Phantastische Strukturen in
ALICE IM WUNDERLAND (LEWIS CARROLL, 1865)
-Inhaltsverzeichnis-
1. Einleitung: Alle verrückt? 1
2. Das „Phantastische“ als narrative, Texttyp-unabhängige Struktur 2
3. Zentrale Komponenten des Fantasygenres 3
4. Alice, die doppelte Grenzüberschreiterin 4
5. Das Wunderland - verrückt, unlogisch, rettenswert? 4
5.1 Verletzung von Basisannahmen 4
5.2 Die „andere Welt“ als eigenständig-reglementierte Welt 6
5.3 „Alice versus Wunderland“ - Konfliktpotential und Folgen 7
5.4 Zusammenfassung 9
6. Erklärungsstrukturen in AW 9
7. Fazit: Phantastische Strukturen als Indikator persönlicher Ambivalenz. 11
Literaturverzeichnis 12
1. Einleitung: Alle verrückt?
„[…] Hier sind alle verrückt. Ich bin verrückt. Du bist verrückt […] sonst wärst du doch gar nicht hier.“ 1
…sagt die grinsende Edamer Katze zur kleinen Alice, der Heldin in Lewis Carrolls Klassiker ALICE IM WUNDERLAND. Hat sie Recht? Verwirrung stiftet das Wunderland definitiv und das tun auch die wunderlichen Geschöpfe, denen Alice auf ihrem Weg durch die phantastische Welt permanent begegnet. 1865 im Viktorianischen Zeitalter in England erschienen, liest sich die Geschichte „auch heute noch eher wie ein Traum, sie ist assoziativ, reiht ein Element an das andere, ohne dass ein durchgehender Erzählstrang intendiert wäre.“ 2 Doch wodurch konstituiert sich AW als phantastisch, wie präsentieren sich Abweichungen von der Realität bzw. vom Standard? 3 Dem soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden. Hierzu wird zunächst der Begriff des „Phantastischen“ im Sinne einer als vom Texttyp unabhängigen, narrativen Struktur erläutert, bevor zentrale Komponenten des Fantasygenres genannt werden. Dieser theoretische Hintergrund soll die Analyseinstrumente für den analytischen Teil der Arbeit zur Verfügung stellen, in dem AW zunächst auf den Aspekt der semantischen Grenzüberschreitung untersucht wird. Anschließend wird das Wunderland eingängig - aber aus Gründen des knappen Rahmens der vorliegenden Arbeit stark exemplarisch - untersucht, zunächst auf Basisannahmen, die in der „anderen Welt“ verletzt werden. Nachfolgend soll verdeutlicht werden, dass bei allem scheinbaren Chaos, das im Wunderland herrscht, dieses trotzdem als eigenständig-reglementierte Welt angesehen werden kann. Die Unvereinbarkeit dieser Welt mit den Basisannahmen der Protagonistin und hieraus entstehende Konflikte werden anschließend untersucht und besonders hinsichtlich der Konsequenzen des Erlebens der „anderen Welt“ für das Leben Alices in der realen Welt hinterfragt. Im Anschluss sollen sehr knapp ausgewählte (narrative) Erklärungsstrukturen in AW betrachtet werden, bevor abschließend ein Fazit gezogen wird.
1 LEWIS CARROLL: ALICE IM WUNDERLAND, FRANKFURT/MAIN: INSEL, 1973, 25. AUFL. 2006, S. 67; NACHFOLGEND „AW“ GENANNT.
2 THOMAS KLEINSPEHN: LEWIS CARROLL, HAMBURG: ROWOHLT, 1997, S. 56.
3 VGL. HANS KRAH/MARIANNE WÜNSCH: „PHANTASTISCH/PHANTASTIK“. IN: BARCK, KARLHEINZ (HG.): ÄSTHETISCHE GRUNDBEGRIFFE, BD. 4, STUTTGART: WEIMAR, 2002, [798-814], S. 800; NACHFOLGEND „P/P“ GENANNT.
2. Das „Phantastische“ als narrative, Texttyp-unabhängige Struktur
„Konsens besteht darin, dass das Phantastische nicht als Gattung oder Texttyp aufzufassen ist.“ (P/P, S. 801)
Ergänzend zu diesem Definitionsansatz, nach welchem sich ein Text primär durch die Betonung der visuellen Ebene als phantastisch konstituieren kann, fassen Krah/Wünsch eine weitere Definitionsmöglichkeit zusammen, die im analytischen Teil weitgehend Ausgangspunkt der Überlegungen sein soll. 4 Demnach wird das Phantastische als vom Texttyp unabhängige Struktur betrachtet und konstituiert sich zentral nicht über die visuelle, sondern die narrative Ebene (vgl. P/P, S. 801/802). Das Phantastische wird somit zu einer „gattungs- und medienunspezifische[n] Gegebenheit“ (P/P, S. 802) einerseits, andererseits können auf der narrativen Ebene strukturelle Grundmuster benannt werden, die für den Umgang mit phantastischen Primärtexten als Analyseinstrumente in Frage kommen. Zu diesen Grundmustern gehört zunächst eine semantische Grenzüberschreitung, die in eine „andere Welt“ führt in der Basisannahmen verletzt werden, die „Prämissen von Realitätskompatibilität in der außertextuellen Konstruktion von Wirklichkeit“ (P/P, S. 802) sind. Zu diesen verletzten Basisannahmen kann das kulturelle Wissen ebenso gehören wie „formale“, „theologische“, naturwissenschaftliche und sozialphilosophischsozialwissenschaftliche Basispostulate, auf welche die „phantastische Welt“ gleichzeitig referiert. Das heißt, die „andere Welt“ bedarf notwendigerweise, um sich als eigenständigreglementierte phantastische Welt zu konstituieren, des Bezugs zur Realität, zu „unserer Welt“. Historizitätsvariablen und historische Kontextualisierung bekommen in diesem Zusammenhang eine wichtige Bedeutung, da meist logische, ontologische und theologische Basisannahmen verletzt werden, die zum Zeitpunkt der Textveröffentlichungen vorherrschen (vgl. P/P, S. 802). Die Verletzung von Basisannahmen bleibt nach Krah/Wünsch nicht unkommentiert im phantastischen Text stehen, sondern wird in der Erklärungsstruktur von einem Klassifikator als abweichend wahrgenommen und konstatiert. Durch das „Sich-Wundern“ dieses Klassifikators wird verdeutlicht, dass sich die dargestellte Welt auf unser Weltwissen bezieht. Mögliche, aus einem Erklärungsbedarf resultierende Erklärungsangebote (des Klassifikators) für die Abweichungen können mit der Realität vereinbar oder nicht vereinbar sein, auch eine Ausweisung als Nicht-Phantastisches ist hierbei möglich. Mehrere mögliche Erklärungsangebote können dazu beitragen, dem Phänomen im Text zumindest
4 AUCH, WENN DIE ILLUSTRATIONEN VON JOHN TENNIEL IN AW EINE WICHTIGE FUNKTIONALE, DEN TEXT UNTERSTÜTZENDE BEDEUTUNG HABEN UND SOMIT AUCH EINE VISUELLE EBENE GEGEBEN IST, WIRD HIERAUF AUF GRUND DER GEWÄHLTEN ANALYTISCHEN (NARRATIVEN) SCHWERPUNKTSETZUNG IM WEITEREN VERLAUF DER ARBEIT NICHT EINGEGANGEN.
zeitweise einen ambivalenten, unerklärbaren Status zuzuweisen; ein in der Regel subjektiver point of view kann diesen Status steuern und verstärken (vgl. P/P, S. 802/803).
3. Zentrale Komponenten des Fantasygenres 5
Drei von Krah an filmischen Beispielen verortete zentrale Komponenten des Fantasygenres sollen nachfolgend ergänzend zur narrativen Fundierung des Phantastischen genannt werden, um im analytischen Teil der Arbeit Schnittmengen und Unterschiede der Komponenten im Abgleich mit Lewis Carrolls Text ALICE IM WUNDERLAND zu untersuchen. Dies geschieht unter zwei Prämissen. Zum einen unter der bereits genannten Annahme, das Phantastische als „gattungs- und medienunspezifische Gegebenheit“ (P/P, S. 801) zu betrachten, womit die Anwendbarkeit der ursprünglich filmischen Kriterien auf die literarische Ebene legitimiert werden soll. Zum anderen muss berücksichtigt werden, dass es sich um universelle Komponenten handelt, die im Primärtext in sehr unterschiedlich starker Ausprägung auftreten können. Krah definiert als erste zentrale Komponente des Fantasygenres die Selbstthematisierung der „anderen Welt“. Demnach besteht innerhalb dieser Welt ein Bewusstsein für ihren besonderen Status, welches ein hohes Maß an Selbstreferentialität impliziert. Die Bedrohung der „anderen Welt“, die ein fragiles Ordnungssystem aufweist, wird von Krah als zweite zentrale Komponente genannt. Demnach ist in der bedrohten (phantastischen) Welt diese zu retten oder ein negativer Zustand muss innerhalb der „anderen Welt“ wieder rückgängig gemacht werden. Die Initiation der Protagonisten als dritte Zentralkomponente des Fantasygenres impliziert die Integration der Protagonisten in „unsere Welt“ durch das Kennenlernen der „anderen Welt“. Danach gibt es Ergebnisse und Erfahrungen der Protagonisten, die zu Einsichten führen, welche in einer Akzeptanz der (vom historischen Kontext abhängigen) Werte und Normen „unserer Welt“ münden. Damit es überhaupt zu alldem kommen kann, ist aber zunächst eine Grenzüberschreitung des Protagonisten - hier Alice - von der einen in die „andere Welt“ nötig.
4. Alice, die doppelte Grenzüberschreiterin
Für Alice verläuft ihr Tag am Bachufer unauffällig, bis ein weißes Kaninchen mit roten Augen an ihr vorbeiläuft, mit sich selbst spricht und eine Uhr aus seiner Westentasche zieht (vgl. AW, S. 11/12).
5 VGL. HANS KRAH: PHANTASTIK IN LITERATUR UND MEDIEN VOM 18. - 20. JAHRHUNDERT. ZUSAMMENFASSUNG I ZUR VORLESUNG. IN: HTTPS://STUDIP.UNI-
PASSAU.DE/STUDIP/FOLDER.PHP?OPEN=6F9CF1A0C5E1D21045CF15D988C2C97B#ANKER (STUD.IP UNI PASSAU), ABRUF VOM 29.03.2008.
Arbeit zitieren:
Timo Grampes, 2008, Phantastische Strukturen in "Alice im Wunderland" von Lewis Carroll, München, GRIN Verlag GmbH
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