1. Einleitung
„Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.“ 1 , schreibt G.E. Lessing im 91. Paragraphen seines Werks Die Erziehung des Menschengeschlechts und möchte darauf hinweisen, dass wir Menschen nicht erkennen können, was die Vorsehung Gottes mit uns vorhat. Auch in dem mehrteiligen Werk Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion von Johann F.W. Jerusalem findet sich dieser Gedanke der allumfassenden Vorhersehung Gottes an vielen Stellen wieder.
In der folgenden Hausarbeit möchte ich der Frage nachgehen, inwieweit sich diese zwei Werke der beiden Theologen des achtzehnten Jahrhunderts ähneln und wo sich Unterschiede finden lassen. Das von Jerusalem zunächst 1768 veröffentlichte Werk versucht ein tieferes Verständnis für das Christentum darzustellen, damit eine bessere Belehrung und Erziehung des Verstandes ermöglicht werden kann. Dafür zieht Jerusalem sowohl das Alte als auch das Neue Testament zu Rate und versucht dem Leser den Inhalt und die Entwicklung eines göttlichen Plans zur Offenbarung darzulegen.
Lessing scheint ebenfalls dieses Ziel zu haben und fasst in einhundert kurzgehaltenen Thesen die Entwicklung der menschlichen Erziehung nach Gottes Vorhersehung zusammen. Da diese Schrift erst 1780 komplett veröffentlicht wurde und beide Autoren einige Zeit in Wolfenbüttel gelebt haben, möchte ich zudem untersuchen, ob sich meine aufgestellte These bestätigen lässt, dass die lessingsche Schrift nur eine geniale Pointierung des jerusalemschen Werkes darstellt.
Kann es sein, dass der jüngere Theologe mit dem, ihm wahrscheinlich bekannten, Werk von Jerusalem als Vorlage, seine eigenen Ideen genommen und diese in einer Art umfangreichen Zusammenfassung der Betrachtungen verschmolzen hat? Oder wiegen die Unterschiede zu schwer, als das dies hätte der Fall sein können?
Im quellenkritischen Vergleich werde ich dafür die Paragraphen von Lessing mit den Betrachtungen von Jerusalem vergleichen.
1 Lessing: Die Erziehung des Menschengeschlechts. §91.
1
2. Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem
Der evangelische Theologe Johann F.W. Jerusalem (1709-1789) war nach langjährigen Auslandsaufenthalten zweimal in Wolfenbüttel tätig 2 und gehörte zu den aufgeklärtesten Denker seiner Zeit. Mit seinem „gewissenhaftesten Streben nach Wahrheit“ 3 schaffte er das umfangreiche Werk Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion und versuchte mit dieser Schrift dem Leser eine tiefere Einsicht in das Christentum zu ermöglichen, damit der Verstand der Menschen belehrt und erleuchtet werde. Seine theologische Bedeutung liegt auf homiletischem Gebiet und mit seinem Wirken wurde er zu einem der führenden Neologen seiner Zeit 4 . Er legte zur theologischen Aufklärung „den ersten Grund, aufbauend auf früheren, förderlich für die späteren“ 5 .
3. Gotthold Ephraim Lessing
Der 1729 geborene G.E. Lessing wurde in einem orthodoxen Elternhaus großgezogen und begann nach der Schule sein Studium der Theologie. Nach Umwegen über das Theater und dem Verfassen von literarischen Dramen und Aufsätzen, beginnt 1777 der theologisch interessante Fragmentenstreit, welcher vom englischen Deismus Seitens Lessing beeinflusst wurde. Der theologische Streit mit dem Hauptpastor Goeze endete mit der Veröffentlichung des Dramas Nathan der Weise (1779), welches die Gedanken des Deismus beinhaltet und Aspekte der natürlichen Religion betont. Daran anschließend entstand erst die geschichtsphilosophische Schrift Die Erziehung des Menschengeschlechts, bei welchem Lessing sich nicht als Autor nennt, sondern lediglich als Herausgeber des Werkes. Heute bestehen jedoch keine Zweifel mehr an seiner Autorenschaft.
Er ist ein Vertreter der inneren Wahrheit des christlichen Glaubens, d.h. dass der Glaube eine religiöse Überzeugung des Menschen ist, welcher
2 Vgl. Wolfdietrich von Kloeden: JERUSALEM, Johann Friedrich Wilhelm.
3 Karl Heinrich Jörden: Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten.
4 Vgl. Wolfdietrich von Kloeden: JERUSALEM, Johann Friedrich Wilhelm.
5 Claus-Dieter Osthövener: Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem.
2
keiner Beweise oder Argumentationen bedarf. Zudem fordert er die Menschen dazu auf, ein stetiges Wahrheitsstreben an den Tag zu legen, die fade Buchstabengläubigkeit aufzugeben und zufällige Geschichtswahrheiten nicht unhinterfragt zu akzeptieren. 6
4. Aufbau der beiden Werke
Das Werk Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion wurde nach Jerusalems Plan, welchen er anfangs dem Leser darlegt, in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil finden sich die Betrachtungen über die Existenz Gottes und dessen Beweis, von der Vorsehung, dem Bösen, dem zukünftigen Leben, von der moralischen Natur des Menschen als auch über die Religion und ihren Verhältnissen. Danach folgen im zweiten Teil die Betrachtungen über den göttlichen Unterricht, sowie der Offenbarung anhand der Darstellung von der Urgeschichte bis einschließlich dem mosaischen Wirken. Dabei steht immer wieder der Zustand der Religion in den einzelnen Epochen im Vordergrund. Im letzten und dritten Teil der Betrachtungen richtet Jerusalem sein Hauptaugenmerk auf den Zustand der Welt zur Zeit Jesu und dem Wirken des Gottessohnes. Dabei arbeitet er die Vorsehung Gottes aus dem Neuen Testament heraus, sowie die beiden Grundgesetze der Liebe Gottes und der Nächstenliebe. Abschließend betrachtet Jerusalem die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, macht sich Gedanken über das zukünftige Leben und untersucht die christliche Religion generell.
Das Werk Die Erziehung des Menschengeschlechts wurde als Abhandlung in 100 Paragraphen veröffentlicht und stellt vom Umfang her nur einen Bruchteil der Betrachtungen dar. Aus der Sicht des Christentums verfasst, gliederte Lessing es ebenfalls in drei Teile bzw. Stufen. Zunächst behandelt er Geschichte und Religion des Judentums und stellt in den ersten Paragraphen allgemeine Thesen auf, ehe er in den Paragraphen 8-52 von den ersten Menschen ausgehend das Volk Israel und damit das Alte Testament betrachtet. Im zweiten Teil steht das Christentum im
6 Vgl. TRE. Band 21. Seite 20-31.
3
Mittelpunkt und in den Paragraphen 53-80 untersucht er die Entstehung des Christentums und stellt die vertretende Lehre dar. Erst im letzten Teil, der ab dem Paragraphen 81 beginnt, betrachtet Lessing die Religion seiner Zeit und die Darstellung des damals aktuellen Evangeliums.
Beide Werke besitzen eine Dreigliedrigkeit, beginnend mit dem Alten Testament und endend mit der christlichen Religion und ihrer Darstellung in der Epoche, in welcher die beiden Autoren leben.
5. Quellenkritischer Vergleich
5.1. Vergleich
Bei Erziehung des Menschengeschlechts stellen die ersten fünf Paragraphen allgemeine Thesen über die Menschen, die Erziehung und die Offenbarung auf. Dabei verwendet Lessing den Begriff der Erziehung als eine Art Metapher für Offenbarung und setzt direkt im ersten Paragraphen die Erziehung des Einzelnen mit der Offenbarung der ganzen Menschheit gleich. In diesem Zusammenhang wertet er die Erziehung bzw. Offenbarung als ein transzendentes Vermögen des Menschen, welches ihm in seiner Natur mitgegeben wurde und innewohnt. Nach dieser Auffassung bedürfe der Mensch keines göttlichen Unterrichts, sondern würde das Ziel der vollkommenen Erkenntnis auch alleine erreichen, jedoch zeitlich erst viel später und der Weg bis dahin wäre mühsamer.
Hingegen bei Jerusalems Betrachtungen wird deutlich, dass seine Meinung zwar auch die ist, dass der Mensch Erziehung und Unterricht benötige, damit er die Vollkommenheit des Schöpfers erkennen kann, aber im Gegensatz zu Lessing, sieht er kein angeborenes Vermögen in dem Menschengeschlecht. Er vertritt die Meinung, dass der Mensch so geschaffen wurde, dass er mit seinen Fähigkeiten zu unendlich vielem fähig ist, aber dass die wirkliche Verwendung der mitgegebenen Fertigkeiten nur durch göttlichen Unterricht möglich ist.
„[...] da Gott nach seiner Weisheit dem Menschen eine Natur gab, die zwar von unendlicher Fähigkeit ist, aber doch zur würklichen
4
Anwendung ihrer Kräfte, durch Veranlassung und Unterricht erweckt werden muß,[...]“ 7
Dennoch ist sich auch Jerusalem bewusst, dass ohne die Hilfe des göttlichen Unterrichtes es wahrscheinlich noch Tausende von Jahre gebraucht hätte, bis der Mensch zu einer sittlichen Gesellschaft geworden wäre. 8
Des Weiteren schreibt Lessing im fünften Paragraphen von einer Ordnung bzw. einer Einhaltung von Maß im Bezug auf die Erziehung und der Offenbarung. Gerade diesen Aspekt greift auch Jerusalem auf, da er von einer partiellen Verteilung der Offenbarung 9 spricht. Er ist der Meinung, dass nicht alle Menschen, nicht alle Völker zur gleichen Zeit in der Lage sind, die vermittelte Wahrheit von Gott aufzunehmen oder zu verstehen. Das sieht Jerusalem nicht als Ungerechtigkeit von Seiten Gottes, sondern er nennt dies ein Zeichen der Vorsehung des Schöpfers, dass es eine Ordnung und einen Plan in der Vermittlung der Offenbarung gibt. So musste Gott also in seiner Offenbarung Maß halten und kann uns Menschen nicht alles auf einmal vermitteln. Dies macht die Offenbarung nach Jerusalem deswegen aber nicht unnütz, sondern sie besitzt die Möglichkeit, bei den Menschen sich durch Hilfe der Vernunft aufzubauen und dadurch komplett verstanden zu werden.
„Es ist eine ganz irrige Vorstellung, daß, wenn Gott den Menschen eine Offenbarung giebt, dieselbe gleich auf einmal alle Lehren in ihrer vollen Klarheit bekannt machen müsse, die der Menschheit je zu ihrer vollkommnern Rechtschaffenheit und Beruhigung wichtig werden können.“ 10
Als Beispiel nennt Jerusalem die Offenbarung zu Moses. Denn ihm wurde auch nur soviel offenbart, wie es für ihn zum damaligen Zeitpunkt verständlich und notwendig war.
Die Paragraphen sechs und sieben bei Lessing sprechen vom ersten Menschen und machen deutlich, dass die ersten Menschen nicht lange
7 Jerusalem: Betrachtungen. Band 2. Seite 56.
8 Vgl. Ebd. Seite 218.
9 Vgl. Ebd. Seite 69-71.
10 Ebd. Band 3. Seite 623.
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Arbeit zitieren:
Griseldis Wedel, 2010, Quellenkritischer Vergleich zwischen Jerusalems "Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion" und Lessings "Die Erziehung des Menschengeschlechts", München, GRIN Verlag GmbH
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