Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten - Abstract
Abstract
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten. Die Handlungstheorie nach Weber wurde mit einigen Annahmen der Wissenssoziologie auf die Vodunreligion im Benin bezogen. Geprüft wurde, wie die Vodungötter zu legitimen Akteuren in Interaktionen werden und wie sie in den Alltag hinein wirken. Die Beantwortung der Frage gelang durch eine Sekundäranalyse einer Studie von Karola Elwert-Kretschmer aus dem Jahr 1997. Sie hatte zwischen 1972 und 1991 in verschiedenen beninischen Dörfern geforscht. Es zeigte sich, dass die Vodungottheiten legitime Akteure in Interaktionen sein können, weil sie zur Sozialwelt der Gläubigen gehören und beide Seiten in einer sozialen Beziehung stehen und darin handeln. Außerdem bestätigte sich, dass die Götter auf eine vielfältige Art und Weise Einfluss auf den Alltag der Anhänger nehmen. Zwischen dem Vorliegen sozialer Interaktionen von Vodungöttern und Eingeweihten und der Einflussnahme der Götter auf den Alltag der Gläubigen besteht ein positiver Zusammenhang. Die im Rahmen der Handlungstheorie getroffenen Hypothesen konnten für die Vodunreligion bestätigt werden. .
II
Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
Inhaltsverzeichnis
Anlagenverzeichnis IV
1 Einleitung 5
2 Interaktion 6
2.1 Handelnde - Mitglieder der Sozialwelt 6
2.2 Handeln 8
2.2.1 Verhalten 8
2.2.2 Sinnhaftes Handeln 8
2.2.3 Soziales Handeln 9
2.3 Soziale Interaktion 10
3 Vodun 13
3.1 Das Glaubenssystem und seine Gottheiten 13
3.1.1 Personifizierte Naturkraft 13
3.1.2 Funktion 13
3.2 Eingeweihte 14
3.2.1 Initiation 15
3.2.2 Verehrung 16
3.2.3 Ängste 17
3.3 Religiöse Praxis 18
3.3.1 Rituale 18
3.3.2 Trance 18
3.3.3 Opfer 21
4 Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
- Zusammenfassung 22
4.1 Vodungötter sind Mitglieder der beninischen Sozialwelt
- Eine Überprüfung 22
4.2 Vodungötter handeln sozial - Eine Überprüfung 24
4.3 Vodungötter und Eingeweihte interagieren - Eine Überprüfung 25
4.4 Vodungötter wirken auf den Alltag der Eingeweihten ein
- Eine Überprüfung 26
5 Fazit 28
5.1 Folgerungen 28
5.2 Schluss /Ausblick 29
6 Literaturverzeichnis 30
III
Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
Anlagenverzeichnis Anlage 1: Zur Schreibweise des Wortes Vodun VI
IV
Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
1 Einleitung
Die vorliegende Forschung befasst sich mit der Vodunreligion des beninischen Staates und untersucht die Frage, wie Vodungötter zu legitimen Akteuren in einer Interaktion werden und wie sie in den Alltag der Eingeweihten hinein wirken. Bereits erhobene Daten werden dafür einer Sekundäranalyse unterzogen und in der Literaturarbeit verwendet. Eine eigene empirische Untersuchung vorzunehmen, war aus verschiedenen Gründen unmöglich. Zum Einen hätte dies den Rahmen der Arbeit, auch aus Gründen der örtlichen Entfernung zu potenziellen Interviewpartnern gesprengt, zum Anderen hindert die Angst vor Sanktionen Initiierte, „bei Interviews mehr mitzuteilen als die ritualisierte Antwort: >Das ist ein Geheimnis. Man darf nicht darüber reden, sonst wird man verrückt oder getötet.< “ (Elwert-Kretschmer 1997: 154). Später wird darauf genauer eingegangen.
Die Analyse beschäftigt sich mit der Vodunreligion unter Bezugnahme auf die Hand-lungstheorie nach Weber und wissenssoziologischen Annahmen von Thomas Luckmann. Zunächst wird die Theorie dargestellt, um diese anschließend auf die Religion zu übertragen. Dabei greift die Forschung das beninische Vodun gegenüber dem in Nigeria, Togo und Ghana heraus, da sich hierzu die meiste Literatur finden lässt. Trotz einer regionalen Differenzierung besitzt das Glaubenssystem in allen Staaten viele gemeinsame Basiselemente (vgl. Elwert-Kretschmer 1997: 16). Eine Bestandsaufnahme, welche klären soll, inwieweit die Fragestellung bereits in der Theorie bearbeitet wurde, bildet den Anfang der Arbeit. Hier wird die Literatur, auf die sich die Arbeit bezieht, gemäß der oben genannten Fragestellung dargestellt. Daran anschließend werden die zentralen Ergebnisse entsprechend der aufgeführten Hypothesen zusammengefasst.
Die Ergebnisse der Zusammenfassung, welche sich auf die herausgearbeiteten Hypothesen beziehen, werden in einem Fazit wiederholt. Dabei wird auch der Forschungsprozess an sich kritisch überdacht und es werden Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen gezogen.
Aus Gründen der Lesbarkeit und Vereinfachung wird auf die weibliche Schriftform verzichtet. Gemeint sind jedoch in allen Fällen immer sowohl Frauen als auch Männer.
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Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
2 Interaktion
2.1 Handelnde - Mitglieder der Sozialwelt
Die Arbeit untersucht, inwieweit Vodungötter Interaktionspartner sein können. Anfangs müssen daher die Grundbegriffe des Handelnden, der sozialen Handlung und der sozialen Beziehung erörtert werden.
An erster Stelle soll geklärt werden, welcher Zusammenhang in der Regel zwischen dem Handelnden und einer Mitgliedschaft zur Sozialwelt besteht. Es stellt sich die Frage, welche Wesen sich der Sozialwelt zuordnen lassen. Ferner interessiert, ob es hier kulturelle Unterschiede gibt und inwiefern man bekräftigen kann, dass nur die Mitglieder einer Sozialwelt soziale Handlungen vornehmen können. Das, was Gesellschaften als Teil ihrer sozialen Welt ansehen, kann stark variieren. Eine Grenzziehung zwischen Sozialem und Nicht-Sozialem entspricht nicht selbstverständlich der Differenz von Humanem und Nichthumanem (vgl. Schnettler 2006: 80f.). Während in Europa vor allem, beziehungsweise ausschließlich der Mensch als soziales Wesen gilt, zählen bei anderen Völkern auch andere Wesen als Teil der sozialen Welt. Dies wurde von Fortune bei eindrucksvollen ethnologischen Studien im Zusammenhang mit der westpazifischen Kultur der Dobu nachgewiesen. Er stellte fest, dass die Menschen vor Ort essbaren Yamswurzeln den gleichen Namen gegeben hatten, den sie auch selbst trugen. Obwohl Yamswurzeln durch eine offensichtliche Ausdrucksstarre und Unbeweglichkeit zu charakterisieren sind, sprachen die Menschen dort der Pflanze Handlungsfähigkeiten zu (vgl. Schnettler 2006: 81).
Die Gleichsetzung von Sozialem und Menschlichem kann nach dem Dafürhalten der Empirie und Theorie ebenfalls nicht als allgemeingültig betrachtet werden (vgl. Luckmann 1980: 67f.). Diesen Gedanken unterstrich auch Gesa Lindemann in ihrem Beitrag zur Anthropologie und Analyse gesellschaftlicher Grenzregimes. Sie notiert: „Wenn nur lebende Menschen soziale Personen sein können, werden die Grenzen des Sozialen anhand des menschlichen Lebens gezogen“ (Lindemann 2006: 59).
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Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
Nehmen wir an, dass im Vodunkult auch andere Entitäten, speziell Götter, soziale Personen sein können und dass die Grenze des Sozialen dort nicht anhand des menschlichen Lebens gezogen wird.
In dem Fall muss näher untersucht werden, was eigentlich Sozialität im soziologischen Sinne bedeutet und wie sich ein wechselseitig aufeinander abgestimmtes Handeln darstellt.
Sozialität drückt sich laut Lindemann durch das Vorhandensein wechselseitiger Erwartungs-Erwartungen aus. Demnach ist eine Beziehung von mindestens zwei Größen Voraussetzung für Sozialität. Die strukturierten wechselseitigen Erwartungs-Erwartungen stehen als ausgleichender Dritter über der Verbindung. Die Autorin erläutert in ihrem Text, dass sich die Interaktionspartner in einer solchen Beziehung gegenseitig wahrnehmen und ihre Handlungen mit Blick auf das Sichtbare des Gegenübers abstimmen. Aufgrund der erfolgten Beobachtung des Körpers vom Gegenüber entscheiden sich die Individuen, ob sie die neu gewonnenen Erkenntnisse als Anhaltspunkt dafür werten, dass der Andere ebenfalls wahrnimmt und Erwartungen hat.
Folglich versuchen dann beide aufzuklären, getreu welcher Erwartungen sie in Augenschein genommen werden. Darauf basierend richten sie später ihre eigenen Handlungen aus.
Da es unmöglich ist von vornherein zu wissen, wer als Alter Ego in Frage kommt, impliziert die Gegenwart des Alter Ego immer eine zweifache Deutung. Einerseits muss hinterfragt werden, welche Entität Erwartungs-Erwartungen entwickelt und andererseits müssen die Erwartungen gedeutet werden, die auf einen selbst gerichtet sind und an denen sich das eigene Handeln orientiert (vgl. Lindemann 2006:58). Auf der Basis dieses Argumentationsstranges muss festgehalten werden, dass nur die Mitglieder einer Sozialwelt sozial handeln können. Zwar wird der Begriff des sozialen Handelns später noch genauer beleuchtet, doch kann man schon jetzt sagen, dass die wechselseitigen Erwartungs-Erwartungen die Bedingung für soziales Handeln darstellen. Aus Ihnen bildet sich der Sinn, mit dem ein Individuum sein Handeln verknüpft. Gleichzeitig stützt sich die individuelle spätere Orientierung am Verhalten des Anderen auch auf die bestehenden Erwartungs-Erwartungen. Nur dann, wenn ein Interaktionspartner sich eine Vorstellung davon macht, was sein Gegenüber von ihm erwartet, kann er sich auch darauf einstellen und sein Ziel auf dem Hintergrund dieser Deutung verfolgen.
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Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
Ob die Vodungläubigen ihre Gottheiten als Mitglieder der eigenen Sozialwelt betrachten, muss später untersucht werden. Frühere Forschungen zum Thema der Sozialwelt und ihren Mitgliedern haben die Annahme gesichert, dass die Trennung zwischen Sozialem und Nicht-Sozialem in unterschiedlichen Kulturen ungleich vollzogen wird. Da die Grenze zwischen der Sozialwelt und dem Dahinterliegenden anhand der Praktiken in einer Gesellschaft vollzogen wird, werden die Rituale der Vodungläubigen im Laufe der Arbeit in Augenschein genommen.
2.2 Handeln
2.2.1 Verhalten
Weber differenziert zwischen Verhalten, sinnhaftem Handeln und sozialem Handeln. Die drei Kategorien bauen stufenweise aufeinander auf, doch sieht Weber im sozialen Handeln den zentralen soziologischen Untersuchungsgegenstand (vgl. Rosa/Strecker/Kottmann 2007: 51). Bevor darauf eingegangen wird, soll zunächst beleuchtet werden, was Verhalten ausmacht.
Weber definiert menschliches Verhalten als menschliches "Tun, Unterlassen oder Dulden". Dabei kann Verhalten ein äußeres, also beobachtbares oder ein inneres, also unsichtbares sein.
Mit einem Verhalten ist kein gemeinter Sinn seitens des Handelnden verbunden (vgl. Weber 1980: 1ff.). Somit fallen alle Reaktionen auf äußere Reize, die dem Handelnden selbst als Motive seines Verhaltens nicht kausal zurechenbar sind, unter den Begriff Verhalten. Ein Beispiel für ein Verhalten wäre die beobachtbare Geste, dass ein Individuum seine Hand ausstreckt.
2.2.2 Sinnhaftes Handeln
Verbindet ein Mensch sein Handeln mit einem subjektiven Sinn, dann spricht man von sinnhaftem Handeln. Sinnhaftes Handeln ist ein verstehbares Handeln, da es mit einem subjektiven Sinn verbunden ist.
Zwar ist eine Nacherlebbarkeit der sinnhaften Handlung wichtig um sie klar und deutlich verstehen zu können, doch ist sie keine unverzichtbare Bedingung dafür (vgl. Weber 1980: 2).
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Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten
Verstehen kann sich auf ein aktuelles Verstehen des gemeinten Sinnes einer Handlung beziehen, aber auch auf ein erklärendes Verstehen des Sinns, den jemand mit etwas verband, das er aussprach oder niederschrieb und warum er dies in diesem Zusammenhang getan hat.
Zum Beispiel verstehen viele afrikanische Völker Naturereignisse als Zeichen eines Grolls, den die Macht hegt. Damit wird der vorliegende Sinnzusammenhang deutend erfasst. Das beinhaltet aber noch nicht, dass man das Handeln wie beim sozialen Handeln auf einen Dritten bezogen sehen kann. Dieser Schritt wird jetzt genauer untersucht.
2.2.3 Soziales Handeln
Laut Weber gilt Handeln als „soziales Handeln“, wenn es seinem „gemeinten Sinn nach auf das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert ist“ (Weber 1980: 1). Der Begriff des subjektiv gemeinten Sinns kann verschiedene Dinge umfassen, meint jedoch in erster Linie die bewussten und unbewussten Absichten, die der Akteur verfolgt.
Zusätzlich offenbaren sich in dem subjektiv gemeinten Sinn zentrale Überzeugungen bzw. Erwartungen des Handelnden, wie zum Beispiel „Auffassungen darüber, wie sich gesellschaftliche Abläufe normalerweise gestalten und welche normativen An-forderungen und Ansprüche gerechtfertigt sind“ (Rosa/Strecker/Kottmann 2007:51). Soziales Handeln kann sich auf eine Reihe unterschiedlicher Arten von Anderen beziehen - auf Mitmenschen, Vormenschen, Zeitgenossen, hoch individualisierte Einzelne oder aber anonyme soziale Typen (vgl. Schütz 1932: 87ff., Schütz/Luckmann 1979).
Bezüglich sozialer Handlungen in einer Religion schreibt Weber in Wirtschaft und Gesellschaft, dass religiöses Verhalten dann kein soziales Handeln sei, wenn es beispielsweise ein einsames Gebet wäre. Erst dann, wenn sich das innere oder äußere Verhalten am Verhalten Anderer orientiert, gilt es als soziales Handeln (vgl. Weber 1980: 12). Für die Vodunreligion heißt dies, dass eine Orientierung am Verhalten der Götter oder auf der anderen Seite der Eingeweihten ein Indiz für soziales Handeln sein kann.
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Arbeit zitieren:
2008, Interaktion zwischen Vodungöttern und Eingeweihten, München, GRIN Verlag GmbH
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