Vormärzliteratur zusammengefasst, die sich eindeutig durch eine Politisierung der Literatur auszeichnet. Die Bezeichnung der Gattung durch einen die Politik betreffenden Begriff und die damit einhergehende suggerierte Verbindung und Gegenüberstellung von Politik und Literatur ist dabei also durchaus beabsichtigt.
„Im Unterschied zu Epochenbezeichnungen wie ‚Romantik’ oder ‚Klassik‘ stellt der Vormärz-Begriff die Geschichte der Literatur allerdings von vornherein und ausdrücklich in einen historischen Bezugsrahmen.“ 2
Zu beachten bleibt dabei allerdings, dass die Autoren zwar stellvertretend für viele andere ihre Auffassungen niederschrieben, diese dabei jedoch immer rein subjektiv blieben. Angesichts des sinkenden aber immer noch hohen Anteils an Analphabeten und den zum Teil schlechten Lebensbedingungen, blieb das Schreiben von vornherein nur der intellektuellen, wohlhabenderen Schicht vorbehalten, wobei sich Autoren wie Heinrich Heine deutlich mit der Arbeiterklasse solidarisierten und ihre Literatur auch durch die im 19. Jahrhundert immer stärker aufkommende soziale Frage stark beeinflusst wurde.
Inwiefern kann die Literatur des Vormärzes also als Spiegel der Zeit angesehen werden? Und besteht die Möglichkeit, dass sie sogar als ein Katalysator der Revolution gelten kann?
Analog zum Vormärz-Begriff, ist auch der Nachmärz eine gebräuchliche Epochenbezeichnung. Wenngleich sie durchaus strittiger ist, so beschreibt diese Bezeichnung doch eine Art von Literatur, die sich von der des Vormärzes grundlegend unterscheidet, sich jedoch auf diese bezieht.
Geschichtlicher Hintergrund
Nachdem 1806 der Rheinbund gegründet wurde und Franz II. auch offiziell die Kaiserkrone niederlegte, bedeutete dies endgültig das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Nachdem auch Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 besiegt worden war, bemühten sich die führenden Staatsmänner Europas, unter Vorsitz des österreichischen Außenministers Fürst Metternich, eine neue Ordnung herbeizuführen. Vielleicht beeinflusst durch die
2 Vgl. Norbert Otto Eke: „Einführung in die Literatur des Vormärz“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2005, S. 8
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Französische Revolution und die dort erklärten Menschen- und Bürgerrechte, regte sich nun auch bei vielen Bürgern der deutschen Staaten, darunter viele Studenten und Soldaten, die in den Befreiungskriegen gekämpft hatten, der Wunsch und die Hoffnung auf einen deutschen Einheitsstaat. Metternich und die übrigen Staatsmänner entschieden jedoch auf dem Wiener Kongress von 1815, dass das ehemalige Reich auch weiterhin in viele Territorialstaaten untergliedert bleiben sollte, die sich lediglich eine gemeinsame Plattform zur politischen Diskussion formten, einen lockeren wenn auch beabsichtigt unauflöslichen Bund, den Deutschen Bund. Damit waren die nationalen, sozialen und intellektuellen Veränderungshoffnungen enttäuscht worden. Vielmehr noch entwickelte sich der Deutsche Bund zu einem Organ der Verhinderung liberaldemokratischer und nationaler Bestrebungen. Metternich beabsichtigte eine Politik der Rückführung auf Verhältnisse vor den politischen Unruhen seit der Französischen Revolution, eine Politik der Restauration, die mit den Hoffnungen auf einen Nationalstaat zwangsläufig kollidieren musste. Einer der ersten Träger dieser Hoffnungen waren die Burschenschaften, in denen sich immer mehr Studenten organisierten. Welche Bereitschaft zur Aggression in dieser Ideologie mitschwang, zeigt die Ermordung des in russischen Diensten stehenden Staatsrats und Schriftstellers August von Kotzebue durch den Theologiestudenten Ludwig Sand im Jahr 1819. Kotzebue hatte zuvor die Emanzipationsideologie der Zeit nach den Befreiungskriegen kritisiert. Dieser Zwischenfall war ein willkommener Grund für Metternich, weiter energisch gegen die nationalen Bestrebungen vorzugehen. Durch die Karlsbader Beschlüsse von 1819 wurde eine zentrale Bundesbehörde mit Sitz in Mainz errichtet, die zur Aufgabe hatte, revolutionäre und demagogische Verbindungen aufzuspüren und sie zu unterbinden. Das beinhaltete auch eine möglichst umfangreiche Zensurpolitik. Druckschriften mit weniger als 320 Seiten unterlagen einer präventiven Zensur, Druckschriften, die diese Seitenzahl überschritten, mussten sich einer Nachzensur unterziehen.
Im Grunde blieben diese Bestimmungen bis 1848 bestehen, doch die Umsetzung konnte nicht immer so verlaufen wie ursprünglich vorgesehen. Zum einen fehlte angesichts der zahlreichen Neuerscheinungen das nötige Personal, zum anderen zeigten viele Verleger und Autoren eine durchdachte Kreativität, wenn es darum ging, die Eingriffe zu umgehen.
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„Sie [ die Zensurpolitik ] konnte die Expansion des Zeitungsmarktes behindern. Langfristig verhindern allerdings konnten sie all dies nicht. Das Netz der Zensur blieb im Übrigen auch als solches löchrig und bot immer wieder neue Möglichkeiten, durch seine Maschen zu schlüpfen, wovon die Autoren des Vormärz auch reichlich Gebrauch zu machen verstanden.“ 3
Zu diesen Möglichkeiten zählte die Offenlegung von wahrscheinlichen Zensureingriffen. Ganz bewusst wurden solche Stellen durch Leerstellen, Gedankenstriche oder ähnliches gefüllt, wobei dabei beabsichtigt war, dass der interessierte Leser diese Leerstellen zu ergänzen wusste. Gerade Heinrich Heine war es, der ganz bewusst solche Leerstellen in seinen Schriften einsetzte und sie sogar als stilistisches Mittel gebrauchte.
Es verwundert also nicht, dass im Zuge der erwähnten Demagogenverfolgung viele Schriftsteller ins Visier der Regierung gerieten. Der Dichter Ernst Moritz Arndt wurde sogar zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seitdem stand „die Literatur selbst […] erst einmal unter dem Generalverdacht den Aufruhr zu schüren.“ 4 In diesem Zusammenhang ist auch das sogenannte Junge Deutschland zu erwähnen, eine literarische Bewegung liberaler Dichter. Obwohl sie für Demokratie und Freiheitsrechte eintraten und somit die Restaurationspolitik Metternichs ablehnten, strebten sie nicht nach einem politischen Umsturz. Vielmehr wollten sie auf politische und gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen. Trotzdem wurden ihre Schriften als bedrohlich bewertet und ab 1835 verboten. Auch die Turnerbewegung wurde mit großem Misstrauen bedacht und so wurde auch Turnvater Jahn zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Das Turnen wurde 1820 verboten und erst Anfang der vierziger Jahre wieder eingeführt.
Dass die Hoffnungen auf einen Nationalstaat und die damit einhergehenden Bestrebungen trotz aller Bemühungen nicht verhindert werden konnten und sich seit der Julirevolution in Frankreich 1830 auch ein Erstarken des politischen Protestes auf deutschem Boden verzeichnen ließ, zeigt das Hambacher Fest, ein Zusammenkommen von politisch engagierten Personen verschiedener sozialer Schichten, die einen Einheitsstaat, die Republik und Demokratie forderten. Reaktion darauf war eine Einschränkung der Versammlungsfreiheit und das Zensurwesen
3 Vgl. Norbert Otte Eke: „Einführung in die Literatur des Vormärz“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2005, S. 28
4 Vgl. Norbert Otte Eke: „Einführung in die Literatur des Vormärz“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2005, S. 31
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Arbeit zitieren:
Verena Schneider, 2010, Die Literatur des Vormärz, München, GRIN Verlag GmbH
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