Fiktive Antworten auf reale Fragen: Fiktive Antworten auf reale Fragen: Fiktive Antworten auf reale Fragen: Fiktive Antworten auf reale Fragen:
Die RAF im Film am Beispiel von „Stammheim“ und „Der Baader Die RAF im Film am Beispiel von „Stammheim“ und „Der Baader- - --Meinhof Meinhof Meinhof Meinhof- - --Komplex“. Komplex“. Komplex“. Komplex“. Die RAF im Film am Beispiel von „Stammheim“ und „Der Baader Die RAF im Film am Beispiel von „Stammheim“ und „Der Baader
Ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis? Ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis? Ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis? Ein Beitrag zum kulturellen Gedächtnis?
1. 1. Einleitung: Einleitung: 1. 1. Einleitung: Einleitung:
Leerstellen der Geschichte Leerstellen der Geschichte……………………………………………………………………………………………………………………. ……………………………………………………………………………………………………………………. ……………………………………………………………………………………………………………………. ……………………………………………………………………………………………………………………. 1 1 Leerstellen der Geschichte Leerstellen der Geschichte 1 1
2. 2. Theoretischer Teil: Theoretischer Teil: 2. 2. Theoretischer Teil: Theoretischer Teil:
„Kulturelles Gedächtnis“ nach Aleida Assmann und „Film „Kulturelles Gedächtnis“ nach Aleida Assmann und „Film“ “ “ “ als Teil des kulturellen als Teil des kulturellen „Kulturelles Gedächtnis“ nach Aleida Assmann und „Film „Kulturelles Gedächtnis“ nach Aleida Assmann und „Film als Teil des kulturellen als Teil des kulturellen
Gedächtnisses Gedächtnisses………………………………………………………………………………………………………………………………………….... ………………………………………………………………………………………………………………………………………….... ………………………………………………………………………………………………………………………………………….... ………………………………………………………………………………………………………………………………………….... 3 3 Gedächtnisses Gedächtnisses 3 3
2.1 Das kulturelle Gedächtnis - eine von drei Gedächtnisdimensionen……………………………………. 4 2.2 Unterscheidung in Speicher- und Funktionsgedächtnis…………………………………………………………… 5 2.3 Kulturelles Gedächtnis und Film…………………………………………………………………………………………………………. 6 2.4 Zusammenfassung……………………………………………………………………………………………………………………………………. 7 3. 3. Analytischer Teil: Analytischer Teil: 3. 3. Analytischer Teil: Analytischer Teil:
Fiktive Antworten auf reale Fragen Fiktive Antworten auf reale Fragen -- Darstellungstendenzen in Darstellungstendenzen in Fiktive Antworten auf reale Fragen Fiktive Antworten auf reale Fragen - -Darstellungstendenzen in Darstellungstendenzen in
Stammheim Stammheim und und Der Der- - --Baader Baader Baader Baader- - --Meinhof Meinhof Meinhof Meinhof- - --Komplex Komplex Komplex Komplex im Vergleich Stammheim Stammheim Der Der im Vergleich……………………………………………… ……………………………………………… ……………………………………………… ……………………………………………… 8 8 und und im Vergleich im Vergleich 8 8
3.1 Hintergründe zu den Filmen…………………………………………………………………………………………………………………. 9
3.1.1 Stammheim………………………………………………………………………………………………………………………………………………….. 9 3.1.2 Der Baader-Meinhof-Komplex……………………………………………………………………………………………………………… 11 3.1.3 Zusammenfassung……………………………………………………………………………………………………………………………………. 11 3.2 Darstellungstendenzen im Vergleich………………………………………………………………………………………………… 12 3.2.1 Abhängigkeit: Andreas Baader gibt den Ton an…………………………………………………………………………… 12
3.2.1.1 Darstellung Stammheim…………………………………………………………………………………………………………………………. 12 3.2.1.2 Darstellung Baader-Meinhof-Komplex…………………………………………………………………………………………….. 14 3.2.1.3 Zusammenfassung……………………………………………………………………………………………………………………………………. 17 3.2.2 Ächtung: Ulrike Meinhof muss einstecken……………………………………………………………………………………… 18
3.2.2.1 Darstellung Stammheim…………………………………………………………………………………………………………………………. 18 3.2.2.2 Darstellung Baader-Meinhof-Komplex……………………………………………………………………………………………… 20 3.2.2.3 Zusammenfassung……………………………………………………………………………………………………………………………………. 23 3.2.3 Einsamkeit: Terroristen in der Isolationshaft…………………………………………………………………………………. 23
3.2.3.1 Darstellung Stammheim…………………………………………………………………………………………………………………………. 24 3.2.3.2 Darstellung Baader-Meinhof-Komplex……………………………………………………………………………………………… 26 3.2.3.3 Zusammenfassung………………………………………………………………………………………………………………………………..... 28 3.2.4 Sterben: frei entschieden?........................................................................................... 28
3.2.4.1 Darstellung Stammheim…………………………………………………………………………………………………………………………. 29 3.2.4.2 Darstellung Baader-Meinhof-Komplex……………………………………………………………………………………………… 31 3.2.4.3 Zusammenfassung…………………………………………………………………………………………………………………………………... 33 4. 4. Fazit: Fazit: 4. 4. Fazit: Fazit:
Zwei Beiträge zum kulturellen Gedächtnis Zwei Beiträge zum kulturellen Gedächtnis…………………………………………………... …………………………………………………... …………………………………………………... …………………………………………………............................ ......................... ......................... ......................... 34 Zwei Beiträge zum kulturellen Gedächtnis Zwei Beiträge zum kulturellen Gedächtnis
Literaturverzeichnis………………………………………………………………………………………………………………………………….. Literaturverzeichnis………………………………………………………………………………………………………………………………….. 36 Literaturverzeichnis………………………………………………………………………………………………………………………………….. Literaturverzeichnis…………………………………………………………………………………………………………………………………..
1. Einleitung 1. Einleitung: Leerstellen der Geschichte : Leerstellen der Geschichte 1. Einleitung 1. Einleitung : Leerstellen der Geschichte : Leerstellen der Geschichte
„Es war eine Nachricht, die den Erinnerungsschatz der Bundesrepublik wie eine Rakete traf.“ 1 , heißt es in der Spiegel -Titelgeschichte vom 25. Mai 2009, über vier Jahrzehnte nach den tödlichen Schüssen des Polizisten Karl-Heinz Kurras auf den Studenten Benno Ohnesorg am 02. Juni 1967. Der Tag, der als Initialzündung für die sogenannte „68er-Bewegung“ gilt - und als eine spätere Legitimation für den bewaffneten Kampf der RAF, der Rote-Armee-Fraktion, gegen den deutschen Staat. 2 Die überraschende Nachricht ist: Karl-Heinz Kurras, in dem die 68er den typischen Charakter eines bundesrepublikanischen Faschismus gesehen hatten, war bei der Stasi, war Mitglied der SED. Der Mann, der vermutlich unbedroht auf einen harmlosen Demonstranten geschossen hatte, war beseelt von sozialistischen Ideen. Plötzlich fragen sich eine Menge Leute, ob sie das falsche Leben gelebt haben. Ob sie genauso gehandelt hätten, wäre ihnen bewusst gewesen, dass Kurras nicht 3 braunen Träumen nachhing, sondern roten?
Eine hypothetische, eine unbeantwortbare Frage. Basierend jedoch auf einer Nachricht, die deutlich macht, dass die Geschichte, besonders auch die der RAF, Leerstellen aufweist - Dinge, die wir nie erfahren werden oder spät erfahren haben. 4 Neue Fakten können einen neuen Blick auf Vergangenes erlauben. 5
Die Vergangenheit ist immer neu […]. In die Gegenwart wirkt nur jener Teil des Vergangenen 6 hinein, der dazu bestimmt ist, sie zu erhellen oder zu verdunkeln. In Anerkennung eines dynamischen Verhältnisses von Gegenwart und Vergangenheit, von Erinnern und Vergessen, wird in der vorliegenden Arbeit untersucht, wie das Medium „Film“ Leerstellen der RAF-Geschichte bebildert - und welchen möglichen Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der terroristischen Gruppe daraus folgen könnte. Der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar konstatiert:
Die Bundesrepublik ist weit davon entfernt, die Konfliktszenarien der 1970er-Jahre verarbeitet zu haben; eine überaus neurotische Grundreaktion bleibt offenbar bestimmend. Gewiss, die RAF ist längst untergegangen und ein Teil der bundesdeutschen Geschichte geworden. Zugleich scheint aber immer noch ein Gespenst gleichen Namens durchs Land zu ziehen und für erhebliche Unruhe sorgen zu können.
Diese Unruhe kommt stets dann auf, wenn ein neuer Film über die 1998 aufgelöste RAF präsentiert wird. 7 Ein Medium, das, meint der Filmkritiker Georg Seeßlen, durch
1 Dirk Kurbjuweit et al: „Verrat vor dem Schuss“. In: Der Spiegel, Ausg. 22/2009, [42-51], S. 43
2 Vgl. ebd., S. 43 f. 3 Ebd., S. 43
4 Erwähnt sei an dieser Stelle als weiteres aktuelleres Beispiel die ungeklärte Rolle Verena Beckers beim Mord an Generalbundesanwalt Siegfried Buback.
Wolfgang Kraushaar sieht eine ganze Reihe weiterer ungeklärter Aspekte, etwa die genaue Rolle Horst Mahlers bei der RAF-Gründung oder Fragen, welche die Rolle der Palästinenser betreffen, die RAF-Terroristen ausgebildet haben.
5 Allerdings ist RAF-Vergangenheit vielen jüngeren Menschen insgesamt kaum bekannt. Laut einer repräsentativen Umfrage des Tagesspiegel kennt fast die Hälfte der 18- bis 35-Jährigen die Terrororganisation gar nicht oder nur dem Namen nach, ohne weitere (historische) Assoziationen. 6 Italo Svevo, zit. n. Aleida Assmann: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses, München: C.H. Beck, 4. Aufl. 2009, S. 17
1
das Scheitern eines größeren Projekts der gesellschaftlichen Erinnerung bei gleichzeitiger unübersehbarer Virulenz des Themas in den Jahren nach dem Jahrtausendwechsel […] zum wichtigsten Medium der [RAF [RAF- - --] ] ] ] Erinnerung [wurde [wurde] ] ] ]. [RAF [RAF [wurde [wurde
Im theoretischen Teil der Arbeit wird zunächst der Ort der Erinnerung, das Gedächtnis, als Wesen mit drei Dimensionen definiert. Schwerpunkt der Betrachtung ist das kulturelle Gedächtnis nach Aleida Assmann. Es enthält das Medium „Film“, dessen Bedeutung für das kulturelle Gedächtnis nachfolgend eingeordnet wird. Anschließend werden im analytischen Teil die Filme Stammheim (Deutschland 1986, Reinhard Hauff; nachfolgend SH genannt) und Der Baader-Meinhof-Komplex (Deutschland 2008, Uli Edel; nachfolgend BMK genannt) einem Vergleich unterzogen. Darin wird - sehr exemplarisch - untersucht, wie die Interaktion und das Verhältnis innerhalb der RAF an Hand emotionaler Schlagworte dargestellt werden. Denn die „Innenansicht“ der Gruppe und der einzelnen Terroristen ist es, die in der Realität wenig bis gar nicht rekonstruierbar ist, für die die beiden Filme allerdings Bilder finden und womöglich im Vergleich neben Unterschieden auch gemeinsame Darstellungstendenzen erkennen lassen.
Im Fazit wird die Ausgangsfrage beantwortet, inwiefern die Filme SH und BMK Beiträge zum kulturellen Gedächtnis sind - also ob Darstellungstendenzen erkennbar sind, die beim Rezipienten ein bestimmtes Bild von der RAF entstehen lassen oder verfestigen könnten.
Die Filme SH und BMK sind Hauptquellen im analytischen Teil. Für beide Filme ist der journalistische Band Der Baader-Meinhof-Komplex von Stefan Aust unmittelbare Vorlage, durch den laut Kraushaar das öffentliche Bild maßgeblich bestimmt wird:
Die dort gelieferte Darstellung lässt sich leicht nachzeichnen, aber höchstens indirekt überprüfen. Der umfangreiche, über das Jahr 1977 nicht hinausgehende Text […] enthält keinerlei Quellen- oder Literaturangabe. Der Publikumserfolg hängt sicher auch damit zusammen, dass sich der Autor im Wesentlichen auf ein Narrativ konzentriert und die auf wenige Akteure reduzierte Kerngeschichte des bundesdeutschen Terrorismus wie aus einem Guss erzählt. Die öffentliche Wirkung von Publikationen, die zeithistorischen und sozialwissenschaftlichen Standards genügen, ist demgegenüber weitaus geringer.
7 Äußerst kritische Rezensionen und kontroverse Diskussionen in Talk-Sendungen sind im Regelfall die Folge. Kernkritik ist oft eine durch die Filme befürchtete Mythenbildung um die Täter, während die Opfer der RAF vergessen werden.
Die Aufregung betrifft allerdings nicht nur Filme über die RAF. So ist etwa die Ausstellung „Zur Vorstellung des Terrors“ über die RAF 2005 in Berlin von vielen Seiten massiv kritisiert worden, u.a. von Angehörigen der RAF-Opfer, von Medien und von Politikern.
8 Georg Seeßlen: Die deutsche Öffentlichkeit war in die RAF verliebt. Drei Jahrzehnte RAF im Film - über die Schwierigkeit, Kino, Mythos und Wirklichkeit zusammenzubringen. In: http://www.freitag.de/2007/12/07120301.php (Der Freitag), Abruf vom 22.01.2010
2
Den BMK hat Stefan Aust 1997 überarbeitet. 9 Insbesondere die Lebensbeichte des ehemaligen RAF-Terroristen Peter Jürgen Boock hat er eingearbeitet. Aust sagt jedoch:
Meine Sichtweise auf die Geschichte der RAF und die Reaktion des Staates auf die Gruppe hat sich im Laufe der Zeit im Lichte der neueren Erkenntnisse nicht wesentlich verändert. Für SH und BMK hat Aust das Drehbuch geschrieben. 10 Somit gibt es für beide Filme, zwischen deren Entstehung 22 Jahre liegen, mit der unmittelbaren Beteiligung Stefan Austs eine „personale Vergleichsbasis“.
Die Ägyptologin und Anglistin Aleida Assmann hat analytisches Repertoire und grundlegende Begriffe für die Gedächtnisgeschichte entwickelt und damit internationale Maßstäbe gesetzt. Besonders ihre Forschung zum „kulturellen Gedächtnis“ und ihr interdisziplinärer Ansatz sind bemerkenswert. 11 Deswegen sind ihre Werke Hauptquellen des theoretischen Teils. Vor allem „Der lange Schatten der Vergangenheit“ von 2006; daneben ihr Standardwerk „Erinnerungsräume“ aus dem Jahr 1999.
2. 2. Theoretischer Teil: Theoretischer Teil: „K „Kulturelle ulturelle ulturelle ulturelles s s s Gedächtnis“ nach Aleida Assmann Gedächtnis“ nach Aleida Assmann und „ und „Film Film Film Film“ “ “ “ 2. 2. Theoretischer Teil: Theoretischer Teil: „K „K Gedächtnis“ nach Aleida Assmann Gedächtnis“ nach Aleida Assmann und „ und „ als Teil des kulturellen als Teil des kulturellen Gedächtnisses Gedächtnisses als Teil des kulturellen als Teil des kulturellen Gedächtnisses Gedächtnisses
Nachfolgend soll das kulturelle Gedächtnis nach Aleida Assmann definiert und differenziert werden in einen passiveren und einen aktiveren Teil, in Speicher- und Funktionsgedächtnis.
Anschließend wird das Medium „Film“ im Kontext des kulturellen Gedächtnisses betrachtet. Die mögliche Bedeutung und Wirkung dieses Mediums auf das kulturelle Gedächtnis wird ausgeführt, bevor die theoretischen Erläuterungen abschließend zusammengefasst werden.
9 1985 ist die Erstausgabe erschienen; seitdem hat sich das Buch über 300.000 Mal verkauft. Vgl. Hubert Maessen: Eine Schauergeschichte des Terrorismus. In:
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/andruck/826979/ (Deutschlandfunk), Abruf vom 02.02.2010
10 Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex, München: Goldmann 2008, S. 6.
Ausnahme sind zwei Punkte, in denen sich seine Sichtweise doch geändert hat: „Wie genau man innerhalb der RAF über die Tatsache des Selbstmordes der Gefangenen Bescheid wusste […] und welch ein ungeheures Versagen des staatlichen Fahndungsapparates dazu geführt hat, dass Schleyer nicht befreit wurde […]“, ebd. S. 6/7
11 Peter Gruss: Max-Planck-Forschungspreis 2009 - Laudation auf Aleida Assmann. In: http://www.humboldt-foundation.de/pls/web/docs/text_id_1136909/F12431/Endversion_Laudatio_Assmann.pdf (Humboldt Foundation), Abruf vom 04.02.2010
3
2.1 Das kulturelle Gedächtnis - eine von drei Gedächtnisdimensionen
Aleida Assmann definiert drei Dimensionen von „Gedächtnis“: das neuronale, das soziale und das kulturelle Gedächtnis. 12 Die Gedächtnisdimensionen stehen in Beziehung zueinander. Zwischen ihnen findet der Übergang statt von der individuellen Erinnerung, also der Erinnerung des Einzelnen, zu einer kollektiven Form der Erinnerung, der (gemeinsamen) Erinnerung vieler. 13
Jedes der drei Gedächtnisse wird gebildet durch drei einwirkende Komponenten: einen Träger, ein Milieu und eine Stütze. 14
Die biologische Ebene sieht Assmann als erste Ebene, auf der sich menschliches Gedächtnis konstituiert; Träger ist das menschliche Gehirn. 15
Diese neuronale Basis […] braucht, um sich zu erhalten und entwickeln zu können, Felder der Interaktion: […] die soziale Interaktion [und die] [und die] kulturelle Interaktion von Medien. Das neuronale [und die] [und die] 16 Netzwerk verknüpft sich ständig mit diesen beiden Dimensionen. Die soziale Kommunikation ist das Milieu, die symbolischen Medien sind die Träger des neuronalen Gedächtnisses. 17
Fließend ist der Übergang zum sozialen Gedächtnis, das „durch zwischenmenschlichen Kontakt und sprachlichen Austausch [als Träger] [als Träger] aufgebaut und zusammengehalten [als Träger] [als Träger] wird.“ 18
Die Erinnerungen mehrerer Menschen kommen also zusammen. Der Einzelne übernimmt allein durch den (kommunikativen) Austausch „Fremdes, das zum Eigenen wird.“ 19 Allerdings befristet und höchstens intergenerationell übertragbar auf Grund menschlicher Sterblichkeit, Vergänglichkeit. 20
Milieu des sozialen Gedächtnisses ist das individuelle Gehirn. Stütze, wie beim neuronalen Gedächtnis, sind die symbolischen Medien. 21 Das kulturelle Gedächtnis definiert Aleida Assmann als […] größte[n] [n] [n] [n] Rahmen, in dem wir selber stehen, der unser eigenes Gedächtnis speist, anregt und immer wieder neu herausfordert durch den Fundus, den Schatz eines ausgelagerten 22 Gedächtnisses. Was nicht nur ausgelagert ist, sondern immer auch wieder eingespielt wird.
Es hat die Aufgabe, „Erfahrungen und Wissen über die Generationsschwellen zu transportieren und damit ein soziales Langzeitgedächtnis auszubilden.“ 23
12 Vgl. Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München: C.H. Beck, 2006, S. 31
13 Vgl. ebd., S. 31/32
14 Vgl. ebd., S. 33
15 Vgl. ebd., S. 32 16 Ebd.
17 Vgl. ebd., S. 33
18 Vgl. ebd., S. 32
19 Ebd., S. 33
20 Vgl. ebd., S. 54
21 Vgl. ebd., S. 33
22 Aleida Assmann: „Gesprächszeit im Nordwestradio“. Radio Bremen/ NDR: Nordwestradio - Die Gesprächszeit, Mitschnitt vom 03.02.2010
4
Der Übergang vom sozialen zum kulturellen Gedächtnis ist nicht fließend. „Grund dafür ist, dass auf dieser Ebene eine Entkoppelung und Wiederverkoppelung von Gedächtnis und Erfahrung stattfindet“ 24 , denn beim kulturellen Gedächtnis sind die symbolischen Medien die Träger.
Das lebendige Gedächtnis weicht damit einem mediengestützten Gedächtnis, das sich auf 25 materielle Träger wie Denkmäler, Gedenkstätten, Museen und Archive stützt.
Ein Gedächtnis also, dessen Erhalt nicht gebunden ist an biologische Träger und sich damit von menschlicher Sterblichkeit und Vergänglichkeit ablöst. Mit Trägern, die potentiell unbefristet erhalten bleiben und die Möglichkeit haben, transgenerationell das kulturelle Gedächtnis mitzuprägen 26 , dessen […] Milieu […] die Gruppe [ist] [ist], die sich über diese Symbole identifiziert, indem sie diesen Fundus [ist] [ist]
immer wieder verändert, erneuert und belebt; […] Stütze sind die einzelnen Individuen, die sich 27 diese Symbole aneignen und mit ihnen auseinandersetzen.
2.2 Unterscheidung in Speicher- und Funktionsgedächtnis
„Ich glaube nicht, dass wir unter der Bürde des angespeicherten Wissens erdrückt [haben].“ 28 werden, weil wir […] ein schon geschichtetes kulturelles Gedächtnis [haben] [haben] [haben]
Eine gesammelt-konservierte Masse (materieller) symbolischer Träger - zumal bei der Vielzahl von materiellen Trägern gegenwärtig und prospektiv - kann unsere „Gedächtniskisten“ nicht überfüllen und damit immer schwerer machen, meint Assmann. Außerdem kann diese „Masse“ allein kein kulturelles Gedächtnis entstehen lassen oder Voraussetzung dafür sein. Kriterien der Selektion spielen eine wichtige Rolle. 29 Assmann betrachtet das kulturelle Gedächtnis als etwas Dynamisches und unterteilt es in „Speichergedächtnis“ und „Funktionsgedächtnis“.
„Diese Unterscheidung bildet die komplementäre Struktur von Gedächtnis ab, in dem Erinnern und Vergessen nahe beieinander liegen und ineinander greifen.“ 30 Das Speichergedächtnis wird zur Ablage für das Vergessene, für latente Erinnerungen, die allerdings zu gegebener Zeit reaktiviert und somit wieder wichtig werden können. Es ist eine Art „passives Gedächtnis“. 31
Inhalt sind überwiegend Träger, deren Fortbestand durch ihre Materialität gesichert ist. Als Beispiele genannt werden Bestände aus Bibliotheken, Museen und Archiven sowie
23 Aleida Assmann: „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“, S. 57
24 Ebd., S. 34
25 Aleida Assmann: „Erinnerungsräume“, S. 15
26 Vgl. Aleida Assmann: „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“, S. 34/54 27 Ebd., S. 33
28 Aleida Assmann: „Gesprächszeit Nordwestradio“
29 Vgl. Aleida Assmann: „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik“, S. 55
30 Ebd.
31 Vgl. ebd., S. 55-57
5
Bücher, Bilder und Filme. 32 Das Speichergedächtnis ist in der Regel voll, es ist nicht allzu wählerisch.
Was hingegen im Funktionsgedächtnis seinen Platz hat, ist nur durch „rigorose Verfahren der Auswahl hindurchgegangen“. 33 Es ist der aktive, der kanonisierte Teil des kulturellen Gedächtnisses. 34
„Was einen Platz im Funktionsgedächtnis einer Gesellschaft hat, hat Anspruch auf immer neue Aufführung, Ausstellung, Lektüre, Deutung, Auseinandersetzung.“ 35 Das sind laut Assmann in der Regel symbolische Praktiken, deren Fortbestand durch ihre Wiederholung gesichert wird. Traditionen und Riten werden unter anderem als Beispiele genannt. 36 Dynamisch ist das Verhältnis zwischen Speicher- und Funktionsgedächtnis, weil „die Grenze [da [da] ] ] ]zwischen […] nicht hermetisch ist, sondern in beiden Richtungen [da [da überschritten werden kann.“ 37
Was heute erinnert wird, kann morgen vergessen sein und umgekehrt. Das kulturelle Gedächtnis ist somit etwas Bewegliches, Wechselhaftes - etwas, das sich wandeln kann.
2.3 Kulturelles Gedächtnis und Film
Das Medium „Film“ ordnet Assmann eher dem Speichergedächtnis zu, also dem passiven Teil des kulturellen Gedächtnisses. 38
Allerdings macht sie deutlich, dass es Wirkungsunterschiede innerhalb der materiellen Repräsentationen gibt, also dass
jedes Medium je einen spezifischen Zugang zum kulturellen Gedächtnis [eröffnet] [eröffnet]. Die Schrift, [eröffnet] [eröffnet]
die der Sprache folgt, speichert anders und anderes als die Bilder, die sprachunabhängige Eindrücke und Erfahrungen festhalten. Den sogenannten „imagenes agentes“ wird seit der 39 römischen Mneomotechnik eine besondere Gedächtniskraft zugesprochen […].
Eine Einschätzung, die sich laut Assmann auch auf das bewegte Bild übertragen lässt: Filme spielen eine immer größere Rolle bei der Herstellung dessen, was wir vielleicht ‚allgemeine historische Bildung‘ nennen können, die nur noch partiell über den Geschichtsunterricht läuft und immer stärker über das Kino läuft […]. Amerikanische Geschichtsschüler bekommen ihr Wissen über Filme mit. Was sie über den Zweiten Weltkrieg wissen, wissen sie über Saving private Ryan. Was sie über den Holocaust wissen, wissen sie über Schindlers Liste. 40
32 Vgl. ebd., S. 58
33 Ebd., S. 56
34 Vgl. ebd.
35 Ebd.
36 Vgl. ebd., S. 58
37 Ebd., S. 57
38 Vgl. ebd., S. 58; das schließt allerdings nicht aus, dass es kanonisierte Filme gibt, die im aktiven kulturellen Gedächtnis eine Rolle spielen. Das dynamische Verhältnis zwischen Speicher- und Funktionsgedächtnis kann zudem dafür sorgen, dass bisher „vergessene“ Titel zu (wieder) erinnerten Filmen werden könnten. 39 Aleida Assmann: „Erinnerungsräume“, S. 20
40 Aleida Assmann: „Gesprächszeit Nordwestradio“. Beide angesprochenen Spielfilme, Der Soldat James Ryan (1998) und Schindlers Liste (1993), hat Steven Spielberg inszeniert.
6
Arbeit zitieren:
Timo Grampes, 2010, Fiktive Antworten auf reale Fragen: Die RAF im Film am Beispiel von "Stammheim" und "Der Baader-Meinhof-Komplex", München, GRIN Verlag GmbH
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