INHALTSVERZEICHNIS
A EINLEITUNG 3
B DEL SENTIMIENTO TRÁGICO DE LA VIDA 4
Überblick
5
Gedankenfigur des „sentimiento trágico“
el hombre de carne y hueso
7
el hambre de inmortalidad
conciencia , razón y fe, creación
C NIEBLA ALS LITERARISIERUNG DER IDEEN 11
DES SENTIMIENTO TRAGICO
Zur Figur des Augusto Pérez
15
Tod des Vaters - Schock und Mysterium
17
Tod der Mutter - Sinnverlust und Obdachlosigkeit
19
Wende ohne Ansage
21
Über die romantische Ironie zum Problem der Existenz
D AUSBLICK 23
E LITERATURVERZEICHNIS 25
2
A EINLEITUNG
Unamunos 1914 erschienener Roman „Niebla“ ist einer d er nachhaltigsten Beiträge Spaniens zur literarischen Moderne. Er steht in engem Zusammenhang mit Unamunos philosophischem Hauptwerk „ Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos“ (1913): Eine Sammlung von zwölf gedanklich sukzessiv fortschreitenden Essays, die sich religionskritisch via intuitiver Erkenntnis mit der Frage nach einem - möglicherweise gottgegebenem - Ordnungssystem bzw. Sinn des Lebens beschäftigen. Kapitel B stellt die Kerngedanken selektiv in bezug auf die anschliessende Romanbesprechung vor.
„Niebla“ sucht durch eine mehr bis minder radikale Absage an etablierte Schreibkonventionen eine Konfrontation mit den bisherigen Paradigmen der Romankonzeption. Zum anderen berührt Unamuno existentialistische Themen: Die ‘Romanbiographie’ der Hauptfigur Augusto Pérez ist ein prototypisches Beispiel für die Eigenschaften, die Lukács in seiner „Theorie des Romans“ (erschienen 1916) als Nenner moderner Romanfiguren erkennt: Introspektion und Untergang
in Obdachlosigkeit 1 . Kapitel C untersucht diesen Problemkreis am Beispiel des V. Kapitels.
Die Geschichte des Augusto Pérez ist als „Ausdruck [einer] transzendentalen Obdachlosigkeit“ 2 zu lesen: Eine genaue Lektüre sieht Niebla nicht nur im Kontext des „sentimiento trágico“, sondern begreift den Roman als Literarisierung der im Essay vorgestellten Ideen. Die Generalisierung „en los hombres y en los pueblos“ manifestiert sich - Unamunos Gedanken an einen stets individuellen „hombre de carne y hueso“ beipflichtend - in einer konkreten Figur: Augusto Pérez. Zuletzt wird die Debatte um den Gültigkeitsbereich philosophischer Aussagen (Roman versus Leben) untersucht, ist sie doch konstitutiv für den erzählerischen Bruch im Schlussteil des Romans: Über das Mittel der romantischen Ironie begegnen sich Autor und Hauptfigur.
1 Vgl. LUKÁCS, Georg: Die Theorie des Romans. Ein geschichtsphilosophischer Versuch über die Formen
der großen Epik. 2. Aufl. München 2000 (= dtv, 1950). S. 25: Der „Mensch, als alleiniger Träger der Substantialität, inmitten reflexiver Formungen […]“ in einer anzuzweifelnden „Totalität des Lebens [die] nicht mehr sinnfällig gegeben“ ist.
2 S. 32
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B DEL SENTIMIENTO TRÁGICO DE LA VIDA
„Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos“, so der vollständige Titel des zwölf Essays umfassenden Bandes, ist Unamunos philosophisches Hauptwerk. Es erschien 1913, ein Jahr vor dem zu besprechenden Roman „Niebla“. Die Werke gehören zwar unterschiedlichen Gattungen an, bilden aber hinsichtlich ihrer Themen eine hier nachzuweisende Einheit und Intertextualität. Sie sind das Ergebnis einer vorexistentialistisch genannten Schaffensperiode bei Unamuno: Die Frage nach dem Umgang mit der Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit und deren Auswirkung auf das eigene Leben und die literarische Produktion.
Unamuno untersucht o hne Illusion und Interesse an einem philosphischen System, d as Ausweg oder Erklärung böte, welche Konsequenzen aufgrund dieser Erkenntnis für den Einzelnen gezogen werden müssen: Die Nichtduldbarkeit des Todes macht die Suche nach Sinn und das Bedürfnis nach Unsterblichkeit evident. Das Christentum und die Vorstellung von „Gott“ stehen von nun an im Vordergrund. Die sinnstiftende Funktion, die jedem religiösem Modell zukommt, begreift Unamuno als notwendig, um dem rational nicht aufzulösenden Widerspruch zwischen Leben und Tod zu entgegnen. Die philosophische Reflexion produziert selbst Widersprüche qua Induktion oder leitet weitere ab, die Unamuno in einem Gegensatzpaar begrifflich zusammenführt: ' razón y fe'. Die aporetischen Widersprüche werden als tragisch erfahren und sind zugleich Leitthema des Essaybandes. Dass der Mensch derjenige ist, der sich Gott und Erlöserreligion schafft, wird im letzten Essay, der „conclusión“, erneut zentral: Als mögliches Ergebnis dieser Schöpfungsakte steht auch das Kunstwerk, wie die literarische Figur des Don Quijote.
4
Das apriori jeder Erkenntnis ist bei Unamuno „el hombre de carne y hueso“. Die Betonung liegt auf der Präpositionalphrase: D er sich seiner Leiblichkeit und damit auch Sterblichkeit bewusste Mensch aus ‘Fleisch und Blut’ bildet bei Unamuno die Prämisse jedes philosophischen Nachdenkens. Das Nachdenken selbst i st durch Gefühle beeinflusst. Sie lenken das Erkenntnisinteresse und die Verschriftlichung, also auch die Gestaltung der Essays: Unamuno schreibt nicht nur über den „hombre de carne y hueso“, sondern sieht sich selbst auch als ebendieser an - er ist sich selbst Prämisse. In dieser Konsequenz schwört er dominierenden philosophischen Denkformen ab, vor allem dem Rationalismus. Aufgrund dieser Hinwendung zum Individuum stellt sich Unamuno nicht in die wissenschaftlich-formale Tradition eines Spinoza oder Descartes, von denen er sich namentlich distanziert, sondern verfährt intuitiv, da Wissenschaftlichkeit nicht die Vorbedingung eines primär von seinen Gefühlen bestimmten Menschen sein kann 3 . Diese Abwendung von etablierten Formen zeichnet nicht zuletzt auch seine literarischen Werke aus 4 . Unamuno bezieht mit der genannten Freiheit Position: V or allem in Kierkegaard, auch in Rousseau und Pascal entdeckt er einen ähnliche Prämissensetzung 5 . In Verkehrung des cartesianischen Axioms bringt er seine Ausgangsposition auf den Punkt:
„¿ Sum, ergo cogito … ? ¿ Será posible acaso un pensamiento puro, sin conciencia de sí, sin personalidad ? ¿ Cabe acaso conocimiento puro, sin sentimiento, sin esta especie de materialidad
que el sentimiento le presta ?“ 6
Diese Prämisse ist zugleich konstituiv für die Anlage der Hauptfigur von Niebla und die unamunische Quijote-Rezeption. Aus der „conciencia de sí“ folgt bei Unamuno nicht
3 Insofern rekurriert Unamuno auf eine formale Tradition, die von Montaigne ausgeht und deren Merkmal
der tendenziell subjektiven Gestaltung im Fall des „sentimiento trágico“ durchaus zutreffen.
4 Schon hier werden stilistische Entsprechungen zwischen philosophischen und literarischen Werken Unamunos sichtbar, deren Grenzen gewiss fliessend sind. Betrachtet man vor allem „Cómo se hace una novela“, wo jede Erwartung einer Lektüre formaler und theoretisch fundierter Prinzipien zugunsten eines Biographismus enttäuscht wird, dann findet man schnell ein Werk mit Manifest-Charakter, in dem Autobiographie, philosopische und literarische Reflexion essayistisch verschmelzen. Diese Eigenschaft verbindet einen Grossteil der unamunischen Werke.
5 Vgl. Miguel de UNAMUNO: Del sentimiento trágico de la vida en los hombres y en los pueblos. Prólogo por el P. Félix García. Madrid 1976 (= Espasa-Calpe, S. A.). S. 39
6 S. 52
5
nur ein subjektives Bewusstsein über die eigene Existenz, sondern auch über das, was sich ausserhalb des eigenen Ichs befindet, also die Welt und ihren möglichen Interpretationen und Kreationen: A us Windmühlen werden Riesen (Don Quijote), man begeht ‘ Liebesirrtümer‘ (Niebla) oder ‘ organisiert Gott’ 7 („sentimiento trágico“, vgl. Kapitel IV - „La esencia del catolicismo“). Das Bewusstsein impliziert demnach die Möglichkeit einer subjektiven Schöpfung durch eine Interpretation des Ichs und der Welt, die im Geben von Deutung und Bedeutung kreativ und Kreation zugleich ist: „Alle Geschöpfe sind ihre Schöpfer.“ 8 Aufgrund dieser Idee rechtfertigt Unamuno den Ausgangspunkt seiner ‘Philosophie der Subjektivität’, denn bei dieser einer Radikalisierung der kopernikanischen Wende anmutenden Logik „gleichen die individuellen Urteile den universellen“ 9 . Mit d iesem „punto de partida“ 10 bezeichnet er die Tradition der Subjekt-Objekt-Unterscheidung als „distinción que, aunque fecunda en verdades, lo ha sido también en confusiones“ 11 . Indem er den „hombre de carne y hueso“ zum Ausgangspunkt und gleichzeitig auch Gegenstand j eder Betrachtung ernennt, führt er die Pole zusammen. Neben der angesprochenen Neuberwertung des Urteilsvermögens und der kreativ nutzbaren Möglichkeit der Interpretation von Ich und Welt, die - man sollte es an dieser Stelle nicht verschweigen - als Metatext hinsichtlich literarischer Schreibkonzepte und -strategien in Niebla diskutiert wird, geht bei Unamuno auch eine Psychologisierung einher: Im folgenden Abschnitt ist die Bedeutung der Sehnsucht nach Unsterblichkeit und ihr Einfluss auf das Denken zu besprechen. Diese im „sentimiento trágico“ zentrale Fundamentalreflexion wird in Niebla als Fallbeispiel literarisiert: Die Suche nach Sinn des Protagonisten Augusto Pérez aufgrund passiver Todeserfahrungen.
7 Miguel de UNAMUNO: Wie man einen Roman macht. Graz-Wien 2000. S. 29: „Göttliche Organisation ? Worauf es ankommt, ist Gott zu organisieren.“
8 UNAMUNO 2000, S. 49
9 S. 34
10 UNAMUNO 1976, S. 40
11 Vgl. S. 53
6
el hambre de inmortalidad
Unamuno führt im dritten Kapitel die letzte Prämisse ein, auf die schon der Titel hinweist: „El hambre de inmortalidad“ 12 . Gefragt wird nach dem Stein des Anstosses für jedes Denken und jeder daraus hervorgehenden Erkenntnis überhaupt und das kann nicht schon die Tätigkeit des Denkens selbst sein: „ ¿ cogito, ergo sum … ? … lo primitivo no es que pienso, sino que vivo, porque también viven los que no piensan“ 13 . Unamuno führt nun die Annahme von einem grundsätzlichen Bedürfnis nach Unsterblichkeit bzw. Nichtsterbenwollen ein, das jedem Individuum zukomme: „¡eternidad! Este es el anhelo: la sed de eternidad“ 14 . Der Widerspruch zwischen diesem Bedürfnis und dem status quo, im günstigen Fall also ein ‘noch l eben’, ist unauflösbar, wird als Aporie erfahren und bei Unamuno zum Inbegriff der Philosophie, die diesen Widerspruch in ihren Annahmen und Schlüssen integrieren muss. Jeder, der diese Erkenntnis annimmt, erfährt diesen Widerspruch als persönliche und allen gemeinsame Tragik:
„Quedémonos ahora en esta vehemente sospecha de que el ansia de no morir, el hambre de la inmortalidad personal, […] que es […] nuestra misma esencia, eso es la base afectiva de todo conocer y el íntimo punto de partida personal de toda filosofía humana […] Y ese punto de partida personal y afectivo de toda filosofía y de toda religión es el sentimiento trágico de la
vida“ 15 .
conciencia, razón y fe, creación
Laut Unamuno zwingt d as tragische Lebensgefühl keineswegs zu bloßer Hinnahme und Passivität. Aus der „conciencia de sí“ 16 folgt nicht nur Erkenntnis über sich und eine conditio humana: Die Angst vor der „transzendentalen Obdachlosigkeit“ 17 produziert einen Aktionismus, der die Sinnlosigkeit des Daseins überwinden möchte, denn „La consecuencia vital del racionalismo sería el suicidio“ 18 . Dem Tod ist nur irrational zu
12 S. 54 ff.
13 S. 52
14 S. 54
15 S. 53
16 Vgl. Anm. 6
17 Vgl. Anm. 2
18 UNAMUNO 1976, S. 114
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Arbeit zitieren:
Marcel Frank, 2003, Niebla und das tragische Lebensgefühl, München, GRIN Verlag GmbH
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