Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung 3
2. Ausgewählte Gedichte von Bernard de Ventadour im Vergleich zum „Roman de la
rose “ von Guillaume de Lorris 5
2.1. Fin’amour vs. amour courtois - Die Liebeskonzepte in der Troubadour-und
Trouv èrelyrik 5
2.2. Minnesang vs. höfischer Roman - Die unterschiedlichen Darstellungsformen
und Stilmittel der Dichter 13
3. Schlussbetrachtung 22
4. Anhang 24
5. Obligatorische Erklärung 26
6. Literaturverzeichnis 27
6.1. Primärliteratur 27
6.2. Sekundärliteratur 27
6.3. Internetquellen 28
2
1. Hinführung
Schlägt man den Zusammenhang zwischen der Trouvère- und Troubadourlyrik in zahlreicher älterer Fachliteratur nach, lassen sich oft Aussagen finden wie die von Bertau und Glauch. So definieren sie die Trouvères als „‚die Franzosen‘, die die
Troubadors [sic] nachahmen.“ 1
Um den Einfluss der Troubadours auf die Trouvères zu rekonstruieren, haben in der Vergangenheit nicht wenige Romanisten versucht, verschiedene Theorien, zum Beispiel das Modell einer interkulturellen Vernetzung der Troubadourlyrik, zu entwickeln, auf
das an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden soll. 2 Erwähnenswert für die folgenden Ausführungen ist jedoch, dass die Troubadourlyrik, die Ende des 11.Jahrhunderts in Südfrankreich entstand, von Schriftstellern der langue d’oc verfasst wurde und gleichzeitig den Anfang der europäischen Liebeslyrik markierte. Erst im 12.Jahrhundert verbreitete sich durch Schriftsteller der langue d’oïl die Trouvèrelyrik in
Nordfrankreich von Süd nach Nord, das heißt ausgehend von der Troubadourlyrik. 3
Doch ob sich dieses Klischee von Bertau und Glauch tatsächlich belegen lässt, soll in dieser Seminararbeit anhand zweier Autoren, Bernard de Ventadour, einem Anhänger der Troubadourlyrik, und Guillaume de Lorris, einem Vertreter der Trouvèredichtung,
untersucht werden. Ferner stellt sich die Frage, inwiefern sich der Roman de la Rose 4 von Lorris auf Konzepte von Ventadour bezieht, das heißt, ob Lorris tatsächlich nur die Ideen von dem Trouvère Ventadour übernommen hat. Um dies genauer analysieren zu können, wird der von Guillaume de Lorris verfasste Roman mit vier Gedichten von Bernard de Ventadour verglichen. Es handelt sich hierbei um Ce n’est merveille si je chante, J’ai le cœur plein de joie sowie um Le temps s’en va und Quand je vois
1 Bertau, Karl und Glauch, Sonja: Schrift - Macht - Heiligkeit in den Literaturen des jüdisch-christlichmuslimischen Mittelalters, Berlin 2005, S. 320.
2 Vgl. Bec, Pierre: „Les troubadours et la genèse de la lyrique européenne“ , in: Les troubadours et l’État toulousain avant la Croisade, Toulouse 1994, S.15-27 in Verbindung mit Rieger, Angelica: „Ringvorlesung: ‚Liebesdichtung von der Antike bis zum Barock. Trobador- und Trouvèrelyrik“, Internetquelle [Stand 12.11.2010]. Anmerkung : Die genauen Angaben der Internetquellen befinden sich im Literaturverzeichnis.
3 Rieger, Angelica (2007): „Vorlesung: ‘Introduction à l’histoire de la littérature française’“, Internetquelle [Stand 12.11.2010].
4 Guillaume de Lorris: Der Rosenroman. Übersetzt und eingeleitet von Karl A. Ott, München 1976.
3
l’alouette mourir. 5 Dabei stehen zum einen die Liebeskonzepte, zum anderen die Stil-und Gestaltungsmittel im Fokus des Vergleichs. 6
Sollte sich die These von Bertau und Glauch im Laufe der Analyse als unwahr oder als unzureichend erweisen, stellt sich die Frage, ob und was Guillaume de Lorris abgewandelt hat und was bei ihm völlig neu ist.
Nach der detaillierten Untersuchung der Konzepte beider Autoren wird schließlich versucht, eine Antwort darauf zu finden, ob man der Aussage von Bertau und Glauch beipflichten kann oder dieser aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse widersprechen sollte.
5 Bernart von Ventadorn: Seine Lieder. Mit Einleitung und Glossar, hg. von Carl Appel, Halle a.d. Saale 1915.
6 Die in dieser Seminararbeit verwendeten Zitate aus dem Rosenroman sind folgender Quelle entnommen: Guillaume de Lorris: Der Rosenroman. Übersetzt und eingeleitet von Karl A. Ott, München 1976. Einige wenige sind auch aus der Fassung von Krüger, diese Zitate sind mit „Krüger“ markiert (Guillaume de Lorris: Der Rosenroman. Ins Deutsche übertragen mit einer Einleitung von Manfred Krüger, Stuttgart 1985). Die vier Gedichte von Bernard de Ventadour sind aus: Bernart von Ventadorn: Seine Lieder. Mit Einleitung und Glossar, hg. von Carl Appel, Halle a.d. Saale 1915. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit werden hinter den Textbelegen ausschließlich die Verszeilen oder Strophenanzahlen angegeben. Auf die Nennung der Quelle wird, da sie an dieser Stelle erwähnt wurde, verzichtet.
4
2. Ausgewählte Gedichte von Bernard de Ventadour im Vergleich zum „Roman de la rose“ von Guillaume de Lorris
2.1. Fin’amour vs. amour courtois - Die Liebeskonzepte in der Troubadour-und Trouvèrelyrik
Im ersten Schritt der Untersuchung soll zunächst analysiert werden, inwiefern sich das Liebeskonzept von Guillaume de Lorris auf das von Bernard de Ventadour bezieht.
Bei der genaueren Betrachtung wird dabei deutlich, dass sich diese Konzepte in ihren Grundgedanken generell voneinander unterscheiden. So besingt Bernard die Liebe zu einer höhergestellten, höfischen Dame. Er selbst ist ihr sozial untergeordnet, seine Liebe zu ihr ist unerfüllt und unerfüllbar. Sie ist für ihn nicht nur aus räumlicher, sondern auch aus gesellschaftlicher Sicht weit entfernt. Bei dieser fin’amour geht es neben der Ehrung einer Dame auch um den Aufschub der Liebe, die den amant am Ende seiner Lieder zum Leiden veranlasst. In Bernards Gesängen gilt der Dienst der Minne allein der Frau
und nicht den ritterlichen Bewährungskämpfen. 7
In Guillaumes Rosenroman thematisiert dieser dagegen die amour courtois. Hierbei steht die Perfektion des eigenen Verhaltens (des amant) im höfischen Kontext in
Verbindung mit dem Begehren für eine gleichgestellte, höfische Dame. 8 Der Liebende möchte seine höfischen Verhaltensweisen verbessern, um der distanzierten Angebeteten zu imponieren und um sie für sich zu gewinnen.
Neben den unterschiedlichen Liebesabsichten singt Bernard von einem Boten, der der weit entfernten Dame das Leid des amant schildern soll: „Bote, geh, lauf, und sage mir der Schönsten die Not und den Schmerz und die Qual, die ich um sie erdulde“ (J’ai le cœur plein de joie, V. 39f.). Das Vorhandensein eines solchen Boten übernimmt Guillaume de Lorris für seinen Rosenroman allerdings nicht.
Ein weiterer Aspekt, der bei Bernard vorhanden ist, ist das Vorwürfemachen an die angebetete Frau und das gleichzeitige Schlechtreden dieser. So wirft Bernard ihr vor, unbarmherzig und undankbar zu sein. Die, die ihm alles genommen hat, hält ihn hin und gibt ihm keinen Lohn für seine Liebe.
7 Vgl. Rothmund, Steffi (2003): „Der Frauendienst in Hartmanns von Aue Minneliedern“, Internetquelle [Stand: 1.12.2010].
8 Vgl. Köhler, Erich: Vorlesungen zur Geschichte der Französischen Literatur, Freiburg 2006, S. 10.
5
I. sie will mein Wesen ganz verrücken
IV. Ich habe von ihr das schönste Hoffen! Doch wenig nützt es mir, denn ebenso hält sie mich in Schwanken wie das Schiff auf den Wogen (schwankt). V. großes Übel lasst Ihr mich erdulden (J’ai le cœur plein de joie) ***
II. denn ich kann nicht anders als die lieben, von der ich nicht etwas verlangen werde. Mein herz hat sie mir genommen, und mich, und sich selbst und die ganze Welt, und da sie sich mir nahm, ließ sie mir nichts als Sehnsucht und begieriges Herz. V. Darin läßt meine Fraue sich wohl als Weib erkennen (weshalb ich es ihr vorhalte), weil sie nicht will was man wollen soll, und das tut sie, was man ihr verbietet. Der Unbarmherzigkeit bin ich verfallen VII. und es ihr nicht gefällt, daß ich sie liebe […] Getötet hat sie mich, und mit Tod antworte ich ihr (Quand je vois l’alouette mourir)
Aufgrund seiner Enttäuschung über die dame sans merci verallgemeinert Bernard seine Aussagen. Er weitet seine Liebesklage auf alle Frauen aus, „denn keine sei bereit, sich für ihn und seine Rechte bei der widerspenstigen Angebeteten einzusetzen und sie an
ihre Pflicht, dem unglücklichen Sänger ihre Gunst zu erweisen, zu erinnern.“ 9 Beispielsweise singt er in Quand je vois l’alouette mourir: „An den Frauen verzweifle ich; nie werde ich ihnen mehr vertrauen.[…] Da ich sehe, daß auch nicht eine bei Der mir helfen will, die mich vernichtet, fürchte ich sie alle und mißtraue ihnen, denn ich weiß wohl, daß sie gleicher Art sind“ (V. 16-20). Auch diese Form der Verallgemeinerung kopiert Guillaume de Lorris nicht von Bernard de Ventadour.
Neben den generellen Unterschieden bei beiden Autoren gibt es auch Aspekte, die Guillaume nur teilweise von Bernard übernommen und verändert hat. Dazu gehört zum Beispiel der Gesang. Bei Bernard geht der Liebesgesang von ihm selbst aus. So sagt er in Ce n’est merveille si je chante, dass er „besser singe als irgendein anderer Sänger“ (V. 1f.). In J’ai le cœur plein de joie spricht er zudem davon, dass sein „Sang gewinnt“ (V. 4). Dass er aus Enttäuschung das Singen aufgeben möchte, wird dagegen in Le temps s’en va („nimmer werde ich mehr Sänger sein“, V. 14) und in Quand je vois l’alouette mourir („vom Singen lasse ich ab“, V. 38) deutlich. Guillaume de Lorris thematisiert ebenfalls den Gesang, wobei dieser im Rosenroman von den Vögeln - und
9 Rieger, Angelica (2007): „Vorlesung ‘Introduction à l’histoire de la littérature française’“, Internetquelle [Stand 12.11.2010].
6
nicht vom Liebenden selbst - ausgeht: „Liebeslieder und höfische Weisen sangen sie in ihren Gesängen“ (V. 703f.). Dass auch der amant singen soll, empfiehlt ihm Gott Amor: Hast du eine helle und klare Stimme, dann darfst du keine Entschuldigung suchen, wenn man dich zu singen auffordert, denn schöner Gesang gefällt gar sehr. (Roman de la rose, V. 2203-2206)
Eine zweite Idee, die Guillaume zum Teil von Bernard übernommen und anschließend modifiziert hat, ist die Darstellung des höfischen Wertesystems. Bei Bernard ist der liebende, dienende Sänger der höfischen Dame untergeordnet. Bei Guillaume dagegen wird das höfische Wertesystem mittels Allegorien dargestellt. Außerhalb des Gartens befinden sich die schlechten Eigenschaften beziehungsweise Laster, mit denen man nicht in den Garten - die höfische Gesellschaft - gelangen kann. Hat man sich die höfischen Tugenden angeeignet, so hat man Zutritt zum Hofstaat und ist der angebeteten Dame näher. Dass es sich bei dem Garten tatsächlich um die höfische Gesellschaft handelt, wird explizit erwähnt. Denn so spricht der Dichter an einer Stelle von „ihrem Hof“ (V. 1034), an einer anderen sagt Gott Amor: „Hoffnung ist höfisch“ (S. 117, Krüger)
Ebenso nachgeahmt und modifiziert hat Guillaume das Prinzip des Körperkontaktes, der Unerreichbarkeit und der räumlichen Distanz. So singt Bernard von einer nie erfüllten Liebe und einer unerreichbaren Dame, die stets abweisend zu ihm ist. Im Lied Ce n’est merveille si je chante sendet er „den Vers dahin wo sie ist, und es möge sie nicht verdrießen, daß ich so lange fern von ihr geblieben bin“ (V. 38f.). Auch in J’ai le cœur plein de joie spricht er von der lokalen Entfernung zu seiner angebeteten Dame: „denn meine Seele läuft dort hin, aber der Leib ist an anderem Orte, hier, fern von ihr (der Geliebten, oder: von ihm, dem Herzen), in Frankreich“ (V. 17ff.). Guillaume behält die Idee der Unerreichbarkeit zunächst bei, hebt diese jedoch für einen kurzen Augenblick auf. Er will die Rose küssen und nähert sich ihr an. „Spitze und stechende Rosen jedoch“ (V. 1675) halten ihn von diesem Verlangen ab.
aber da waren so viele Stacheln,
Disteln und Dornen, daß es mir nicht gelang, durch das Dornengestrüpp zu kommen, so daß ich die Knospe hätte erreichen können. So mußte ich am Rand der Hecke bleiben, die bis an die Rosenbüsche heranreichte und aus sehr scharfen Dornen bestand. (Roman de la rose, V. 1798-1804)
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Mandy Mittelbach, 2010, Troubadour- und Trouvèrelyrik, München, GRIN Verlag GmbH
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