1 Einführung 4
2 Jugend 10
2.1 Jugendbegriff 10
2.2 Lebensphase Jugend 11
2.2.1 Zeitlicher Rahmen 11
2.2.2 Das Entwicklungsaufgabenkonzept 12
2.2.3 Jugend als Statuspassage 14
3 Jugend und Geschlecht - weibliche und männliche Jugend 15
3.1 Männliche und weibliche Jugendforschung 15
3.2 Das biologische und das soziale Geschlecht 15
3.3 Geschlechtersozialisation bzw. „Geschlechtsspezifische“
Sozialisation 16
3.4 Bedeutung der geschlechtsspezifischen Sozialisation 18
3.5 Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität 19
3.6 Geschlechterverhältnisse und Identität im Jugendalter 21
4 Jugend und Körper 22
4.1 Körperliche Entwicklung 22
4.2 Körpersozialisation und jugendliche Körper 23
4.3 Männliches und weibliches Körperkonzept 25
4.4 Bedeutung des Körpers 26
5 Gesundheitsschädigendes Verhalten am Beispiel von
Substanzkonsum 28
5.1 Begriffliche Einordnung und Abgrenzung 29
5.2 Substanzkonsum und Geschlecht - ein kurzer
1
historischer Blick 32
5.3 Dimensionen von gesundheitsschädigendem Verhalten
und Verbreitung unter Jugendlichen 33
5.3.1 Tabakkonsum 33
5.3.2 Alkoholkonsum 36
5.3.3 Cannabiskonsum 41
5.3.4 Medikamentenkonsum 43
5.3.5 Resümee 45
5.4 Funktionen und Symbolik bei Substanzkonsum 46
5.4.1 Bedeutung des Tabakkonsums 47
5.4.2 Bedeutung des Alkoholkonsums 50
5.4.3 Bedeutung des Cannabiskonsums 52
5.4.4 Bedeutung des Medikamentenkonsums 53
6 Zwei Debatten zur Geschlechterverteilung: bleibender
Unterschied oder Angleichung? 55
6.1 Der „kleine“ Unterschied 55
6.2 Die These von der „Angleichung“ der Geschlechter 57
7 Geschlechtersozialisation und gesundheitsschädigendes
Verhalten 59
7.1 Geschlechterverhalten und Substanzkonsum 59
7.1.1 Verhalten von Jungen 60
7.1.2 Verhalten von Mädchen 62
7.2 Symbolisches Verhalten und Identitätskonstruktion -
m ännliches und weibliches Verhalten 63
2
7.2.1 Gesundheitsschädigendes Verhalten und 63
die Bedeutung der Geschlechtsidentität
7.2.2 „Harter“ und „weicher“ Konsum - Kennzeichen für
geschlechtstypischen Umgang mit dem Körper 66
7.3 Konsum von Alkohol und Tabak als „Quasi-Initiation“ 68
8 Körperliche Entwicklung und gesundheitsschädigendes
Verhalten 70
8.1 Körperliche Entwicklung von Mädchen und Jungen und die
Bedeutung der Peers 71
8.2 Das pubertäre Entwicklungstempo und die Auswirkung
auf Tabak- und Alkoholkonsum 72
9 Gesundheitsschädigendes Verhalten als Mittel
zum Umgang mit den Anforderungen und Problemen der
Lebensphase Jugend 74
9.1 Das Belastungs-Bewältigungsparadigma 74
9.2 Typisch „weibliche“ bzw. typisch „männliche“ Formen des
Umgangs mit Belastungen 75
10 Exkurs: Prävention und Geschlecht - das Beispiel
der Kampagne „NA TOLL “ 77
11 Schlussbetrachtung 80
12 Abkürzungs- und Abbildungsverzeichnis. 90
12.1 Abkürzungsverzeichnis 90
12.2 Tabellen- und Schaubildverzeichnis 90
13 Literaturverzeichnis 91
3
1 Einführung
„Jugend“ ist ein beliebtes Thema öffentlicher Debatten, insbesondere in Verbindung mit „Jugendproblemen“. Themen in jüngerer Vergangenheit sind vor allem jugendliche Gewalt und gesundheitsschädigendes Verhalten bei Jugendlichen. Substanzkonsum insbesondere exzessive Formen des Alkoholkonsums bei Jugendlichen und Opfern die im Krankenhaus landen, prägen das öffentliche Bild der heutigen Jugend.
Hierbei scheinen mittlerweile auch weibliche Jugendliche vermehrt beteiligt. Dies lässt die Debatte über ein „Aufholen“ der Mädchen und einem Verschwinden der Unterschiede aufkeimen.
Dieses Jugendliches Verhalten, auch gesundheitsschädigendes Verhalten, wie ich es in dieser Arbeit behandeln möchte, wird oft erklärt mit Sozialisation, dem in der Gesellschaft verbreiteten Bild der Rebellion und Aufsässigkeit der Pubertierenden gegen Normen und Werte der Elterngeneration, oder als Form des Umgangs mit den entwicklungsbedingten Belastungen der Lebensphase Jugend. Sogenanntes gesundheitliches Risikoverhalten ist in unserer Gesellschaft alltäglich.
Der Konsum von Alkohol, Tabak und Medikamenten ist fest im Alltag unseres kulturellen Lebens verankert. Der Konsum von Substanzen ist somit
gesellschaftlich größtenteils toleriert, anerkannt und sogar erwünscht. Er erhält als Verhaltensweise im Jugendalter eine besondere Bedeutung. Hier findet häufig der erste Kontakt statt, welcher prägend für das spätere Leben sein kann.
Da die Thematik bzgl. des Substanzkonsums im Jugendalter sehr weitläufig ist, liegt der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Bedeutung des Geschlechtes für den Substanzkonsum im Jugendalter. Somit kann diese Arbeit mit ihrem Schwerpunkt nur einen kleinen Ausschnitt der Bandbreite der Thematik beleuchten. Ziel ist es die Zusammenhänge von Geschlecht und Substanzkonsum herauszustellen.
Zwar gibt es zur Thematik des Alkohol-, Tabak- und Drogenkonsums von Jugendlichen sehr viel empirisches Material, doch scheint es, wie auch Cornelia
4
Helfferich in ihrer Arbeit zu „Jugend, Körper und Geschlecht“ feststellt auf der anderen Seite an guten Interpretationen zu mangeln. 1 Interpretationen epidemiologischer Studien und damit verbundene Erklärungen sind die Basis für Prävention. Die Begriffe „Gesundheitsschädigendes Verhalten“ bzw. „gesundheitliches Risikoverhalten“ werden in der Literatur häufig alternativ verwendet. Beide sind sehr viele Teilbereiche umfassende Begriffe. In dieser Arbeit soll es aktiv von Jugendlichen ausgeführtes Verhalten meinen, und zwar im Sinne von Substanzkonsum. Verhalten, welches nach allgemein öffentlicher und medizinischer Ansicht die Gesundheit schädigt bzw. schädigen kann. Im Vordergrund des öffentlichen Interesse steht häufig die Darstellung extremer Handlungen und deren Folgen, wie exzessiver Drogen- oder Alkoholkonsum, teilweise mit Todesfolge.
Hier geht es mir um die unter Jugendlichen meist verbreiteten Konsumarten von „Alltagssubstanzen“ wie Alkohol und Tabak, sowie Medikamente und der illegalen („weichen“) Droge Cannabis. Die Auswahl dieser vier Teilgebiete hängt somit mit der großen Verbreitung der Substanzen zusammen. 2 Risikoverhalten im Sinne z.B von riskantem Autofahren, oder Mutproben sowie ebenfalls vermehrt diskutierte Formen gesundheitsrelevanten und
gesundheitsschädigenden Verhaltens, wie Essstörungen, mangelnde körperliche Aktivität, schlechte Ernährung, die in der Literatur oft auch im Kontext hierzu Erwähnung finden, sollen hier primär nicht thematisiert werden. Auch geht es mir in dieser Arbeit weniger um die Behandlung des Themas Substanzkonsum in Bezug auf die jugendlich - subkulturelle Bedeutung, oder die Verbreitung in verschiedenen Szenen.
Aus soziologischer Perspektive ist diese Thematik in vielerlei Hinsicht von Interesse. In der Jugendphase gewinnen Mädchen und Jungen neue Handlungsspielräume. Gesundheitsschädigende Verhaltensweisen, wie
Rauchen und Alkohol trinken, sind Teil einer gesellschaftlichen Alltagskultur und gelten als Symbole der Erwachsenenwelt. Ihre Anwendung in der Jugend stellt häufig eine Art Initiation zum Erwachsenenstatus dar. Gesundheitsrelevantes
1 Helfferich, C.: Jugend, Körper und Geschlecht, 1994, S. 10
2 vgl dazu BZgA , Drogenaffinitätsstudie 2008 (Kurzbericht)
5
Verhalten in der Jugend und damit auch der Konsum von Substanzen ist auch aus dem Grund von besonderem Interesse, da Jugend als „Seismograph“ und „Frühwarnsystem“ für gesellschaftliche Entwicklungen und Problemen gilt. 3 Die Betrachtung in der Jugendphase und die rechtzeitige Intervention, z.B. mittels geeigneten Präventionsmaßnahmen, bietet die Möglichkeit
gesellschaftliche Entwicklungen zu erkennen und zu beeinflussen. Die Thematik unter dem Aspekt des Geschlechts zu beleuchten ist wiederum von soziologischer Relevanz, da z.B. die Geschlechtersozialisation Erklärungen für mögliches geschlechtstypisches Verhalten, wie z.B. spezielle Konsummuster, liefern kann. Erst unter Einfluss der feministischen Soziologie ist das
Geschlecht der Jugend und seit den 90er Jahren der Körper 4 vermehrt in den Blick geraten. In Verbindung mit der Geschlechtersozialisation gilt es zu klaren welche Rolle der jugendliche Geschlechterkörper für das
gesundheitsschädigende Verhalten von Mädchen und Jungen spielt. Gesundheitsschädigendes Verhalten unter diesen Gesichtspunkten ist für die Soziologie, ebenso wie für andere Disziplinen von Interesse, da es mit Beginn der Jugend an Relevanz gewinnt. Hier findet häufig der erste Konsum statt, der sowohl für gesundheitliche Folgen prägend für Individuum und Gesellschaft ist, als auch hinsichtlich der Konsummuster, die hier beginnen und sich ins weitere Leben als Erwachsener fortsetzen können.
Somit gilt es zu klären welche Bedeutung das Geschlecht beim Substanzkonsum von Jugendlichen einnimmt.
Welchen Einfluss übt die Variable Geschlecht auf das Verhalten jugendlicher Mädchen und Jungen im Hinblick auf Substanzkonsum? In welchen Bereichen des Substanzkonsums unterscheiden sich Jugendliche männlichen und weiblichen Geschlechts und welche Erklärungen und Zusammenhänge gibt es? Gibt es geschlechtsspezifische Verhaltensweisen bei jugendlichem Substanzkonsum? Trinken Mädchen mittlerweile genauso viel und exzessiv wie Jungen, wie es mittlerweile manches Mal die Medien suggerieren? Gibt es eine Angleichung der Geschlechter bei gesundheitsschädigendem Verhalten, hat
3 vgl Griese,H.: Aktuelle Jugendforschung, 2007, S.155
4 z.B. Helfferich, C.: Jugend, Körper und Geschlecht 1994
6
diese bereits stattgefunden oder bleibt der ewig „kleine“ Unterschied begründet auf der Biologie der Körper? Welche Rolle spielen hierbei also Begriffe wie Geschlecht, Identität und Körper letztlich? Dient gesundheitsschädigendes Verhalten bei Jugendlichen der Verarbeitung jugendtypischer Probleme und ist der Substanzkonsum als Problemlösestrategie zu verstehen um mit den Anforderungen es sexuellen Heranwachsens zurechtzukommen und welche Bedeutung hat hierbei das Geschlecht? Inwiefern kann also
gesundheitsschädigendes Verhalten der Konstruktion von Geschlechtlichkeit und Geschlechtsidentität dienen?
Ist bei der Erkennung und Bearbeitung der Thematik des Substanzkonsums von Jugendlichen das Geschlecht heute relevant, oder handelt es sich um ein kollektives Problem, wobei Jugendliche als kollektive Gruppe behandelt werden sollten?
Um über gesundheitsschädigendes Verhalten von Jugendlichen zu sprechen, ist zunächst eine Klärung der Bedeutung des Begriffs Jugend und seiner Inhalte sinnvoll, sowie ein Blick auf die Lebensphase Jugend, mit den für diese Lebensphase spezifischen Entwicklungsaufgaben (2.2.2) und die Bedeutung der Jugend als Übergang zum Erwachsenenstatus(2.2.3). Davon ausgehend folgt unter 3. das mit dem Thema der Entwicklungsaufgaben verbundene Thema Jugend und Geschlecht mit einem kurzen Einschub zur Thematisierung männlicher und weiblicher Jugendlicher in der
Jugendforschung. Unter 3.2 werden Erkenntnisse zur Unterscheidung zwischen dem sozialen und biologischen Geschlecht dargelegt. Als Basis für das soziale Geschlecht und dessen Herstellung folgt die Geschlechtersozialisation mit Unterpunkten zur Bedeutung des Geschlechts im Zusammenhang mit für diese Arbeit grundlegenden Erläuterungen zur Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität (3.5), sowie einem Abschnitt zu den
Geschlechterverhältnissen im Jugendalter und dessen Bedeutung. Von zentralem Interesse und eng verknüpft mit der Geschlechtersozialisation und kennzeichnend für die Geschlechterverhältnisse ist auch der Körper in der Jugend (4). Über die körperliche Entwicklung in der Jugendphase zeichnet sich der Übergang der Jugendlichen zu Frau bzw. Mann deutlich ab (4.1). Diese körperliche Entwicklung stellt eine große Herausforderung für die Jugendlichen
7
dar und steht in vielseitiger Verbindung mit gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen. Der Umgang mit dem geschlechtlichen Körper ist verbunden mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit und äußert sich in einem geschlechtsspezifisch geprägten Körperkonzept (4.3). Dieses Körperkonzept äußert sich im Umgang mit dem Körper und in jugendlichem Handeln und kann somit Erklärungen liefern für geschlechtlich geprägte Muster von Substanzkonsum.
Unter 4.4 wird resümierend auf die Bedeutung des Körpers für den Jugendlichen und das Handeln eingegangen. Diese Bedeutungsinhalte sind von großem Erkenntnisinteresse für das Verstehen gesundheitsschädigenden Verhaltens von Mädchen und Jungen, auf das ich anschließend näher eingehen werde.(5) Die vier Dimensionen des Substanzkonsum, die hier Erwähnung finden, können als Bestandteil jugendlichen Verhaltens verstanden werden. Dabei handelt es sich um die vier unter heutigen Jugendlichen nach Datenlage meist verbreiteten Formen des Substanzkonsums: Den Konsum von Tabak, Alkohol, Cannabis, Medikamente.
Nach einer begrifflichen Einordnung folgt ein kurzer historischer Exkurs zu Alkohol und Tabak bezüglich der gesellschaftlich geprägten Akzeptanz beim Konsum der Frauen und Männer. Dies soll einen Eindruck des gesellschaftlichen Einfluss und der Veränderlichkeit geschlechtsspezifischen Konsums vermitteln. Unter Punkt 5.3 werde ich dann anhand epidemiologischer Befunde jeweils einen Überblick über die aktuelle Verbreitung der Substanzen und die Geschlechterverteilung, sowie bestimmter Konsumformen geben. Nach einem kurzen Resümee wird nochmals näher auf die Substanzen eingegangen und vorhandene teilweise jugend- und geschlechtsspezifische Symboliken und die Funktion der vier Substanzen beleuchtet(5.4). Aufgrund der Datenlage bietet sich ein kurzer Blick auf zwei existierende Debatten zur Geschlechterverteilung (6) und einer eventuellen Angleichung der Geschlechter an.
Die Basis für Erklärungen zum gesundheitsschädigenden Verhalten bei Mädchen und Jungen bietet häufig die Geschlechtersozialisation, was unter Punkt 7 Erwähnung findet. Sie vermittelt die Vorstellung von '“männlichem“ und „weiblichem“ Verhalten und äußert sich wiederum in diesem in Form von
8
symbolischem Verhalten (7.2). Durch symbolisch besetztes Verhalten kann Identität hergestellt werden, was für Jugendliche im Sinne der Entwicklungsaufgaben von zentralem Interesse ist. Inwieweit
gesundheitsschädigendes Verhalten und Geschlechtsidentität miteinander zusammenhängen (7.2.1) und hier die Assoziation des „harten“ und „weichen“ Konsums für den Substanzkonsum eine Rolle spielen (7.2.2) wird im Folgenden erklärt. Als ein weiterer Aspekt des Symbolgehalts der Substanzen schließt sich daran ein Part zur Bedeutung des Einsatzes von Alkohol- und Tabakkonsum als Form der „Quasi-Initiation“(7.3).
Es folgt ein Abschnitt über den Zusammenhang von männlicher und weiblicher körperlicher Entwicklung und dem gesundheitsschädigendem Verhalten (8), was mit der Selbst- und Peer-Akzeptanz verbunden ist. Besonders prägnant unter diesem Aspekt der körperlichen Entwicklung scheinen die darauf folgenden Erkenntnisse zu pubertärem Entwicklungstempo und Tabak- und Alkoholkonsum, welche sich bei Mädchen und Jungen unterschiedlich darstellen(8.2).
Unter 9 wird integrierend auf einen weiteren Ansatz zur Bedeutung des Geschlechts für den Substanzkonsum von Jugendlichen eingegangen, der eng an das Konzept der Entwicklungsaufgaben gekoppelt ist und den damit verbundenen Belastungen. (9). Hierbei wird der Konsum von Substanzen als Strategie der Bewältigung verstanden (9.1), bei welcher sich männliche und weibliche Jugendliche, basierend auf den in dieser Arbeit bis dahin gewonnen Erkenntnissen, maßgeblich unterscheiden(9.2). Diese „Problemlösestrategien“ bieten Angriffspunkt für Konzepte der Prävention. Auf diese gehe ich im Zusammenhang mit Geschlecht abschließend in einem kleinen Exkurs anhand einer aktuellen Alkohol-Präventionskampagne mit der Zielgruppe männlicher und weiblicher Jugendlicher der BZgA 5 ein (10). Es folgt eine Schlussbetrachtung mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse und einem Ausblick auf weiterführende Fragestellungen.
5 Abk. f. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
9
In der nachfolgenden Arbeit soll nun geklärt werden, welche Bedeutung das Geschlecht für den Substanzkonsum von jugendlichen Mädchen und Jungen hat.
2 Jugend
Zunächst bietet sich hierbei eine Klärung des Begriffs Jugend und seiner Inhalte an.
2.1 Jugendbegriff
Der Begriffs Jugend ist sowohl in der Alltagssprache als auch in der Fachsprache der Soziologie, der Psychologie oder der Pädagogik ein viel gebrauchter Begriff, jedoch mit vielseitigen Bedeutungsinhalten. 6 Soziologisch betrachtet lässt sich der Begriff anhand einiger Aspekte definieren. Jugend benennt eine Altersphase, die jeder Mensch auf dem Weg vom Kind zum Erwachsenen durchlaufen muss. Diese Phase ist durch die Pubertät biologisch vorgegeben, wird aber durch die Gesellschaft „(...)sozial und kulturell ‚überformt’(...)“ 7 . Der Jugendliche wird auf die Rolle als Erwachsener vorbereitet und erwirbt hier die Fähigkeiten zum Handeln als Erwachsener. Zudem kann Jugend auch als eine gesellschaftliche Teil- beziehungsweise Subkultur verstanden werden, die durch bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen gekennzeichnet ist. 8
Jugend wird in der öffentlichen Debatte und auch in der heutigen Jugendforschung häufig noch als homogene Gruppe behandelt und vereinheitlicht. So kommt es zur Schaffung von „Modell-Jugendlichen“. Dies wird kritisiert. Dabei ist Ausgangspunkt und Maß aller Dinge der männliche Jugendliche. 9
Die männliche Jugend gilt hierbei als der Normalfall, die weibliche Jugend wird
6 Vgl. Schäfers, 2001, S.17
7 Schäfers, 2001, S.17
8 vgl. Schäfers, 2001, S.17
9 vgl. u.a. Tillmann, K.-J., in Einführung zu „Jugend weiblich- Jugend männlich“, 1992, S. 7
10
daran verglichen. Sie gilt insgesamt als schwieriger, problematischer, etc. 10 Doch das körperliche Geschlecht der Jugendlichen wird bei dieser Betrachtung häufig vernachlässigt.
Auch im Bereich des gesundheitlichen Risikoverhaltens scheint diese vergleichende Betrachtungsweise vorzuherrschen. Maßstab ist der männliche Jugendliche und es stellt sich die Frage, ob Mädchen mittlerweile genauso viel oder mehr konsumieren, z.B. beim Alkohol.
2.2 Lebensphase Jugend
Die Jugend kann als eine der drei Lebensphasen der menschlichen Biographie verstanden werden.
Sie gilt seit ihrem Bestehen als „Phase der biologischen und psychologischen Entwicklung zwischen Kind und Erwachsenem“, doch hängt die Bewertung und Einschätzung der verschiedenen Persönlichkeitsveränderungen und „welche Möglichkeiten und Grenzen für das eigene Verhalten sie markieren“ von den „jeweils kulturellen, sozialen und ökonomischen Bedingungen“ 11 ab. Somit ist auch das gesundheitsschädigende Verhalten Jugendlicher heute und dessen Bewertung und Behandlung stark von den heutigen kulturellen und sozialen Bedingungen beeinflusst. Zudem unterliegen die verschiedenen
Substanzkonsumarten unter anderem in Abhängigkeit von kulturellen Gegebenheiten auch speziellen Symboliken und Bewertungen, worauf ich im späteren eingehen werde.
Zusammenfassend und verkürzt lassen sich zur Altersphase „Jugend“ also einige Fakten festhalten:
2.2.1 Zeitlicher Rahmen
Der zeitliche Rahmen der Jugendphase lässt sich grob umspannen: Die Altersphase Jugend beginnt mit dem Einsetzen der Pubertät und endet,
10 vgl. Helfferich , Jugend, Körper und Geschlecht, 1994, S.17, S. 20f
11 Hurrelmann (2007), Lebensphase Jugend, S. 19
11
wenn das Individuum „seine persönliche und soziale Identität gefunden hat“. 12 Hier sind die Grenzen jedoch fließend. Während beim Übergang von Kindheitsphase zu Jugend das Einsetzen der Geschlechtsreife den Übergangspunkt markiert, lässt sich beim Übergang vom Jugend- zum Erwachsenenalter kein an das biologische Alter gekoppelter Zeitpunkt angeben. 13 Dementsprechend unterschiedlich fallen die Altersangaben zur Eingrenzung aus.
Die für das Erreichen des Erwachsenenstatus notwendige Voraussetzung der ökonomischen und sozialen Selbständigkeit, welche auch unabhängig voneinander erreicht werden kann, wird sehr individuell erzielt. Das erschwert die zeitliche Eingrenzung. Insgesamt ist eine Verlängerung der Jugendphase deutlich. Die Integration in die Erwachsenenrolle findet häufig später statt als früher. Materielle Selbständigkeit zu erreichen gilt für den Post-Adoleszenten heute als maßgeblich erschwert. Die Rede ist von einer „Rekonstruktion der Jugendphase“. 14
Sozialstrukturell ist vor allem „das schwindende demografische Gewicht der jungen Generation“ 15 hervorzuheben, sowie die insgesamt veränderte Strukturierung der Lebensphasen, auch der Lebensphase Jugend 16
2.2.2 Das Entwicklungsaufgabenkonzept
In Anlehnung an die Entwicklungspsychologie greift die Soziologie das Konzept der Entwicklungsaufgaben auf. Demnach muss der Jugendliche eine Reihe von Entwicklungsaufgaben bewältigen um den Erwachsenenstatus zu erlangen. Die Jugendphase kann „definiert werden, als Abschnitt in dessen Verlauf schrittweise der Übergang von der unselbständigen Kindheit in die selbständige Erwachsenenrolle vollzogen wird.“ 17 Der Jugendliche erlernt die Fähigkeiten zum Handeln als Erwachsener.
Für die Jugendphase lassen sich nach Hurrelmann - für Mädchen wie für
12 Schäfers (1998), Jugendsoziologie, S. 29
13 Hurrelmann (2007),S. 29
14 vgl. dazu Heinz, W. R., Hübner-Funk: Die Quadratur des Jugendbegriffs, 1997, S. 7
15 Hurrelmann (2007), S. 14
16 vgl. Hurrelmann (2007), S. 16 ff
17 Hurrelmann (2007),S.31
12
Jungen- vor allem die vier folgenden Bereiche von Entwicklungsaufgaben nennen 18 :
1. Die Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz, mit dem Ziel der Aufnahme einer beruflichen Erwerbsarbeit zur eigenen Existenzsicherung als Erwachsener
2. Die Entwicklung einer eigenen Geschlechterrolle und dem Akzeptieren der veränderten körperlichen Aussehens, sowie der Entwicklung sozialer Bindungen zu gleich- und andersgeschlechtlichen Gleichaltrigen, sowie Aufbau einer sexuellen Partnerbeziehung als potenzielle Basis einer Familiengründung. 3. Die Entwicklung selbständiger Handlungsmuster für die Nutzung des Konsumwaren- und Freizeitmarktes mit dem Ziel einen eigenen Lebensstil zu entwickeln und einen kontrollierten, bedürfnisorientierten Umgang mit den genannten Angeboten zu erreichen und schließlich 4. Die Entwicklung eines eigenen Werte- und Normsystems 19
Das Konzept der Entwicklungsaufgaben kann dazu dienen um Motivationen und Grundlagen jugendlichen Verhaltens zu verdeutlichen. Das Erreichen des Erwachsenenstatus, welchen Jugendliche demnach anstreben, kann als schwerwiegendes Handlungsmotiv wirken. Dies findet Bezug in der Affinität Jugendlicher zur Verwendung von Verhaltenweisen, die in der Erwachsenenwelt präsent sind und dieser zugeordnet werden. Gleichzeitig kann das Bewältigen dieser Entwicklungsaufgaben für den jungen Menschen eine große Belastung darstellen und mit Problemen verbunden sein. Dies zu erkennen ist auch im Zusammenhang mit jugendlichem Handeln allgemein oder abweichenden Verhaltensformen wichtig. Beides kann sich in der jugendlichen Lebenswelt und damit auch im Substanzkonsum äußern. Sind diese vier oben genannten Entwicklungsaufgaben bewältigt so kann man, nach Hurrelmann, von einem Übergang vom Jugend- in das Erwachsenenalter sprechen. 20
18 vgl. Hurrelmann (2007), S.27f
19 vgl. Hurrelmann (2007), S.28
20 vgl. Hurrelmann (2007), , S.28
13
2.2.3 Jugend als Statuspassage
Eine weitere Bedeutung der Jugend, ist die einer Statuspassage. Nach dem Wechsel vom Kind zum Jugendlichen, findet in der Jugendphase bzw. gegen Ende dieser der Übergang des Jugendlichen in den Erwachsenenstatus statt. Aus soziologischer Sicht von besonderem Interesse ist der Aspekt der Statuspassage oder auch des Positionsübergangs von Kind zum Jugendlichen. 21 Beim Statuswechsel vom Kind zum Jugendlichen kommt es zu einer schrittweisen Erweiterung der Handlungsspielräume und damit zu einer Vergrößerung der Rollenvielfalt. 22
Die Statusübergänge lassen sich nicht klar begrenzen und definieren. So findet der Eintritt ins Jugendalter in unseren westlichen Gesellschaften bis auf einige Ausnahmen, wie z.B. der familiär gefeierte Eintritt in eine weiterführende Schule, ohne öffentliche soziale Markierungen statt. 23 Zudem läuft der Übergang eher fließend und unauffällig ab, kann sich individuell unterschiedlich ausprägen und biografisch verschiedene Formen erhalten. 24 Prägnant ist die schrittweise Distanzierung der Kinder vom Einfluss der Eltern. Dagegen gewinnen Freunde und Gleichaltrige für die Jugendlichen mit dem Alter zunehmend an Bedeutung. Diese Entwicklung wird demonstrativ, teils provokativ z.B. über bestimmte Verhaltensweisen und Kleidungsstile und vermehrte Kontakte nach außen vermittelt und gezeigt. 25 Dieser Aspekt spielt im Bezug auf jugendliches Verhalten und Substanzkonsum unter Einfluss der Gleichaltrigen eine bedeutende Rolle. Stellt sich die Frage welche Rolle hierbei nun der Konsum der genannten Substanzen, wie Alkohol, Tabak etc. für Jugendliche spielen. Sind an die Stelle früher traditionell, familiär gefeierter Riten zum Statusübergang jugendliche Handlungsweisen getreten, die den Übergang zum Erwachsenenalter einläuten? Auf den Symbolwert und die Bedeutung der verschiedenen hier
21 näheres vgl. Hurrelmann (2007), S.31ff
22 Hurrelmann (2007), S. 32
23 vgl. Hurrelmann (2007), S. 32
24 vgl. Hurrelmann (2007),S. 32
25 vgl. Hurrelmann (2007), S. 32
14
erwähnten gesundheitsrelevanten Substanzen, werde ich später zu sprechen kommen.
3 Jugend und Geschlecht- weibliche und männliche Jugend
3.1 Männliche und weibliche Jugendforschung
Jugendliche kommen in der Realität als Mädchen und als Jungen vor. Diese Tatsache wird jedoch, so die Kritik, in der Jugendforschung oft ausgeklammert oder ignoriert. 26 So galt lange Zeit in der Jugendforschung der männliche Jugendliche als „Normalfall“, Mädchen wurden, so die Kritik, subsumiert. Bei Studien zu weiblichen Jugendlichen und geschlechtsspezifischen Vergleichen wurden männliche Jugendliche oft als Maßstab verwendet. 27 Männlich dominierte Lebenswelten gelten, laut Tillmann, als relativ gut untersucht, seit den 70er Jahren vor allem in Form von Subkulturforschung. Ab den 80er Jahren gerieten dann auch Untersuchungen zur Lebenssituation von Mädchen in das Blickfeld. 28 Jedoch gibt es Unterschiede bei den untersuchten Forschungsbereichen, so gilt z.B. die familiäre Situation jugendlicher Mädchen heute „in etlichen Punkten als differenzierter untersucht als die der Jungen“. 29
3.2 Das biologische und das soziale Geschlecht
Zunächst soll geklärt werden was unter „Geschlecht“ in der soziologischen Forschung und auch in dieser Arbeit zu verstehen ist. Bei Geschlecht lässt sich nach der interaktionistischen Geschlechtertheorie zwischen biologischem und sozialem Geschlecht differenzieren. Das soziale Geschlecht ist im Gegensatz zum biologischen Geschlecht keine vorhandene Gegebenheit, sondern hängt mit dem sozialen Kontext zusammen. Geschlecht und Geschlechterverhältnisse werden über Interaktionen hergestellt. 30 West und Zimmermann erweitern diese
26 vgl. u.a. Tillmann, K.-J., in Einführung zu „Jugend weiblich- Jugend männlich“, 1992, S. 7
27 Vgl. Helfferich (1994), S. 17; S. 20f
28 Tillmann, K.-J., in Einführung zu „Jugend weiblich- Jugend männlich“ S. 7ff
29 Tillmann, K.-J., „Söhne und Töchter in bundesdeutschen Familien - Mehr Kontinuität als Wandel“,
S. 47
30 vgl. Kolip, Geschlecht und Gesundheit im Jugendalter, 1997, S. 63
15
Unterteilung und unterscheiden in drei Kategorien: in Sex, dem biologischen Geschlecht, welches anhand körperlicher Merkmale spätestens bei der Geburt bestimmt wird, „gender“, das soziale Geschlecht, welches im Sinne von „Doing Gender“ in Interaktionen hergestellt wird, und „sex category“, welches die soziale Zuordnung bezeichnet. 31 Über „Doing gender“ wird das soziale Geschlecht in sozialen Situationen ständig produziert und reproduziert. Menschen stellen Geschlecht in ihren Interaktionen dar und es wird von ihnen erwartet, dass sie die Handlungen ihres Gegenübers dementsprechend auch erkennen und interpretieren. 32 Unsere gesellschaftlichen Strukturen sind geprägt durch das soziale Geschlecht. Wir sind in unseren Einstellungen, Erwartungen und Vorgaben abhängig davon. 33 Gender gilt als kulturell erworbener Status, gegründet auf komplexen Definitions-und Zuweisungsprozessen. 34
„Geschlecht ist Merkmal der sozialen Realität und strukturiert wesentliche Teile der Persönlichkeitsentwicklung. Es bestimmt soziale Interaktionen und menschliches
35 Zusammenleben.“
Das soziale Geschlecht, das über Interaktionen hergestellt wird, erscheint hier von besonderer Bedeutung. Inwieweit kann also jugendliches Rauchen, Trinken, Cannabiskonsum etc, also als Interaktionsform verstanden werden, das im Sinne von „doing gender“ der Herstellung von Geschlechtlichkeit, dient?
3.3 Geschlechtersozialisation bzw. „Geschlechtsspezifische“ Sozialisation
Die Basis für das soziale Geschlecht und die Zuordnungsprozesse liegen in der Geschlechtersozialisation. Sozialisation allgemein kann verstanden werden als ein Prozess, in dem die „(...) dynamische und produktive Verarbeitung der inneren und äußeren Realität (...)“stattfindet. 36
31 vgl. West/Zimmermann: Doing Gender, 1987, 131ff
32 Vgl. Kolip (1997), S. 63
33 vgl. Helfferich 1994 S. 54f
34 vgl. Kolip (1997), S.60
35 Kolip (1997), S.53
36 Hurrelmann (2007), S. 64
16
Als wichtige Sozialisationsinstanzen in diesem Prozess gelten u.a. die Familie, Schule, Peers und Medien. 37 „Ziel des Sozialisationsprozesses ist der Aufbau einer stabilen Ich- Identität als Voraussetzung von Selbständigkeit und Handlungskompetenz.“ 38 Diese Ich-Bildung findet somit statt in einem Prozess von „Sich-Einlassen auf die soziale und kulturelle, die sachliche und räumliche Umwelt (…)“ 39 , sowie „(...)durch die Möglichkeiten und Fähigkeiten, sich auf sich selbst zu besinnen“. 40 Einfluss nehmen bis zur Jugendzeit besonders die Eltern. Wobei zu bemerken gilt, dass nicht nur Erwachsene Jugendliche beeinflussen, sondern auch Jugendliche Erwachsene. 41 Die Peers gewinnen mit zunehmendem Alter gegenüber dem Einfluss durch die Eltern deutlich an Bedeutung. Sozialisation findet heute größtenteils „(...)ohne Kontrolle von Erwachsenen, in sich freiwillig bildenden und organisierenden
Gleichaltrigengruppen (...)“ 42 statt. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität stellt einen bedeutenden Teilaspekt bei der Identitätssuche der Jugendlichen dar. Wie nimmt sich der oder die Jugendliche als geschlechtliches Wesen, als Mann oder Frau wahr? Ausschlaggebend für den Erwerb einer Geschlechtsidentität ist die Geschlechtersozialisation bzw. die
geschlechtsspezifische Sozialisation. Im Folgenden beziehe ich mich hierbei besonders auf den integrierenden Ansatz zur geschlechtsspezifischen Sozialisation nach Helga Bilden (1991).
Die „Geschlechtsspezifische“ Sozialisation findet ebenso wie die Sozialisation allgemein in Form eines dynamischen Prozesses statt. 43 Die „geschlechtsspezifische“ Sozialisation soll die Antworten darauf geben, wie Unterschiede zwischen den Geschlechtern zustande kommen. „Zentral ist die Annahme, daß wir unsere Wirklichkeit andauernd in sozialen Praktiken produzieren.“ 44 Das Geschlecht wird hier demnach nicht als
„Persönlichkeitsvariable“ verstanden, sondern vielmehr als soziale Kategorie
37 vgl. Hurrelmann (2007), S. 69f
38 Schäfers (2001), S. 91
39 Schäfers (2001), S. 93
40 Schäfers (2001), S. 93
41 vgl. Baacke, D.: Jugend und Jugendkulturen 1993, S.222,
42 Ziehlke, B.: Deviante Jugendliche, 1993, S. 35
43 vgl. Bilden, H. Geschlechtsspezifische Sozialisation, 1991, S. 279
44 Bilden, H. (1991). Geschlechtsspezifische Sozialisation, S. 280
17
„ein duales System von Symbolisierungen“ 45 Von Kind an erlernen Mädchen und Jungen ein zweigeschlechtliches System mit den Symbolen dieser zweigeteilten Welt. Zunächst primär durch die Erziehungspersonen werden geschlechtsspezifische Verhaltensweisen, Werte und Normen erlernt und Mädchen und Jungen erfahren durch ihre Umwelt Rückmeldung. 46 So kommt es zu geschlechtstypischen Verhaltensweisen. Mädchen und Jungen eignen sich im Laufe ihres Lebens bestimmte Verhaltensweisen an, indem sie sich aktiv an der Übernahme der an ihr Geschlecht gerichteten Verhaltenserwartungen ihrer Umwelt beteiligen. Auch gewisse gesundheitsschädigende Verhaltensweisen sind als solche Verhaltensweisen zu verstehen. Mit zunehmendem Alter wissen Mädchen und Jungen, was zu einer Darstellung des Mann- oder Frau-Seins gehört. Bis zur Adoleszenz eignen sich Mädchen und Jungen so ein leibliches Gedächtnis von Mann- oder Frausein an. (Bilden, 1991). Hirschauer (1989) nennt diese intuitiven Symbole auch „verkörperte Routinen“47 Diese Handlungsweise, die Rückmeldung und Bestätigung für bestimmtes geschlechtstypisches Verhalten einfordert, ist auch für jugendliche Mädchen und Jungen noch relevant 48 und ist somit auch für die Thematik hier von Interesse. Sie könnte Erklärung liefern für „weiblichen“ oder „männlichen“ Konsumstil, bzw. geschlechtstypischen, sofern es diesen gibt.
3.4 Bedeutung der geschlechtsspezifischen Sozialisation
Die „geschlechtsspezifische“ Sozialisation als Konzept ist Zielscheibe vieler Kritik. Ein Hauptargument hierbei ist, dass bei dem Konzept das „biologische Geschlecht“ als Basis dient und Kausalbeziehungen zwischen dem „biologischen Geschlecht“ und Verhalten von Mädchen und Jungen unterstellt. 49
Trotz genannter Kritik dient die „geschlechtsspezifische“ Sozialisation oft als Erklärung für geschlechtstypisches Verhalten. Sie soll Antworten geben, wie
45 Bilden, H. (1991). Geschlechtsspezifische Sozialisation, S. 280
46 vgl. Kolip (1997), S. 60
47 vgl. Hirschauer: Die interaktive Konstruktion von Geschlechtszugehörigkeit, 1989, S.110 ff
48 vgl. Kolip (1997), S. 60
49 vgl. Dausien, B.,Geschlechtsspezifische Sozialisation- Konstruktiv(istisch)e Ideen zu Karriere und
Kritik eines Konzepts, 1999
18
Unterschiede zwischen den Geschlechtern entstehen und die Möglichkeit bieten daraus Konsequenzen für die praktische Arbeit ziehen zu können. 50 Schließlich ist sie Basis für die Entwicklung der Geschlechtsidentität. Die Geschlechtersozialisation findet Ausdruck in zahlreichen Verhaltensweisen, die symbolisch mit dem Attribut „männlich“ oder „weiblich“ besetzt sind. Geschlechtlichkeit wird also nach Bilden u.a. über soziale Praktiken im Sinne des symbolischen-interaktionistischen Konzepts hergestellt. Das Selbst steht hier als „reflexive Beziehungskategorie“ im Vordergrund des Prozesses der Selbst-Entwicklung und Selbstbildung. 51
3.5 Geschlechtszugehörigkeit und Geschlechtsidentität
In dem zweigeteilten Geschlechtersystem unserer Gesellschaft, stehen auch und vor allem Jugendliche unter dem Zwang sich als Mann oder Frau zu definieren. Wie oben erwähnt findet die geschlechtsspezifische Sozialisation in einem dynamischen Prozess statt. In jeder Phase des Lebens, so auch in der Jugend, stellen Mädchen und Jungen in ihrem sozialen Handeln und in allen Tätigkeiten ihre Geschlechtszugehörigkeit symbolisch dar, indem sie historisch gewachsene aber auch sich wandelnde männliche und weibliche Verhaltensweisen ausüben. 52 „Mit der Übernahme geschlechtlich identifizierter Verhaltensweisen und Bedeutungssysteme markieren Individuen permanent die eigene Geschlechtszugehörigkeit“ 53
Diese Konstruktion und Reproduktion von Geschlechtlichkeit erfolgt unter Bezugnahme auf andere Personen und kann als soziales Handeln verstanden werden. Jugendliche stellen über ein gewisses Verhalten Geschlechtlichkeit dar und erhalten als Resonanz von Interaktionspartnern Anerkennung und Bestätigung. Diese Form der geschlechtsspezifischen Sozialisation dauert so gesehen ein Leben lang an. Eng verbunden mit der Geschlechtersozialisation in der Jugendphase ist die Entwicklung einer eigenen sexuellen Identität, die
50 Faulstich-Wieland, H. : Sozialisation v. Mädchen und Jungen- zum Stand der Theorie, 2000, S.9
51 Bilden (1991), S. 291
52 Hirschauer (1989), S. 104
53 Stein-Hilbers, M. : Sexuell werden, 2000, S. 36
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Arbeit zitieren:
Verena Huber, 2009, Gesundheitsschädigendes Verhalten von Jugendlichen und Geschlecht , München, GRIN Verlag GmbH
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