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2.1.2 Kulturelles Kapital
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1. Einleitung
Spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts ist das Leben in den meisten westlichen Gesellschaften durch Formen schriftlicher Kommunikation bestimmt. Das setzt voraus, dass nicht mehr nur repräsentative Bevölkerungsmitglieder wie Geistliche oder der Adel lesen und schreiben können, sondern der Großteil der Bevölkerung. Die Fähigkeit des Lesens und Schreibens stellt damit die essentielle Voraussetzung für ein Wirken in der Gesellschaft und „für die Teilhabe an der literarischen Kultur dar“. 1
Lange vor dem Erwerb von Schriftkompetenz, beginnt die Lese- bzw. die literarische Sozialisation. Die beiden Begriffe bezeichnen zunächst gleichermaßen den „dialektischen Verlauf der Herausbildung des Einzelnen in der Auseinandersetzung mit literarischen Medien und den Prozess seines Hineinwachsens in die Schrift- bzw. die literarische Kultur“. Differenzierter betrachtet unterscheiden sich die Begriffe durch die „ihnen innewohnenden Orientierungen auf unterschiedliche Ziele“: Lesesozialisation beinhaltet den Erwerb von Kenntnissen des Schriftcodes, die zur Rezeptionsfähigkeit hauptsächlich linearer Textsorten befähigen. Literarische Sozialisation hingegen verfolgt das Ziel der literarischen Bildung, welche „die Kenntnis literarischer Traditionen und die entsprechende Rezeptions- und Genussfähigkeit umfasst“. 2 Insbesondere im paraliterarischen Sozialisationsprozess, der die lebensgeschichtliche Basis für die gesamte schriftsprachliche Enkulturation darstellt, hebt sich diese Differenzierung aufgrund der Dominanz literarischer Texte wieder auf, sodass „literarische Sozialisation als prototypischer Kern von Lesesozialisation bezeichnet werden kann“. 3
Da sich die vorliegende Arbeit hauptsächlich mit den Faktoren der frühen Sozialisation beschäftigt, wird im Folgenden nur noch der Begriff der literarischen Sozialisation verwendet. Diese beginnt mit der Geburt und durchläuft bis zum Erwachsenenalter unterschiedliche Phasen mit verschiedenen Sozialisationsinstanzen. 4 Die Familie stellt hier die am besten erforschte Instanz dar, die darüber hinaus gleichzeitig die eindeutigsten Ergebnisse zeigt. 5 Dabei wurde die soziale Herkunft als wesentlicher Faktor der literarischen Sozialisation ermittelt und vielfach bestätigt. 6 Die Familie besitzt „die wichtigste Vermittlungsfunktion,
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weil sie nicht nur am frühesten, sondern auch am nachhaltigsten wirksam ist“. 7 Für eine erfolgreiche (para-)literarische Sozialisation ist vor allem ein lesefreundliches und kommunikatives Interaktionsklima in der Familie ausschlaggebend. Eine förderliche Atmosphäre kommt vor allem durch folgende Praktiken zum Ausdruck bzw. korreliert mit folgenden Phänomenen: 1. Existenz und Quantität von Büchern 8 , 2.Das elterliche Vorbild 9 , 3. Vorlesen und Anschlusskommunikation 10 , 4. Grad des Bildungsabschlusses der Eltern. 11 Der Soziologe Pierre Bourdieu wies nach, dass die Herkunft eines Menschen sein Wahrnehmen, Beurteilen und Handeln grundsätzlich prägt und sich so ein Habitus herausbildet, der in klassenspezifischen Praktiken und Reproduktionsprinzipien in Erscheinung tritt. 12
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, zu fragen, ob die vier oben genannten Praktiken bzw. Phänomene als Ausdruck eines klassenspezifischen Habitus nach Pierre Bourdieu zu werten sind und ob literarische Sozialisation vom kulturellen Kapital der Herkunftsfamilie abhängt. Dazu werden in Kapitel zwei die Kapitalformen und das Modell des ressourcenbedingten Habitus vorgestellt, bevor in Kapitel drei die einzelnen Praktiken bzw. Phänomene geprüft werden. Das letzte Kapitel beinhaltet die Reflektion über die Bedeutung der Erkenntnisse für ein neues Verständnis sozialer Ungleichheit und besonders für eine kritische Betrachtung der Strukturen unseres Bildungssystems.
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2. Pierre Bourdieu
Auf der Grundlage seiner umfangreichen empirischen Untersuchungen zu kultursoziologischen Fragen und gesellschaftlichen Klassenverhältnissen, entwickelte der Soziologe Pierre Bourdieu komplexe Konzepte zur Erklärung gesellschaftlicher Strukturen. Dabei konnte er klassenspezifische Handlungs- und Reproduktionspraktiken nachweisen und Ursachen der ungleichen Verteilung von Kapital im sozialen Raum aufdecken. 13
2.1 Die Kapitalformen
Allgemein definiert ist Kapital soziale Energie oder auch akkumulierte Arbeit, entweder in Form von Material oder in verinnerlichter, inkorporierter Form. 14 Bourdieu unterscheidet im Wesentlichen drei Formen des Kapitals: das ökonomische, das kulturelle und das soziale Kapital. Diese sind grundsätzlich ineinander transformierbar. 15 Die ausschließlich materielle Dimension des Begriffs sieht Bourdieu problematisch, da ein wirtschaftswissenschaftlicher Kapitalbegriff „die Gesamtheit der gesellschaftlichen Austauschprozesse auf den bloßen Warenaustausch reduziert“. Damit werden auch der Eigennutz von Profit und Profitmaximierung auf Prozesse des Warenaustausches begrenzt. Gleichzeitig wird allen anderen gesellschaftlichen Austauschprozessen Uneigennützigkeit zugewiesen. So erscheint ein Großteil der bürgerlichen Produktion und Austauschbeziehungen als von der Wirtschaft ausgenommen. Durch die Differenzierung des Kapitalbegriffs in alle seine Erscheinungsformen ist ein realistischer Blick auf die Strukturen und Funktionsweisen und letztendlich auf die ungleiche Verteilung von Kapital in modernen Gesellschaften möglich. 16 Die Verteilung von Kapital, das Bourdieu in seiner Wirkungsweise mit Macht gleichsetzt, zu einem bestimmten Zeitpunkt, entspricht der jeweils immanenten Struktur der Gesellschaft und ist das Ergebnis eines historischen Akkumulationsprozesses einzelner Akteure oder Gruppen. Kapital kann Profite produzieren, sich selbst reproduzieren oder auch wachsen. Das “Reproduktionsvermögen“ von Kapital erklärt sich aus dem Umstand, dass es sich meist im Rahmen von Institutionen und Dispositionen reproduziert, die ihrerseits Produkte von Kapital bzw. von bestimmten Kapitalstrukturen sind. 17
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Arbeit zitieren:
Gabor Balintfy, 2009, Abhängigkeit der literarischen Sozialisation vom kulturellen Kapital der Herkunftsfamilie, München, GRIN Verlag GmbH
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