I. Thesenpapier
Ludwig-Maximilians-Universität München 08.06.2010 Institut für Romanische Philologie Sommersemester 2010
Proseminar „Amour“ und „jouissance“. Liebeskonzepte im 12. und 13. Jahrhundert Referentin: Mandy Mittelbach
Allegorie im Roman de la Rose
1. Vorüberlegungen
Die Allegorie dient der bildlichen Konkretisierung eines abstrakten Sachverhaltes. Eingekleidet wird dabei eine allgemeingültige Wahrheit in eine poetische Fiktion. Dabei wird das bildhafte Sprechen als Mittel gesehen, einen erhabenen Gegenstand mithilfe eines adäquaten Stilniveaus auszudrücken (vgl. Teuber, sacrificum litterae). Sie sagt etwas direkt und etwas anderes indirekt oder sie sagt etwas und gibt etwas anderes zu verstehen.(vgl. Kurz 1997) Sie agiert comme une manière différente de représenter la réalité et surtout comme unique mot de placer la littérature profane sur un plan de vérité comparable à celle du texte sacré. (Strubel 1983)
Das Symbol dagegen ist ein Element in einer Geschichte, innerhalb deren es eine symbolische Verweisung erhält.
2. Sprachliche Bilder im Rosenroman
Der Traum (Analogie)
Die Handlung der allegorischen Personifikationen ist in einen Traum eingebettet, der das Geschehen aus der realen Welt entrückt. Nur im Traum kann eine Minnehandlung stattfinden, denn dieser ist der einzige semantische Ort, in dem es zu einer Begegnung zwischen dem amant und der Geliebten(=Rose) kommen kann. (vgl. Schwarze 2003)
Die Rose (Symbol)
Die Rose steht als Symbol für die Geliebte des Dichters, der das Werk gewidmet ist und von der er Gnade erhofft. Zudem steht sie für den Inbegriff vollkommener Weiblichkeit, d.h. nicht nur eine Geliebte ist gemeint, sondern vielmehr das typisch Weibliche. (vgl. Ineichen 1956)
Das Ich
Der Ich-Erzähler wird im Rahmen eines traumhaften Geschehens mit der Welt der Allegorien konfrontiert. Außer diesem treten kaum reale Personen im Roman auf (evtl. die Alte). Im ersten Teil schildert das Ich die objektiven Voraussetzungen für die feine Minne; der Dichter tritt dabei als unbefangen betrachtender Besucher auf. Erst im zweiten Teil, wo er selbst von Amors Pfeilen getroffen wird, wird er zum Liebhaber und nähert sich der Rose an. Dies ist der Beginn seines subjektiven Minneerlebnisses. Er wird somit vom objektiven Betrachter zum subjektiven Betroffenen/Liebenden. Der erste Teil bereitet die art d’amors vor, die sich im zweiten Teil verwirklicht. (vgl. Ineichen 1956)
Allegorien im Rosenroman und ihre Bedeutung
Zur Erinnerung: Die Allegorie sagt etwas direkt und etwas anderes indirekt Frage: Was ist das Direkte, was das Indirekte?
Das Direkte der Allegorie im Rosenroman ist die Darstellung der Minnehandlung. Im ersten Teil werden Allegorien in Form von Personifizierungen dargestellt, die die Minne ermöglichen oder diese verhindern. Der Zugang zu den Genüssen der Liebe(=zum Garten) ist nur möglich, wenn man die Laster ablegt und sich die Tugenden aneignet. Wer Zugang zum Garten bzw. zur höfischen Welt hat, kann die Werte der Courtoisie erwerben, die Voraussetzung für die fin’amors sind. Im zweiten Teil verliebt sich ein Jüngling in eine Frau. Im Traum versucht er, ihr näher zu kommen. Er wird vom außenstehenden Betrachter zum subjektiven Liebhaber, d.h. er erfährt die Minne zunächst theoretisch und nach dem Beschuss Amors auch praktisch. Der Garten steht in diesem Fall für das Minneerlebnis an sich. Im weiteren Verlauf versucht der Jüngling, sich seiner Auserwählten zu nähern, was ihm nur teilweise gelingt. Schließlich erleidet er große Qualen, da sie ihm seine Liebe nicht erwidern kann.
Das Indirekte der Allegorie ist die Darstellung des höfischen Wertesystems. Hierbei symbolisiert der Garten die höfische Gesellschaft/den Hofstaat. Die Allegorien im Garten stehen für die ideellen höfischen Werte. Wer diese ideellen Werte nicht besitzt, kann nicht in die höfische Gesellschaft aufgenommen werden, d.h. nur, wer die Laster außerhalb des Gartens überwindet, kann in der höfischen Gesellschaft die positiven Dinge des Lebens genießen. Diese Wunderwelt innerhalb des Gartens hat nur Gültigkeit für die fins amanz, die edlen Liebenden; es ist die Welt der höfischen Minne, die keinen uneingeweihten duldet.
Mit dem Ausschließen der negativen Eigenschaften aus dem Garten stellt Guillaume ein höfisches Ideal dar, welches auch die Minne idealisiert.
Die einzelnen Laster, Tugenden und Gefühlszustände werden personifiziert; sie bekommen ein menschliches, plastisches Aussehen. Dabei werden böse Eigenschaften als besonders hässlich und gute Eigenschaften als besonders schön beschrieben. Demnach soll das Aussehen jeweils die moralische Schlechtigkeit oder Gutartigkeit widerspiegeln.
Neben dem Ich-Erzähler scheint die Alte die allegorische Darstellung der Form zu durchbrechen, da man durch die Beschreibung des Ich auch auf eine lebendige, reale, alte Frau schließen kann, die dem Jüngling helfend zur Seite steht. (Vgl. Schwarze 2003; Ineichen 1956, Seitscheck 2009, Signori 2007)
3. Fazit
Die Allegorie ist bei Guillaume de Lorris eine allegoria dei poeti, d.h. er profaniert die allegorischen Schemata seiner Vorgänger (z.B. die Personifikation), da sie in seinem Werk nicht mehr christliche, sondern höfische Tugenden verkörpern. Dabei ist das Konzept der unerfüllten Liebe und des leidenden, sich unterwerfenden amant auch bei Guillaume noch aktuell. Der Protagonist (und der Leser) sollen durch die Wahrheit, die hier allegorisch hinter der Erzählung verhüllt ist, in die höfische Liebe eingeführt werden. Aus diesem Grund kann man den Roman de la Rose als einen höfischen Erziehungsroman, gleichzeitig aber auch als ein didaktisch-allegorisches Minnelehrbuch bezeichnen. (vgl. Seitscheck 2009)
4. Mögliche Diskussionsthemen
a) Warum gelingt es den negativen Gefühlszuständen der Geliebten und den negativen
b) Der Ich-Erzähler macht darauf aufmerksam, dass keine negativen Aspekte in den Garten
c) Was ist die Wahrheit, die hier versteckt in Allegorien dargestellt werden soll? d) Durchbricht die Alte das allegorische Grundkonzept, indem es neben dem Ich-Erzähler
5. Anhang: Textstellen
Maintes genz dient que en songes
N’a se fables non e menconges ; Mais l’en puet teus songes songier
Qui ne sont mie mencongier, Ainz sont après bien aparant ; Sie en puis bien traire a garant Un auctor qui ot non Macrobes, Qui ne tint pas songes a lobes, Ancois escrist l’avision Qui avint au roi Scripion. (V. 1-10)
im Traum ist die Wahrheit versteckt
Qui de corroz e d’ataine
Sembla bien estre moverresse ; Corroceuse e tenconerresse, E pleine de grant cuvertage Estoit par semblant cele image ;
Si n’estoit pas bien atornee, Ainz sembloit fame forsenee. Rechignié avoit e froncié
Le vis, e le nés secorcié Hisdeuse estoit e roilliee ; E si estoit entortilliee Hisdosement d’une toaille. in Lumpen eingehüllt. (V. 139-151)
Personifikation der Laster: eine schlechte Eigenschaft wird optisch negativ dargestellt, um die moralische Schlechtigkeit dieser Sache widerzuspiegeln
Arbeit zitieren:
Mandy Mittelbach, 2010, Allegorie im Roman de la Rose (Rosenroman) von Guillaume de Lorris, München, GRIN Verlag GmbH
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