) nutzbar machen - daher standen Themen wie Heeresaufbringung,verfassung und -verwaltung, Kriegsrecht und vor allem Taktik und Strategie im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses. 9
Gegen eine inhaltliche Öffnung und universitäre Einbindung, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts z. B. Hans Delbrück in seinem programmatischen Werk „Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte“ 10 gefordert hatte, verwehrten sich aber nicht nur die meist aus dem Kreise der Militärs stammenden Apologeten der Generalstabshistorie, sondern auch veritable Universi-tätsprofessoren, wie Leopold von Ranke.
5 Unter Kriegsgeschichte verstand man vor allem die detaillierte Beschäftigung mit großen Heerfüh-
rern, ansatzweise die Ausbildung und Formierung von militärischen Eliten sowie Führungs- und
Organisationsfragen.
6 Hansen, E. W., Sozialgeschichte, (wie Anm. 1), S. 429.
7 Ähnliches galt auch für die deutschen Geschichtswissenschaftler, denen die Ideologisierung der
Militärgeschichte während des Dritten Reiches noch allgegenwärtig war. Vgl. Pröve, R., Vom
Schmuddelkind zur anerkannten Subdisziplin? Die „neue Militärgeschichte“ der Frühen Neuzeit -Entwicklung, Perspektiven, Probleme, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 51 (2000),
S. 597-612, hier S. 598.
8 Umbreit, H., Von der preußisch-deutschen Militärgeschichtsschreibung zur heutigen Militärge-
schichte, in: Gersdorff, U. v. (Hrsg.), Geschichte und Militärgeschichte. Wege der Forschung,
Frankfurt/Main 1974, S. 17-54, hier S. 18.
9 Beispielsweise: Jähns, M., Geschichte der Kriegswissenschaften vornehmlich in Deutschland, 3
Bde., München / Leipzig 1889 - 1891.
10 Delbrück, H., Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte, 4 Bde., Berlin
1900 - 1920.
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1 Einleitung
Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der danach 1920 von den Alliierten verfügten Auflösung des deutschen Generalstabes und seiner Kriegsgeschichtlichen Abteilung setzten die amtlichen Stellen ihre Arbeit in einer eigenen Forschungsabteilung im neu gegründeten Reichsarchiv fort. Sie residierten in dem Gebäude der alten Kriegsschule auf dem Potsdamer Brauhausberg. 11 Nun wurden den Militärs auch zivile Mitarbeiter zur Seite gestellt, die zum Teil nach historisch-kritischen Methoden arbeiteten und damit zu einer zunehmenden Versachlichung der Kriegsgeschichte beitrugen und in Ansätzen auch eine sozial-historische Öffnung beförderten. 12
In diesem Kontext führte besonders das Aufkommen soziologischer Theorien in dieser Zeit zu neuen Impulsen. Zwar war das Militär nicht im direkten Fokus der Forscher, doch wurde es peripher vor allem im Hinblick auf seine „disziplinierende Wirkung“ untersucht.
Disziplin, so der Soziologe Max Weber, erzeuge eben jene Zuverlässigkeit, die für das Funktionieren eines modernen Staates unerlässlich sei. So käme dem Militär als Mutterschoß der Disziplin eine herausragende Bedeutung im Staatsbildungsprozess zu. 13
Nach der Instrumentalisierung und Deformierung der traditionellen „Kriegsgeschichte“ hin zur „Wehrgeschichte“ - die ihren Beitrag zur wehrpolitischen Erziehung des Volkes während des Nationalsozialismus leisten sollte 14 - musste nach 1945 eine Neuorientierung der Militärgeschichte erfolgen, um sie in ihrer Form als Teildisziplin der Geschichte zu rechtfertigen. 15 Die Grundlage für die breit gefächerte Öffnung der deutschen Militärgeschichte in der letzten Zeit bildeten militärhistorische Arbeiten aus den sechziger und siebziger Jahren. 16
11 Helmut, O., Das ehemalige Reichsarchiv. Streiflichter seiner Geschichte und der wissenschaftli-
chen Aufarbeitung des Ersten Weltkriegs, in: Kroener, B. R. (Hrsg.), Potsdam. Staat, Armee, Re-sidenz in der preußischen Militärgeschichte, Berlin 1993, S. 421-434.
12 Beispielsweise: Demeter, K. (Archivrat im Reichsarchiv), Das deutsche Offizierkorps in seinen
historisch-soziologischen Grundlagen, Berlin 1930; Hobohm, M. (Historiker und Mitglied des Un-
tersuchungsausschusses des Reichstages), Soziale Heeresmißstände als Teilursache des deutschen
Zusammenbruchs von 1918, Berlin 1929.
13 Weber, M., Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1972,
S. 686.
14 Wohlfeil, R., Überlegungen zum Begriff „Militärgeschichte“, in: Kroll, S./Krüger, K. (Hrsg.), Mi-
litär und ländliche Bevölkerung in der frühen Neuzeit, Münster 2000, S. 15-20, hier S. 17.
15 Kroener, B. R., Militär in der Gesellschaft, (wie Anm. 3), S. 283.
16 Otto Büschs Werk wurde bereits 1952 verfasst, aber erst 1962 publiziert. Vgl. Büsch, O., Militär-
system und Sozialleben in Preußen 1713-1806. Die Anfänge der sozialen Militarisierung der preu-
6
1 Einleitung
Obwohl sie in vielen inhaltlichen Punkten nicht mehr den aktuellen Forschungs-stand wiedergeben, liegt ihr besonderer Verdienst in der Vorreiterrolle bei der Aufdeckung der Wechselbeziehung zwischen Militär und Gesellschaft. Damit bilden sie die Basis für die Theorien der modernen deutschen Militärgeschichte. 17 Besonders die Arbeit von Otto Büsch, in der er die Agrargesellschaft mit dem Militärsystem gleichsetzte, 18 und die von Gerhard Oestreich formulierte Theorie der Sozialdisziplinierung, die die Erziehung der Gesellschaft mit dem Militär ver-band, rüttelten am Bild von statisch getrennten zivilen und militärischen Welten. 19 Beide Arbeiten gelten nach wie vor als entscheidende Impulsgeber - vor allem für die Auseinandersetzung mit der preußischen Militärgeschichte. Darüber hinaus beeinflussten ihre Betrachtungsperspektiven auch den regionalgeschichtlichen Bereich. Deswegen sollen die wesentlichen Kernpunkte beider Arbeiten kurz vorgestellt und den Ergebnissen der neusten Forschung gegenübergestellt werden. Die Theorie der Sozialdisziplinierung als Teil eines umfangreichen Vergesellschaftungsprozesses ging laut Oestreich von höchster hierarchischer Ebene aus und übertrug sich in Form von Mandaten, Reskripten und Gesetzen auf die unteren gesellschaftlichen Schichten.
Ein starkes, gut diszipliniertes, ständiges Heer mit anexerziertem Gehorsam galt als Wegbereiter für eine Disziplinierung der ganzen Gesellschaft. Vor allem die Verwaltung - in Form einer straff organisierten Bürokratie - und die Ökonomie waren wichtige Bereiche für die gesellschaftliche Disziplinierung. 20 Diese Entwicklung beeinflusste auch die Kultur. In der Architektur kreierte man symmetrische Schlösser mit ihren kunstvoll beschnittenen Parkanlagen. Beim Gesellschaftstanz der Zeit, dem Menuett, achtete man auf den Synchronismus der Bewegung.
ßisch-deutschen Gesellschaft, Berlin 1962; Redlich, F., The German Military Enterpriser and his
Work Force. A Study in European Economic and Social History, Vol. I und II, Wiesbaden 1964.
17 Kroener, B. R., „extraordinari Kriegsvolck“, (wie Anm. 3), S. 146.
18 Büsch, O., Militärsystem und Sozialleben, (wie Anm. 16), S. 167.
19 Oestreich, G., Strukturprobleme des deutschen Absolutismus, in: Derselbe, Geist und Gestalt des
frühmodernen Staates. Ausgewählte Aufsätze, Berlin 1969, S. 179-197, hier S. 183 u. 194.
20 ebd., S. 194 ff.
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1 Einleitung
Der Landesherr griff insgesamt also massiv in das soziale und ökonomische Leben der Bevölkerung ein, und bewirkte eine Vereinheitlichung und Reglementierung ihrer Handlungen und Haltungen. 21
Das Ziel dieser Fundamentaldisziplinierung sollte demnach die Normierung des „Untertanenverbandes“ unter Ausschaltung der ständischen Repräsentation sein. Parallel dazu verlief der Prozess der Konfessionalisierung. 22 Nach dem Dreißigjährigen Krieg entstanden die ersten Bemühungen, die für die Sozialdisziplinierung der Gesellschaft als Basis angesehene Soldateska langfristig an einen Herrscher zu binden. Dieser Prozess verlief unstetig, so dass sich in der neueren Militärgeschichte der Begriff vom Stehengebliebenen Heer 23 etabliert hat, da Mobilisierungs- und Demobilisierungseffekte bei den europäischen Armeen die Regel waren. 24
Johannes Burckhardt bemerkt dazu: Die Verstetigung und Verstaatlichung der Heere war an sich ein langer Prozeß, der weit vor dem Dreißigjährigen Krieg begonnen hat und nach ihm nicht gleich zum Abschluß kam. 25 Die Herausbildung des Stehenden Heeres mit seinen Bedürfnissen bildete die Grundlage für den Auf- bzw. Ausbau der fürstlich-staatlichen Verwaltung. Das bedeutete auch die Schaffung eines rechtskräftigen Verhältnisses von vertraglichen Bindungen, die den Befehlsgehorsam festschrieben und somit eine eindeutige hierarchische Struktur etablierten:
Mit der Übernahme langfristiger Verträge auch in Friedenszeiten, wandelte sich die privatrechtliche Bindung Söldner-Fürst allmählich in eine staatsrechtliche Verpflichtung um; „Treue“ und „Eid“ des Soldaten standen der Fürsorgepflicht des Fürsten als Landesherrn gegenüber. Dieses neue öffentlich-rechtliche Verhältnis zwischen Militär und Landesherrn führte zum Regelzwang (…). 26
21 Kroener, B. R., „Das Schwungrad an der Staatsmaschine?“ Die Bedeutung der bewaffneten Macht
in der europäischen Geschichte der Frühen Neuzeit, in: Kroener, B. R./Pröve, R. (Hrsg.), Krieg
und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Paderborn 1996, S. 1-23, hier S. 9.
22 Pröve, R., Dimension und Reichweite der Paradigmen „Sozialdisziplinierung“ und „Militarisie-
rung“ im Heiligen Römischen Reich, in: Schilling, H. (Hrsg.), Institutionen, Instrumente und Ak-
teure sozialer Kontrolle und Disziplinierung im frühneuzeitlichen Europa, Frankfurt/Main 1999, S.
65-85, hier S. 66 f.
23 Burkhardt, J., Der Dreißigjährige Krieg, Frankfurt/Main 1992, S. 213.
24 Kroener, B. R., „Das Schwungrad an der Staatsmaschine?“, (wie Anm. 21), S. 4, 9 und 13 f.
25 Burkhardt, J., Dreißigjährige Krieg, (wie Anm. 23), S. 213.
26 Pröve, R., Stehendes Heer und städtische Gesellschaft im 18. Jahrhundert. Göttingen und seiner
Militärbevölkerung 1713-1756, München 1995, S. 1.
8
1 Einleitung
Als Exekutiv-, Schutz-, und Kontrollorgan für den Souverän sollte es den Staatsbildungsprozess einleiten und ihn gegen Übergriffe von innen und von außen schützen. 27
Zur Finanzierung der Armee musste der Landesherr immer neue Geldquellen in Form von Abgaben und Steuern erschließen. Damit verbunden war der Aufbau eines Beamtenapparats.
Bereits Otto Hintze äußerte in seinem Buch „Die Hohenzollern und ihr Werk“ aus dem Jahr 1915, dass die Grundlage des Deutschen Kaiserreichs schon im Wirken Friedrich Wilhelm I. lag. Dieser hätte eine militärisch-monarchische Staatsordnung begründet, die in ihrer Straffheit und Schlagfertigkeit etwas Neues und Unerhörtes war. Grundpfeiler dieses preußischen Staates, der bis zum heutigen Tage das unvertilgbare Gepräge seiner Persönlichkeit trage, seien eben das Heer und das Beamtentum. 28
Auf der anderen Seite wurden die eingenommenen Finanzen für den Auf- und Ausbau des Heeres in die heimische Wirtschaft investiert, und bildeten somit die Grundlage für ökonomisches Wachstum. 29
Das Stehende Heer galt generell als Garant für Ordnung und somit als „Erziehungsstube des Bürgers“. Äußerlich begründete sich dieser Eindruck mit den Uni-formen, die die Menge von Individuen eines Söldnerhaufens zugunsten eines gleich gekleideten Heeres von Soldaten ersetzten. Die anexerzierten mechanischen Handgriffe der Soldaten beim Umgang mit der Waffe untermauerten diesen Eindruck. 30
Neben den neuen Steuern stellten vor allem die Zwangswerbungen und die Einquartierung von Soldaten einen massiven Eingriff des Landesherrn in das Alltagsleben seiner Bevölkerung dar.
Büsch sah in seiner eingangs erwähnten Publikation über das Militärsystem und Sozialleben im alten Preußen im 18. Jahrhundert eine Verschmelzung der Heeres-und Agrarverfassung:
27 Gräf, H. T., Militarisierung der Stadt oder Urbanisierung des Militärs?, in: Pröve, R. (Hrsg.)
Klio in Uniform? Probleme und Perspektiven einer modernen Militärgeschichte der Frühen
Neuzeit, Köln 1997, S. 89-108, hier: 93 f.
28 Hintze, O., Die Hohenzollern und ihr Werk. Fünfhundert Jahre vaterländische Geschichte, Ber-
lin 1915, S. 319 f.
29 Pröve, R. „Sozialdisziplinierung“ und „Militarisierung“, (wie Anm. 22), S. 67 f; Pröve, R., Göt-
tingen, (wie Anm. 26), S. 2.
30 Oestreich, G., Absolutismus, (wie in Anm. 19), S. 194 ff.
9
1 Einleitung
Das Militärsystem als soziales System war unauflöslich verflochten mit der in den östlichen Landesteilen bestehenden Agrarverfassung, die mit Gutsherrschaft verbunden auftrat. 31
In der Kantonverfassung von 1733 glaubte er die Grundlage für die Militarisierung aller gesellschaftlichen Bereiche zu erkennen, wobei er eine Identität zwischen Gutsbesitzer und adligem Offizier konstruierte. Damit versuchte Büsch nicht nur die Beziehung innerhalb der preußischen Gesellschaft im Zeitfenster von 1713 bis 1807 zu erklären, sondern er skizzierte vielmehr einen stringenten Weg bis ins 20. Jahrhundert. Nach seiner Auffassung führte die Entscheidung Friedrich Wilhelms I. Adlige als Offiziere für sein Heer zu gewinnen, zu einer engen Bindung an den Landesherrn. Diese Entwicklung setzte sich bei seinen Nachfolgern fort.
Die militärischen Erfolge und der damit verbundene Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht sowie der Prestigegewinn des Militärs innerhalb der Gesellschaft führten zu einer Obrigkeitshörigkeit, die sich die Nationalsozialisten zu Nutze machten. Die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges ist für Büsch nur eine logische Folge der vorangegangenen gesellschaftlichen und politischen Prozesse. 32
Erst in den letzten Jahren formierten sich immer mehr Zweifel an einer umfassenden sozialen Disziplinierung der „Untertanen“ durch den Souverän. Nicolas Henshall verwies nach intensivem Quellenstudium in seinem Werk „The Myth of Absolutism. Change and Continuity in Early Modern European Monarchies“ auf eine Konsensbeziehung zwischen Landesherrn und Landesständen. Damit ließ er die absolute Herrschaftsform des Monarchen fraglich erscheinen. 33 Achim Landwehr wertete die neuen Erkenntnisse als Aufweichung der festgesetzten Grenzlinie zwischen Herrschendem und Beherrschtem, die mitten durch die Gemeinde [verlief], [denn] sie variierte ständig und konnte auch, wenn man so möchte, durch die einzelnen Personen hindurch verlaufen.
31 Büsch, O., Militärsystem und Sozialleben“, (wie Anm. 16), S. 73 und 167.
32 ebd.
33 Vgl. Henshall, N., The Myth of Absolutism. Change and Continuity in Early Modern European
Monarchies, London 1992.
10
1 Einleitung
Die „Untertanen“ waren für ihn nicht nur passive Empfänger obrigkeitlicher Weisungen und Gesetze gewesen, sondern verlangten sogar teilweise nach Normen, die sie für sich nutzen konnten. 34
Das Absolutismuskonzept, das noch aus den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts stammte 35 und Herrschaft als Einbahnstraße zwischen Souverän und Untertan darstellte, verlor dadurch weiter an Konturen. 36 1986 hatte auch Rudolf Vierhaus auf die semantischen Mängel des Wortes Absolutismus und die Probleme bei dessen historischer Einordnung hingewiesen: Was „Absolutismus“ sei; ob, wann, in welcher Erstreckung es ein „Zeitalter des Absolutismus“ gegeben hat, erscheint heute fragwürdiger denn je. 37 Reinhard Blänkner entkräftete die These vom gehorsamen „Untertanen“ in seinem Aufsatz „¸Absolutismus' und ¸frühmoderner Staat'. Probleme und Perspektiven der Forschung“ 38 weiter. Er stellte fest, dass der Souveränitätsanspruch die prinzipielle Auflösung der intermediären Gewalt (also Adel, Städte und Klerus), nicht mit einschloss. 39
Jürgen Schlumbohm ging noch einen Schritt weiter, in dem er die heutige Forschung mit der Suche nach dem Nichtabsolutistischen im Absolutismus beschrieb. 40 Für ihn bestand ein Phänomen der Frühen Neuzeit darin, dass der „Staat“ einerseits zwar viele Gesetze erließ, diese andererseits aber nur zum Teil um- bzw. durchsetzte. 41
So wurde in den letzen Jahren nicht nur das Absolutismuskonzept angezweifelt, sondern auch die Hypothese der Militarisierung der Gesellschaft und des Sozialdisziplinierungsprozesses in Frage gestellt.
34 Landwehr, A., „Normdurchsetzung“ in der Frühen Neuzeit? Kritik eines Begriffs, in: Zeitschrift
für Geschichtswissenschaft, 48 (2000), 2. Heft, S. 146-162, hier S. 155 f.
35 Blänkner, R., „Absolutismus“ und „frühmoderner Staat“. Probleme und Perspektiven der For-
schung, in: Vierhaus, R. (Hrsg.), Frühe Neuzeit - Frühe Moderne?, Göttingen 1992, S. 48-74, hier
S. 51.
36 Löffler, U., Herrschaft als soziale Praxis zwischen Dorf und Obrigkeit, in: Meumann, M./Pröve, R.
(Hrsg.), Herrschaft in der Frühen Neuzeit. Umrisse eines dynamisch-kommunikativen Prozesses,
Münster 2004, S. 97-117, hier S. 104 ff.
37 Vierhaus, R., Absolutismus, in: Hinrich, E. (Hrsg.), Absolutismus, Frankfurt/Main 1986, S. 35-62,
hier S. 57.
38 Blänker, R., „Absolutismus“. Eine begriffsgeschichtliche Studie zur politischen Theorie und zur
Geschichtswissenschaft in Deutschland 1830-1890, Göttingen 1993.
39 Blänkner, R., „Absolutismus“ und „frühmoderner Staat“, (wie Anm. 35), S. 62.
40 Schlumbohm, J., Gesetze, die nicht durchgesetzt werden - eine Strukturmerkmal des frühneuzeit-
lichen Staates, in: Geschichte und Gesellschaft, in: Zeitschrift für Historische Sozialwissenschaft,
23 (1997), S. 647-663, hier S. 647.
41 ebd.
11
1 Einleitung
Im Fokus der heutigen Militärhistorie wird das Militär als komplexes Sozialsystem gesehen. Dabei ist die Verflechtung mit Wirtschaft, Gesellschaft und Staat von besonderem Interesse für die Forschung. 42
Zur landesgeschichtlichen Perspektive
In aktuellen Forschungsarbeiten werden der Militarisierungs- und Sozialdisziplinierungsthese „Verbürgerlichungs“-Tendenzen 43 für das Militär und der „Eigensinn der Untertanen“ gegenübergestellt. 44 Dazu heißt es bei Lieselott Enders: Die Quellen des 18. Jahrhunderts belegen nicht nur eine Fülle teils offensiver, teils defensiver Maßnahmen adliger Stadtherren, sondern auch vielfältige latente und offene Widerständigkeit der Bürger und Bürgergemeinden, die dem verbreiteten Bild der geduckten, passiven Bürgerschaft im 18. Jahrhundert geradezu Hohn spricht. 45
Thomas Rudert bemerkt zum Punkt der Renitenz der „Untertanen“ in kleinen Städten ergänzend:
Was bei aller differenzierten Vielfalt des konkreten städtischen Alltags auffällig hervortritt, ist ein ganz beachtlicher Selbstbehauptungswille, ein erstaunliches bürgerliches Beharrungsvermögen, auch und gerade in kleinen Städten. 46 Und Wolfgang Neugebauer stellt nach Auswertung seiner Untersuchungen über den „Absolutismus“ in Brandenburg im 17. und 18. Jahrhundert fest: Der Brandenburger ist nie nur Untertan gewesen. 47
42 Pröve, R., Vom Schmuddelkind, (wie Anm. 7), S. 601.
43 Vgl. Pröve, R., Göttingen, (wie Anm. 26); Derselbe, Der Soldat in der ¸guten Bürgerstube´: Das
frühneuzeitliche Einquartierungssystem und die sozioökonomischen Folgen, in: Kroener, B.
R./Pröve, R. (Hrsg.), Krieg und Frieden. Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit, Pader-
born 1996, S. 191-217; Göse, F., Zwischen Garnison und Rittergut. Aspekte der Verknüpfung von
Adelsforschung und Militärgeschichte am Beispiel Brandenburg-Preußens, in: Klio in Uniform?,
Pröve, R. (Hrsg.), Probleme und Perspektiven einer modernen Militärgeschichte der Frühen Neu-
zeit, Köln 1997, S. 109-142, hier: 122 ff.
44 Vgl. Göse, F., Zwischen beanspruchter Selbstverwaltung und landesherrlicher Regulierung: Die
brandenburgischen Städte um 1700., in: Derselbe (Hrsg.), Im Schatten der Krone. Die Mark Bran-
denburg um 1700, Potsdam 2002, S. 99-142; Lüdtke, A., Einleitung: Herrschaft als soziale Praxis,
in: Derselbe (Hrsg.), Herrschaft als soziale Praxis: historische und sozialanthropologische Studien,
Göttingen 1991, S. 9-63, hier S. 12 f.
45 Enders, L., Emanzipation der Agrargesellschaft im 18. Jahrhundert-Trends und Gegentrends in der
Mark Brandenburg, in: Peters, J. (Hrsg.) Konflikt und Kontrolle in Gutsherrschaftsgesellschaften.
Über Resistenz- und Herrschaftsverhalten in ländlichen Sozialgebilden der Frühen Neuzeit, Göt-
tingen 1995, S. 404-433, hier S. 430.
46 Rudert, T., Kleine Landstädte in Mecklenburg, Pommern und Brandenburg in der Frühen Neuzeit.
Bemerkungen zu Fragestellungen und zum Stand der Forschung, in: Rudert, T./ Zückert, H.
(Hrsg.), Gemeindeleben. Dörfer und kleine Städte im östlichen Deutschland (16.-18. Jahrhundert),
Köln 2001, S. 201-216, hier S. 214.
12
1 Einleitung
Besonders Enders ging auf die Emanzipationsbewegung der Bürger ein, die während des gesamten 18. Jahrhunderts um die Wiedergewinnung verlorener (…) Befugnisse stritten. Vereinzelt erwarben sie sogar die herrschaftlichen Güter der Stadt unter hohen finanziellen Aufwendungen, um sich von der adligen Herrschaft und deren Gerichtsbarkeit über die Stadt zu befreien. 48 Das auch die Einbeziehung des Militärs in die sozialgeschichtliche Betrachtungsweise für die Analyse der Gesellschaft der Frühen Neuzeit nur folgerichtig ist, verdeutlicht das Beispiel Preußens, dessen Militärbevölkerungsanteil an der Gesamteinwohnerzahl im 18. Jahrhundert bei mindestens drei Prozent (teilweise sogar bei fast acht Prozent) lag. Obwohl ein nicht unerheblicher Teil der Armee außerhalb von Preußen geworben wurde, nimmt dennoch der preußische Staat unter den europäischen Großmächten eine Sonderstellung ein. 49 In der Kurmark, wo sich der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit - die Garnisonsstadt Treuenbrietzen - befindet, lag der Anteil des Militärs an der Gesamtbevölkerung bei ca. 20 Prozent. 50 In Treuenbrietzen selbst machte das Militär am Ende der Amtszeit Friedrichs II. (1786) mehr als ein Drittel der Gesamtbevölkerung aus. 51
Für die historische Darstellung der brandenburgischen Städte ist das Militär als Teil eines komplexen aussagekräftigen Soziogramms unverzichtbar, da nahezu jede größere Stadt in der Mark Brandenburg eine Garnison beherbergte. 52 Damit läutete der bereits eingangs erwähnte Forschungsaufschwung in der modernen Militärgeschichte nicht nur eine „Neuentdeckung“ des Militärs aus der sozialgeschichtlichen Perspektive ein, sondern wirkte sich auch positiv auf die Stadt- und Regionalgeschichte aus.
Dennoch konstatierte Brigitte Meier, dass es erstaunlich sei, wie wenig man nach wie vor über das Miteinander oder Gegeneinander von Militär- und Zivilbevölkerung in den brandenburgischen Städten wisse[n]. 53
47 Neugebauer, W., Zentralprovinzen im Absolutismus. Brandenburg im 17. und 18. Jahrhundert,
Berlin 2001, S. 155.
48 Enders, L., Emanzipation der Agrargesellschaft, (wie Anm. 45), S. 430 f.
49 Kroener, B. R., „Das Schwungrad an der Staatsmaschine?“, (wie Anm. 21), S. 7.
50 Vgl. Bratring, F. W. A., Statistisch-topographische Beschreibungen der gesamten Mark Branden-
burg, Büsch, O./Heinrich, G., verbesserte Neuauflage der 1804-1809 erschienenen Ausgabe, Ber-
lin 1968, S. 61.
51 Derselbe, Statistisch-topographische Beschreibungen der gesamten Mark Brandenburg, 2. Bd.,
Berlin 1805, S. 383.
52 Vgl. Büsch, O., Garnisonen und Garnisonsorte in Brandenburg 1640-1806, in: Historischer Hand-
atlas von Brandenburg und Berlin, 17. Bd., Berlin 1967.
13
1 Einleitung
Rudert äußerte sich in ähnlicher Form, bezogen auf die Ergebnisse der Stadtforschung im östlichen Deutschland:
Mißt man den Grad der Erforschung der ostelbischen Städtelandschaft - vor allem bezogen auf die kleinen Städte, aber nicht nur darauf beschränkt (…) so ist in der Tat ein deutliches Gefälle zu Ungunsten der Untersuchungsregionen östlich der Elbe nicht zu übersehen. 54
Standen aufgrund ihrer ökonomischen, kulturell-repräsentativen und militärischen Bedeutung zunächst die großen Städte der Mark 55 , wie beispielsweise Potsdam, Frankfurt an der Oder oder Brandenburg an der Havel im Blick der „neuen“ Stadt- und Militärgeschichte, 56 so breitet sich die Erforschung nun verstärkt auf die brandenburgischen Mittel- und Kleinstädte aus, wie die Publikationen von Dorit Schneider, Carmen Winkel, Jörg Muth, Brigitte Meier, Alexander Kessler, Martin Winter und Olaf Gründel zeigen. 57
53 In ihrem Aufsatz fordert Meier geradezu die Erforschung der frühneuzeitlichen brandenburgi-
schen Städte, um das Allgemeine und Besondere der Städteregion zu ergründen; in: Meier, B.,
Die „Sieben Schönheiten“ der frühneuzeitlichen brandenburgischen Städte, in: Pröve, R. (Hrsg.),
Leben und Arbeiten auf märkischen Sand. Wege in die Gesellschaftsgeschichte Brandenburgs
1700-1914, Bielefeld 1999, S. 220-265, hier S. 227 und 233, Zitat S. 235 f.
54 Rudert, T., Kleine Landstädte, (wie Anm.46), S. 202; Liselott Enders äußerte bereits 1998 einen
ähnlichen Gedanken: Obwohl die Stadtgeschichtsschreibung eine Jahrhunderte alte Tradition
und die moderne Stadtgeschichtsforschung besonders seit der Mitte dieses Jahrhunderts einen
enormen Aufschwung genommen hat, stehen wir in vielen Fragen noch am Anfang, sind viele
Problem noch ungelöst, ja oft noch gar nicht angegangen und ins Bewusstsein gerückt. Das be-
trifft sowohl die einzelnen Städte als auch die regionale Erforschung von Städtelandschaften bis
hin zu größeren politischen Gebilden wie z. B. die Mark Brandenburg, (…). in: Enders, L., Auf-
gaben der brandenburgischen Stadtgeschichtsforschung, in: Dieselbe/Neitmann, K. (Hrsg.),
Brandenburgische Landesgeschichte heute, Potsdam 1999, S.69-79, hier: S. 69.
55 Enders bemerkt zur brandenburgischen Kleinstadtforschung: Besonders vernachlässigt erweist
sich die wissenschaftliche Erforschung der Kleinstädte. ebd., S. 70.
56 Vgl. Kotsch, D., Potsdam. Die Garnisonsstadt, Braunschweig 1992; Derselbe, Holländerviertel
und Bornstedter Feld. Die soziale Funktion von Bürgerquartier und Kaserne, in: Kroener, B. R.
(Hrsg.), Potsdam. Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte, Berlin
1993, S. 306-322; Derselbe, Bürgerquartier und Kasernen - Brandenburg als Garnisonsstadt
(1815-1945), in: Heinrich, G. (Hrsg.), Stahl und Brennabor. Die Stadt Brandenburg im 19. und
20. Jahrhundert, Potsdam 1998, S. 125-141; Winter, M., Preußisches Kantonsystem und städti-
sche Gesellschaft. Frankfurt an der Oder im ausgehenden 18. Jahrhundert, in: Pröve, R. (Hrsg.),
Leben und Arbeiten auf märkischen Sand. Wege in die Gesellschaftsgeschichte Brandenburgs
1700-1914, Bielefeld 1999, S. 243-265.
57 Vgl. Schneider, D., Soldaten in der Stadt: Militär und Gesellschaft in Nauen 1763-1806, in: magi-
e-forum historicum, 01.04.2003; Winkel, C., Militär und Gesellschaft in Rathenow 1733-1806,
Potsdam 2005 (unveröffentlichte Magisterarbeit); Muth, J., Flucht aus dem militärischen Alltag.
Ursache und individuelle Ausprägung der Desertion in der Armee Friedrich des Großen, Frei-
burg/Br. 2003; Meier, B., Neuruppin 1700 bis 1830. Sozialgeschichte einer kurmärkischen Hand-
werker- und Garnisonsstadt, Berlin 1993; Kessler, A., Stadt und Herrschaft Liebero-
se/Niederlausitz im 17. und 18. Jahrhundert. Alltagsleben in der Gutsherrschaft, Berlin 2003; Win-
ter, M., Untertanengeist durch Militärpflicht? Das preußische Kantonsystem in brandenburgischen
Städten im 18. Jahrhundert, Bielefeld 2005; Gründel, O., Bürgerrock und Uniform. Die Garnisons-
stadt Prenzlau 1685-1806, in: Museumsverband des Landes Brandenburg e.V.: Ortstermine. Stati-
onen Brandenburg-Preußens auf dem Weg in die moderne Welt, Berlin 2001, S. 6-24.
14
1 Einleitung
Die Gründe für den Publikationszuwachs in jüngster Vergangenheit sind sehr unterschiedlich. Zum einen sind die Kleinstädte erst seit knapp zwei Dekaden wieder mehr ins Blickfeld der deutschen Historiker gerückt. Davor haftete ihnen der Ruch vom Hort des provinziellen Konservatismus und der kleinbürgerliche[n] Beschränktheit an. 58 In der aktuellen europäischen Forschung werden diese Vorstellungen stark abgemildert und den Ortschaften ein kommunales Eigenleben auch in der Mark Brandenburg entgegengesetzt.
Ein weiteres Problem ist die unbefriedigende Forschungssituation der kleinen Städte hinsichtlich der Frühen Neuzeit und des 19. und 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus fokussierte sich die Forschung in den letzten Jahren, so Evamaria Engel, vor allem auf einzelne Kleinstädte oder sie nimmt die Kleinstädte innerhalb einer historisch gewachsenen Landschaft ins Visier. 59 Dabei spielten vor allem Grundlagen- und Nachschlagewerke zur Geschichte Brandenburgs eine wichtige Rolle. 60
Diese Untersuchungen sind das Fundament für die Einordnung der kleinen Stadt in übergeordnete[r] gesellschafts- und/oder allgemeingeschichtliche[r]Fragen und Probleme der jeweiligen National- und Territorialgeschichte, so Holger Gräf, denn:
Trotz einer ganzen Fülle von Einzelstudien und langfristig angelegten Forschungsprojekten steht die Erforschung der kleinen Städte in Europa erst an ihrem Anfang. 61
Das Archivprojekt der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) unter der Leitung des Geheimen Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz, des Brandenburgischen Landeshauptarchivs und des Lehrstuhls für Militärgeschichte an der Universität Potsdam, das eine umfangreiche Erschließung der Archivquellen zur brandenburgisch-preußischen Militärgeschichte der Frühen Neuzeit auf dem Gebiet zwischen Elbe und Oder zum Ziel hatte, kann diesbezüglich verstärkt zur Er-
58 Gräf,H., Probleme, Aufgaben und Methoden historischer Kleinstadtforschung, in: Derselbe
(Hrsg.), Kleine Städte im neuzeitlichen Europa, Berlin 1997, S. 11-24, hier S. 22; Engel, E., Zur
Situation der brandenburgischen Kleinstädte, in: Enders, L./Nietmann, K. (Hrsg.), Brandenburgi-
sche Landesgeschichte heute, Potsdam 1999, S. 81-89, hier S. 85.
59 ebd., S. 82.
60 Beispielsweise: Historische Ortslexikon für Brandenburg, Weimar 1977; Engel, E./Enders, E.
(Hrsg.), Städtebuch Brandenburg und Berlin, 2. Bd., Berlin 2000.
61 Gräf, H., Probleme, Kleinstadtforschung, (wie Anm. 58), S. 13.
15
1 Einleitung
hellung beitragen. Die Quellen wurden systematisch in einer mehr als 30.000 Aktentitel umfassenden Datenbank erfasst. 62
Die Auswertung des wieder entdeckten Materials bietet eine gute Möglichkeit, bestehende Lücken in der brandenburgischen Regional- und Stadtgeschichte zu schließen. 63
Dass ein zusätzlicher Erkenntnisgewinn über die Kleinstädte ein unbedingtes Anliegen sein müsse, äußerte Engel, die ihrerseits aber auch einräumte, dass sie bei der Erstellung des Städtebuchs von Brandenburg zusammen mit ihren Mitarbeitern in vielen Punkten immer wieder auf erhebliche Schwierigkeiten stieß. 64
1.2. Literatur- und Quellenlage
Die in den letzten Jahren publizierten Arbeiten, die sich mit der Wechselbeziehung von Militär und Gesellschaft in brandenburgischen Kleinstädten befassten, orientierten sich im Wesentlichen an der Veröffentlichung „Stehendes Heer und städtische Gesellschaft im 18. Jahrhundert. Göttingen und seine Militärbevölkerung 1713-1756“ von Ralf Pröve, die Mitte der neunziger Jahre herausgegeben wurde.
Der hohe Informations- und Aussagegehalt über die Garnisons-, Festungs- und Universitätsstadt Göttingen lässt sich für Abhandlungen über die brandenburgischen Kleinstädte nicht realisieren, da die vorzügliche Quellenlage, wie es Pröve formuliert, nicht gegeben ist. 65
Stattdessen existieren nur einzelne Dokumente, die einen fragmentarischen Einblick in die Garnisonsgeschichte der Städte im 18. Jahrhundert geben. Eine in sich konsistente Darstellung des damaligen städtischen Mikrokosmos ist daher nicht möglich. Oft sind die Akten unvollständig, so dass sich kein abgeschlossenes Bild zu einem Sachverhalt ergibt.
Trotzdem gestaltet sich der Quellenbestand für den Untersuchungsgegenstand Treuenbrietzen quantitativ so umfangreich, dass nicht alle historischen Dokumen-
62 www.dfg.de,23.07.2006.
63 Kroener, B. R., Militär in der Gesellschaft, (wie Anm. 3), S. 289. Enders, L., brandenburgischen
Stadtgeschichtsforschung, (wie Anm. 54), S. 70.
64 Bezogen auf das neu entstandene Städtebuch heißt es: außer Punkt 1, (…) 2a und (…) 2c (…),
gibt es keinen Unterpunkt, den die Bearbeiter ohne Schwierigkeiten nach dem gegenwärtigen For-
schungsstand vollständig für alle Zeiträume der Stadtgeschichte beantworten konnten; in: Engel,
E., brandenburgische Kleinstädte, (wie Anm. 58), S. 83.
65 Pröve, R., Göttingen, (wie Anm. 26), S. 8.
16
1 Einleitung
te über die Garnisonsgeschichte aus dem 18. Jahrhundert berücksichtigt werden konnten.
Die Ursachen für das begrenzte Quellenmaterial sind die Zerstörung des preußischen Heeresarchivs auf dem Brauhausberg in Potsdam im April 1945 durch einen alliierten Bombenangriff und die Vernichtung von Quellenmaterial während der DDR-Zeit. 66
Der Hauptgrund für letzteres liegt in der Beschränkung der Erforschung der preußischen Militärgeschichte unter dem Aspekt des Klassenkampf-Konzepts, wie es Stefan Kroll ausdrückte. Zu dessen Schwerpunkten zählten vor allem Aufstände und Revolten zwischen Bauernkrieg und Französischer Revolution. 67 Jürgen Angelow bemerkte dazu:
Militärgeschichte war demnach nicht nur in die allgemeine Geschichtsbetrachtung eingeschlossen, sie beruhte daneben - und das war die Besonderheit - auf einer unveränderlichen ideologischen Basis, dem historischen Materialismus und dessen Lehre von der Geschichte als Aufeinanderfolge von Klassenkämpfen. 68 Andere Punkte der modernen Militärgeschichte wurden dagegen komplett ausgeklammert. Die Vernichtung von Treuenbrietzener Akzise- und Serivisabrechnungen noch Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind ein Beleg dafür. 69 Das Militär wurde meistens auf seine Funktion als ausführendes Organ der landesherrlichen Gewalt reduziert. Daher skizzierte man ein Bild von den Soldaten als Haufen von Abenteurern, Desperados und Ansammlung von asozialen und halbkriminellen Elementen. 70 Im Hinblick auf die Einquartierung der Soldaten bei den Bürgern sollen Schlägereien, Diebstähle, selbst Einbrüche und Gräueltaten an der Tagesordnung (…)gewesen sein. 71
66 Helmut, O., Das ehemalige Reichsarchiv, (wie Anm. 11), S. 432; Kroener, B. R., Militär in der
Gesellschaft, (wie Anm. 3), S. 288.
67 Kroll, S., Aushandeln von Herrschaft am Beispiel der Landrekrutenstellung in Kursachsen im 18.
Jahrhundert, in: Meumann, M./Pröve, R. (Hrsg.), Herrschaft in der Frühen Neuzeit. Umrisse eines
dynamisch-kommunikativen Prozesses, Münster 2004, S. 161-194, hier S. 165 f.
68 Angelow, J., Forschung in ungelüfteten Räumen. Anmerkungen zur Militärgeschichtsschreibung
in der ehemaligen DDR, in: Kühne, T./Ziemann, B. (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn
2000, S. 73-89, hier S. 78.
69 Einige Aktentitel zu Treuenbrietzen sind aus dem Findbuch gestrichen - also vernichtet worden.
Dabei handelt es sich vorrangig um Aktenbestände aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Aus dem 18.
Jahrhundert sind vor allem die Belege zu den Servisrechnungen von 1786 bis 1820 sowie die
Nachweise zu den Garnison- und Wachtgelderrechnungen von 1780 bis 1809 nicht mehr vorhan-
den. Vgl. Findbuch BLHA Pr. Br. Rep. 8 Treuenbrietzen, S. 139 f.
70 Schnitter, H./Schmidt, T., Absolutismus und Heere, Berlin 1987, S. 52.
71 Kuczynski, J., Geschichte des Alltags des deutschen Volkes. Studien 2: 1650-1810, Berlin 1981,
S. 355.
17
1 Einleitung
Das Drill- und Strafsystem der preußischen Armee des 18. Jahrhunderts wertete man als Mittel, um das Selbstbewusstsein und die Moral der Soldaten zu einem absoluten Gehorsam zu deformieren. 72
Diese Darstellung deckt sich nicht mit den aktuellen Forschungsergebnissen, nach denen der Militärdienst keinesfalls nur ein Refugium der gesellschaftlichen Unterschicht war. Eher bedeutete er eine regelmäßige Einnahmequelle auch in ökonomisch schwierigen Zeiten. 73
Trotz der marxistisch-ideologischen Einfärbung der DDR-Militärgeschichte trug sie mit ihren Ansätzen besonders auf dem Gebiet der Protestforschung und der Erhellung der subjektiven Ebene des Individuums in der Frühen Neuzeit zu wertvollen Erkenntnisgewinnen bei. 74
Besondere Erwähnung soll an dieser Stelle das „Wörterbuch zur Deutschen Militärgeschichte“ finden, in dem u. a. Begrifflichkeiten der Frühen Neuzeit wissenschaftlich erläutert sind. Das zweibändige Nachschlagewerk genügt den heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen jedoch nicht mehr. 75 Die wichtigste historische Gesamtdarstellung der Stadt Treuenbrietzen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Allerdings wird in ihr die Beziehung zwischen Militär und Gesellschaft nur oberflächlich abgehandelt, im Vordergrund stand die allgemeine, zusammenfassende Ereignisgeschichte der Stadt. Der Verfasser, Carl Nathanael Pischon, richtet in seinem Werk den Blick vorrangig auf den jeweiligen Landesherren, so dass die Bewohner der Stadt teilweise in den Hintergrund gedrängt wurden.
Überdies hätte die Komplexität des Themas Militär und Gesellschaft auch die Dimensionen einer Stadtchronik weit überstiegen. Dennoch stellt die von Pischon verfasste Gesamtdarstellung eine unverzichtbare Grundlage für die Arbeit dar, da sie sich überwiegend aus Quellen speist, die aufgrund der besagten Entwicklungen heute nicht mehr zur Verfügung stehen. 76
72 Schnitter, H./Schmidt, T., Absolutismus und Heere, (wie Anm. 70), S. 177.
73 Kroener, B. R., „Das Schwungrad an der Staatsmaschine?“, (wie Anm. 21), S. 22.
74 Kroll, S., Aushandeln von Herrschaft, (wie Anm. 67), S. 165 f.
75 Wörterbuch zur Deutschen Militärgeschichte, 2. Bde., Berlin 1985.
76 Vgl. Pischon, C. N., Urkundliche Geschichte der kurmärkischen Stadt Treuenbrietzen und Umge-
gend, nach den ungedruckten und gedruckten Quellen beschrieben, Treuenbrietzen 1871.
18
1 Einleitung
Die Publikationen über die Stadtgeschichte Treuenbrietzens aus dem letzten Jahrhundert beziehen sich überwiegend auf die Stadtchronik von Pischon und geben seine Ausführungen komprimiert wider. 77
Neben vereinzelten Veröffentlichungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts über die regionalhistorischen Vorgänge in der Stadt, wie beispielsweise Zunftgründungen, die Geschichte der Schützengilde oder Ereignisse aus dem Dreißigjährigen Krieg, erfolgte eine relativ intensive Quellenerforschung der Garnisonsgeschichte des 18. Jahrhunderts zur Zeit des Nationalsozialismus. Die veröffentlichten Quellen sind transkribiert und liegen in Form von kleinen Artikeln in der „Zauche- und Fläming- Heimat“ (ZFH) vor. Die ZFH war eine heimatgeschichtliche Beilage zur nationalsozialistischen Zeitung „Der Streiter“. 78
Daraus ergibt sich eine ähnliche Situation, wie sie Enders für ihre Untersuchungen über die Prignitz äußerte:
Meine Beschäftigung mit den urkundlichen Quellen der Prignitzstädte frischte die Erfahrung auf, daß die Texte in der Regel seit langem bekannt sind, daß aber die Interpretation vom Stand der Forschung insgesamt sowie von den konkreten Fragestellungen des Forschers abhängig ist. 79
Insofern müssen für die Untersuchung der Garnisonsgeschichte von Treuenbrietzen auch die bereits bekannten Quellen erneut gelesen und interpretiert werden. 80 Dies gilt besonders für den Umgang mit den Artikeln der ZFH, da ihren Beiträgen der Nachweis über den Ursprung fehlt, sie teilweise einen antisemitischen Charakter haben und sich an ihrer Auswahl der Zeitgeist des Dritten Reiches ablesen lässt.
So unterstreicht die einseitige Verehrung Friedrichs II. während der Zeit des Nationalsozialismus und die Instrumentalisierung seiner Person als Feldherr, „absoluten und aufgeklärten“ Monarchen und Vorreiter einer ostwärts gerichteten Expansionspolitik die Vereinahmung durch die nationalsozialistische Propaganda.
77 Vgl. Thürmann, K., Mitteilungen aus der Pischon´schen Chronik der Stadt Treuenbrietzen., in: 39.
Jahresbericht über die städtischen Schulen zu Treuenbrietzen für das Schuljahr 1911-1912, Treu-
enbrietzen 1912, S. 3-9.
78 Zauche- und Fläming- Heimat (ZFH), Beilage zu „Der Streiter“. Die Zeitung „Der Streiter für
völkische Politik und soziale Gerechtigkeit“ erschien von 1923 bis 1934 in Treuenbrietzen. 1934
wurde die Zeitung in „Der Streiter für Volk und Heimat“ umbenannt und war bis 1945 das lokale
amtliche Organ der NSDAP. Das Heft verfügt über keine Seitenangaben, daher werden fortlaufend
nur die Ausgabennummer, das Erscheinungsjahr und die Heftnummer angegeben. Vgl. Engel,
E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 522.
79 Enders, L., brandenburgischen Stadtgeschichtsforschung, (wie Anm. 54), S. 70.
80 Engel, E., brandenburgische Kleinstädte, (wie Anm. 58), S. 85 ff.
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1 Einleitung
Er wird beispielsweise als uneigennütziger Förderer Treuenbrietzens dargestellt. Daher muss es u. a. eine Aufgabe der Arbeit sein, die Interessen, die hinter der Einflussnahme des Königs auf die Stadtentwicklung steckten, offen zulegen. Trotz aller Kritikwürdigkeit enthalten die Sekundärquellen der ZFH viele wertvolle Informationen und sind für die Rekonstruktion eines Gesamtbildes der Garnison im 18. Jahrhundert unverzichtbar.
Der Umgang mit der Garnisonsgeschichte zu DDR-Zeiten beschränkte sich im Wesentlichen auf die kurze Erwähnung in Reiseführern. Von einer Erforschung Treuenbrietzens kann man aus den eingangs benannten Motiven für diesen Zeitraum nicht sprechen. 81
Für die Untersuchung der Garnisonsgeschichte müssen also bisher unberücksichtigte bzw. unbekannte mit schon bekannten Quellen kombiniert und unter der sozialgeschichtlichen Perspektive der modernen Militärgeschichte neu ausgewertet werden.
Neben der bereits erwähnten Literatur stützt sich meine Untersuchung hauptsächlich auf die Auswertung von Quellenmaterial aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Die Akten des ehemaligen Treuenbrietzener Stadtarchivs befinden sich derzeit im Brandenburgischen Landeshauptarchiv (BLHA) zur Verwahrung. 82 Weitere Aktentitel zur Stadtgeschichte des 18. Jahrhunderts lassen sich im Findbuch BLHA Pr. Br. Rep. 2 Kurmärkische Kriegs- und Domänenkammer und Findbuch BLHA Pr. Br. Rep. 19 Potsdam finden.
Ein kleinerer Aktenbestand ist im Geheimen Staatsarchiv des Preußischen Kulturbesitzes (GStAPK) in Berlin Dahlem archiviert. Die Kirchenbücher der beiden Treuenbrietzener Kirchengemeinden befinden sich im Treuenbrietzener Pfarrhaus in der Großstr. 48.
1.3. Zielsetzung und Vorgehensweise
Mit der Rekonstruktion des Verhältnisses von Militär und Gesellschaft im Treuenbrietzen des 18. Jahrhunderts soll ein regionalgeschichtlicher Erkenntnisgewinn erfolgen.
81 Rat der Stadt (Hrsg.), Stadtführer Treuenbrietzen, Potsdam 1988.
82 Findbuch BLHA Pr. Br. Rep. 8 Treuenbrietzen.
20
1 Einleitung
Die Arbeit analysiert dazu die Schnittpunkte des Zusammenlebens, die sich auf die administrative, ökonomische und soziale Ebene abstrahieren lassen:
Im ersten Teil erfolgt eine kurze Einführung in die Stadt-, Verwaltungs- und Garnisonsgeschichte des 18. Jahrhunderts. Daran schließt sich die Darstellung der Entwicklung der Einwohnerschaft von Treuenbrietzen an, wobei zur besseren Differenzierung militärische und nichtmilitärische Bevölkerung getrennt voneinander untersucht werden. Durch diese Betrachtungsweise wird die Entwicklung der Militärbevölkerung im 18. Jahrhundert besonders hervorgehoben.
An die Untersuchung der Bevölkerungsentwicklung schließt sich die Betrachtung der Einquartierung des Militärs in der Stadt an. In diesem Kapitel werden auch die aus der Unterbringung erwachsenen Konsequenzen für die nichtmilitärischen Stadtbewohner und die Stadtentwicklung beleuchtet.
Im anschließenden Teil der Arbeit wird die enge Vernetzung des Militärs mit der städtischen Ökonomie dargestellt. Neben der Erforschung der Einbindung der Militärangehörigen in das städtische Handwerk und Gewerbe liegt ein Schwerpunkt auf der Veranschaulichung der Bedeutung der Garnison als Konsument.
Der letzte Teil der Arbeit beleuchtet die sozialen Verhältnisse zwischen Militärs und Nichtmilitärs: Das Kapitel „Normenverletzung durch Militärs“ geht dabei auf das ambivalente Verhältnis zwischen Militärangehörigen und nichtmilitärischen Stadtbewohnern ein, und verweist auf die Schwierigkeit, klare Trennlinien herauszuarbeiten. Besonders deutlich wird dieses Problem auch im letzten Kapitel. Auf der einen Seite zeigen die bürgerlichen Taufpatenschaften von Soldatenkindern und die Lesegesellschaft die Teilhabe an der städtischen Gemeinschaft. Auf der anderen Seite stehen sich die getrennten Bildungswege von Bürger- und Soldatenkindern gegenüber.
Für Treuenbrietzen war das Militär im 18. Jahrhundert der wesentliche Stadtent-wicklungsfaktor. Die Investitionssummen, die mit dem Militär in Verbindung standen, prägten das Gesicht und die Ökonomie der Stadt auch über das 18. Jahr-hundert hinaus.
21
2 Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
2. Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
Ursprünglich war Brietzen eine slawische Ansiedlung, deren Name „berza“ soviel wie „Birke“ bedeutete. Der Zusatz „Treuen“ beschreibt die besondere Loyalität der Stadteinwohner zu ihrem Landesherren und stammt aus dem 15. Jahrhundert. 83
Die Stadt ging aus einer 1216 nachgewiesenen Burg der Askanier hervor, die zum Schutz vor den Wettinern und Magdeburgern diente. Treuenbrietzen ist vermutlich aus zwei Siedlungskernen entstanden, wobei sich der ältere nordöstlich bei der markgräflichen Burgsiedlung mit der St. Marien Kirche befand - der etwas jüngere dagegen südwestlich bei der Marktsiedlung mit der Kirche St. Nikolai. Die Siedlungen sind wahrscheinlich 1290 als „civitas“ unter erheblicher Vergrößerung der Stadtflur vereinigt worden. 84
Im 18. Jahrhundert befand sich Treuenbrietzen unweit der kursächsischen Grenze, auf einer Ebene an der Nieplitz, ungefähr 59 km in südwestlicher Richtung von Berlin entfernt. Durch den Ort verlief die Post- und Heerstraße von Berlin nach Leipzig und Halle an der Saale 85 sowie die West-Ostverbindung von Magdeburg über Belzig und Treuenbrietzen nach Jüterbog. 86 Ende des 18. Jahrhunderts sollen aufgrund der günstigen Verkehrslage des Ortes an den Handelsstraßen allein rund 100 Fuhrleute mit der Einfuhr und Ausfuhr von Waren beschäftigt gewesen sein. 87
Treuenbrietzen war von einer im 13. Jahrhundert errichteten Stadtmauer und hölzernen Palisaden umgeben. Sie erstreckten sich entlang der Flussarme der Nieplitz, die die Stadt umschlossen. Die teilweise acht bis zehn Meter hohen
83 Erst 1420 tritt in einer urkundlichen Erwähnung das erste Mal der Zusatz „Treuen“ auf, da sie
beim Auftreten des falschen Waldemar dem Landesherrn die Treue hielt. 1606 wurde diesbezüg-
lich am Rathaus eine lateinische Inschrift befestigt, die besagte: „HAEC URBS PROMERUIT,
QUAE BRIETZIA FIDA VOCETR; PRINCIPIBUS BELLI TEMPORE FIDA FUIT“ [Das ist die
Stadt, die verdient Treuenbrietzen benannt zu werden, denn in den Zeiten des Krieges blieb sie
dem Fürsten treu]. Vgl. Brendicke, H. (Hrsg.), Geschichte der Stadt Treuenbrietzen nach einem
Vortrag von Thürmann, in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins, 21 (1904), S.
114-117, hier S.114 f.; Fischer, R. E., Die Ortsnamen der Zauche, in: Bielefeldt, H. H./ Wit-
kowski, T. (Hrsg.), Berliner Beiträge zur Namensforschung, Brandenburgische Namensbuch, 1.
Bd., Teil 1, Weimar 1967, S. 127 f.; Pischon, C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen (wie Anm. 76),
S. 25 ff.; Engel, E./ Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 517.
84 Dehio, G., Handbuch für Deutsche Kunstdenkmäler. Brandenburg, Berlin 2000, S. 1060 f; Engel,
E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 80), S. 517; Rohrlach, P. R. (Bearb.), Historisches
Ortslexikon für Brandenburg, Teil V Zauch-Belzig, Weimar 1977, S. 437.
85 Bratring, F. W. A., Statistiken der Mark, (wie Anm. 51), S. 384.
86 Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 517.
87 Brendicke, H., Geschichte der Stadt Treuenbrietzen, (wie Anm. 83), S. 115.
22
2 Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
Schutzwälle der Stadtmauer bestanden aus Feld- und Ziegelsteinen. 88 Sie wurden auf einer 60 bis 70 cm dicken Lehmschicht errichtet, die allerdings kein stabiles Fundament für den Bau bot. 89 Die Mauer trennte die Stadt vom platten Land und ermöglichte so die Kontrolle des Warenverkehrs und die Einkassierung der Akzise. Darüber hinaus sollten Stadtmauer und Palisaden die Soldaten an der Desertion hindern. Bereits vor dem 18. Jahrhundert waren aber große Teile des Walls abgetragen und in Bürgergärten umgewandelt worden. 90
Der Weg in die Stadt führte durch eines der drei Stadttore - das Steintor im Süden, das Leipziger Tor im Südwesten und das Berliner Tor im Osten. 91 Der Grundriss Treuenbrietzens in der Frühen Neuzeit war ellipsoid, wobei die Straßen sich gitterförmig anordneten. Im Ganzen existierten vier Längs- und mehrere Querstraßen. 92 Das Stadtbild prägten vor allem enge Gassen mit vielen kleinen Häusern. Etliche der Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert sind auch heute noch erhalten. 93 Daher unterscheidet sich der aktuelle Grundriss des Stadtkerns nur unwesentlich von dem des 18. Jahrhunderts.
Das Bauholz für die Häuser stammte aus dem städtischen Forst - er versorgte die Einwohner auch mit Feuerholz. Das Holzrevier besaß 6.733 Morgen Land und 159 Quadrat-Ruthen Forstgrund:
Sehr ausgedehnt waren die Waldungen und Gebüsche, die zur Stadt gehörten. Sie umgaben die Stadt und erstreckten sich teilweise stundenweit. 94 Die Qualität des Holzes kann jedoch in früheren Zeiten nicht sehr gut gewesen sein - um 1800 setzte sich der Waldbestand entweder aus sehr jungen oder im schlechten Zustand befindlichen Bäumen zusammen, die bis dato noch nicht den eigenmächtigen Abholzungen der benachbarten Dorfbewohner zum Opfer gefal-
88 Ursprünglichbefanden sich viele größere Findlinge im Gebiet um Treuenbrietzen. In den vergan-
genen Jahrhunderten wurden die meisten davon gesprengt und als Baumaterial für Fundamente
von Häusern, zum Bau von Straßen oder für die Errichtung von Umgrenzungen verwendet. Ande-
re wurden entfernt, um die Feldarbeit zu erleichtern. Die Felssteine sind im Fundament vieler
Wohnhäuser, die im 17. und 18. Jahrhundert gebaut wurden, noch sichtbar; in: Steinhardt, G., Die
Riesenblöcke bei Treuenbrietzen, in: Monatsblatt der Gesellschaft für Heimatkunde der Provinz
Brandenburg zu Berlin, 11 (1903), S. 399-420, hier S. 402 ff.
89 ebd.
90 Steinhardt, G., Eigenartige Fundamentierung der Stadtmauer von Treuenbrietzen, in: Brandenbur-
gia, 15 (1907), S. 231; Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 518.
91 ebd.
92 Dehio, G., Kunstdenkmäler, (wie Anm. 84), S. 1060 f; Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch,
(wie Anm. 60), S. 517., Rohrlach, P. R. (Bearb.), Ortslexikon Zauch-Belzig, (wie Anm. 84), S.
437.
93 Bratring, F. W. A., Statistiken der Mark, (wie Anm. 51), S. 384.
94 Pischon, C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen, (wie Anm. 76), S. 160.
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2 Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
len waren. 95 Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gehörte die eine Hälfte des städtischen Forstes noch der Bürgerschaft. Die Erträge der anderen Hälfte flossen entweder dem Magistrat oder der Kämmereikasse zu. 96
Karte 1: Dehio, G., Handbuch für Deutsche Kunstdenkmäler. Brandenburg, Berlin 2000, S. 1060.
95 BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S-Nr. 8222 unpag.
96 Pischon, C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen, (wie Anm. 76), S. 213 f.
24
2 Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
Tabelle 1: Gebäude und Brachen in Treuenbrietzen im 18. Jahrhundert 97
Einen wirtschaftlichen Höhepunkt erlebte die Stadt vor dem Dreißigjährigen Krieg. Insbesondere die Bierbrauerei sowie der Wein- und Tabakanbau spielten dabei eine bedeutende Rolle. Darüber hinaus wurden in Treuenbrietzen Schuhwaren produziert und Flachs, Hanf und Hirse angebaut, die der Stadt einen gewissen Wohlstand bescherten. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bildeten Knochenhauer (Fleischer), Bäcker, Schneider und Schuhmacher die Viergewerke - die vier wichtigsten Gewerbe der Stadt. 98
Vom Töpfergewerbe gingen dieser Zeit noch wichtige wirtschaftliche Impulse aus 99 - so lebten 1726 14 Töpfer in der Stadt. Ihre Zahl reduzierte sich bis 1801 auf einen. 100
1726 lebten 51 Schuster, 40 Leinenweber, 60 Tuchmacher, 29 Schneider, vier Tuchscherer, 22 Bäcker, sechs Fleischer, ein Konditor und weit über 100 Brauer in der Stadt. Sie gewährleisteten im Wesentlichen die Versorgung der Bevölkerung mit Gebrauchs- und Lebensmitteln. Die Fischerei und Fischzucht hatten für die Versorgung der Bevölkerung ebenfalls eine große Bedeutung. 101
97 Bratring, F. W. A., Statistiken der Mark, (wie Anm. 51), S. 383.
98 Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 518 f.
99 Der frühneuzeitliche Begriff „Wüste Stellen“ bedeutet soviel wie unbebaute Stellen in der Stadt.
100 Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch (wie Anm. 60), S. 518; Rohrlach, P. R. (Bearb.), Ortsle-
xikon Zauch-Belzig, (wie Anm. 80), S. 439 f; BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Treuenbrietzen, Nr. 1731 un-
pag.
101 Demnach sollen die Treuenbrietzener Fischer wegen der Lieferung von Forellen und Welsen so-
gar mit dem preußischen Hof in Kontakt gestanden haben. Vgl. BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Treuen-
brietzen, Nr. 1713 unpag; BLHA, Pr. Br. Rep. 2, S-Nr. 8204 unpag.
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2 Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
Während der Regierungszeit Friedrich Wilhelms I. prägten überwiegend verfallende Gebäude und Häuser, deren Zerstörungen zumeist noch eine Folge des Dreißigjährigen Krieges waren, das Bild der Stadt. 102 Ähnlich wie in Neuruppin wuchs in Treuenbrietzen die Zahl der Bürgerhäuser im 18. Jahrhundert kontinuierlich - damit einhergehend reduzierte sich die Anzahl der wüsten Stellen in der Stadt (siehe dazu Tabelle 1). 103 Zwischen 1722 und 1800 wurden insgesamt 118 Häuser und 15 Scheunen errichtet. Die Anzahl der unbebauten Stellen reduzierte sich von 30 auf eine. 104 Treuenbrietzen besaß im ausgehenden 18. Jahrhundert sechs Jahr-, Vieh- und Flachsmärkte und zwei Wollmärkte sowie ein königliches Postamt. Das Akzise-und Hauptlandzollamt, das zur zweiten kurmärkischen Direktion gehörte, befand sich ebenfalls dort. 105
Die beiden Kirchen, die Schule und das Rathaus waren die zentralen öffentlichen Gebäude. Letzteres wurde nach seinem Umbau, der von 1735 bis 1737 andauerte, von den zur Messe nach Leipzig ziehenden Kaufleuten häufig als Unterkunft genutzt. Darüber hinaus beherbergte es das Königliche Amtsgericht bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts hinein, und diente bis 1878 als Wachlokal für die Garnisonstruppen. 106 Ob darin auch in den Wintermonaten, wie in Rathenow und Brandenburg, exerziert wurde, ist durch die Quellen nicht belegt. 107 Die Kirchengebäude von St. Marien und St. Nicolai befanden sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts in einem reparaturbedürftigen Zustand. Sie waren die so genannten Mutterkirchen der sich in der Umgebung neu gründenden Dörfer. Beide Diakonien genossen Akzisefreiheit und Ziesegelder. 108 Zur lutherischen Pfarrkirche gehörten drei Prediger, ein Pastor, der zugleich Inspektor der Treuenbrietze-
102 Pischon,C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen, (wie Anm. 76), S. 202 ff. und ZFH, „Treuenbriet-
zen im Dreißigjährigen Krieg“, 8, (1941), 8.,9.,10.,11.,12. Hefte.
103 Meier, B., Neuruppin (wie Anm. 57), S. 43; Bratring, F. W. A., Statistiken der Mark, (wie Anm.
51), S. 383.
104 ebd.
105 ebd., S. 384 f.
106 ebd.
107 Otto Tschirch und Ernst Anderson beschreiben, wie das Brandenburger Rathaus in den Winter-
monaten des 18. Jahrhunderts als „Exerzierplatz“ umfunktioniert wurde. Sie sahen darin ein Indiz
für das schlechte Verhältnis zwischen Militär und Stadtbürgern, da die Selbstverwaltung und das
städtische Bewusstsein von den Soldaten buchstäblich mit Füßen getreten wurden. Allerdings er-wähnen sie nicht, dass das Rathaus das einzige öffentliches Gebäude war, das einen großen Saal
besaß, in dem auch in den Wintermonaten exerziert werden konnte. In Rathenow übten die Solda-ten im Audienz-Saal des Rathauses. Vgl. Tschirch, O., Geschichte der Chur- und Hauptstadt Bran-
denburg an der Havel, 2. Bd., Brandenburg 1928, S. 118, Anderson, E., Geschichte Brandenburgs
als Garnisonsstadt, Weißenfels 1902, S. 26, Winkel, C., Rathenow, (wie Anm. 57 ), S. 50.
108 Pischon, C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen, (wie Anm. 76), S. 183 und 192.
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2 Treuenbrietzen - ein historischer Überblick
ner Diözese war, ein Archidiakonus und ein Diakonus. 109 Die Kirchenrechnungen wurden jährlich von den Kirchenvorstehern vorgelegt und von dem Magistrat unter Zuziehung des Inspektors dechargiert - also kontrolliert, wobei die Oberaufsicht noch dem königlichen Consistorium oblag. 110
Bereits Ende des 17. Jahrhunderts siedelten sich mehrere jüdische Familien in der Stadt an. Noch vor 1720 wurde eine Synagoge errichtet. Bis 1925 hatten die Treuenbrietzener Juden, die offiziell zu Beelitz gehörten, auch einen eigenen Friedhof. Zum Ende des 18. Jahrhunderts lebten fünf jüdische Familien in der Stadt - insgesamt 19 Personen. 111
Zum Ende des 18. Jahrhunderts befanden sich außerhalb der Stadt drei Wasser-, Mahl-, Schneide-, und Ölmühlen sowie die Stein-, die Zindel,- und die Neue Mühle. Ebenfalls außerhalb der Stadt lagen die Ziegelscheune, das Armenhaus, das 1738 gestiftet wurde und das Hospital, 112 das bereits 1713 erweitert worden war. 113 Zur weiteren medizinischen Versorgung der Einwohner Treuenbrietzens wurde 1747 eine Apotheke eröffnet. 114
Im Zuge des Aufschwungs der preußischen Seidenindustrie unter Friedrich II. waren in Treuenbrietzen vor allem die Lehrer und Geistlichen mit der Aufzucht von Maulbeerbäumen betraut. Diese befanden sich daher auf den Kirchhöfen von St. Marien und St. Nicolai und später auf den Stadtwällen sowie im Garten des Hospitals. 115 Das Aus für die Treuenbrietzener Seidenraupenzucht kam bereits 1806, da sie sich als nicht rentabel erwiesen hatte. 116
109 Bratring, F. W. A., Statistiken der Mark, (wie Anm. 51), S. 386.
110 Pischon, C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen, (wie Anm. 76), S. 184.
111 Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 518 und 521.
112 Pischon, C. N., Kurmärkische Treuenbrietzen, (wie Anm. 76) , S. 202.
113 ebd., S. 189.
114 Engel, E./Enders, L. (Hrsg.), Städtebuch, (wie Anm. 60), S. 521.
115 BLHA, Pr. Br. Rep. 8 Treuenbrietzen, Nr. 3152 unpag.
116 ebd.
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Arbeit zitieren:
Daniel Wewetzer, 2007, Militär und Gesellschaft im Treuenbrietzen des 18. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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