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1.Einleitung
Als ausgesprochen schwierig erweist sich der Versuch, den Konstruktivismus in einem Satz zu definieren. Die grundlegende und zentrale Annahme ist jedoch die Nicht-Erkennbarkeit der Wirklichkeit. Besonders in der Philosophie hat dieser Gedanke eine lange Tradition, die bereits im fünften Jahrhundert vor Christus bei den Vorsokratikern ihren nachweisbaren Ursprung hat. Auch Platon (428-347v. Chr.) verweist mit seinem Höhlengleichnis auf die Unverlässlichkeit unserer Wahrnehmung hinsichtlich eines Abbildes der Realität. Die erkenntnisphilosophischen Theorien der Aufklärer des 18. Jahrhunderts, z.B. John Locke, David Hume, Rene Descartes und insbesondere Immanuel Kant, stellen weitere Vertreter einer kritischen Betrachtung objektiver Erkenntnismöglichkeiten dar. 1 Der Konstruktivismus, dessen erste Ansätze in den fünfziger Jahren entstanden, hat seine Wurzeln in den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Bereichen, wie zum Beispiel der Neurobiologie, der Psychologie oder der Soziologie. Daher stellt er als Erkenntnistheorie eher ein interdisziplinäres Paradigma als eine eigene Wissenschaftsdisziplin dar. 2 Etwa seit Mitte der neunziger Jahre setzt sich auch die Pädagogik in Deutschland mit dem Konstruktivismus in dem Bemühen auseinander, dessen Aussagen für unterschiedliche pädagogische Bereiche nutzbar zu machen. 3
Ziel der vorliegenden Arbeit ist das Herausarbeiten zentraler Konsequenzen des Konstruktivismus für die pädagogische Theorie und Praxis. Dabei bietet sich die konstruktivistische Interpretation des pädagogischen Schlüsselbegriffs des Lernens an, da der Konstruktivismus als Kognitionstheorie hierzu immanente Aussagen enthält. Auf der Grundlage dieser Interpretation sollen anschließend methodische Vorgehensweisen einer konstruktivistisch inspirierten Pädagogik vorgestellt werden. Die dafür notwendigen Grundlagen des Konstruktivismus sollen am Beispiel der Arbeiten Ernst von Glasersfelds, Heinz von Foersters und Humberto Maturanas, als Vertreter des radikalen Konstruktivismus, vermittelt werden.
1 Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus. S. 56-93.
2 Klaßen: Konstruktivismus macht Schule. S. 15.
3 Siebert, 1998; Reich, 2005; Wyrwa, 1996.
2. Konstruktivistische Ansätze
Wie bereits in der Einleitung erwähnt, gibt es den Konstruktivismus als einheitliche, “monolithische Theorie“ nicht. 4 Vielmehr handelt es sich um eine interdisziplinäre Diskussion mit vielen grundsätzlichen Gemeinsamkeiten. Als maßgebliche Impulse konstruktivistischer Ansätze können die Arbeiten des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget, die konstruktiv-kulturtheoretische Psychologie Wygotskis sowie die pragmatische Kultur- und Erziehungstheorie John Deweyes betrachtet werden. 5
Interdisziplinär versteht sich der Konstruktivismus “als nicht-reduktionistische Kognitionstheorie und ersetzt damit die traditionelle epistemologische Frage nach Inhalten oder Gegenständen von Wahrnehmung und Bewusstsein durch die Frage nach dem Wie und konzentriert sich auf den Erkenntnisvorgang, seine Wirkungen und Resultate.“ 6 Damit distanziert sich der Konstruktivismus von einem Anspruch auf objektive Erkenntnis einer ontologischen Realität und versteht Wirklichkeit als subjektives Konstrukt. 7 Vertreter des radikalen Konstruktivismus verfolgen diesen Gedanken bis zur letzten Konsequenz, in der nicht nur Entdeckungen von Ideen philosophischer Richtungen oder ideologischer Dogmen, sondern auch alltägliche Aussagen über die vorgefundene Wirklichkeit in Erfindungen umgewandelt werden müssen. 8 Als Neuerung, im Zusammenhang mit dem traditionsreichen philosophischen Gedanken der Nicht-Erkennbarkeit von Wirklichkeit, liefert der Konstruktivismus eine Begründung dieser Erkenntnis auf wissenschaftlicher Basis. Die Begründer und führenden Vertreter des radikalen Konstruktivismus sind der Sprach- und Entwicklungspsychologe Ernst von Glasersfeld, der Kybernetiker Heinz von Foerster und der Neurobiologe Humberto Maturana. Um die wesentlichen Aspekte des Konstruktivismus darzustellen, sollen die Ansätze dieser drei Vertreter kurz zusammenfassend vorgestellt werden.
4 Schmidt: Kognition und Gesellschaft. S. 9.
5 Reich, S. 18.
6 Schmidt: Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. S. 9.
7 Foerster: Das Konstruieren einer Wirklichkeit. S. 40.
8 Klaßen, S. 16.
2.1 Ernst von Glasersfeld
Von entscheidender Bedeutung für Glasersfelds konstruktivistischen Ansatz ist Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung und das kybernetische Kognitionsmodell von William T. Powers. 9 An dieser Stelle soll Piagets Theorie kurz dargestellt werden. Piaget stellte fest, dass die Denkstrukturen des Kindes nicht auf eine passive Übernahme der äußeren Realität zurückzuführen sind, sondern durch Erfahrung vom Subjekt stufenweise konstruiert werden. Um diesen stufenweisen Aufbau der individuellen Denkwelt zu erklären, schuf er das Konzept der Äquilibration, das mit den Begriffen Assimilation und Akkommodation arbeitet. Äquilibration bezeichnet ein Gleichgewicht, das hergestellt ist, wenn die Begriffe und Vorstellungen eines Individuums mit seiner Erlebniswelt in Einklang stehen. Bei einer Assimilation wird das Gleichgewicht dadurch gewährleistet, dass Neues der eigenen Struktur angeglichen und wird. Damit reduziert „Assimilation neue Erfahrungen immer auf die bereits bestehenden sensomotorischen oder begrifflichen Strukturen.“ 10 Das bedeutet aber auch, dass das Individuum nur das wahrnehmen (assimilieren) kann, was in seine eigenen kognitiven Strukturen passt. Akkommodation bezeichnet hingegen die Anpassung kognitiver Strukturen an äußere Gegebenheiten. Ausgelöst wird eine Akkommodation, wenn die Erwartungen des Individuums nicht mit der Erlebniswelt übereinstimmen, die Äquilibration also gestört ist. Eine solche Störung wird in der Terminologie des Konstruktivismus als Perturbation bezeichnet. Auch im kybernetischen Modell von Powers wird jegliche Form von Erkenntnis als eine durch Erfahrung entstandene Konstruktion von Invarianten verstanden.
Vor dem Hintergrund der Theorie der kognitiven Entwicklung von Piaget und von Powers kybernetischem Modell, lassen sich die Grundprinzipien von Glasersfelds konstruktivistischem Ansatz verstehen, die er folgendermaßen formuliert:
1. Wissen wird nicht passiv aufgenommen, weder durch die Sinnesorgane noch durch Kommunikation, sondern vom denkenden Subjekt aktiv aufgebaut.
2. Die Funktion der Kognition ist adaptiver Art und zwar im biologischen Sinne des Wortes und zielt auf Passung oder Viabilität; Kognition dient der Organisation der Erfahrungswelt des Subjekts und nicht der Erkenntnis einer objektiven ontologischen Realität. 11
9 Glasersfeld in Schmidt. S. 29.
10 Glasersfeld in Rusch. S. 27.
11 Glasersfeld: Radikaler Konstruktivismus: Ideen, Ergebnisse, Probleme. S. 96.
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Gabor Balintfy, 2008, Grundlagen des Konstruktivismus - Konsequenzen für die Pädagogik, München, GRIN Verlag GmbH
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