Inhaltsverzeichnis
Einleitung 4
1 Begriffsklärung zentraler Titelschlagworte
1.1 Rhetorik. 8
1.2 Reduktion von Sprechhemmungen 10
2 Kontext
2.1 Lernvoraussetzungen der Schüler 13
2.2 Planungszusammenhang der Unterrichtseinheit 15
3 Darstellung von zwei erprobten Rhetorikübungen
3.1 Durchführung der Übung „Vorlesetechnik“ 18
3.1.1 Begründung der Auswahl 20
3.1.2 Wertung 21
3.2 Durchführung der Übung „Ein auffälliges Wort in einer Rede verstecken“ 23
3.2.1 Begründung der Auswahl 25
3.2.2 Wertung 26
Zusammenfassung und Bilanz 28
Anhang 31
Literaturverzeichnis 33
3
Einleitung
Einleitung
Rahmen- DieKultusminister der Länder haben im Mai 2002 beschlossen, für ausgewählte
lehrplan
Schnittstellen der allgemein bildenden Schularten gemeinsame Bildungsstandards zu erarbeiten. Seitdem ist der Kompetenzerwerb - und nicht mehr abfragbares Wissen - der Maßstab für den Schulerfolg. Die KMK-Bildungsstandards geben die Kompetenzbereiche an, die in den Rahmenlehrplänen wiederzufinden sind. Der Fertigkeit des Sprechens (und Zuhörens) wird im Berliner Rahmenlehrplan für das Fach Deutsch ein ganzer Kompetenzbereich gewidmet, was die Wichtigkeit der Reduktion von Sprechhemmungen deutlich macht. Der Rahmenlehrplan fordert einleitend zu diesem Kompetenzbereich:
Die Bedeutsamkeit des gekonnten Redens zeigt sich auch darin, dass von den fünf verbindlichen Themenbereichen des Rahmenlehrplans vier einen expliziten Schwerpunkt auf das Sprechen legen:
1.
In Alltags- und Arbeitssituationen
sprachlich handeln
2. Mit Sprache gestalten
3. Über Sprache reflektieren
4. Sprachliche Fähigkeiten fächerübergreifend
3 und fächerverbindend verwenden Praxis- Dassituationsangemessene und adressatenorientierte Reden in verschiedenen
bezug
Situationen bereitet aber selbst noch Schülern des 10. Jahrgangs große Schwierigkeiten. Sprechhemmungen spielen dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. So resultiert meine Motivation für das Vorhaben, Rhetorikübungen zur Reduktion von Sprechhemmungen zu erproben, aus meinen jüngsten praktischen Erfahrungen: Als ich erfuhr, eine 10. Klasse übertragen zu bekommen, hospitierte ich vorab regelmäßig in dieser Klasse. Dabei lernte ich eine sehr freundliche, aber ungewöhnlich ruhige, introvertierte Klasse kennen, in der fast 2/3 der Schüler 5 Sprechleistungen verschiedenster Art regelmäßig nicht erbringt oder gar verweigert, und zwar unabhängig von der Lehrperson. Gespräche mit Kollegen, die ebenfalls in dieser Klasse unterrichten, bestätigten das Phänomen „Sprechhemmung“. Bedeut- Dadem Reden aber eine beachtliche Bedeutung für die Bewältigung privater und
samkeit
beruflicher Lebenssituationen beizumessen ist, gilt es, diese Hemmungen bestmöglich zu reduzieren. Nicht zu vernachlässigen ist zudem, dass die Rhetorik das schulinterne und gar lebenslange Lernen unterstützen kann, da Menschen sich erwiesenermaßen nur 10% von dem merken, was sie lesen, aber 70% von dem, was sie selbst vortragen. 6 Es sei
2 Zitiert nach: Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (Hg.): Rahmenlehrplan für die Berliner Schule. Deutsch. Se-
kundarstufe I, 1. Auflage, Berlin 2006, S. 48.
3 Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (Hg.): 2006, S.56.
4 Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (Hg.): 2006, S. 57-61.
5 Zugunsten des Leseflusses wird in diesem Beitrag ausschließlich die maskuline Form verwendet. Impliziert sind aber
selbstverständlich auch alle Schülerinnen.
6 Vgl. Gora, Stephan: Schule der Rhetorik. Ein Lese- und Arbeitsbuch, 1. Auflage, Leipzig 2008, S. 58.
4
Einleitung
auch daran erinnert, dass es die Rhetorik ist, die seit jeher als fundamentales Instrument demokratischen Handelns gebraucht wird 7 , womit der Stellenwert um ein weiteres Mal betont sein soll. 8 Wie wichtig die Befähigung der Schüler zur Rhetorik auch für das gesellschaftliche Zusammenleben ist, fassen Wolfgang Endres (Referent in der Lehrerfortbildung) und Moritz Küffner (Lehrbeauftragter für Rhetoriktechniken) mit diesen Worten zusammen:
Ziel In der Unterrichtseinheit zum Thema „Reden in verschiedenen Situationen“ wurden ausgewählte Rhetorikübungen erprobt, die Chancen zur Reduktion von
Sprechhemmungen versprachen. Am Ende der Einheit sollten die Schüler befähigt sein, eine Rede zu planen und zu halten.
Ziel dieses empirischen Beitrags ist es nun, zwei der durchgeführten Rhetorikübungen exemplarisch auf die erreichten Erfolge und erfahrenen Grenzen zur Reduktion von Sprechhemmungen zu reflektieren. Daraus leitet sich die generalisierende Untersuchungsfrage ab, inwiefern Rhetorikübungen zur Reduktion von Sprechhemmungen beitragen können. Er- Dererstellten Prognose zufolge, die auf meiner Einschätzung nach den Hospitationen
wartungs-horizont und den Erfahrungswerten der Klassenlehrerin basiert, kann davon ausgegangen werden, dass mindestens fünf Schüler die Rede am Ende der Einheit nicht erbringen werden. Jene Schüler sind stark sprechgehemmt und verweigern regelmäßig Sprechleistungen vor dem Plenum. Ein großer Erfolg ist daher schon darin zu sehen, wenn sich tatsächlich alle Schüler trauten, am Ende der Einheit eine Rede vor der Klasse zu halten - auch wenn nicht alle besprochenen Rhetorikregeln Beachtung fänden. Aufbau Die Ergebnisse werden zur Klärung der Untersuchungsfrage explizit im Schlusswort abgewägt. Vorangestellt sind dem Schlusswort drei Kapitel:
1. Im ersten Kapitel gilt es, die im Titel enthaltenen Schlagworte „Rhetorik“ und
„Sprechhemmungen“ für den Rahmen dieser Arbeit zu definieren. Neben der Definition
stellt das Unterkapitel „Rhetorik“ auch einige Übungen der Autoren vor, auf die ich
mich während der Planung der Einheit bezogen habe. Im Unterkapitel
„Sprechhemmungen“ werden neben der Definition Thesen aus einem
Erklärungsansatz abgeleitet, wie Sprechhemmungen reduziert werden könnten.
Die Begriffsbestimmung ist unerlässlich, um das unterrichtliche Vorgehen
nachvollziehbar und Erfolge messbar zu machen.
2. Im zweiten Kapitel wird der Kontext - die Lernvoraussetzungen der Schüler sowie
der Planungszusammenhang der Unterrichtseinheit - thematisiert. Die Darlegung
dieses Kontextes ist nötig, weil die Lernvoraussetzungen einen entscheidenden
7 Vgl. Heigl, Peter: 30 Minuten für gute Rhetorik, 17. Auflage, Offenbach 2010, S. 10.
8 Vgl. Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (Hg.): 2006, S. 5.
9 Zitiert nach: Endres, Wolfgang / Küffner, Moritz: Rhetorik und Präsentation in der Berufsschule. Das Know-how für Leh-
rer/innen und Schüler/innen, Band 3, Weinheim und Basel 2008, S. 7. Bestätigt wird dies auch in zahlreichen anderen Pu-
blikationen. Erst 2005 berichtete z. B. der Fokus, dass Sprachkompetenz ein Mittel gegen Gewalt ist. Siehe: Focus-Online
(Hg.): Keine Macht der Gewalt. In: http://www.focus.de/schule/heft/sicherheitsreport-teil-2-keine-macht-der-
gewalt_aid_231435.html, 3.7.2010.
5
Einflussfaktor auf den Lernerfolg darstellen, sodass die Erkenntnisse aus der
Hinterfragung der Lernvoraussetzungen maßgeblich die Auswahl der Übungen und
somit den Planungszusammenhang mitbestimmten.
3. Im dritten Kapitel werden zwei ausgewählte Rhetorikübungen - eingebettet in den
methodisch-didaktischen Kontext - vorgestellt und ihre Auswahl begründet.
Anschließend erfolgt jeweils eine Wertung der Übung. Die Wertung betrachtet,
inwiefern diese Übung an dieser Stelle der Einheit für das Untersuchungsvorhaben
sinnbringend war und an welchen Stellen sich Optimierungsideen ergeben haben.
6
Kapitel I
Begriffsklärung zentraler Titelschlag-worte
7
1.1 Rhetorik
Definition Der Fachliteratur liegen verschiedene Definitionen von Rhetorik zugrunde. Daher soll zunächst geklärt werden, was im Rahmen dieses Beitrags unter „Rhetorik“ verstanden wird.
Die Grundlage des hiesigen Verständnisses ist die Überzeugung, dass die Fertigkeit des gekonnten Sprechens erlernt werden kann und somit keiner besonderen Begabung oder genetischen Disposition bedarf. Darauf aufbauend ist Rhetorik als elementare Leistung im Bereich der gesprochenen Kommunikation zu verstehen, bei der Menschen …
• auf situationsangemessene Weise,
• zu einem bestimmten Thema,
• in bewusster Wirkung und Struktur,
• den Zuhörern ausgewählte Informationen vermitteln,
• um ein Ziel zu erreichen. 10
Indika- Inder Fachliteratur herrscht Einigkeit über die Indikatoren gelungener Rhetorik, die in
toren
der Schule auch als Bewertungskriterien herangezogen werden. Ein Schüler gilt als rhetorisch kompetent, wenn er einen Redebeitrag selbstständig vorbereiten und diesen…
• unter authentischem Einbezug von Gestik und Mimik,
• frei sprechend und mit Blickkontakt,
• in angemessener Wortwahl und klarer Sprechtechnik sowie
• visualisiert und mediengestützt vortragen kann. 11
Gleichwohl sind nicht alle Indikatoren für jede Redesituation zwingend: Während die Medienunterstützung bei Präsentationen unabdingbar ist, darf diese beim Halten einer Rede durchaus fehlen. Umgekehrt verhält es sich beim Einbezug aussagekräftiger Gesten. 12 Der Erwartungshorizont wurde gemeinsam mit den Schülern an die jeweilige Redesituation angepasst und beeinhaltete mindestens eine Differenzierungsstufe, sodass nicht alle Kriterien von Anfang an umgesetzt werden mussten. Abgrenz- DerBegriff „Rhetorik“ wird häufig synonym mit „Dialektik“ verwendet. Während die
ung
Rhetorik aber wörtlich das sichere und wirkungsvolle Sprechen vor anderen meint, impliziert die Dialektik die Kunst der überzeugenden Gesprächsführung. 13 Auch wenn die Grenzen zwischen der Rhetorik und Dialektik wahrlich verschwimmen, fließt nur die wörtliche Bedeutung von Rhetorik in die hiesige Definition mit ein. Die Unterrichtsreihe zum Thema „Sprechen in verschiedenen Situationen“ soll demnach insbesondere auf Situationen vorbereiten, die über das Sprechen im Alltag hinausgehen und eine gezielte Vorbereitung des Sprechakts, der vor mehr als einer Person stattfindet, vorsehen. Wie bereits erwähnt, sollen die Schüler am Ende der Unterrichtseinheit befähigt sein, eine Rede vor der Klasse zu halten.
10 Vgl. Gora, Stephan: Praktische Rhetorik. Rede- und Gesprächstechniken in der Schule, 1. Auflage, Seelze-Velber 2010,
S. 25.
11 Vgl. Gora: 2010, S. 25.
12 Vgl. Endres / Küffner: 2008, S. 12.
13 Vgl. Heigl: 2010, S. 11.
8
Rhetorik- Insgesamtbietet die Fachliteratur dazu ein breites Spektrum an originellen und
übungen
handlungsorientierten Rhetorikübungen an. Ich habe bei der Planung dieser Unterrichtseinheit auf die Empfehlungen von vier Autoren zurückgegriffen, die an dieser Stelle benannt sein sollen. Die zwei farbig hervorgehobenen Übungen werden im dritten Kapitel näher betrachtet.
Als besonders vielversprechend für dieses Vorhaben beurteilte ich die Vorschläge von Wolgang Endres und Moritz Küffner, weil sie kleinschrittig genug vorgehen, um stark sprechgehemmten Schülern entgegenzukommen und auf diese Weise auch ihnen Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Von den nachstehend aufgelisteten Übungen wurden die ersten zwei im Unterricht erprobt. Sie halfen den Schülern, sich einer bewussten Intonation und Gestik anzunähern.
• Vorlesetechnik
• Pantomime: Bildsprache der Hände
• 14 Ein Über-Blick - Übungen zum Blickkontakt
Aber auch die Anregungen von Siegwart Berthold sind zu nennen, weil sie aufgrund ihres spielerischen Charakters ein motiviertes Üben von Reden unterstützen. Beispielhaft seien hier vier seiner Übungen namentlich vorgestellt, von denen die ersten zwei Einzug in die Einheit fanden:
• Nonsense-Reden [sic!]
• Ein auffälliges Wort in einer Rede verstecken
• Rede zu einem auffälligen Wort
• Scherzhafte oder absurde Meinungen vertreten 15
Abschließend soll noch Stephan Gora als Inspirator genannt sein. Seine Empfehlungen überschneiden sich teilweise mit den soeben vorgestellten Übungen 16 , was mich in meiner Auswahl bestärkt hat, da Stephan Gora selbst Lehrer ist und sich als Rhetorikexperte einen Namen gemacht hat. Er führt bereits seit über 25 Jahren Rhetorikkurse in der Schule und Lehrerausildung durch. 17 Schluss- Denktman an „Rhetorikübungen“, wird i. d. R. das Üben von öffentlichen Reden
folgerung
assoziiert. Rhetorikübungen umfassen aber weitaus mehr als das: Es existieren differenzierte Übungen, die ein stufenweises, kumultatives Aufbauen von rhetorischen Fertigkeiten ermöglichen - vom flexiblen Sprechen über das Präsentieren bis hin zum Halten von Reden.
14 Vgl. Endres / Küffner: 2008, S. 11f, 63f, 66f.
15 Vgl. Berthold, Siegwart: Reden lernen. Übungen für die Sekundarstufe I und II, 1. Auflage, Frankfurt a. M. 1993, S. 128f,
132-138.
16 Vgl. Gora: 2010, [u. a.] S. 91-95. Stephan Gora wertschätzt hier das Vorlesen als vorbereitende Übung für das freie, be-
tonte Sprechen - ebenso wie Endres und Küffner.
17 Vgl. Gora: 2010, S. 9.
9
Arbeit zitieren:
Sara Nehmert, 2010, Erprobung ausgewählter Rhetorikübungen zur Reduktion von Sprechhemmungen bei Schülern, München, GRIN Verlag GmbH
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