1. Einleitung
Bei der vorliegenden Quelle handelt es sich um einen von 1785 Feldpostbriefen, die sich das Hamburger Ehepaar Anna und Lorenz Treplin während des Ersten Weltkrieges schrieben. Der Brief ist datiert auf den 9. März 1916 und ist von Anna Treplin an ihren Ehemann Lorenz gerichtet, der sich zum Zeitpunkt als Offizier an der Front in Nordfrankreich befand 1 . Die folgende Quelleninterpretation möchte Aufschluss geben, um was für eine Art Quelle es sich handelt und welche Aspekte bei dieser Gattung zu beachten sind. Hierbei muss auf die familiären Hintergründe der Treplins, vor allem der Schreiberin Anna, eingegangen und das Zeitgeschehen beleuchtet werden, um die Äußerungen Annas und die
Kommunikationsstruktur des Briefes zu verstehen. Da die Briefe der Familie Treplin erst vor wenigen Jahren entdeckt wurden und ihre Erforschung noch jung ist, lassen sich nur wenige Veröffentlichungen finden. Interessante Beiträge liefern die Frankfurter Professorin für Neuere Geschichte Marie-Luise Recker und Dr. Heilwig Gudehus-Schomerus, die den Briefwechsel ausgewertet haben. Auch findet sich eine Magisterarbeit von Anja Mense vor, die von Prof. Dr. Recker und Prof. Dr. Plumpe begutachtet wurden und in meinen Augen fundiertes Wissen über den Briefwechsel der Treplins liefert.
Mense, S. 16. 1
2
2. Quelleninterpretation
2.1. Quellengattung Feldpostbrief
Rund 28 Milliarden Feldpostbriefe aller Art wurden während des Ersten Weltkrieges zwischen Heimat und Front versendet. Sie stellen in der Ausnahmesituation des Krieges die einzige Möglichkeit dar, um mit nahestehenden Personen kommunizieren zu können. Feldpostbriefe sind ein "fragiles Band zwischen Front und Heimat" 2 und helfen, die Entfremdung der sich Schreibenden aufzuhalten. Da sie unmittelbar aus der Alltagswelt geschrieben wurden, geben sie viele Aufschlüsse über die Mentalitäten der Schreiber und wie deren Ideologien und gedankliche Entwicklungen sich in der Kriegszeit änderten. Ebenso wird ersichtlich, wie der Alltag für die Menschen aussah und wie sie sich im Laufe des fortschreitenden Krieges und der Trennung zu nahestehenden Menschen in ihm einrichteten. Die Funktion dieser Briefe liegt darin, während der Trennungssituation soziale Kontakte zwischen Verwandten oder Freunden aufrecht zu erhalten. Feldpostbriefe unterlagen aber meist einer Postzensur, die oft willkürlich durchgeführt wurde. So konnten die Schreiber kaum ihre wahren Gefühle zum Ausdruck bringen, Kriegserlebnisse schildern oder ihre Meinung zum Krieg äußern. Feldpostbriefe sind daher oft von banalen Themen durchsetzt oder die Partner haben "zwischen den Zeilen" schreiben müssen, was für Leser "von außen" schwer zu erkennen ist und oft die Gefahr von Fehlinterpretationen birgt. Schreiber aus der bürgerlichen Oberschicht unterlagen zudem Normen, die jeglichen Ausdruck von Angst, Schmerz, Trauer, Sorge oder auch Liebe und Sehnsucht zu unterdrücken suchten. Es gehörte zum Verhaltenskodex, dass man Neutralität im Emotionsausdruck wahrt. So war es dem Schreiber nicht möglich, seine Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle in Worte zu fassen und zu verschriftlichen. Die Emotionen werden beiläufig am Rande erwähnt und finden daher kaum Anstoss kommuniziert zu werden. "So entsteht eine offensichtliche Diskrepanz zwischen realem Erleben und Fühlen und der schriftlichen Fixierung des Erlebten und Gefühlten." 3
Gudehus, Recker, Riverein S. 17. 2
Mense, S. 8. 3
3
2.2. Die Familie Anna und Lorenz Treplin
Anna Treplin (*1884), geb. Holtzapfel, stammte aus einer vermögenden, wirtschaftsbürgerlichen Familie. Lorenz Treplin (*1875) kam aus einer protestantischen Pfarrersfamilie und arbeitete als Chirurg und Chefarzt, sodass er im Krieg in einer privilegierten Stellung arbeiten konnte. In der folglich bürgerlichen "Mischehe" 4 gehörten sie der Oberschicht, dem Bildungsbürgertum, an, weshalb sie sich für ihren Haushalt in Hamburg ein Kindermädchen, eine Köchin und eine Krankenschwester leisten konnten. Sie besaßen vier Töchter: Ingeborg, Isa, Hilde und Hergund. Letztere wurde im zweiten Kriegsjahr, 1916, geboren. Die Mädchen schienen eine liberalere Erziehung genossen zu haben als andere, zeitgenössische Kinder. 5 Ihnen sind Jungenspiele wie das Kriegsspiel (Z.39 "Schützengraben gebaut") und auch das Spielen mit anderen Kinder ohne streng erzieherische Aufsicht (Z.38 "bei geschlossener Tür als Kontrolle") erlaubt. An den Kinderspielen erkennt man, dass der Krieg auch eine große Rolle im Leben der Kinder gespielt hat, denn sie setzten sich mit dem Spiel im Schützengraben damit auseinander.
2.3. Annas Alltag im Bürgertum
Anna lebte zum Zeitpunkt in Hamburg in einer Mietwohnung. Ihre sozialen Kontakte beschränkten sich auf die Großfamilie und wenige alte Schulfreundinnen oder Lorenz' Freunde (Z.6 Ringels, Z.16 Hedwig Luyken, Z.37 Kiesselbachs, Z.41 Kreuslers). Weite und intensive verwandtschaftliche Beziehungen waren typisch in der bürgerlichen Oberschicht. Wie in Annas Brief ersichtlich, besuchten sich die Familien gegenseitig sehr oft, sodass sie Kinder miteinander spielen konnten (z.B. Z.37 "Heut nach. war die kl. Kiesselbach zum Spielen hier -..."). Die Großfamilie stellte den wichtigsten Bezugspunkt dar. Ihre regen sozialen Kontakte, die allein in den berichteten zwei Tagen wahrgenommen wurden, zeigen, dass Anna voll in die Hamburger Gesellschaft integriert war.
Die Auseinandersetzung mit Lektüre oder Theaterstücken ist ebenfalls ein Kennzeichen des Bildungsbürgertums. 6 Anna und Lorenz diskutierten offensichtlich in den vorherigen Briefen über das Theaterstück 'Die berühmte Frau' (Z.2). Auch den Kindern wird Lektüre rechtzeitig nahe gebracht, indem ihnen vorgelesen wird (Z.41 f. "Beim Vorlesen sind wir wieder bei Karl u. Marie angelangt,..."; Z.43 "Heute Abend wollte sie von Roland u. dem Riesen erzählt Budde, S. 384. 4
Vgl. Budde, S. 220 - 227. 5
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Arbeit zitieren:
Solveig Höchst, 2010, Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg: Ein Feldpostbrief von Anna Treplin an Lorenz Treplin., München, GRIN Verlag GmbH
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