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Einleitung
Postmoderne 2 bedeutet, dass das Individuum auf sich selbst zurückgeworfen
wird. Vor dem Hintergrund einer mehr oder weniger umfassenden Erfahrung des Nichts kommt es zur Auseinandersetzung mit der Sprache. 3 Die postmoderne Anthropologie 4 ist eine Sprachbetrachtung. Der Zugang zum
Begriff ist seine Abklärung an der Wirklichkeit. Die Form, die gewählt wurde, sind Sätze mit einer Quantität von jeweils siebzehn Silben. 5
Erste Meditation: Nichts oder Natur, Selbst, Seele, Bewusstsein
Das Nichts ist 6 die Übereinstimmung eines Menschen mit der Natur. Eine
derartige Erkenntnis ist weder Zweckoptimismus noch der dunkle Ansatz zur Verstrickung in einen verworrenen Nihilismus oder gar Anarchie. Doch wie kann Natur postmodern bestimmt werden, mit anderen Worten: wie kann Natur
1 Lyotard, Jean-Francois: Streifzüge. Gesetz, Form, Ereignis. (Passagen-Verlag) Wien 1989, S. 43.
2 Die Wortschöpfung „postmodern“ tauchte wohl erstmals um 1870 in der britischen Kunstliteratur
auf. Jean-Francois Lyotard (1924-98), der den Begriff in die Wissenssoziologie und Philosophie
übernahm, bestand darauf, dass es sich dabei nicht um eine neue Kalenderepoche handle, sondern um
einen Perspektivenwechsel, eine neue Art des Herangehens an die Probleme der Menschheit.
3 Um Moderne und Postmoderne voneinander abzuheben, könnte festgehalten werden: die Moderne
dreht sich um die Zahl, die Postmoderne um das Wort. Moderne ist die äußere und innere Beleuchtung
der Form; die Postmoderne widmet sich der Selbstoffenbarung der Sprache.
4 Trotz der griechischen Bezeichnung wurde die Anthropologie erst im 16. Jh. eine eigenständige
philosophische Disziplin.
5 Abgeleitet wurde diese Satzlänge vom Versmaß des traditionellen japanischen Haiku (5-7-5 Silben).
6 Postmodern: „Ist“ steht lediglich für eine Einfügung ins Netzwerk der Sprache.
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als Nicht-Objekt beschrieben werden, als paradoxer Oberbegriff zum Verstand? Ein Versuch: Natur ist das einzige eine Einheit stiftende Element. Zeichnet den Menschen der sprachliche Verstand aus und die Fähigkeit, durch die Dingwelt 1
zu navigieren, so etwas wie Ordnung zu schaffen, bleibt die Natur doch immer vorgeordnet. Die natürliche Wahrnehmung des Individuums könnte umgekehrt als Intelligenz bezeichnet werden: Intelligenz zentriert gegebene Objekte in der Natur./ Intelligenz führt vorhandene Objekte in das Nichts zurück. Wer das Nichts gesehen hat, lebt trotz aller Gedanken in Echtzeit./ Nichtsein heißt, dass alle unbewussten Komplexe aufgelöst sind. Damit stellt sich auch der Bezug oder, genauer gesagt, „Nicht-Bezug“ des Nichts zum Geist her: wenn der Geist erloschen ist, tritt das Nichts qua Natur an dessen Stelle. Zur Bedeutung des Geistes nur so viel: Der Geist ist die eigentliche Verneinung der konkreten Natur. 2 Zugleich darf wohl auch festgehalten werden: Der destruktivste Irrtum
ist die Verwechslung des Nichts mit dem Tod. Und: Die eigentliche Bedeutung eines jeden Menschen ist das Nichts.
Eine Spezifizierung des Ausdrucks Bedeutung: Bedeutung meint letztlich die Zentrierung des Ichs im Selbst durch sich selbst. Zugespitzt: Die Bedeutung, die ich jemandem beimesse, ist die eigene. Mit der Implikation: Die Wand zwischen Menschen besteht aus falschen Bedeutungsnuancen.
Wir sind nun also beim Selbst gelandet, wohl einem der missverständlichsten Begriffe unserer Kultur: Das Selbst ist die natürliche Struktur des menschlichen Verhaltens. Zur Abgrenzung des Selbst vom Bewusstsein kann gesagt werden: Das Selbst ist Natur, Bewusstsein dagegen ist Natur und Kultur 3 . Doch lässt sich
auch eine elaborierte Beziehung feststellen: Das Bewusstsein ist ein Versuch des Selbst, sich Dauer zu verschaffen. Anders betrachtet: Die Akzeptanz von Dauer
1 Ein Ding ist ein Seiendes, vermittelt Dauer und erhält Sprache. Mit der Assoziation: Sein ist das
zusammengefasste Unbewusste eines Menschen.
2 Eine Umschreibung: Das Wort „eigentlich“ meint nichts anderes als „zeitlich überdauernd“.
3 Kultur ist das Ergebnis menschlicher Sprache und Kunstfertigkeit.
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führt zur Manipulation des Selbst.
Das Selbst ist die Einbeziehung eines Menschen in seine Zukunft. Wobei gilt: Zukunft ist, was dem Individuum in Gerechtigkeit 1 zukommt. Und: Zukunft hat
eigentlich nichts mit künftigen Ereignissen zu tun. Selbstverständlich hat eine Handlung Konsequenzen, erhält ein Individuum früher oder später wohl, was es „verdient“, doch ist dies ein Mechanismus, der über Konventionen abläuft und durch Introspektion erkannt werden kann: Introspektion ist Reflexion auf eigenes Verhalten.
Das Selbst ist die Seele eines Menschen, dessen Geist erloschen ist. Bezieht man auch östliche Konzepte der Mystik 2 mit ein, so stellt sich die Seele als eine
Art Durchgangsstadium, eine Bewusstseinsklärung auf hohem Niveau, dar, für die etwa der Buddhismus den Terminus „Erwachen“ prägte. Wie kommt man jedoch überhaupt in diesen Zustand, wo das Ich gleichsam nur noch intentionsloser Beobachter ist? Die Seele erscheint in wahrnehmender Form als Bezug auf sich selbst./ Seele ist die Wahrnehmung der Wirklichkeit im Moment des Handelns./ Die Seele ist eine handlungsbezogene Aufhebung des Ichs. Und aus anderer Perspektive: Das Selbst kann nicht gedacht werden, es kommt nur im Handeln zum Ausdruck./ Wenn sich ein Mensch auf das Selbst einlässt, verliert das Ich an Bedeutung./ Die Wahrnehmung des Selbst in der Handlung bezeichnet man als Seele./ Das Feuer der Seele dient auch nur der Reinigung der Selbststruktur. Das „nur“ im letzten Satz möchte die Bedeutung der Seele keineswegs schmälern, sondern explizit auf ihre Funktion als Prozess verweisen. 3
Das Selbst sind die natürlichen Beziehungen zu den anderen. Diese bleiben aber häufig unterschwellig, weil sie vom gestalteten Äußeren überdeckt werden.
1 Gerechtigkeit besteht in der Harmonie von Geben und Nehmen.
2 Mystik bringt die Geheimnisse des alltäglichen Lebens ans Licht.
3 Die Seele wird demnach nicht als etwas Statisches vorgestellt, sondern als eine Art Energiefeld, ein
inneres „Feuer“, welches hohe Konzentration erfordert und eine weitgehende Läuterung des Geistes
voraussetzt.
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Die Erkenntnis des eigenen Selbst ist durch den seelischen Prozess stets auch mit anderen Menschen verbunden, und so kann gesagt werden: Das Selbst eines Menschen erkennen heißt um seine Zukunft wissen, wobei Zukunft eben nicht künftige Ereignisse, sondern Konsequenzen der konkreten Handlungsstruktur meint.
Solange das Selbst im Dunkeln liegt, spiegelt Sprache die Außenwelt. Ein vom Geist gesteuerter Mensch ist über das Ich stets Gegenstand seiner eigenen Welt und versucht, sich entsprechende Attribute zu verschaffen. Negativ formuliert: Der Geist steht für das verhinderte Selbst eines Individuums. An dieser Stelle der Verweis auf eine Emotion: Liebe ist jene Emotion, die dem Selbst Verantwortung gibt. Mit der Beschreibung: Liebe ist die der Natur am nächsten kommende Emotion. Keinesfalls missverstanden werden sollte jedoch die Struktur der Liebe: Liebe besteht in der Negation eines eigenen Standpunkts. Es erübrigt sich zu sagen, dass damit nicht indifferente Beliebigkeit gemeint ist, sondern Vertrauen in die alles verbindende Natur.
Das Bewusstsein, so lässt sich nicht nur im Anschluss an Hegel feststellen, ist eine Art synthetischer Klammer über den beiden Polen Geist und Seele. Die Herausforderung besteht nun darin, die Seele mit Konnotationen zu beschreiben, welche nicht primär aus dem religiösen Kontext stammen. Versucht wird dies anhand einer Gegenüberstellung mit dem Geist: Das Hauptattribut des Geistes ist Macht, das der Seele Wirklichkeit./ Der Geist ist ein trennender, die Seele ein verbindender Faktor.
Doch sollte nicht allzu plakativ polarisiert werden, sind doch sowohl Geist als auch Seele notwendige Phänomene des Bewusstseins: Das Ziel des Geistes wie auch der Seele ist gleichermaßen das Nichts. Gleicht die Seele einem aktivierten Energiefeld, so kann das in gewisser Hinsicht auch vom Geist behauptet werden, wobei ohne Abwertung gilt: Der Geist ist der grobe Teil des Bewusstseins, die
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Seele der feine. Und die Funktion dieser Aktivierung? Der Geist nähert sich an die Zeit an, die Seele bringt sie auf den Punkt.
Noch einmal zur Psychologie: Die Seele ist aus Sicht des Geistes nichts, aus Sicht des Lebens alles. Kritisch betrachtet: Der Geist ist Produkt von Angst und Verzweiflung, die Seele von Liebe. Die Verbindung zwischen den Entitäten ließe sich so umschreiben: Der Geist ist die Überhöhung des Ichs in den Bereich der Seele. Oder: Geist ist die intentionale Überlagerung der Seele. Und eine letzte Abgleichung: Der Geist ist in anderen verankert, die Seele in der Natur. Das Erwachen der Seele setzt Vertrauen in die Natur voraus. Die Aktivierung der Seele findet auf einem hohen charakterlichen Niveau statt, was im Grunde nichts anderes heißt, als dass ein Individuum im Laufe seines Lebens mit der Sprache und den damit verbundenen Strukturen der Welt in relativ „souveräner“ Art umzugehen gelernt hat. Damit ist eine gewisse Selbstsicherheit verbunden, welche als das Gegenteil von Arroganz gelten kann, weil sie auf dem Vertrauen in den natürlichen Hintergrund der Phänomene beruht. Doch wird gerade dieses Vertrauen im Prozess des Heranwachsens mitunter als Kollateralschaden der Erziehung und Ausbildung untergraben: Der Geist ist die Reaktion auf die Bedingungen der Dingwelt. Oder: Der Geist ist die Furcht vor dem Vertrauen in die eigene Natur. Es bedarf also eines gesunden Verhältnisses zur eigenen Gefühlswelt, um die in der Sprache implizierte Allgemeinheit der Dingeigenschaften ohne Verletzung anderer zu gebrauchen: Gefühle sind die einzige Verbindung zwischen Geist und Natur.
Negativ formuliert: Das Problem, das der Mensch hinsichtlich der Natur hat, ist die Sprache. Positiv: Natur ist das Freisein von Gedanken, Vorstellungen und Ängsten. Und: Die unmittelbar natürliche Wahrnehmung braucht keine Sprache. Wobei: Wahrnehmung ist umfassendes individuelles Bewusstsein. Zum Abschluss dieser Meditation wird noch auf den Begriff des Bewusstseins
Arbeit zitieren:
Erich Maier, 2010, Zeit - Handeln - Nichts, München, GRIN Verlag GmbH
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