• als „Revolutionszeit“ (Theodor Mommsen, Ronald Syme, Alfred Heuß)
• als Zeit der Krise (Karl Christ)
• oder sogar: „Krise ohne Alternative“ (Christian Meier)
• Krisenbewusstsein der Zeitgenossen
- Begründung für solche Etikettierungen: Ende der Republik, Begründung der Monarchie; gesehen als länger währender Prozess
- Charakteristika
• immer wieder Verstoß gegen Regeln politischen Handelns und Rekurs auf politisch-militärische Gewalt bis hin zum Bürgerkrieg
• zunehmende Verrechtlichung - z.T. auch außergewöhnlicher Institutionen - als Antwort darauf
- Zeitlicher Rahmen: 133 (Ti. Gracchus), Zäsur 88 (Sulla), 31 (Actium)
- Hauptfragen der wissenschaftlichen Debatte:
• Verhältnis Elite-Volk. Primär: Desintegration der politischen Elite (Senatsaristokratie) als unstrittiges und entscheidendes Kennzeichen der Epoche; außerdem: Frage nach Beteiligung des Volkes: nur subsidiär (= helfend, unterstützend) oder sozialrevolutionäre Elemente?
• Frage nach Zwangsläufigkeit der Entwicklung; keine Alternative?
- Balance von individuell-familialem Ehrgeiz und Orientierung auf die res publica (am besten: "Gemeinwesen") in der Senatsaristokratie
- strikte vertikale Solidarität zwischen Elite und Volk
- durch Eroberung ständig neue Erschließung materieller Ressourcen
- hohe Kapazität zur Integration anderer Eliten (v.a. der Verbündeten = socii)
2) Differenzierung und beginnende Desintegration der politischen Klassen
a) ökonomische Veränderung
- Rom als größter Finanzplatz: Reichtümer fließen dort zusammen
- Beute, Handel, Geschäfte wachsen an (v.a. durch Punische Kriege) ⇒ Reichtum, Besitz, Macht wächst stetig für einige wenige; riesige Besitzunterschiede
- Lex Claudia de nave senatoris 1 (218) ⇒ 1.Schritt zur Differenzierung der Oberschicht
o Höchstgrenze von 300 Amphoren für Schiff eines Senators (o. dessen Sohnes)
o Senator darf nur noch eigene Landerzeugnisse transportieren ⇒ Handel als eigener Erwerbszweig für Senatoren verschlossen 2
- zugleich Verbot: Senatoren dürfen keine Publicani 3 sein, also keine Steuerpachtgeschäfte abwickeln (Liefer- und Transportaufträge, zunächst zur Versorgung der Soldaten im Ausland, dann zur wirtschaftlichen Ausbeutung der Provinzen)
2
[N.B.: Abhängigkeit der Publicani vom Senat: Vergabe von Aufträgen; alle Prozesse (wg. Erpressung) mit Senatoren als Richter]
⇒ Landbebauung als Einkommensquelle zugewiesen; Senatoren legen ihre Gelder (meist) in Grund und Boden an
- aber: Ackerland steht in Italien nicht unbegrenzt zur Verfügung
- Senatoren (sowie andere reiche Römer + Honoratioren der bundesgenössischen Städte) bemächtigen sich des Staatslandes (ager publicus) 4 in Mittel- und v.a. Unteritalien
- Kapitalisierung der Landwirtschaft; riesige Latifundien entstehen (v.a. in Unteritalien und später auf Sizilien)
- rationellere Methoden (z.T. von Karthagern übernommen) für die Großgüter
o Produktion: möglichst wenig Arbeitskräfte, möglichst großer Gewinn
o Anbau von Ölbäumen und Wein, sowie Viehwirtschaft (wenig arbeitsintensiv); zu Lasten des Getreideanbaus
b) Soziale Konsequenzen
- Herausbildung eines „zweiten Standes“: Ritterstand („Geschäftsritter“; ordo equester) ⇒ dürfen als publicani fungieren (manchmal sogar als ordo publicanorum bezeichnet), wichtig: mit lex Claudia (218) ist publicani zugleich Zugang zum Senat verwehrt
- Ausbeutung der Provinzen
c) Politische Tendenzen:
- Zunehmende Exklusivität; Abgrenzung nach unten (immer weniger homines novi)
- Kaufen von Wählerstimmen (Geld wird immer wichtiger)
- Verschiebung des politischen Kampfes
d) Mentale Veränderung
- Senator als hellenistischer Gottkönig
- griechische Prägung; Hellenisierung der Oberschicht (Kunst, Sprache, Philosophie)
- Luxus und Status
3) Krise des römischen Bauerntums
a) Negative Konsequenzen der Expansion bzw. Kriegführung im 2. Jh.
- um 200 v. Chr. sind 80-90% der Bürger Bauern oder Soldaten
- schwierige und verlustreiche Kriege (v.a. Punischen)
- im 2. Punischen Krieg zeitweise 10 % der Gesamtbevölkerung Italiens unter Waffen
- danach: 6-13 Legionen stets unter Waffen (gegen die hellenistischen Großreiche)
- Dauerpräsenz in Spanien, Norditalien
- Verlustreiche Kämpfe in Spanien 154-133
- Entwicklung zum ununterbrochenen Dienst von 6 Jahren ⇒ häufige Absenz vom Hof; Gefährdung der wirtschaftlichen Existenz ⇒ eigentlich Berufsheer erforderlich (in Republik nicht geschafft!)
3
b) wachsender ökonomischer Druck aufgrund der von Senatoren angestoßenen Strukturveränderungen (s.o.)
- Masse der Bauern leidet unter dem wachsenden Großgrundbesitz
o ihre Nutzung am ager publicus relativ schwach
o Expansion der Reichen richtet sich auch auf die im Privatbesitz stehenden kleinen Höfe
o Bauern können nicht im selben Umfang auf ertragreichere Produkte umsteigen
- Bedarf an Arbeitskräften auf den großen latifundia
⇒ Anzahl der abhängigen Bauern steigt steil an (viele Großgüter bilden sich aus einer Summe von Pachtbauern)
c) Kolonisationspolitik stockt, seit Oberitalien „befriedet“ ist (war in erster Linie gedacht für militärische Sicherheit, Kolonisation abgeschlossen 177) ⇒ Landsuchende können nicht mehr versorgt werden
d) Konsequenz:
- Landflucht: man geht nach Rom, begibt sich in die „Fürsorge“ eines Patrons
- Proletariat entsteht: infra classem (= unterhalb bzw. außerhalb der Klassen, können also auch nicht zum Kriegsdienst eingezogen werden; Rückgrat der Armee schwindet)
4) Die Vermassung der Sklaverei
- enormes Anwachsen der Zahl durch Piraterie und Kriege bzw. Expansion
- forciert durch ökonomischen Prozesse (s.o.), politische Konkurrenz und Luxushabitus ⇒ riesiger Bedarf an Sklaven
- Erster Sklavenaufstand 135 (in Sizilien)
- wichtig: keine „Verbrüderung“ der unteren Schichten mit Sklaven, kein Klassenkampf
5) Das Bundesgenossenproblem
- Hegemonie Roms über große Zahl von Staaten, die, auch wenn sie echter Souveränität ermangeln, doch immerhin eigene Staatlichkeit besitzen und diese bewahren wollen
- gemeinsame Geschichte, Romanisierung als natürliche Entwicklung
- aber: politische Entwicklung hält nicht Schritt
- Benachteiligung der Bundesgenossen: Beute, Ungerechtigkeiten bei Bestrafungen
- Integration der Eliten im Heer (besteht zur Hälfte aus socii zur Hälfte aus cives) wird immer weniger; auch bei BG Landflucht nach Rom ⇒ können nicht rekrutiert werden
- Rom tritt zunehmend als Befehlsgeber auf
- Nicht-Anerkennung als Römer bringt zunehmend Nachteile
- andererseits Identifizierung mit den Römern auch ohne Bürgerrecht ⇒ Gefühl der Deprivation 5 , der Deklassierung ⇒ Spannungen 6) Die Überforderung des politischen Systems (siehe EXKURS „Regierungspraxis“)
- Magistrate eng an Senat gebunden (durch Gewohnheitsrecht), aber: Missbrauch ihrer Stellung ⇒ Ausbeutung der Provinzen
- Senat versucht Missbrauch zu stoppen, doch gegen einflussreiche Senatoren wird nicht vorgegangen (149 lex Calpurnia s.u.)
- allmähliche Emanzipation der Magistratur aus der Einbindung in das Verfassungssystem (Magistratur - Senat - Volk)
- 2 Konsuln, 2 Prätoren als oberste Gerichtsherren in Rom, 4 Prätoren in Provinzen (Sizilien, Sardinien, Hispania citerior, Hispania ulterior), 10 Volkstribunen ⇒ Rest ohne politische Bedeutung
- v.a. Konsuln haben starke, kaum eingeschränkte Gewalt (auf dem militärischen Sektor sogar ganz unabhängig)
- fehlende Zentrale (wg. aristokratischen Ordnung): Kontrolle der Beamten erschwert
- Überforderung durch Expansion:
4
o auf Größenordnung eines Stadtstaates zugeschnittene Magistratur den Anforderungen eines expandierenden Weltreiches nicht gewachsen
o zu wenige Prätoren für wachsende Zahl von Provinzen ⇒ Verlängerung der Amtszeit von Obermagistraten ⇒ außerordentliche Kommandos für militärische Herausforderungen
- fehlender Einfluss der Massen, Macht des Senates ungeeignet für Regelung der sozialen Frage
- Konsequenz: Emanzipation des Volkstribunats auf Druck des Volkes hin
o 151 setzen VT erstmals wieder Interessen des Volkes durch ⇒ Bruch mit traditionellem Willensbildungsprozess der republikanischen Republik
o 139 und 137 fordern VT geheime Wahlen
o VT auf Masse angewiesen, deren Bedeutung damit anwächst
7) Reformversuche des 2. Jahrhunderts
- Tendenz: Krisenbewältigung durch „Verrechtlichung“; mos durch ius aufheben
- Zielsetzung: Ansatz an kritischen Punkten ⇒ Konflikthaltigkeit
- aber: Reformen scheitern
a) Regulierung des politischen Konkurrenzkampfes
- lex Cornelia Baebia de ambitu 181 (erneuert 159: lex Fulvia): bei Wahlwerbung nicht alle Methoden erlaubt 6
- lex Villia annalis (180) (Mindestalter für Ämter) 7
- lex de triumpho (179?)
- lex de consulatu non itinerando (151) (Verbot der Konsulatswiederholung) 8
- lex Gabinia tabellaria (de magistratibus mandandis) (139) 9
- lex Cassia tabellaria (de populi iudiciis) (137) 10
b) Regulierung der Prachtentfaltung durch Luxusgesetze (leges sumptuariae)
- lex Orchia de coenis (181) (= cena: Gastmahl)
- lex Fannia cibaria (161) (Lebensmittel)
- lex Sca(n)tinia de nefanda Venere (149 ?) (Unzucht)
- lex Didia sumptuaria (143) (Luxus)
c) Gesetze gegen Missbräuche
- lex Porcia de sumptu provincialii (195 ?) (Luxus in den Provinzen)
- lex agraria (zwischen 180 und 167)
- lex Calpurnia de pecuniis repetundis (149): sog. Repetundiengesetzgebung (von repetere ~ Ersatz für durch Statthalter in Provinz erpresstes Geld verlangen); Einsetzung ständiger Geschworenenhöfe (quaestiones perpetuae) zur Kontrolle bei Erpressungen; Senatoren als Richter
d) Erfolglosigkeit der Reformen
- denn: durch röm. Imperialismus war „ein neuer Menschentyp“ (Heuß) zutage getreten:
o der durch den Besitz persönlicher Macht, wie sie die Statthalterposten im Aus-land mit sich brachten, allzuleicht zur Selbstherrlichkeit verleitet wurde
o der im Gebiet der Untertanen quasi ohne Aufsicht willkürlich herrschen konnte
5
- Geschworenenhöfe verkommen zum Forum politischen Kampfes, dort kann man sich „einen Namen machen“ (praktisch nur Freisprüche)
- C. Laelius‘ Versuch (140) und das Problem der Agrargesetze
o Ansatz am Hauptproblem: neues Gesetz zur Stärkung des Bauerntums auf Kosten der reichen Besitzer des Gemeindelandes beantragt
o aber: zu großer Widerstand bei Senatsaristokratie
a) Frage der Motivation
- Persönliches
o bedeutende Familie (Vater Ti. Semp. Gra. 2x Consul; Mutter ist Tochter des Scipio Africanus maior)
o griechisch geprägte Erziehung (Blossius von Kyme, Diophanes von Mytilene)
o Laufbahn: hervorgetreten im 3. Pu. Krieg (146); Blamage vor Numantia als Quaestor unter C. Hostilius Mancinus (137), auch: Ansehen wieder herstellen
- Politisches
o politische Partner: Appius Claudius Pulcher (Schwiegervater); P. Licinius
o militärische Bedeutung (Zensuslisten, Oligandria 11 )
o soziale Komponente: Empathie
o Lösungsversuche: Problem der Landverteilung; bereits vorher schon Ackergesetze (s.o.)
b) Ackergesetz (lex agraria)
- Hauptproblem in Augen der Nobiles: Schwächung des Milizheeres wg. der Proletarisierung des Bürger- und Bauerntums (Militärdienst an gewisses Vermögen gebunden) ⇒ nicht die Betroffenen selbst, sondern Regierungskreise waren es, die der verhängnisvollen Entwicklung entgegentreten wollten
- Tiberius Gracchus treibt Reform, zunächst von etlichen Nobiles unterstützt, voran
- lässt sich 133 zum Volkstribunen wählen (ideeller Rückgriff auf Ständekämpfe)
- nimmt das alte Gesetz über die Beschränkung des Okkupationsrechts am ager publicus wieder auf
- Idee: Schatz aus Testament des Königs Attalos III. von Pergamon zur Finanzierung der Agrarreform
- Begrenzung am ager occupatorius auf 500 iugera (Morgen); zusätzlich 250 je Sohn; aber maximal 1000 Morgen insgesamt
- dieser überlassene Teil wird für die Okkupanten zum ager privatus (Eigentum)
- Verteilung des übrigen, freigewordenen Landes an Bedürftige in Parzellen à 30 iugera
- Unveräußerlichkeit dieser Parzellen durch rechtliche Verfügung
- Kommission von drei Männern zur Landverteilung (tresviri agris dandis adsignandis iudicandis): neben Tiberius sein Bruder Gaius sowie Appius Claudius Pulcher
c) Gesetzesinitiative und Verfassungsbruch
- Problem der Diskussion im Senat (Vorschlag muss im Senat abgesegnet werden): stärkster Widerspruch im Senat
- Einbringen der Vorlage beim „Volk“ (plebejische Versammlung; concilium plebis) ohne Zustimmung des Senats ⇒ Verstoß gegen politische Kultur
- Senat lässt VT C. Octavius gegen Antrag Einspruch erheben (intercessio): Antrag wird von Rechts wegen aufgehoben
6
- Tiberius akzeptiert Veto nicht, beantragt Absetzung des Tribunen, lässt in Volksversammlung darüber abstimmen ⇒ C. Octavius wird abgesetzt, neuer Tribun gewählt ⇒ Sakrosankt: Unverletzlichkeit des VT angetastet (so vorher noch nie passiert!)
- Begründung: Octavius habe nicht im Interesse des Volkes gehandelt
- Verfassungsbruch: Ti. Gracchus nimmt dem Senat Kontrolle über Exekutive
- Gesetz wird erneut eingebracht, keiner traut sich zu widersprechen ⇒ Beschluss des Ackergesetzes
- in folgenden Jahren Zehntausende mit Land versorgt
d) Tod des Tiberius Gracchus
- Atmosphäre ist vergiftet; Tiberius‘ politische Karriere eigentlich beendet
- besitzt aber große Popularität (Angst des Senats)
- aber: Annuität (Verbot der iteratio; nach mos maiorum)
- Tiberius will erneut gewählt werden, um durch ein weiteres Amtsjahr der Anklage nach Ablauf seiner ersten Amtsperiode zu entgehen
- Plant eine ganze Reihe weiterer Gesetze (die sein Bruder später wieder aufnimmt)
- Lässt sich nochmal zum Tribunen wählen
- in Wahlversammlung: Senator Publius Cornelius Scipio Nasica spricht sich gegen Tib. Gracchus aus („qui rem publicam salvam esse volunt me sequantur“) 12 ⇒ Senatoren folgen ihm
- Tiberius will fliehen, wird aber von den Senatoren totgeschlagen (Lynchjustiz)
2) Die Jahre nach dem Tribunat des Tib. Gracchus
- Spaltung rasch sichtbar und vertieft: Richtungen, die später als Optimaten und Popularen bezeichnet werden, zunächst etwa gleich stark
- 132 einerseits Weiterarbeit der Ackerkommission, andererseits Prozesse (quaestiones extraordinariae) gegen Anhänger des Tib. Gracchus 13
- Licinius Crassus, Nachfolger des Tiberius in der Ackerkommission, stirbt 131; Appius Claudius stirbt 130
- nun neben C. Gracchus: C. Papirius Carbo und Marcus Fulvius Flaccus
- Scipio Aemilianus (nach Sieg über Numantia (in Spanien) 133 als Triumphator zurückgekehrt) wird „Exponent“ der Optimaten
- diese nutzen Probleme bei der Ackerverteilung (Reform gerät allmählich mit italischen Landbesitzern in Konflikt ⇒ Kontakt mit italischem Problem) 14
- 129: Senat entzieht Kommission die Rechtssprechungsbefugnis, weil noch zu verteilendes Land von Honoratioren der ital. Bundesgenossen okkupiert war (nehmen als Nichtbürger nicht an Landverteilung teil) ⇒ Kommission handlungsunfähig
- Politik der Popularen (C. Gracchus; C. Papirius Carbo, Volkstribun 131; tresvir agris dandis … 130; M. Fulvius Flaccus, IIIvir … 130, Consul 125) relativ kohärent: Gesetze bzw. Gesetzesvorlagen aus konkreter politischer Situation, aber z. T. weitreichend:
o lex Papiria tabellaria (geheime Abstimmung bei Gesetzgebung)
o rogatio Papiria de tribunatu iterando
o lex reddendorum equorum
- Zuspitzung im Jahr 129 wg. lex reddendorum equorum 15 ; Tod Scipios 16
7
- 125 rogatio Fulvia de civitate sociis danda (Verleihung des Bürgerrechts an die Bundesgenossen, scheitert)
⇒ M. Fulvius Flaccus wird als Konsul zum Krieg in Südgallien „abgeschoben“
- Gaius Gracchus‘ Kampf um das Tribunat (rhetorisches Talent; Demagoge); Gegner versuchen dieses mit allen Mitteln zu verhindern; trotzdem gewählt im Dez. 124
3) Gaius Sempronius Gracchus (153-121)
a) Persönlichkeit und Zielsetzung
- „an Talent, Charakter und vor allem an Leidenschaft war er dem Tiberius entschieden überlegen“ (Theodor Mommsen)
- Bildung, frühe Sozialisation (Ackerkommission); Klugheit; konzeptionelles Denken
- Tendenz: konkreter politischer Ausgangspunkt, aber gesetzliche Fixierung auf Dauer
- grundsätzliche Linie: weitgehende Neuordnung der res publica auf Rechtsbasis (Tendenz zur Verrechtlichung, Nähe zur griech. Nomothesie (=Gesetzgebung: Solon usw.)
- „Gesetzespakete“: Gesetze in kurzen Abständen eingegeben
- Ziel des C. Gracchus Umbau des Staates? in eine Art Demokratie? setzt neue Akzente
- hat Stellung eines Demagogen
b) Gesetze und Gesetzesvorlagen (leges Semproniae) in beiden Tribunaten (123, 122)
- Vergünstigungen für das Volk (commoda): soziale Lage und materielle Komponente
o lex Sempronia agraria: Fortführung des Ackergesetzes des Tiberius; Wiederherstellung der verlorenen Gerichtsbarkeit der Kommission
o lex Sempronia frumentaria: billiger Verkauf von Getreide an städtische plebs
o lex Sempronia militaris: Kleidung für Soldaten ohne Soldabzüge; erst ab 17 Jahren ins Heer (harte Rekrutierungsrecht mildern)
o leges Semproniae de coloniis deducendis: Beantragung der Gründung neuer Kolonien in Tarent und in Capua
o lex Rubria de colonia Carthaginem deducendo (Kolonie Iunonia wird 123 auf Boden des alten Karthago gegründet, wg. Landmangels in Italien)
o lex de viis muniendis: „über den Ausbau der Straßen“; Förderung des öffentlichen Straßenbaus
o lex Sempronia viaria (wohl in Zusammenhang mit Acker- und Koloniegesetzgebung)
- Neustrukturierung der Machtverhältnisse
o lex Sempronia de capite civium 17
o rogatio Sempronia de abactis: Rechtmäßigkeit von Absetzungen; Abgesetzte sind damit politisch tot
o lex Sempronia de provinciis consularibus: bestimmt vor der Wahl, welche Provinz den künftigen Konsuln zur Verwaltung gegeben wird
o rogatio Sempronia de suffragiorum confusione (unsicher?)
o lex Sempronia iudiciaria: „Geschworenengesetz“; Zurückdrängung des Einflusses der Senatoren zugunsten der Ritter (Geschworene in Gerichtshöfen) 18
o lex Sempronia de provincia Asia: Erweiterung der Steuerpacht auf Provinz Aisia; kommt natürlich ebenfalls nur Rittern zugute
o rogatio Sempronia de sociis et nomine Latino: alle Latiner sollen röm. Bürgerrecht, Bundesgenossen zumindest Stimmrecht in Volksversammlung erhalten
- Gesamteinschätzung
o politische Strategie: Rückhalt gewinnen (fehlte Tiberius) bei Rittern und Plebs
8
o Versuch der Demokratisierung Roms? So schon von griech. Kommentatoren gesehen
o Th. Mommsen: G. Gracchus versuchte „Sturz der regierenden Aristokratie“
o allerdings: Wahrung des institutionellen Rahmens, auch in Bezug auf Senat
o aber: Neuorientierung ⇒ Ritterstand als Gegengewicht gegen Senat; rechtliche Fixierung von Abläufen; Volkstribunat mögliches Machtzentrum neben Senat
c) Erfolg und Scheitern des C. Gracchus
- 1. Tribunat (123): Gesetzesvorhaben gelingen größtenteils; Probleme bei Geschworenengesetz; Wiederwahl ohne Schwierigkeiten
- 2. Tribunat (122): Fortsetzung der Gesetzgebung, bes. zu Kolonien
o Vorschlag: 2 Kolonien außerhalb von Italien gründen
o Gegenagitation des VT Marcus Livius Drusus: behauptet in Italien Platz für 12 Kolonien (Lüge); Volk begeistert; stimmt für seinen Vorschlag
o Kampagne gegen C. Gracchus, der wg. Koloniegründung monatelang in Afrika verweilt
o seine Stellung beim Volk wird allmählich untergraben (Angst vor der Gleichstellung mit Bundesgenossen wird geschickt geschürt)
o Schwierigkeiten mit dem Bundesgenossengesetz und der Koloniegründung in Karthago (Iunonia, wo Römer und Italiker gleichsam aufgenommen werden)
o Entfremdung bei Teilen der Ritter und der Plebs wegen seiner kompromisslosen Art (v.a. in Italikerfrage)
o Scheitern der Wiederwahl
o Wahl eines erklärten Gegners, L. Opimius, zum Konsul
- 121: Beginn des „roll back“: Volkstribun Minucius Rufus beginnt Annullierung der Gesetze des C. Graccus
- die afrikanische Kolonie, Gracchus‘ letztes gelungenes Werk, wird aufgehoben: lex Minucia de Carthagine deducenda (= de lege Rubria abroganda) geht durch; erhebliche Konflikte im Hinblick auf weitere Annullierungen
- Senat erklärt Notstand (Senatus consultum ultimum: ut L. Opimius consul videret ne quid res publica detrimenti caperet 19 )
- Gracchus und seine Anhänger verschanzen sich auf dem Aventin; Selbstmord des Gracchus; Verfolgung seiner Anhänger (3-4000 sollen getötet worden sein)
d) Gründe für Scheitern
- Zu großer Aktionismus
- Gewicht des Senats und der klientelen Bindungen beim Volk unterschätzt
- Ritter agieren nicht als Gegengewicht
e) Bedeutung
- folgende Zeit sollte zeigen, dass eine italische Bauernkolonisation auf der Basis der Gracchischen Reformen für die Zukunft unterbunden war
- Politisierung der Ritterschaft, Ritter als Geschworene bleiben zunächst
- Möglichkeit, im Rahmen der bestehenden Staatsordnung gegen die regierenden Kreise Politik zu machen, aufgezeigt 20
- freilich war die soziale und psychologische Abhängigkeit der Menge vom Adel stets stark genug, um ein demokratisches Demagogentum auf Dauer zu verhindern
- zwei Ansätze entstanden: Optimaten und Popularen
Arbeit zitieren:
Oliver C., 2010, Krise und Ende der römischen Republik (133-27 v. Chr.), München, GRIN Verlag GmbH
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