2
Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Grundproblemen der akademischen Skepsis Ciceros und die Reaktionen zweier, die sich mit ihr beschäftigten. Cicero verfasste seine Academici libri im ersten vor- christlichen Jahrhundert. Cicero veranschaulichte in seinem Werk die Auseinandersetzung und Spaltung der Neuen Akademie. Dieser Streit spielte sich vor allem zwischen Antiochos und Philon ab. Antiochos hielt nichts für erkennbar, was wiederum Philon als negativen Dogmatismus hinstellte. Ferner bezweifelte er, dass es nur eine Akademie gab. Cicero wandte sich Philon zu 1 .
Augustinus hat, 400 Jahre später, versucht, die skeptische These „Nichts ist erkennbar“ in seinem verschriftlichten Dialog Contra Academicos, anhand von Gegenbeispielen und der subjektiven Gewissheit einiger Dinge, zu widerlegen. Auch Johannes von Salisbury hat im zwölften Jahrhundert darüber geschrieben, dass der Dogmatismus, mit dem die Akademiker behaupteten, nichts sei erkennbar, zu nichts führen würde. Der Mensch würde seinen Verstand nicht nutzen wollen, indem er hin- und her- schwankend, im Zweifel verharrend, kein Urteil über irgendeine Sache fällen wolle. Zunächst gehe ich bei dieser Arbeit auf die pyrrhonische Skepsis und das Verhältnis der Akademie zur Stoa ein. Danach zeige ich Augustinus’ Antwort auf Ciceros Skepsis auf und versuche, im Vergleich, Unterschiede bezüglich des Zweifels und der Gewissheit darzulegen. Weiterhin fahre ich mit Johannes von Salisburys Einschätzung der akademischen Skepsis fort und komme durch das Thema der Meinung (opinio) wiederum zu Besonderheiten Johannes’ Erkenntnistheorie und vergleiche sie mit Cicero und Augustinus.
Die akademische Skepsis am Beispiel von Ciceros Academici libri
Um die Besonderheiten der akademischen Skepsis zu verdeutlichen, möchte ich im folgenden kurz auf die pyrrhonische Skepsis, als radikale Form des Skeptizismus, eingehen. Pyrrhon von Elis, dessen Skeptizismus von Sextus Empiricus niedergeschrieben wurde, unterschied zwischen drei Arten von Philosophen. Erstens waren da die Dogmatiker, sie waren auf der Suche nach einer Sache und behaupteten, dass sie sie gefunden hätten. Zweitens, die Akademiker, welche die Erkennbarkeit der gesuchten Sache leugneten und die dritte Gruppe waren die Skeptiker, welche noch auf
1 Gräser, A. Einleitung zu Akademische Abhandlungen Lucullus, S. XII.
3
der Suche nach einer Sache sind 2 . Aus dieser Unterscheidung geht bereits hervor, dass Sextus Empiricus die Akademiker nicht als Skeptiker wahrnahm. Bei der Skepsis nach Pyrrhon handelt es sich um die Kunst, die Gleichwertigkeit der Dinge zu erkennen. Gleichwertigkeit im dem Sinne, dass im Bezug auf die Sache weder Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit überragt 3 .
Das Ziel der pyrrhonischen Skepsis ist die Ataraxie, die Seelenruhe, welche durch Zurückhaltung (epoche) erreicht werden kann. Das heißt, ein Skeptiker urteilt nicht, sondern hält sich mit seiner Meinung und einem abschließenden Urteil zurück. Er kann verdeutlichen, was ihm eher der Fall zu sein scheint- doch kann er dies nicht mit Bestimmtheit behaupten. Dadurch entgeht er der Gefahr, Falsches für wahr zu halten. Die Wahrheit der Dinge ist nichts sicheres, nichts kann mit Gewissheit behauptet werden. Es gibt kein Kriterium, anhand dessen Wahres erkannt werden kann. Die Konsequenz ist die skeptische Zurückhaltung, die zufällig in der Seelenruhe gipfelt 4 . In seinem Dialog mit Cicero hat Lucullus die Skepsis als Zerstörerin der „Möglichkeit der Lebensführung von Grund auf“ 5 beschuldigt. Auch die Anhänger der Neuen Akademie suchten nach einer Möglichkeit für ein praktisches Geltungskriterium, nachdem sie der Ansicht waren, das Wahre wäre für den Menschen nicht zu erkennen. Dabei bezweifelten sie nicht die Existenz der Wahrheit, sondern behaupten nur die Unmöglichkeit der Erkenntnis dieser durch den Menschen 6 . Dennoch reagierten die Akademiker nicht direkt auf die pyrrhonische Skepsis, sondern auf die Erkenntnistheorie der Stoiker um Zenon.
Die Stoiker unterscheiden bei den wahren Vorstellungen 7 zwischen erfassender (kataleptisch) und nicht- erfassender (akataleptisch) 8 Vorstellungen. Die erfassende Vorstellung ist das genaue Abbild eines Gegenstandes, „dem Gegenstande restlos adäquat“ 9 . Eine Sache wird in ihrer ganzen Deutlichkeit dargestellt und diese Sicherheit des Subjektes, bezüglich der Deutlichkeit der Vorstellung, führt zu einer Gewissheit, das
2 Sextus Empiricus, „Grundriss der pyrrhonischen Skepsis“, 2008. Seite 93.
3 Ebd. S. 95.
4 Ebd. S. 100.
5 Cicero, Lucullus 31. Diesen Vorwurf bestätigt Cicero in seiner Rede (Luc.99).
6 Ebd.103.
7 Als wahre Vorstellungen werden die bezeichnet, welche dem Gegenstand, den sie repräsentiert,
tatsächlich entsprechen. H. Hartmann macht dies an dem Beispiel deutlich, dass wenn es Tag ist, und ich
sage, es ist Tag, dann entspricht diese Aussage einer wahren Vorstellung. Weiterhin gibt es die falschen
Vorstellungen, die die Dinge nicht so wiedergeben, wie sie tatsächlich sind. Dabei übernimmt Hartmann
das, bereits von Cicero und Augustinus angeführte, Beispiel des gebrochenen Ruders im Wasser.
Gewissheit und Wahrheit, Seite 14 ff.
8 Bei den nicht- erfassenden Vorstellungen handelt es sich um solche, die nicht deutlich und mit
Gewissheit erkannt werden können.
9 Ebd. S. 16.
4
Wahre der Dinge erkennen zu können. In der stoischen Lehre spricht man auch von Evidenz (energeia). Diese Evidenz führt dazu, dass wir ein positives Urteil über eine Sache abgeben können. Die energeia dient dem Stoiker als Wahrheitskriterium. Genau dort setzen die Skeptiker der Akademie an. Sie bestreiten die Deutlichkeit des Evidenten und damit auch die Evidenz als Kriterium der Wahrheit 10 . Wahres kann die gleichen Merkmale haben wie Falsches und dies kann von den Menschen nicht erkannt werden. Die Philosophen der neuen Akademie um Karneades schlossen jede Möglichkeit eines unumstößlichen Wahrheitskriteriums aus. Aufgrund der Possibilität einer Täuschung konnten Vernunft, Eindruck und Wahrnehmung ebenfalls als Wahrheitskriterium für Karneades ausgeschlossen werden 11 . Somit wurde ein mögliches praktisches Kriterium benötigt, womit der Mensch handeln kann, sich entscheiden kann. An dieser Stelle übernimmt Karneades den Begriff der Stoa, den glaubhaften Eindruck. Diese Glaubhaftigkeit unterscheidet er nach glaubhaften, glaubhaften und durchgeprüften und glaubhaften, durchgeprüften und ungehinderten Eindrücken 12 . Cicero sieht sich als zugehörig zur Neuen Akademie. In seinem Werk Academici libri verficht er gegenüber Lucullus, die skeptische Haltung des Karneades. Er führt in seiner Rede die Begriffe des veri simile und des probabilis ein, das „Der- Wahrheit- Ähnliche“ und das „Wahrscheinliche“. Es würde gegen die Natur der Welt gehen, wenn es nichts Glaubwürdiges gäbe. Deshalb hält Cicero es für sinnvoll, sich an dem zu orientieren, was der Wahrheit am nächsten kommt. Auch der Weise wird sich an dem orientieren, was glaubhaft sei, wenn dieser Glaubhaftigkeit nichts entgegenstünde 13 . Es ist grundsätzlich möglich, dass der Mensch weise ist, auch wenn er keine Gewissheit über Wissen und Wahrheit erlangen kann. Diese Weisheit kann schon bei der Suche nach der Weisheit erlangt werden. Zwar wird die behauptete Sinnlosigkeit dieser Suche den Akademikern später von Augustinus vorgeworfen 14 , aber auch durch die Suche wird etwas „abgeworfen, was sie sinnvoll macht“ 15 .
Jedoch würden sich die akademischen Skeptiker nicht Skeptiker nennen, wenn sie in der Glaubhaftigkeit ein Kriterium für Wahrheit behaupten wollten. Die Zustimmung zu
10 Dietz, W.: Wahrheit- Gewissheit- Zweifel S. 84.
11 Ricken, F. Antike Skeptiker, S. 56.
12 Vgl. Sextus Empiricus 1,33: Als Beispiel der drei Stufen des Erkennens der Eindrücke beschreibt er ein
Seil. In der Dunkelheit gleicht es einer Schlange (glaubhafter Eindruck), wenn man es dennoch näher
betrachtet sieht man das eigentliche Seil (glaubhaft und durchgeprüfter Eindruck). Ein glaubhafter,
durchgeprüfter und ungehinderter Eindruck ist einer, den man sich ggf. trotz Widersprüche vorstellen
kann und diese Widersprüche mit Hilfe des Verstandes ausgeräumt hat.
13 Luc. 100.
14 Augustinus, Contra Academicos, 2,5.
15 Dietz, W., S. 83.
5
einer Sache darf nicht erfolgen. Nach dem Glaubhaften und Wahrscheinlichen sollte man sich nur richten, wenn dem nichts entgegensteht. Weiterhin soll nichts dogmatisch behauptet werden, sondern eine Vermutung oder erscheinende Möglichkeit geäußert werden 16 . Die akademischen Skeptiker sind sich einer möglichen Täuschung durchaus bewusst, auch falsches kann glaubhaft erscheinen, deshalb verweigern sie ihre Zustimmung. Die glaubhaften Eindrücke gelten als Kriterium für die Lebensführung 17 , ein Orientierungskriterium für das Handeln 18 . Mit probabile und veri simile 19 hatten die Akademiker eine Antwort auf den Vorwurf der Stoiker, dass die epoche den Skeptiker nicht handeln lasse und er so nicht in der Lage wäre, zu leben. So kann der Akademiker auch mit der Achtung der Zurückhaltung handeln, weil er sich an dem orientieren kann, was glaubhaft
(wahrscheinlich) erscheint. Dabei führt das Nicht- Zustimmen zu einer größt- möglichen Freiheit. Der Skeptiker unterliegt nicht dem Irrtum, was „das größte aller philosophischen Übel“ 20 darstellt. Er ist flexibel und offen für eventuelle späteren Einsichten.
Die Akademiker trauen den Sinnen der Wahrnehmung nicht, nichts kann wahrgenommen werden (Nihil percipi potest) 21 . Daher kann formuliert werden, die Akademiker sind anti- sensualistisch eingestellt. Dennoch darf die Erkenntnis der Wahrheit nicht definitiv ausgeschlossen werde, da die Skeptiker der Neuen Akademie sich sonst selbst widersprechen würden, sie würden dogmatisieren, indem sie behaupteten, grundsätzlich wäre nichts wahrnehmbar.
Im Unterschied zur pyrrhonischen Skepsis ist die Besonderheit der Neuen Akademie die Orientierung am probabile und veri simile. Dieses Orientierungskriterium und die von Sextus Empiricus vorgeworfene Dogmatik des nihil percipi potest lässt diese akademische Skepsis als lebensnaher, lebenspraktischer erscheinen. Aus diesem Grund sprach ich am Anfang dieses Essays vom Pyrrhonismus als einem radikalen Skeptizismus. Die akademische Skepsis ist gemäßigter, eben weil Karneades das Zugeständnis der Orientierung am Glaubhaften und Wahrscheinlichen macht 22 und eine Bewertung der Aussagen hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und Unglaubwürdigkeit
16 Luc. 104.
17 Ricken, F. Antike Skeptiker, S.56.
18 Fuhrer, Th.: „Veri simile bei Cicero und Augustin“, S. 108.
19 Vgl. Dietz, W., S. 72, 1993.Das veri simile wird bei Cicero, laut Dietz, als Grenzpunkt der
menschlichen Erkenntnis verstanden.
20 Ebd.: S. 73.
21 Luc. 110.
22 Gräser, A., Einleitung zu Ciceros Akademische Abhandlungen Lucullus, S.XXI
Arbeit zitieren:
Steffi Rosch, 2010, Akademischer Skeptizismus am Beispiel von Cicero, Augustinus und Johannes v. Salisbury, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache): Akademischer Skeptizismus am Beispiel von Cicero, Augustinus und Johannes v. Salisbury ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache): neuer Titel erschienen: Akademischer Skeptizismus am Beispiel von Cicero, Augustinus und Johannes v. Salisbury
Steffi Rosch hat einen neuen Text hochgeladen
Akademische Festouvertüre, Tragische Ouvertüre, Haydn-Variationen op. ...
Studienpartitur
Johannes Brahms
Die Spur der Endlichkeit. Meine akademischen Lehrer
Vier Portraits: Dmitrij Tschiz...
Horst-Jürgen Gerigk
0 Kommentare