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1 Einleitung
Die Untersuchungen zur antiken griechischen Tragödie, zu ihren Ursprüngen. Ausformungen und Zusammenhängen mit der antiken Welt sind Legion. Wenn Aristoteles in der Poetik in wenigen Sätzen von den Ursprüngen des antiken Dramas spricht, Hegel den "Beginn der dramatischen Poesie [...] bei den Griechen" sucht oder Nietzsche "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" postuliert, so sind dies nur wenige exponierte philosophische Stellungnahmen zu diesem Thema, denen sich ungleich zahlreichere altphilologische und theaterhistorische zur Seite stellen. Im folgenden soll auf einige wesentliche Theorien und Meinungen hierzu eingegangen werden. Dabei sollte natürlich der Anfang mit Aristoteles gemacht werden und mit den Schwierigkeiten, die die Forschung mit diesem hatte und hat. In diesen Zusammenhang gehört der einflussreichste Vertreter der historischen Wissenschaft, Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff. Die Zweiteilung der Lager wird aber erst deutlich, wenn die Position Friedrich Nietzsches erörtert wird: Es ist kennzeichnend für die Auseinandersetzung mit dem Problem der Tragödie, dass über eine lange Zeit hinweg entweder radikal historische oder radikal philosophische Erklärungsansätze vertreten wurden. Eine vermittelnde Stellung nimmt zum Schluss Max Pohlenz ein. Es muss wohl nicht ausführlich darauf hingewiesen werden, dass im folgenden im wesentlichen die Ergebnisse, nicht die Argumentation der Theorien im Vordergrund steht, da jede Position für sich bereits eine eigene Arbeit wert wäre.
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2 Die Probleme mit Aristoteles
2.1 Die Ausführungen in der Poetik und die bisherige Interpretation
Wie gesagt bietet es sich an, historisch zu verfahren und Aristoteles und dessen "Poetik" zuerst zu erwähnen, beschäftigt sich dieser doch in einem großen Teil dieses Werkes mit der theoretischen Bestimmung der Tragödie. Damit jedoch treten wir gleichsam eine Lawine der Spekulation in der Altphilologie los. Denn die Aussagen, die Aristoteles zum Ursprung der Tragödie macht, sind selbst unter Berücksichtigung der Skizzenhaftigkeit der Poetik recht lapidar, fast dürftig: Sie [die Tragödie] hatte ursprünglich aus Improvisationen bestanden (sie selbst und die Komödie: sie selbst von Seiten derer, die den Dityrambos, die Komödie von Seiten derer, die die Phallos-Umzüge, wie sie noch jetzt in vielen Städten im Schwange sind, anführten), sie dehnte sich dann allmählich aus, wobei man verbesserte, was bei ihr zum Vorschein kam, und machte viele Veränderungen durch. Ihre Entwicklung hörte auf, sobald sie ihre eigentliche Natur verwirklicht hatte. Aischylos hat als erster die Zahl der Schauspieler von einem auf zwei gebracht, den Anteil des Chors verringert und den Dialog zur Hauptsache gemacht. Sophokles hat den dritten Schauspieler und die Bühnenbilder hinzugefügt. Was ferner die Größe betrifft, so gelangte die Tragödie aus kleinen Geschichten und einer auf Lachen zielenden Redeweise - sie war ja aus dem Satyrischen hervorgegangen - erst . (1449a10-20) 1 Aristoteles gibt also hier zwei Ursprünge der Tragödie an: Nach der herkömmlichen Übersetzung und Interpretation - wie man seit den neuesten Ergebnissen der Diskussion wohl sagen muss - erstens das improvisierte Zwiegespräch zwischen Chor und Chorführer der Dithyramben. Der Dithyrambos war im antiken Griechenland ein Gesang zur Verherrlichung des Natur- und Fruchtbarkeitsgottes Dionysos. Das heißt, wir haben es bei der dramatischen Dichtung ursprünglich mit mythischen Handlungen, mit Gottesdienst zu tun.
1 Aristoteles: Poetik, Übersetzt u. hrsg. v. M. Fuhrmann, Stuttgart 1982, S. 15
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Zweitens, so Aristot entstanden.
Wieder stoßen wir auf Dionysos: In dem im Text erwähnte satyrikón - das Satyrspiel - waren die Träger der Handlung - wenn man bei der primitiven Form der Bühnendarstellungen überhaupt von Handlung sprechen darf, die Satyrn, Naturgeister im Gefolge des Gottes, die in den Diythramben diesen erklärt, denn man
darf sich wohl vorstellen, dass die Satyrn während des Spiels ihrem wenig ernsthaften Charakter Ausdruck verliehen.
Soweit die wenigen Hinweise des Aristoteles. Diese Dürftigkeit war und ist der Grund, warum sich daran die Geister scheiden. Angefangen von der Frage, inwieweit Aristoteles historische Quellen vorlagen, auf die er seine Ausführungen stützt, oder ob diese nicht eher als reine Spekulation gewertet werden sollten , über die Frage nach der Entwicklung des Dithyrambos, über die essentielle Frage, wie denn aus dem satyrikón die Tragödie entstanden sein kann, bis hin zu dem philologischen Problem, wie denn der Begriff àpò ton èxarchónton tòn dithyrambon (von denen, die den Dithyrambus anführten) in der zitierten Aristoteles-Passage zu verstehen sei, was also die Vorsänger eines Chores mit der Entwicklung einer dramatischen Gattung zu tun haben, oder ob damit nicht doch schon eine Art Schauspieler gemeint sei. Jedoch gemeinsam ist allen Ansätzen die historische Methode, d.h. eine Methode, die sich streng an die Quellen hält und ästhetische Gesichtspunkte möglichst außer Acht lässt.
Nun soll grob die Entwicklung nachgezeichnet werden, die die historischen Wissenschaftler sich vom Ursprung der Tragödie machen. Diese Ansicht richtet sich zumeist nach dem einflussreichsten Vertreter der historisch-kritischen Methode, Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Gleichzeitig ist damit der Satz an Grundfakten gelegt, auf den viele - nicht alle - Wissenschaftler früher oder später rekurrieren.
Den Anfang der Entwicklung soll in Korinth um 600 v.Chr. gelegen haben. Dort soll der Sänger Arion unter der Herrschaft des Tyrannen Periander die ersten Dithyramben gedichtet haben, also die ersten als Kunst zu bezeich- nenden Chorlieder zu Ehren des Dionysos. Diese wurden von als Böcke
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(trágoi) verkleideten Sängern vorgetragen, den Satyrn, weshalb dieser Gesang auch den Namen tragodía - Gesang der Böcke führte. In Athen herrschte etwa zur gleichen Zeidiesen Brauch,
der Aufsehen erregte 2 aus kulturpolitischen Gründen nach Athen transferierte. Aus diesem Grunde gründete er die großen Dionysien, die jeweils Ende März stattfanden. Freilich wurde der Name der Sänger und ihr Äußeres für Athen war das ganze fremd, denn die böcke [als Darstellung . 3 So wurden aus den bocksgestaltigen Satyrn pferdeähnliche Silenen. 4
534 v.Chr. soll dann Thespis im Rahmen dieser Großen Dionysien einen wichtigen Schritt in Richtung der späteren Tragödie getan haben, indem er dem Chor einen Sprecher, einen Vorsänger hinzufügte, der mit dem Chor in Dialog trat. Von hier aus ist es nur ein kleiner Schritt zu dem von Aristoteles erwähnten zweiten und dritten Schauspieler, womit die Tragödie ihre endgültige institutionalisierte Form in Athen erhalten hat. Diesem ganzen Erklärungsversuche, genau wie allen anderen, haftet der Makel an, dass sie mit letzter Evidenz nicht zu beweisen sind. Es ergeben sich sogar einige Schwierigkeiten, die Elemente der Rekonstruktion zusammenzufügen. So ist eine Institution "Satyrdithyrambos" nach den Quellen nicht bekannt sodann lässt sich das Satyrspiel, das ja eine Grundlage der Tragödie sein soll, erst nach der Entwicklung der Tragödie nachweisen. Das sich die trágoi nur in Pferdegestalt nachweisen lassen, stellt in diesem Zusammenhang ein nebengeordnetes Problem dar, mit dem sich die Forschung aber schon versucht hat auseinanderzusetzen.
2.2 Der neuere Ansatz
In neuerer Zeit existiert ein Beitrag zu dieser Diskussion, die einige der oben erwähnten Fragen zu klären scheint, der sich aber radikal von den bisherigen Erklärungs- und Herleitungsversuchen unterscheidet. 5 Hier wird die Zuord-
2 E.Howald: Die griechische Tragödie, München 1930, S. 24
3 U. v. Wilamowitz-Möllendorff: Einleitung in die griechische Tragödie,
Berlin 1907, S. 86
4 Dies ist nur eine der zahlreichen Varianten zur Erklärung dieses Namenwechswels (vgl.: A. Lesky: Die
griechische Tragödie, Stuttgart 41968, S. 58 ff
5 J. Leonhardt: Phalloslied und Dithyrambos. Aristoteles über den Ursprung des griechischen Dramas,
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nung vom Phalloslied zur Komödie und vom Dithyrambus zur Tragödie als deren jeweilige generische Ursprünge umgekehrt. Ein sehr radikaler und provozierender Bruch mit der bisherigen Tradition der Aristoteles-Übersetzung, wie es zunächst scheint. Jedoch ergeben sich aus diesersoweit dies an dieser Stelle beurteilt werden kann - syntaktisch-sprachlich und inhaltlich nicht abwegigen These einige wichtige Konsequenzen. Zunächst ist eine Zuordnung von tragodía, satyrikón und Phalloslied sehr viel einfacher zu ziehen - wegen der thematischen Verknüpfung mit Fruchtbarkeit und Geschlechtlichkeit - als zum Dithyrambus. 6 Somit lässt sich auch der Bock als Namensgeber der Tragödie erklären, sowie der Ausdruck satyrikón die satyrhafte, ausgelassene Stimmung des Prozessionszuges 7 , d.h. des Phallosumzuges. Außerdem ist damit die Ansicht, Dithyrambus und Phalloslied gehörten zum dramatischen Kern der jeweiligen Dichtungen, nicht mehr so evident, wie es bisher schien. Wahrscheinlicher ist, dass Aristoteles [...] eben dies gar nicht sagen will, sondern dass er nicht mehr als eine Personalunion der jeweiligen Aufführenden im entscheidenden Stadium der Entwicklung behauptet. 8 Die Zu-ordnung ist also lediglich eine aufführungstechnische Angelegenheit. Die Leistung der èxárchontes, der Vorsänger der jeweiligen Lieder, lag nach der neuen Aristoteles-Interpretation darin, neben dem Gesang in den Prozessionsliedern oder auch improvisierten Aufführungen mit dem Chor betrieben zu haben, aus denen sich im Zuge der von Aristoteles erwähnten Entwick die Tragödie bzw. später
auch die Komödie entwickelte, was also so etwas wie eine künstlerische Leistung dieser Vorsänger impliziert. 9 Damit ist gleichzeitig die Ansicht in Frage gestellt, dass Aristoteles bei seiner Beschreibung auf ältere Urformen der Tragödie und Komödie im kultischen Bereich zurückgreift: Nach Leon- den Prozess[im Blick], wie sich an den städtischen Dionysien in Athen aus einer improvisierten Theateraufführung feste Dich- Heidenberg1991 (Abhandlungen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philoso-
phisch-historische Klasse, Jg. 1991, Abh. 4)
6 a.a.O.. S. 26
7 a.a.O.. S. 31
8 a.a.O., S. 23
9 a.a.O., S. 54
Arbeit zitieren:
Markus Suplicki, 1992, Bocksgesang und attischer Geist, München, GRIN Verlag GmbH
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